Tanz des Aufruhrs XII

Tagesmail - Mittwoch, den 15. Januar 2020

Tanz des Aufruhrs XII,

"Trump sagt, was ist.“ (BILD.de)

Die Transformation ist geglückt. Der Trumpismus ist in Deutschland angekommen. In johanneischem Beamtendeutsch: das Wort ist im Springerverlag zu Fleisch geworden – vollinhaltlich.

Trumpismus, eine taktische Synthese aus christlichem Fundamentalismus und ultraorthodoxem Judentum, begann unter Reagan als Rückschlag gegen den vorbildlichen Nachkriegsgeist jenes Amerika, der das deutsche NS-Regime dem Erdboden gleichgemacht hatte. Zurück zum Gründergeist jener ersten Siedler, die den neuen Kontinent als zweites Gelobtes Land, als Gods own country, als Goldenes Jerusalem oder Landeplatz des kommenden Messias erlebten.

Taktisch ist die Synthese, weil sie zerbrechen wird, wenn Christen es nicht länger ertragen werden, dass Juden ihrem Glauben fernbleiben und damit die Ankunft des christlichen Messias blockieren.

Amerika, Sprössling Europas, seit Entdeckung des Kontinents bis heute der falschen Meinung, den Defekten Europas entkommen zu sein, leidet unter derselben Bewusstseinsspaltung wie das Abendland: es wird beherrscht von einer unvereinbaren Mixtur aus heidnischer Autonomie und gläubiger Fremdbestimmung.

Mit Hilfe griechischer Intelligenz hatte das Abendland den Versuch unternommen, die Heils- und Unheilsgeschichte der Offenbarung in Form eines alle Grenzen sprengenden Fortschritts in irdische Realität zu verwandeln. Der Glaube an ein Jenseits wurde zur selbsterfüllenden Prophezeiung im Diesseits.

Da die Eroberung der Welt durch grenzenlose Naturvernichtung nur gelingen konnte, indem die naturfreundliche Moral der Griechen aus dem Weg geräumt wurde, musste etwas Besseres an ihre Stelle treten: a) der Glaube an eine neue Natur, der ...

... die alte verkommene vernichtet, b) die Verwandlung aller Dinge in determinierte Abläufe, die keiner Moral zugänglich sind.

Die Moral der Griechen war naturfreundlich und demokratisch-kosmopolitisch. Die Demokratie wurde in der Neuzeit übernommen, aber der Vorherrschaft eines demokratie- und moralfeindlichen Geschichtsprozesses unterworfen.

Demokratie als Herrschaft des Volkes passt nicht zusammen mit heilsgeschichtlichem Fortschritt, der der Herrschaft des Menschen entzogen ist.

Die jetzige Krise des Westens bedeutet die Sprengung des demokratischen Rahmens durch einen endlos expandierenden Inhalt des Fortschritts. Silicon-Valley-Konzerne, die führenden Giganten des digitalen Fortschritts, propagierten von Anfang an totalitäre Phantasien, in denen das Neue Kanaan auf algorithmischer Basis errichtet werden sollte.

Amerika, zwiegespalten in Athen und Jerusalem, Demokratie und Theokratie, steht noch immer unter dem Verdikt des Kirchenvaters Tertullian: Was hat Athen mit Jerusalem zu schaffen?

Leo Strauss, einer der jüdischen Vordenker der amerikanischen Regression ins Eschatologische, hatte – in einem Briefwechsel mit dem christlichen Philosophen Eric Voegelin – die orthodoxen Grundlagen seines Denkens klargestellt:

„Strauss hielt die »Kluft zwischen Philosophie und Offenbarung« für »viel radikaler« und verschärfte sie zur Alternative einer »Option entweder für Jerusalem oder für Athen«.“ (Jüdische-Allgemeine.de)

„Jerusalem“ steht für Beendigung aller autonomen Wahrheit der Demokratie zugunsten einer heteronomen Theokratie, die alle irdische Moral vom Tisch wischt. „Athen“ steht für Demokratie und Menschenrechte.

