Philosophische Tagesmails

Tanz des Aufruhrs XXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 19. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXVII,

nun kommen die Denker. Nachdem die Politik versagt hat, dürfen die Weisen ran.

Es treten auf der chinesische Philosoph Zhao Tingyang und der unkorrumpierbare Weltkritiker Noam Chomsky:

„Zhao beginnt mit einer deprimierenden Diagnose. Die Welt, schreibt er, sei in einem beklagenswerten Zustand, geprägt von seit Jahrzehnten ungelösten Konflikten, geplagt von Ungleichheit, bedroht vom Klimawandel, dominiert vom internationalen Finanzkapitalismus und überfordert von technischen Innovationen, deren Folgen niemand abzuschätzen weiß. Nicht einzelne "failed states" seien das Problem der Gegenwart, "sondern eine gescheiterte Welt". Anders als in staatlichen und zwischenstaatlichen Konflikten verfüge die westlich geprägte Weltordnung über kein taugliches Werkzeug, die Probleme der Welt im Ganzen zu lösen.“ (SPIEGEL.de)

Warum hören wir erst jetzt von diesem Kritiker des Westens? Warum gibt es täglich 100e von Corona-Virus-Meldungen, aber keine einzige Reportage über die Erben des Konfuzius?

Worin unterscheidet sich Zhaos Kritik am Westen von Chomskys Kritik an Trumps Amerika?

„Hat Trump darüber hinaus noch viel schlimmere Verbrechen begangen? Darüber lässt sich kaum streiten. Jeder seiner Schritte ist dem Ziel gewidmet, den Wettlauf in die Katastrophe zu beschleunigen, mit weniger wichtigen Schatten wie Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro und dem australischen Premierminister Scott Morrison im Gefolge.“ „Nebenbei hat er beiläufig die Überreste des Rüstungskontrollregimes demontiert, das für ein gewisses Maß an Sicherheit vor einem tödlichen Atomkrieg gesorgt hatte, was die Rüstungsindustrie in Jubel ausbrechen ließ. Und wie wir gerade erst erfahren haben, hat der große Pazifist, der sich für die Beendigung der Interventionen einsetzt, „im vergangenen Jahr in Afghanistan mehr Bomben ...

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Tanz des Aufruhrs XXVI

Tagesmail - Montag, den 17. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXVI,

zuerst durfte das Kind herumtollen, seiner Intelligenz freien Lauf lassen. Dann kamen zwei Damen des Staates und nahmen den Knaben in die Mitte. Kälte breitete sich aus. Zu wirren Zeichnungen sollte er eine Geschichte erfinden. Er verstummte. „Dieses Kind ist nicht schulfähig, es verweigert den Gehorsam“, lautete das Ergebnis des Tests.

Das war der erste Kontakt eines Kindes mit dem Staat.

Kaum ein Kind, das sich nicht auf die Schule freut. Gebt ihnen sechs bis zehn Wochen und die Freude ist verschwunden.

Danach viele Jahre schulischer Angstagentur zur Anpassung an die Anforderungen der Wirtschaft, die keine politischen Eingriffe in ihre Geschäfte duldet, sich aber überall einmischt, was in einer Demokratie das Volk zu entscheiden hätte, aber nicht entscheiden darf, weil die Wirtschaft kein Volk kennt – außer Lohnabhängigen, die zu tun haben, was die Wirtschaft von ihnen will –, sondern nur den „Staat“ der Politiker: der ohne zu murren die Weisungen der Wirtschaft befolgen muss.

Schon Kinder müssen „Geschichte“ erfinden oder – vornehmer – ein Narrativ. Ein Narrativ ist die Lieblingsbeschäftigung sinnstiftender Literaten und Ästheten. Verständlich in der Kultur dreier Erlösergeschichten: was nicht zusammengehört, wird als Wille Gottes zusammengeschweißt, ob es will oder nicht. Wer heilige Geschichten erfinden und erzählen kann, ist ein Religionsgründer.

