Tanz des Aufruhrs III

Tagesmail - Freitag, den 20. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs III,

„Wir sollten nicht in Staaten und Bevölkerungen leben, die ihr je besonderes Recht haben, sondern glauben, dass alle Menschen unsere Volksgenossen und Mitbürger sind; es sollte nur eine Lebensform und eine Staatsordnung geben, gleichwie eine zusammenweidende Herde nach gemeinsamem Gesetz aufgezogen wird. Der Gott, der diesen Staat zusammenhält, in dem es sonst keine Tempel, Götterbilder oder Weihegeschenke gibt, ist die Liebe. Sein Ziel muss die Erziehung aller Menschen zur Rechtschaffenheit sein, so dass auch das Geld und die Gerichtshöfe überflüssig werden. Nur der Grad der Rechtschaffenheit, den der Einzelne jeweils erreicht hat, kann noch Unterschiede zwischen den Menschen begründen.“ (Stoiker Zenon)

Wie entkommen wir der Scham, dass wir solchen Friedensperspektiven nicht mehr gerecht werden? Dass wir das Kostbarste der Geschichte, was Hellenen vor mehr als 2000 Jahren erdachten und lebten, verraten haben: in Theorie und Praxis?

Dadurch, dass wir die Perspektiven zu Utopien und fahrlässigen Träumereien degradieren.

Dass wir den abendländischen Verfall in Fortschritt verfälschen und uns als Spitze der Menschheitsentwicklung empfinden.

Dass wir jegliches Erinnern an frühere Zeiten in den Müll werfen. Bestünde doch die Gefahr, dass wir unsere Verzwergung und Verhässlichung im Spiegel der Vergangenheit wahrnehmen müssten.

„Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir gekommen sind, die sind Diebe und Mörder; aber die Schafe haben ihnen nicht gehorcht. Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Aber ihr glaubet nicht; denn ihr seid nicht von meinen Schafen, wie ich euch gesagt habe. Warum kennet ihr nicht meine Sprache? Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ...

... ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben.“

Vieles haben die Urchristen von den Hellenen übernommen, in ein göttliches Erlöserdrama gegossen – und ins Gegenteil verkehrt. Hirt der Herde bei Zenon war der Sophos, der Weise, der keine Unterschiede der Völker, Rassen und Religionen kannte. Alle Menschen waren gleichberechtigt, Frauen und Sklaven, Reiche und Arme, Mächtige und Ohnmächtige. Der Weise war nicht das Oberhaupt eines totalitären Beglückungsstaates wie bei Platon.

Der Hirt der christlichen Herde spaltet die Menschheit in Kinder des Teufels und Kinder Gottes. In Ewigkeit werden diese beiden verfeindeten Gruppen nicht zusammenkommen. Die Einheit der Menschen im stoischen Kosmopolitismus zerbricht und teilt sich in Auserwählte und Verdammte, der Kosmos spaltet sich in einen ewigen Himmel und eine endlose Hölle.

Die griechische Philosophie hat die Menschheit vereint – als Ideal, das die künftige Geschichte hätte konkretisieren können: lernend in Versuch und Irrtum.

Perfekt war nichts, das Ziel aber klar umrissen. Die frohe Botschaft für die autonome Menschheit verwandelte sich in eine Frohe Botschaft für EINPROZENT Lieblinge des Himmels und in die Verdammung von 99PROZENT Teufelsbraten.

Diesen Zustand in politischer Version haben wir heute mit Gottes Hilfe erreicht. Doch das Endergebnis wird anders ausfallen: die ganze Menschheit wird hopps gehen, wenn es ihr nicht gelingt, das stoische Ziel einer fürsorglichen Gattung anzusteuern.

Was der Stolz der Menschheit war: sich unabhängig gemacht zu haben von Göttern und Priestern, sich auf gleichwertiger Basis eine demokratische Selbstregierung geschaffen zu haben: das wurde durch eine Erlöserreligion zur unentschuldbaren Sünde erklärt. Wer versagte, sich aufgab und nach Gnade schrie, der wurde selig gesprochen:

„Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er's finde? Und wenn er's gefunden hat, so legt er's auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen.“

Die 99 Gerechten, die der Buße nicht bedürfen, sind 99 Demokraten – die nicht perfekt sind, aber keine Schuld vor einem nichtexistenten Gott haben. Sie sehen sich selbstkritisch, kämpfen miteinander um den besten Weg und verlieren nicht das Vertrauen zueinander, dass sie es schaffen können.