Westliche Hauptagenten theokratischer Politik sind das christliche Amerika und das immer orthodoxer werdende Israel. Beide Staaten sind dabei, ihren lästigen Demokratie-Rahmen über Bord zu werfen, um Gottesstaaten Platz zu schaffen.

Vorstellungen eines sich beschleunigenden Endes gibt es auch im Islam, der seinen kommenden Herrn Mahdi nennt.

„Der Mahdi … ist nach traditioneller islamischer Glaubensauffassung ein Nachkomme des Propheten Mohammed, der in der Endzeit auftauchen und das Unrecht auf der Welt beseitigen wird. Der Glaube an das Erscheinen des Mahdi ist sowohl ein zentraler Bestandteil der schiitischen Konfession als auch in den chiliastischen Erwartungen im sunnitischen Islam verbreitet.“

Oft wird die Frage gestellt, warum der einst weltoffene und tolerante Islam zum „papistischen“ Unfehlbarkeitsglauben heutiger arabischer Staaten verhärten konnte. Es war eine Reaktion auf den vordringenden christlichen Westen, dessen eschatologischem Siegeszug man mit gleichen Mitteln begegnen wollte: der Islam regredierte in seine totalitären Urelemente. Ein islamischer Prophet schrieb im Jahre 1941:

„Es gibt klare Anzeichen für das bevorstehende Erscheinen des Mahdī. Zu diesen Beweisen gehört das Vordringen der Europäer in das Hausaland. Die Emire haben keine Macht mehr, sondern gehen nach Kaduna (sc. der kolonialen Hauptstadt von Nordnigeria)... All das ist es, was Gott vorhergesagt hat, und es wird unter seinen Knechten geschehen. Zu den Dingen, die da kommen, gehört das Erscheinen des Mahdī, und er wird sehr bald kommen." (wikipedia.org)

Warum ist der Nahe Osten ein Brennpunkt internationaler Querelen? Weil hier der heilsgeschichtliche Wettbewerb dreier Erlösungsreligionen auf engstem Raum aufeinandertrifft. Wir kommen in die Endrunde des eschatologischen Rankings.

Der wirtschaftlich-technische Wettlauf der Nationen ist die Konkretisierung ihres heilsgeschichtlichen Siegerglaubens. In Nahost kämpfen die Auserwählten der drei Erlöserglauben um den Endsieg der Geschichte.

Deutschland ist in diesen Fragen unverständig, still und stumm. Das liegt daran, dass es seine apokalyptische Phase mit dem Wüten des Dritten Reiches als räudiger Loser bereits hinter sich gebracht hat. Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Gestützt wird die finale Blindheit der Deutschen durch eine Besonderheit ihrer neuzeitlichen Geschichte, in der sie – dank der intellektuellen Dominanz ihrer Pastorensöhne – Glauben und Aufklärung zu einem undurchdringlichen Gemenge zusammenstampften.

So konnten sie, je nach Wetterlage, die Frommen im Lande mit Aufklärung, die vorwitzigen Aufgeklärten mit Glauben in Schach halten. Das Gesetz dieser hegelianischen Gesamtmischung, die weder Fisch noch Fleisch ist, beherrscht die intellektuelle Melange bis zum heutigen Tag.

Hauptdenker der deutschen Melange war Hegel, der als Student einen unüberbrückbaren Graben zwischen Denken und Glauben, Weisheit der Welt und Weisheit Gottes erblickt hatte. Am Ende seines Lebens hatte er in mühsamer Tüftelarbeit den Graben überbrückt, so glaubte er, so irrte er sich.