Die Fähigkeiten eines Kindes werden danach beurteilt, in welchem Maß es sich eine scheinreligiöse Geschichte ausdenken kann. Und das unter dem Vorwand, seine Intelligenz zu prüfen. Zwar weiß niemand, was Intelligenz ist, doch jeder muss ...

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Tanz des Aufruhrs XXV

Tagesmail - Freitag, den 14. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXV,

„Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts setzte bei vielen Menschen das Gefühl ein, in einer Zeit zu leben, die sich schier unkontrollierbar beschleunigt. Das war mehr als ein subjektiver Eindruck: Das Tempo der technischen, politischen, sozialen und ökonomischen Entwicklungen vervielfachte sich tatsächlich. Zugleich verstärkte sich die Sorge, dass die politischen und sozialen Krisen, deren Zeuge man wurde, zu einer überwältigenden Katastrophe anwachsen könnten. Der Eindruck, dass die politischen Ereignisse über die Gegenwart hinwegrollen, verschärfte sich in den Zwanzigerjahren. Nun aber kam in Deutschland eine neue Angst hinzu, die bald politikmächtig werden sollte: dass man selbst stehen geblieben und von der Zukunft abgehängt worden sei.“ (SPIEGEL.de)

Geschichte wiederholt sich nicht? Sie tut nichts anderes.

Nehmen wir an, sie würde sich nicht wiederholen, was wäre dann? Dann hätten wir keine nennenswerten Probleme, lebten in Glück und Freuden. Wir könnten ständig von vorne beginnen und hätten keine aufgetürmten Altlasten zu tragen.

Unlösbar scheinende Probleme sind uralt, wir haben uns an sie gewöhnt, bemerken sie nicht mehr und empfinden sie als unvermeidliche Bestandteile unseres Geschicks – das wir uns durch unsere „Sünden“ redlich verdient haben.

Geschichte wiederholt sich, weil ihre Grundprobleme gleich bleiben, sich im schlammigen Untergrund ständig verstärken, a) entweder durch gewisse Faktoren überlagert, unterdrückt oder verdrängt werden oder b) in bestimmten Bruchzeiten ...

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Tanz des Aufruhrs XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 12. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXIV,

Jürgen Klinsmann ist Mr. Germany. Was hat er mit dem Thüringer Debakel zu tun?

Weil es ihm nicht gelang, ein makellos-perfekter Mr. Cleanman zu sein und Bayern München mit einem Schlag zu entzaubern, lässt er Hertha BSC kaltblütig im Abgrund versinken. Er ist nicht perfekt, also zertrümmert er alles hinter sich.

Weil die etablierten Parteien in Thüringen über einen Kieselstein stolperten und sich eine blutige Nase holten, entschieden sie sich, ihrem perfekten Reinheitswahn zu folgen, sich ins Breitschwert zu stürzen und dem sündigen Spuk auf Erden Ade zu sagen.

Was zeichnet die deutsche Nation aus? Ihr dialektischer Wahn, Unverträgliches zu verkleistern und Zusammengehörendes mit der Axt zu spalten.

Unverträglich sind logische und moralische Widersprüche. Im praktischen Leben aber gehört alles zusammen: Widersprüche dürfen nicht zur Heuchelei werden, sondern müssen kritisch in ein kontinuierliches Lernprogramm verwandelt werden.

Werde ich meinem theoretischen Tugendideal nicht gerecht, verleugne aber meine Defizite, indem ich mich perfekter gebe, als ich bin, werde ich zum Heuchler.

Sage ich aber: das Ziel ist utopisch. Vom Ziel bin ich zwar noch weit entfernt, dennoch werde ich meine Handlungen lebenslang an diesem Ideal orientieren, dann nähere ich mich kontinuierlich dem Ideal – in Versuch, Irrtum und kontinuierlichem Gelingen.

Die Theorie ist perfekt. Das praktische Leben sollte sich in fröhlicher Unverdrossenheit dem theoretischen Ziel nähern.