Es ist eine Schmach für den Menschen, sich durch vorsätzliche, religiös geforderte Schwäche Vorteile zu verschaffen, um auf Kosten Anderer allein gerettet zu werden. Wer mit Absicht Letzter wird, um von Gott als Erster eingesetzt zu werden, der ist ein trügerischer Gaukler.

Es ist eine Schmach für den Himmel, seine Geschöpfe zu Bankrotteuren zu erniedrigen, um sie erlösungsbedürftig zu machen. Wer andere schwächen muss, um sich selbst aufzublähen, hat von Menschsein nichts verstanden.

„Gegen Mord und Totschlag an Einzelnen schreiten wir ein, aber was soll man zu den Kriegen sagen, zu dem ruhmvollen Verbrechen, Völker zu vernichten? Grausamkeiten, die dem Einzelnen verboten sind, werden auf Grund von Senats- und Volksbeschlüssen ausgeführt und offiziell befohlen! Die Menschen schämen sich nicht, sich am wechselseitig vergossenen Blut zu freuen, Kriege zu führen und ihren Kindern zur Weiterführung zu hinterlassen, während doch bei den stummen wilden Tieren unter ihresgleichen Frieden herrscht. Dieses All, das du siehst, das die göttliche und menschliche Welt umfasst, bildet eine Einheit. Wir sind Glieder eines großen Körpers. Die Natur hat uns als Verwandte erzeugt, da sie uns aus denselben Stoffen und Zwecken gemacht hat. Erst der tätige Zusammenhalt der Menschen gibt dem Leben seine sichere Grundlage und seinen wahren Gehalt, denn das Menschenleben beruht auf Wohltun und Eintracht; nicht Einschüchterung (terror), sondern gegenseitige Liebe verbindet die Menschen zu Genossenschaftlichkeit und gemeinsamer Hilfeleistung. Der Mensch ist Bürger zweier Staaten, des großen Weltstaates, dessen Grenzen sich nach der Bahn der Sonne bemessen, und des andern, den ihm der Zufall der Geburt zugewiesen hat.“ (Seneca)

Verflucht seien die abendländischen Schulen, die solche Worte zu Bildungsmüll verunstalten.

Verflucht sei der Historismus, der solche Worte für überholt und abgetan erklärt.

Verflucht sei die Postmoderne, die die Wahrheit dieser Worte für Talmi erklärt.

Seneca hat die Kritik an der abendländischen Doppelmoral, die sich als Staatsraison drapieren wird, vorweggenommen: was auf privater Ebene verboten ist, wird zur nationalen Ehrenpflicht. Mit Verbrechen, die sie heilige Kriege nannten, wollten sie sich ins Gedächtnis der Völker einschreiben. Eben dies war der Grund der europäischen Nationenbildung. Ruhmsüchtige Männereliten brauchten ein beherrschbares Spielrevier, um sich als erfolgreiche Rädelsführer ins Buch der Geschichte einzuschreiben.

Wir müssen heute die nationalen Grenzen aufweichen, bis sie sich in Wohlgefallen auflösen. Wir verdienen es nicht, als Menschen angesprochen zu werden, wenn wir uns nur als Deutsche und nicht als Europäer, als Europäer und nicht als Weltbürger verstehen.

Senecas kosmischer Weltstaat wurde von Augustin in die civitas dei oder den Kirchenstaat verwandelt, sein zufälliger Staat in die civitas diaboli oder den politischen Staat. In letzterem durften Mord und Totschlag herrschen, da drückte der Himmel alle Augen zu – wenn der Kaiser dem Papst aufs I-Tüpfelchen gehorchte. Die Moral des Klerus blieb unangetastet, denn die nötige Drecksarbeit wurde von Sündern des weltlichen Staates durchgeführt.

An die Stelle der Kooperation ist die heilige Konkurrenz der Staaten getreten. In allen Kategorien der Erste zu sein, das ist der Sinn der modernen Geschichte. Nicht, um die anderen zum edlen Wettstreit aufzufordern, damit jeder Bewerber etwas davon hat, sondern um sie zu demütigen, zu schwächen, sich auf ihre Kosten zu bereichern und übermächtig zu werden.

Der aufkommende Kapitalismus wollte militärische Kriege überwinden durch ökonomischen Imperialismus. Inzwischen stehen wir vor erneuten Waffengängen, die nur noch furchtbar sein können. Verursacht durch nationale Erwähltenpolitik, die alle anderen in den Schatten stellt, um sich im Glanz ihrer Eitelkeit und ihres Größenwahns zu spiegeln.