Die Jünger Jesu, Begründer des Urchristentums, schilderte Hegel als „eingeschränkte Männer, die die Wahrheit und Freiheit nicht selbst errungen; ihre Überzeugung gründete sich auf die Anhänglichkeit an die Person Jesu, ihr Wunsch ging nur auf treue Überlieferung.“ (Hegel)

„Beständig war Hegel der Vergleich zwischen Sokrates und Jesus gegenwärtig. So stellt er auch den Schülern des Sokrates die Jünger Jesu gegenüber. In den Schülern entwickelte Athens Freiheit, bürgerliches Wesen und Bildung den Geist der Selbständigkeit; sie liebten ihren Lehrer um der Wahrheit willen, nicht die Wahrheit aus Anhänglichkeit an Sokrates. Aus dem entgegengesetzten Verhalten der Jünger entstand äußere Tradition, hieraus die hervorgehobene Stellung der Jünger und ihrer Nachfolger. So bildete sich nach Jesu Tode eine Sekte mit eigentümlichen Lehren und Gebräuchen, und wie diese sich ausdehnte, wurde sie zu einem Staate.“ (Dilthey, Jugendgeschichte Hegels)

Wenn in Deutschland um Glauben gestritten wird, werden schwere Kanonen aufgefahren: kann man Gott beweisen, beruht Atheismus nicht auch auf Glauben – und derlei intellektuelle Kringelbildungen mehr.

In einer Demokratie ist kein Glaube rechtfertigungsbedürftig. Jeder soll glauben, wonach sein Herz begehrt – solange der Glaube seine private Schwelle nicht überschreitet und gegen kein Gesetz verstößt. Glaubenssysteme sind höchstens psychologisch interessant. Ansonsten sind sie von keinem Interesse – mit einer wesentlichen Ausnahme: wenn die Religion ihr privates Gehäuse verlässt und politische Macht erringen will.

Unter dem harmlosen Siegel der Glaubensfreiheit sich anmaßen, die Dinge der Welt unfehlbar zu verstehen und zu dominieren: das ist eitle und machtbesessene Überheblichkeit, die gestoppt werden muss. Wer auf dem Marktplatz erscheint, setzt sich dem Kreuzfeuer der öffentlichen Debatte aus.

Es gibt viele Definitionen für Religion: Welterklärung, individuelle Orientierung, Angstverminderung … Solche trivialen Definitionen sind nur fürs Archiv der Gelehrsamkeit. Nur eine Definition erregt aufs Höchste das Interesse streitbarer Demokraten:

„Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserm Herrn und seinem Christus, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, dass du deine große Macht an dich genommen und die Herrschaft ergriffen hast! Und die Völker sind zornig geworden; und es ist gekommen dein Zorn und die Zeit, die Toten zu richten und den Lohn zu geben deinen Knechten, den Propheten und den Heiligen und denen, die deinen Namen fürchten.“

Maßt sich eine Religion an, alle anderen Denkweisen, die sich ihr nicht unterordnen, der Hölle zu übergeben und Himmel und Erde mit Hilfe eines allmächtigen Gottes zu beherrschen: solche antidemokratischen Unterjochungs- und Zerstörungswünsche müssen mit allen legitimen Mitteln bekämpft werden.

Solche Religionen sind Urheber totalitärer Theokratien und haben in Volksherrschaften nichts zu suchen.

Seid untertan der Obrigkeit, gebt dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist: solche Sätze werden gern benutzt, um die Machtlosigkeit des Herrn zu beweisen. Hat Jesus sich nicht wehrlos ans Kreuz nageln lassen?

Selig sind die Sanftmütigen, die Friedfertigen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Arge wider euch reden um meinetwillen und damit lügen??

Zeugen diese Sätze vom Willen zur Macht? Vom Begehren, die Welt zu beherrschen?

Ja! Denn diese Sätze haben Fortsetzungen, die in Predigten lammfrommer Pastoren heute selten bis nie zu hören sind.

Selig sind ..., denn sie werden die Erde besitzen. Denn ihrer ist das Reich der Himmel. Freuet euch und frohlockt, weil euer Lohn groß ist in den Himmeln. Die Letzten werden die Ersten sein, wer groß sein will unter euch, sei euer aller Diener – und euer aller demütigen Mägde, müsste man heute hinzufügen.