Nur so entgehe ich der Gefahr, Theorie durch Widersprüche zu torpedieren, die lernfähige Praxis menschlicher Entwicklung zu Fall zu bringen.

Entweder sind eins und eins gleich zwei – oder das Ergebnis ist falsch. Nein, sagt ...

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Tanz des Aufruhrs XXIII

Tagesmail - Montag, den 10. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXIII,

in organischen Gebilden gibt es keine Dammbrüche. Da brüchelt es kontinuierlich, bis es zum großen Schlag kommt. Will man an diesem Donnerschlag unschuldig sein, muss man sich einbilden, er sei unvorhersehbar vom Himmel gefallen.

Hätten in der Endzeit Weimars die Anhänger Hitlers – aus welcher List und Tücke auch immer – demokratische Parteien gewählt, wäre Deutschlands Katastrophe verhindert worden.

Es gibt Niederlagen und Niederlagen. Aus einer kleinen Niederlage kann man eine große, ja, irreversible machen, wenn man sich die eigene Niederlage durch Überbetonung des gegnerischen Triumphs zu einer desaströsen aufbauschen lässt. Aus einem faux pas wird dann ein Dammbruch mit unkalkulierbaren Folgen.

AfD, AfD, AfD, AfD: da capo al fine. Alles, was schief läuft, wird – anstatt vor der eigenen „bürgerlichen“ Türe zu kehren – rechtsradikalen Schwachköpfen angelastet, die zu dämonischen Geistern aus der Flasche hochstilisiert werden.

Die Dämonen wissen gar nicht, was ihnen geschieht: über Nacht sind sie zum Dschinn aus der Flasche, zum Homunculus aus der Phiole avanciert. Die Büchse der Angela (einst der Pandora) ist geöffnet, die bislang unterdrückten Plagen der Republik schwirren ins Freie und verdüstern den Horizont.

Ausgerechnet die deutschen Liebhaber des politisch Inkorrekten und Anrüchigen beginnen zu zetern, weil einige Falsche – aus durchsichtigen Gründen – das Richtige taten. Eine Wahl muss korrekt durchgeführt werden. Sonst nichts. Die Wähler müssen keine unschuldigen Chorknaben sein. Es genügt, dass sie formell keine Faschisten sind – was sie nicht sein können, sonst wären sie von Karlsruhe ...

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Tanz des Aufruhrs XXII

Tagesmail - Freitag, den 07. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXII,

„Wären wir alle gleich stark, klug, gebildet, reich, so würde die ungehinderte Selbstbetätigung jedes Einzelnen ein sittliches Prinzip sein können. Da wir es nicht sind und nicht sein können, so führt dieses Prinzip in seinen Konsequenzen zu einer tiefen Unsittlichkeit.“ (Lassalle)

„Luxus, Verschwendung, Krieg und Ausbeutung fördern den Fortschritt. Tugend – Genügsamkeit und Friedfertigkeit – schaden ihm. Der Wohlstand der Gesellschaft beruht auf der billigen Arbeit der Schwachen. Der Reichtum eines Volkes besteht in einer großen Menge schwer arbeitender Armer. Zivilisatorischer Fortschritt und wirtschaftliche Potenz einer Nation werden getrieben von Selbstsucht und sind verschwistert mit dem Verfall der Sitten. Die Laster einer Gesellschaft müssen nicht nur geduldet, sondern gefördert werden:

"Mit Tugend bloß kommt man nicht weit;
Wer wünscht, daß eine goldne Zeit
Zurückkehrt, sollte nicht vergessen:
Man musste damals Eicheln essen".“ (Mandeville)

„Dem Gedanken – am brutalsten von Mandeville ausgesprochen –, es müsse dem Arbeiter schlecht gehen, damit er nicht faulenze, ist A. Smith abgeneigt. Kein Staat kann blühend und glücklich sein, wenn der größte Teil seiner Bürger arm und elend ist. Smith klagt die Arbeitgeber an, ihre Angestellten geistig und körperlich verkümmern zu lassen.“

„Die Forderungen des Gemeinsinns und der Humanität müssen auch im wirtschaftlichen Leben ihre Geltung behaupten. Dazu bedarf es des ...