Die Welt ist so reich geworden und hat so viele Billionen gescheffelt, dass sie nicht mehr weiß, wie sie ihr Geld anlegen soll. Aber sie hat kein Geld, um die globale Armut zu beseitigen oder die Umrüstung der Industrie auf eine natursymbiotische zu finanzieren.

Die Hochkulturen der Männer, die unüberbrückbare Klassen errichtet haben, um ihre Fortschritte auf dem Rücken der Schwachen zu vollbringen, verenden im Suizid – wenn die Männer nicht rechtzeitig genug vom Steuerrad vertrieben werden.

Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allen Deutschen widerfahren wird, ist die Botschaft der engelgleichen Annegret an die Soldaten der Bundeswehr – und überreicht ihnen das heilige Licht aus Bethlehem.

„Zum Besuch unserer auf Zypern stationierten Soldaten brachte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (57, CDU) das „Friedenslicht aus Bethlehem“ mit.“

AKK übergibt das Licht einem Wehrmachtsgeistlichen – ganz in Uniform. Und die Pfarrer sind überall dabei, wo sich im sumpfigen Gelände der irdische Teufelsstaat realisiert. Als Bürger der unsichtbaren Kirche bleiben sie unbefleckt vom Schmutz der Welt. Wie die deutsche Kanzlerin vom Unrat ihrer irdischen Politik unberührt bleibt, weil sie eine Teflon-Gesandte aus der oberen Welt ist.

Das lieben die Deutschen an ihr, dass sie rein und unschuldig bleibt in der Weltkloake, in der sie täglich ihre Pflicht verrichten muss. Trotz aller Schuld bleibt sie unschuldig: genau so wollen die Deutschen sein und bilden mit ihrer Heiligen eine noch nie dagewesene Symbiose in der Geschichte. Angela Merkel müsste Angela Deutschland heißen. Und AKK eifert ihr nach, indem sie als weiblicher Jesus auftritt.

Jesus galt im Mittelalter als hässlichster Mann der Weltgeschichte, der keine Gestalt noch Schöne hatte. Auch das war eine Retourkutsche am Schönheitskult der Heiden, an der unverschämten Dreieinigkeit aus Schönem, Wahrem und Gutem.

Niemand ist gut außer Gott, sagte sein Sohn, der zufälligerweise mit seinem Vater identisch war. Das war das Todesurteil über die Welt. Wer Natur nicht für schön, den Menschen nicht für wahrheits- und moralfähig hält, der will alles Irdische vernichten, denn es ist nichts als Schrott und stinkender Müll.

Wie das Schöne in der Kunst, ist das Wahre in der Philosophie und das Gute in der Politik abgeschafft. Die Moderne wird regiert vom Kontrast zum Antiken, der Trinität aus Hässlichem-Falschem-und-Schlechtem. Indem sie alles Hässliche anbeten, halten sie dem Sohn, indem sie alles Wahre ausrotten, halten sie Gott, indem sie alles Gute diffamieren, halten die dem Heiligen Geist die Treue.

Die Moderne kennt nichts Hassenswerteres als die Griechen, von deren Errungenschaften sie in allen Dingen abhängen – von denen sie aber partout nichts mehr wissen wollen.

AKK kennt keine Trennung von Staat und Kirche, von Religion und Wehrmacht. Was sagen Muslime, Agnostiker und Atheisten zu ihrer Oberammergau-Aktion? Bis an die Zähne bewaffnet, feiern sie alle am Heiligen Abend das Kind in der Krippe. Prophylaktisch sorgten sie dafür, dass ihre Tötungsinstrumente nicht funktionieren, damit das Kindlein sie nicht ermahnt, Frieden auf Erden walten zu lassen.

Doch Entwarnung: sagte doch der erwachsene Heiland das militaristenfreundliche Wort: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Ja, was jetzt: Krieg oder Frieden? So können nur moralisierende Heiden fragen, für die es nur Entweder-Oder gibt. Gottseidank hat der Heiland die logische Pest mit dem Besen aus dem Tempel gejagt. „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich – wer nicht gegen mich ist, ist für mich.“

Gottes Erlösungssprache ist multilingual, damit sie die Sünden der Kirchen rechtfertigen, ihre Almosen als einmalige Taten der Nächstenliebe in den Himmel heben darf. Moderne Framingspezialisten sollten sich eine Scheibe am Nudging-Evangelium abschneiden, damit sie in die Gänge kommen.