Das alles mündet in den Satz aller Sätze: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“  

Die Seinen werden an dieser Allmacht teilhaben und sich an den Qualen der Ungläubigen ewig erfreuen. Schlimmere Foltern kann man sich nicht in den hasserfülltesten Phantasien ausdenken. Wahrlich, diese Liebesreligion ist durch nichts zu übertreffen.

Konfrontiert man ihre Gläubigen mit diesen Marterperspektiven, weisen sie alles zurück: das seien Vorstellungen aus dem Mittelalter und hätten mit ihren religiösen Gefühlen nichts zu tun. Solche Steinzeit-Aspekte müsse man aus der Bibel herausdeuten.

Dann stelle man sich vor, man würde das Grundgesetz mit solchen Lügendeutungen traktieren: Zwar ist die Würde des Menschen unantastbar, dennoch seien die meisten Menschen würdelose Lumpen und hätte nichts Besseres verdient als lebenslanges Darben und Verderben. Wäre das keine erfindungsreiche Deutungskunst?

Dieselben Deutungskünste finden wir nicht nur bei der Macht, sondern auch bei Armut und Gleichheit. Auf Erden sollen sie arm und gleich sein, ja, Christen sollen den Kommunismus erfunden haben.

„Die Gleichheit der Brüder vor Gott wurde zu einer solchen im Himmel … und in diesem Erdenleben wird weiter keine Notiz genommen.“ (Hegel)

Nietzsches Umwertung aller Werte, die er im Christentum sehen wollte, war nur eine instrumentelle. Die Mittel sollten einen absoluten Kontrast zur Welt bilden, die himmlischen Ziele aber blieben identisch mit denen ihrer Gegner: Macht, Macht, Spaltung der Menschheit in absolut Ungleiche, Mächtige und Ohnmächtige.

Heute würde man sagen: die Ziele des Tuns blieben identisch, die Identität wuchs ins Jenseitige und Phantastische. Nur das Framing der Mittel bildete einen Kontrast zur – Ehrlichkeit der heidnischen Sprache.

Den Frommen gaukelte man vor, sie seien der Welt in Friedensfähigkeit und Machtabsage himmelweit überlegen. Dabei waren sie nur himmelweit raffinierter, indem sie dieselben Ziele wie die Welt – nur in grenzenloser Maßlosigkeit – anstrebten.

Eine wesentliche Frage war: passt diese – auf fremdem Boden – entstandene Religion überhaupt zu den Neugermanen? Wo war der ursprüngliche Glaube der alten Germanen geblieben?

„Das Christentum hat Walhalla entvölkert, die Phantasie des Volkes als Aberglauben ausgerottet und einen Glauben gebracht, dessen Klima, Kultur, Gesetzgebung uns fremd und dessen Geschichte mit uns in keiner Verbindung ist.“ (Hegel)

„Unter den Einwirkungen, welche die germanische Phantasie verdorben haben, hebt Hegel die des Alten Testaments und der jüdischen Geschichte hervor. „Ist denn Judäa der Thuiskonen Vaterland?“ Das Moralische müssen wir in sie hineinlegen. Die Erbauung, die an sie anknüpft, ruft vornehmlich missverstandenen Eifer für Gottes Ehre, frommen Eigendünkel hervor.“ (Dilthey)

Der russisch-jüdische Philosoph Boris Groys wittert hinter der christlichen Religion Europas das blanke Nichts. Die Europäer hätten sich eine geistliche Heimat ausgesucht, die mit ihrer wahren nichts zu tun habe:

„Daher rühren die ewige Unzufriedenheit und Unruhe, die für das christliche Europa so charakteristisch sind. Europäer sind immer nostalgisch und in ihrer Nostalgie aggressiv, weil sie jene Heimat, nach der sie sich sehnen, nie hatten – diese Heimat gehört einem anderen Volk, gehört den Juden. Kehrt der kulturbewusste Europäer seinen Blick tief nach innen, so findet er dort einen anderen – den Juden. Außer dem Juden existiert in der Seele des Europäers nur das reine Nichts, die aggressive Ödnis.“ (Vorwort zu Theodor Lessings „Der Jüdische Selbsthass“)

Selbst orthodoxe Juden legen Wert darauf, dass christlicher Glaube im Grunde ein innerjüdischer Reformglaube ist. Dann wäre der antisemitische Hass der Christen ein Hass der Juden gegen sich selbst? Wer solche Vermutungen äußert, wird sofort mit dem Vorwurf des Antisemitismus geächtet. Juden sollen selbst die Erfinder des Antisemitismus sein, der sie mit totaler Vernichtung bedrohte?

Für Deutsche müsste das bedeuten, dass sie bei Abwendung vom christlichen Glauben – in ein Nichts fielen. Da germanischer Glaube ihnen schon lange abhandenkam, was bliebe ihnen noch als traditionelle Religion oder Weltanschauung?

Aus dieser Perspektive erhalten Heideggers Spekulationen aus dem Nichts eine ganz neue Bedeutung. Der dem katholischen Glauben entflohene Meßkirchner musste in seinem Existentialismus dem blanken Nichts begegnen.

Ohne jüdisches Christentum wären die Deutschen Nichts. Was aber würde das für den Judenmord der Nationalsozialisten bedeuten? Hitler wollte das ursprünglich auserwählte Volk auslöschen und die Deutschen an dessen Stelle setzen. Zwei auserwählte Völker könne es nicht geben. Nach Groys Logik hätte Hitlers Ansinnen eine paradoxe Folge: die Deutschen hätten sich selbst - zusammen mit den Juden - ausrotten müssen. Denn sie waren selber Juden.

Die christlichen Kirchen veranstalten besonders raffinierte Spielchen. Durch betonte Einheit des Neuen Testaments mit dem Alten Testament suggerieren sie eine diffuse Einheit mit dem Judentum, sodass sie jede Kritik an ihrem Glauben als indirekten Antisemitismus diffamieren können.

Gläubige Juden – wie der Historiker Wolffsohn – ziehen einen ähnlichen Schluss für ihren Glauben. Kritiker des Christentums seien heimliche Antisemiten, in Wirklichkeit meinten sie das Judentum, welches sie verleumden wollten.

Wie die amerikanische Liaison zwischen Bible-Belt und Judentum eine rein taktisch-scheinheilige ist, so ist die atmosphärische Verbundenheit des Christentums mit dem jüdischen Glauben in Deutschland nichts als eine geheuchelte.

Groys Botschaft an die Deutschen ist: entweder begnügt ihr euch mit dem plagiierten Judentum in Form des Christentums oder ihr verschwindet ins Nichts der Geschichte:

„Die jüdische Geistestradition wurde zur Grundlage der europäischen Kultur, eine andere Kultur hat Europa nicht. Die neueuropäische Vernunft war der griechischen überhaupt nicht ähnlich – sehr bald kam ihre biblische Herkunft zum Vorschein.“

Starke Worte, die völlig in der Luft hängen.

Groys verknotet seine Folgerungen mehrfach in sich selbst, sodass er das Fazit ziehen kann: als die Europäer in der Aufklärung sich des Christentums entledigten, kamen sie erst recht ins eigentlich Jüdische. Das Jüdische sei der wahre Urgrund der Aufklärung.

„Darum ist es nicht verwunderlich, dass die Juden zur Zeit der Aufklärung in die europäische Kultur traten, als wäre es ihr eigenes Haus.“

Womit Groys mehrere Fliegen mit einer Klappe getroffen hätte. Jüdische Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem heidnischen Griechentum lösen sich in Wohlgefallen auf, denn die wahre Grundlage der modernen Aufklärung sei nicht das Griechentum, sondern das Judentum. Und die Schande, dass Juden begierig ins Lager der Aufklärung gewechselt hätten, ist ins Gegenteil verkehrt: das Judentum ist die wahre Heimat rationalen Denkens.  