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Tanz des Aufruhrs XXI

Tagesmail - Mittwoch, den 05. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXI,

in Gottes eigenem Land verschmelzen Himmel und Erde; Religion wird zur Politik, Politik öffnet die Tore zur messianischen Zukunft:

„Das Beste beginnt erst, das Beste kommt noch.“ (Trump)

Mit goldblonder Aureole auf dem Haupt verkündete der amerikanische Messias das Ende der bisherigen Geschichte.

„Sein Kommen gleicht dem Strahlen morgendlicher Sonnenpracht,
Den Herrschern Weisheit und den Tapfern Ehre Er vermacht.
Sein Reich auf unsrer Erde, es ist endlich nun vollbracht:
Unser Gott marschiert voran.
Glory, glory, hallelujah!
His truth is marching on.“

Die amerikanische Erwählung begann schon mit der Gründung des Kontinents. Nur die Besten waren es, die dem versumpften alten Kontinent den Rücken kehrten und das Neue Kanaan zur höheren Ehre Gottes besiedelt hatten.

Nach vielen Versuchen, Gottes Land der Vernunft zuzuführen, reute es die Erwählten und sie überwanden die Zweifel an ihrer Berufung – und wählten den, der da kommen sollte.

Und er kam, in verachteter Gestalt, widerstand dem Hohn und Gelächter der Welt, erduldete die Kränkung am Schandholz, die Niederfahrt zur Hölle der Amtsenthebung.

Jetzt steht sein Triumph bevor: die Auferstehung zum Pantokrator der Welt. Nun kann ihn nichts mehr treffen und verletzen. Er ist immun geworden. Alles Gehässige wird abprallen an seinem Panzer des Glaubens und seinem Helm der Hoffnung.

Die Seinen haben ihn erkannt und umgeben ihn mit der Phalanx des Glaubens. Sie kennen seine Schwächen, die sich durch die Kraft seiner Berufung ins Gegenteil ...

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Tanz des Aufruhrs XX

Tagesmail - Montag, den 03. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XX,

„Viele Eltern glauben, sie müssten der beste Freund ihres Kindes sein. Das ist grundlegend so falsch, wie es falscher nicht mehr geht. Eltern sind Erzieher. Erzieher müssen nicht immer gemocht werden. Und wer versucht, es in seinem Leben allen recht zu machen, der macht es am Ende niemandem recht.“ (WELT.de)

Wenn Freundschaft kritiklos ist, darf man sich nicht wundern, dass deutsche Regierungen sich befreundeten Staaten blind unterwerfen oder dass es in Demokratien keine Freundschaft geben kann. Denn die lebt von solidarischer Streitkultur.

Entweder gnadenlose Shitstorms oder mediale Gebetsgemeinschaften: das ist das Gesetz geborener Dialektiker. Die kleinste Kritik ist ätzend. Synthesen müssen am Anfang stehen, Thesen und Antithesen sind überflüssig. Wer kontroverse Verhandlungen nicht mit einem Kompromissangebot beginnt, ist ein Querulant.

Freundschaft ist, wenn man es jedem recht machen will? Sind hiesige Großhirne unfähig, den Unterschied zwischen Schleichern und aufrechten Demokratie-Streitern zu verstehen? Die SPD und die Grünen müssen besonders freundschaftliche Parteien sein. Hat jemand von ihnen den Aufstieg geschafft, kennen sie plötzlich keine alten Freunde mehr, denn in der Industrie haben sie neue gefunden.

Das Stichwort „Freundschaft“ sucht man in Adam Smith’s Wohlstandsbuch vergebens. Das wird doch nicht mit der besten Wirtschaftsform aller Zeiten zusammenhängen?

In seinem ersten Buch über ethische Gefühle liest man:

„Von allen Arten freundschaftlicher Anhänglichkeit … ist diejenige, welche sich ...

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