Doch AKK hat ihre angelologische Friedensbotschaft ohne den Wirt gemacht. Die wahre Angela, eine stolze Pastorentochter, hätte sich geschämt, das Licht der Welt an die Kriegsfront zu tragen, doch ihre designierte Nachfolgerin kennt keine Scham. Und der Wirt heißt Julian Reichelt und ist gelernter Frontberichterstatter im Dienste der frommen Gazette BILD.

„Das Licht wurde in Bethlehem, der Geburtsstätte Jesu, entzündet. Da fast Weihnachten ist, könnte man ergriffen sein von dieser Symbolik. Aber zu Ergriffenheit besteht kein Anlass. Demokratien haben Armeen nicht, um Krieg zu führen, sondern um den Frieden zu beschützen und die Freiheit unserer Gesellschaften gegen ihre Feinde zu verteidigen. Das wünschenswerte Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden, sondern wirksame Abschreckung. Vor Krieg schützt nicht die Sehnsucht nach Frieden, sondern glaubhafte Wehrhaftigkeit (wie zum Beispiel in Israel).“ (BILD.de)

Man höre und staune über die Kunst der Deutschen, ihre Sprache nach Belieben zu dehnen und zu stauchen: fast Weihnachten ist nicht Weihnachten, Symbolik steht für nichts, das Heilige wird zur Ergriffenheit ad libidum. Doch plötzlich kommt ein Nichtergriffener ins Stolpern: „Demokratien haben Armeen nicht, um Krieg zu führen, sondern um den Frieden zu beschützen und die Freiheit unserer Gesellschaften gegen ihre Feinde zu verteidigen.“

Wie kann man friedensschützende Armeen besitzen, wenn nicht dadurch, dass sie mit Kriegen nicht nur drohen, sondern sie auch führen wollten? Wenn Feinde Deutschlands diese Zeilen lesen, werden sie in Gelächter ausbrechen: los, schickt eine Militärpolizeistreife und jagt sie aus dem Land. Wenn sie Militanz nur simulieren, brauchen wir uns nicht länger zurückhalten.

Doch jetzt kommen erst Reichelts Hauptsätze und da zeigt Deutschland – sofern BILD aus dem Bauch Deutschlands spricht – unverstellt seine neue Bellizistenfratze: „Das wünschenswerte Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden, sondern wirksame Abschreckung.“

Willst du Frieden, rüste zum Krieg: so die Alten. Jetzt der Donnerschlag Reichelts, der gar keinen Frieden mehr will. Er will nur noch wirksame Abschreckung. Womit? Mit der lächerlichen Scheindrohung, einen Krieg zu führen, den er gar nicht führen will.

Wäre Reichelt die Stimme Deutschlands, wäre die Friedenspolitik der Nachkriegszeit beendet. Ganz nebenbei, als Kommentar zu einer Kindergottesdienstaktion mit der Laienpredigerin AKK.

Die Ode an die Freude, Europas Friedenshymne, wäre in charismatischer Kooperation von AKK mit BILD am Boden zerstört:

„Unser Schuldbuch sey vernichtet!
Ausgesöhnt die ganze Welt!“

Nichts mehr mit Aussöhnung der ganzen Welt. Friede ist nicht einmal mehr das Ziel der Politik. Das Höchste ist wirksame Abschreckung in permanenter Friedlosigkeit. Jeder misstraut jedem. Jeder ist potentieller Vernichter von jedem. Und in dieser Atmosphäre planetarischer Friedlosigkeit sollen die Völker in solidarischer Zusammenarbeit die klimatischen Gefahren bewältigen?

Wie aber schafft man Frieden – wenn nicht durch wirksame Drohung mit Krieg?

Reichelt: „Vor Krieg schützt nicht die Sehnsucht nach Frieden, sondern glaubhafte Wehrhaftigkeit (wie zum Beispiel in Israel).“

Raffiniert, wie Reichelt das Christliche mit dem Jüdischen aushebelt: ein radikaler Philosemit, der dem weinerlichen Getue der Christen den kriegstüchtigen jüdischen Militarismus gegenüberstellt. Das christliche Deutschland ist verweichlicht, der junge Staat der Juden hingegen das leuchtende Beispiel einer religiös durchfluteten Wehrhaftigkeit.

Wie kann man Frieden schaffen ohne Sehnsucht nach Frieden? Wie kann man etwas wollen ohne es zu wollen? Sich sehnen heißt, das Ersehnte wollen. Über die Mittel, die Sehnsucht zu erfüllen, ist damit noch nichts gesagt. Sehnen und Wollen allein genügen nicht. Sie müssen umgesetzt werden in konkrete Taten.