Verlassen wir die höhere Komplexität der deutsch-jüdischen Verstrickungen und stellen lapidar fest: wieder einmal zeigt sich, dass der griechische Logos von Anfang an der Koloss war, den die Juden vergeblich zu fällen suchten. Schon in Urzeiten wurde Platon zu einem Schüler Mose erklärt. Auch in der Neuzeit gilt: Deutsche können christlich oder griechisch sein, immer stehen sie auf jüdischem Boden.

Was bedeuten würde, die tiefste Ursache des Antisemitismus der Deutschen wäre ihre hoffnungslose Unterlegenheit gegenüber dem jüdischen Ingenium. Ihre Selbstwertgefühle könnten sie nur erringen, indem sie die unbesiegbar Besseren aus dem Weg räumen.

Wenn Antisemitismus das beherrschende Gefühl der Deutschen gegenüber Juden ist; was wäre dann dass reziproke Gefühl der Juden gegen die Deutschen? Etwa der Satz im Märchen: Ick bün allhier?

Wie in jeder Partnertherapie müssen die reziproken Gefühle der streitenden Partner zur Sprache kommen. Warum kommen bei Antisemitismus-Analysen immer nur die einseitigen Gefühle der Deutschen gegen die Juden zur Sprache?

Überhaupt ist zu sagen, dass der jüdisch-deutsche Beziehungskonflikt dem Setting einer Freud‘schen Psychoanalyse ähnelt. Der Analytiker hat all seine Probleme durchgearbeitet und hält sich für berechtigt, alle Widersprüche und Animositäten des Patienten als dessen Projektionen auf ihn zurückzuwerfen. Mit der Realität hat dieses Setting nichts zu tun.

Groys folgert seine deutsch-jüdischen Beziehungsanalysen aus seiner verblüffenden Feststellung: eine griechische Kultur habe es in Neugermanien nie gegeben. Das ist Irrsinn. Wohl könnte er sagen: die Deutschen haben den wahren Geist der Griechen nie verstanden. Wobei er klären müsste, welchen Aspekt der Griechen er für den wahren hält: die Kunst, die Wissenschaft, die Philosophie, die Polisdemokratie? Hier kann man den Deutschen viele Missverständnisse und Hohlköpfigkeit vorwerfen. Auf keinen Fall aber, dass sie sich mit den mediterranen Genies nicht jahrhundertelang beschäftigt hätten.

Zudem müsste Groys gefragt werden: hält er die jüdische Religion zugleich für den Humus rationalen Denkens? Was nichts anderes bedeuten würde, als dass eine heteronome Religion zugleich der Ursprung des autonomen Denkens sein müsste. Hier versinkt jede Logik im Abgrund.

Einen Trumpismus gäbe es nicht, wenn es im Westen nicht mannigfache christlich-jüdische Symbiosen gäbe – die bei näherem Hinsehen äußerst fragil sind.

Trump sagt, was ist? Dann wäre er ein objektiver Zeitbeobachter und Geistesverwandter der Medien. Warum aber wütet die deutsche Presse gegen den, den sie nicht nur für einen notorischen Lügner, sondern für einen Zerstörer der amerikanischen Demokratie halten?

Gegen Groys wäre zu sagen: die Deutschen haben eine Tradition; ob autochthon oder übernommen ist belanglos. Lernen kann man von allen. Entscheidend ist, ob sie das Gelernte selbständig durchdacht und überprüft haben.

Hier muss man allerdings viele Fragezeichen machen. Doch für welches Volk gilt schon, dass es nur aus Selbstdenkern bestünde? Wer ein Volk verstehen will, muss seine Traditionen prüfen wie sie sind: bewusst oder nicht, selbst entwickelt oder übernommen.

Trumpismus ist Abkehr vom westlichen Humanismus und Rückkehr zur christlich-jüdischen Religion, die schon jetzt als Siegerin der eschatologischen Heilsgeschichte vor den Völkern der Welt paradiert.

Dass BILD sich ohne Wenn und Aber diesem Trumpismus unterordnet, und die einst einhellig trumpkritische Presse in Deutschland keinen Alarm schlägt, ist ein Armutszeugnis.

Wenn Christiane Hoffmanns Analyse der Trump‘schen Politik als „Bruch mit dem Westen“ zutreffend ist (sie ist), dann muss BILDs Übernahme des Trumpismus dasselbe sein: ein eklatanter Bruch mit dem westlichen Humanismus. Hier müssten alle Sirenen in Deutschland heulen.

Justament in der WELT erschien eine vorzügliche Darstellung des Trumpismus. (Die WELT legt Wert auf Liberalismus, der Artikel druckt, die in BILD nie erscheinen dürften. Doch Döpfners Grandezza ist nichts als eine Alibi-Toleranz.)

„«Konservativer Internationalismus« nennt dies der brillante Vordenker Walter Russell Mead. Donald Trump und Mike Pompeo verabscheuen die großen internationalen Institutionen der amerikanischen Nachkriegspolitik und streben eine rein interessengeleitete Bündnispolitik mit nationalistischen Regierungen von der Türkei bis Brasilien an. Es geht um nicht weniger als eine Globalisierung ohne Vereinte Nationen (UN), Nato und am liebsten ohne die Europäische Union (EU), also um eine Globalisierung mit symbolisch aufgeladenen, nationalen Grenzen.“ (WELT.de)

Zwar will Trumps Amerika noch immer die führende Weltmacht sein, doch ohne jede Verpflichtung, den demokratischen Geist in der Welt zu stärken. Im Gegenteil. Nationale Selbstsucht in Kooperation mit ähnlich denkenden menschenfeindlichen Regimes: das ist Trumps globale Kumpanei auf elitärem Weltniveau.

Das bedeutet: die Kluft zwischen Arm und Reich wird noch gigantischer, Unterschichten und Flüchtlinge aller Welt können verrecken. Die Klimabedrohung wird unkorrigierbar. Selbst Mittelschichten verlören an Bedeutung. Relevant werden allein technische und ökonomische Eliten, die den Wettkampf der Nationen siegreich beenden können.

„Für die Konservativen sind die Träume von Obama, Sanders oder Warren, dass alle Amerikaner medizinisch und gegen Armut abgesichert sein sollen, Träume, die nicht zu verwirklichen sind. Man wolle eben keine supranationale Politik, wie von der Europäischen Union befürwortet, sondern eher Verbindungen zu Nationalstaaten wie Brasilien, der Türkei oder Indien. Die amerikanische Wirtschaft fußt immer mehr auf Rohstoffen oder von den durch eigene Kreativität geförderten Rohstoffen wie Daten. Diese Wirtschaft braucht eine brillante Elite samt Dienstleistenden und Konsumenten.“

Amerika verlässt den Kurs der europäischen Aufklärung und begibt sich in das Lager menschenverachtender Theokratien. Trumps Konflikt mit dem Iran gehorcht dem Gesetz: gleich und gleich erträgt sich nicht.

Trump will seinen Kurswechsel auch seinen ehemaligen europäischen Partnern aufzwingen. Seine Erfolgschancen im wankenden Europa sind groß. Deutschland hat Trumps amoralische Politik schon in hohem Maß übernommen – wenngleich im tugendhaften Dekor einer Pastorentochter.

Durch Übernahme des Trumpismus hat Deutschland die Chance, sein gefühltes Nichts zur Realität eines globalen Nichts zu entfalten. Soli Deo Gloria.  

 

Fortsetzung folgt.