Wer glaubhaften Frieden will, muss eine glaubhafte friedenstiftende Politik betreiben. Wozu die unmissverständliche Absichtserklärung gehört: wir wollen Frieden. Frieden mit der ganzen Welt. Wohl wissen wir, Worte allein genügen nicht. Doch falsche Worte und hasserfüllte Signale führen mit Sicherheit in den Abgrund.

Wer, wie BILD und WELT, ständig militärische Aufrüstung fordert, damit Deutschland endlich erwachsen werde, der darf sich über die Reaktion potentieller Feinde nicht wundern. Actio gleich Reactio. Wie man in den Wald hineinruft, so tönt es heraus. Wer ständig mit den Waffen klirrt, darf sich nicht wundern, dass die anderen dasselbe tun.

Wie wurde der Kalte Krieg beendet? Durch eindrucksvolle, authentische Friedensgesten. Willy Brandts Ostpolitik, sein Kniefall in Warschau, Gorbatschows Abrüstung und Umwandlung der Sowjetunion. Die Unterstützung der west-östlichen Friedensgespräche durch Amerika. Was überzeugte Gorbi am meisten von der Friedenswilligkeit des Westens? Die westlichen Friedensdemonstrationen, um die Großmächte zur Abrüstung zu bewegen.

Unendliche Zeichen der Friedenswilligkeit in aller Welt waren die Grundlagen der Beendigung des Kalten Krieges. Die wunderbaren Friedensreaktionen jener sowjetischen Offiziere, die durch kaltblütige Geistesgegenwart nicht der Dummheit höherer Befehle und wirrer Maschinen folgten und sich weigerten, mit einem Atomkrieg die Menschheit auszulöschen. Wie kommt es, dass all diese gigantischen Taten heute im Archiv der Erinnerungslosigkeit verscharrt sind?

Heute machen wir in allen Dingen das Gegenteil. Der Wehretat fast aller Staaten wächst und wächst. Amerika rüstet bereits eine Armee für die Eroberung des Alls. Gewählt werden immer mehr Raufbolde und Zündler. Der technische Fortschritt und der erbarmungslose Wettbewerb der Wirtschaft haben die angebliche Friedensdividende der globalen Wirtschaft längst ins Gegenteil verkehrt. Die nationalen Parolen lassen keine Zweifel aufkommen, was den Weltrüpeln wichtig ist: America first. Wir dürfen den digitalen und wirtschaftlichen Wettbewerb nicht verlieren: Merkel ist nicht das Gegenteil Trumps, sondern dekoriert sich nur anders mit demütigen Gesten der Magd Gottes.

Die christlichen Kirchen haben zu allen Themen ihre zeitgemäßen Fassadenpredigten, doch der Friede ihrer Botschaft gilt nicht dieser Welt. Vornehme Christen hassen es, in Gottesdiensten mit Politik belästigt zu werden.

„Dabei war Jesus bewusst unpolitisch, auch wenn er am Ende als politischer Verbrecher hingerichtet wurde. Denn nur eine Kirche, die nicht in politischen, dafür aber um so deutlicher in theologischen Fragen einen Wahrheitsanspruch erhebt, kann auch beeindrucken.“ (WELT.de)

Jesus wollte die Welt nicht retten, sondern vernichten, um mit den Seinen eine neue Welt zu besiedeln.

AKKs Friedenskitsch ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Die Kanzlerin denkt nicht daran, klare Friedenssignale auszusenden. Ihr Schweigen ist nicht friedensstiftend. Schweigend will sie ihre Geschäfte mit Moskau und Peking nicht gefährden.

Die abendländische Geschichte ist eine Konkurrenzgeschichte um Seligkeit und Verdammung. Der religiöse Streit wurde zum konkreten, ausgetragen mit technischen, wirtschaftlichen und militärischen Instrumenten. Alles drängt und stürzt nach dem Ende.

Es gibt nur einen Lichtblick: die Friedens- und Lebenswilligkeit der Jugend – und der Frauen, die den Untergangswillen der Helden nicht mehr ertragen.

„O Menschentorheit, wozu schleift ihr Schwerter.
Und schlagt euch blutge Wunden? Haltet inne!
Fort mit dem Streit! Dann mögen eure Staaten
Nebeneinander friedlich sich behaupten.
Das Leben beut so wenig: sollen wir
Durch Streit und Hader selbst es uns vergällen? (Euripides)

In einem Punkte irrte der Dramatiker: das Leben bietet so viel, wie wir es zulassen.

 

Fortsetzung folgt.