Dienstag, 27. März 2012 - Bildungskanon

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Russlands,

wer es wagt, in Russland die Popen zu kritisieren, legt sich mit dem Staat an. Wenn Cäsar den Papa der Gläubigen am Bändel führt, reden wir von Cäsaropapismus. Im Vatikan ist es umgekehrt, dort ist Papa der Oberste und lenkt den ganzen Kirchenstaat (Papocäsarismus). So oder so, in beiden Fällen geht es um Theokratien. Der wahre Herrscher ist Theos, Deus, Dieu, Godfather, der Herr der Heerscharen.

Auch Papistenfeind Luther war nichts anderes als Theokrat, am Anfang seiner Laufbahn tat er noch volksfreundlich. Als die revoltierenden Bauern sich aber mit Sprüchen nicht abspeisen ließen, forderte der Wittenberger die Fürsten auf, ohn Gnad „wider die mörderischen Rotten der Bauern“ zu Felde zu ziehen.

Danach flüchtete er sich unter die Obhut der Landesherrn, die zum Dank Bischöfe der evangelischen Kirchen werden durften. Nach dem Motto: cujus regio, ejus religio, wessen das Land, dessen die Religion. Eine aparte Besitztheorie, die später von christlichen Kolonisatoren der ganzen Welt übergestülpt wurde.

Alle Länder der Welt gehören denen, die sie mit Arbeit auf wirtschaftlichen Vordermann bringen. Was nicht bedeutete, dass die Herren selbst arbeiteten. Sie ließen die Eingeborenen schuften. Weswegen diese noch lange nicht ihr Land zurückerhielten, weil sie es nun selbst beackert hätten.

Heute ist es nicht anders. Die reichsten Leute der Welt sind nicht die, die ...

... im Schweiße ihres Angesichts die malochende Strafe Gottes auf sich nähmen. Sie lassen andere Leute oder ihr Geld für sich arbeiten.

Leider lässt das ziemlich unintelligente Geld sich leicht ausbeuten und hat sich noch nicht den Gewerkschaften angeschlossen, um bessere Tarifverträge für sich herauszuholen. Es gibt erschütternde Berichte über die Fronarbeit des Geldes an den Börsen rund um die Uhr.

Aber Geld hat keine Lobby auf der Welt, weswegen es am Ende seiner Lebenszeit meist besudelt, verdreckt und geschändet aussieht und geschreddert werden muss. Nur Geld-Besitzer haben die beste Lobby der Welt, was unmöglich gerecht sein kann.

Wem das Land gehört, der bestimmt die Religion. Heute haben wir in Deutschland einen gemäßigten, lutherischen Papocäsarismus. Denn wäre Pastor Gauck nicht Nummer Eins geworden, so wäre es Bischof Huber geworden, oder die Theologin Göring-Eckardt oder die lebensbeschwingte Ex-Bischöfin Käßmann.

Russland ist in diesem Punkt wesentlich weiter. Dort beherrscht der weltliche Zar Putin Staat und orthodoxe Kirche, allerdings muss er regelmäßig bei Gottesdiensten vorstellig sein und tun, als ob er gläubig wäre. Vermutlich ist er es sogar. Was nicht schwer ist. Denn zwischen Marxismus-Leninismus-Stalinismus und Christentum ist nur ein kleiner Quantensprung.

Dasselbe tat Putins bester Freund im Westen, Gerhard Schröder, der seine Laufbahn als Atheist begann, später immer in der ersten Kirchenbank saß, wenn Huber strengen Angesichtes ökumenische Staatsgottesdienste abhielt, die in Phönix, dem Sender für papocäsaristische Chefredakteure, live übertragen wurden.

Kirill, der Patriarch der Orthodoxen Kirche in Russland war erschüttert über junge Frauen, die in modernen Hexenkostümen in der Christi-Erlöser-Kathedrale gegen die weltliche Obrigkeit demonstrierten, obgleich dieselbe nach Römer 13 stets von Gott ist.

Noch erschütterter war er über einige seiner Schäfchen, die Gnade vor Recht ergehen lassen wollten, damit die Frauen nicht in den Knast müssten, denn einige von ihnen sind Mütter. Was von den Müttern leichtsinnig, ja unverantwortlich ist, sich ohne Rücksicht auf ihre minderjährigen Kinder revolutionär und antichristlich zu betätigen.

Im Unterschied zur katholischen Kirche kannten die Rechtgläubigen im Osten keine Hexenprozesse, vermutlich weil die Babuschkas noch zu viel Respekt vor den geistlichen Patriarchen hatten. Also muss das Kapitel schnellstmöglich nachgeholt werden.

Kirill ist bestürzt, dass es menschliche Wesen gibt, die nicht an die Macht des Gebets glauben, aber an die der Propaganda und der Lügen und Verleumdungen des Internets und der Massenmedien. Ob er dabei an sein braves Schäfchen Putin dachte?

 

Es gibt einen neuen Frauentyp, der in der Politik Furore macht. Aber noch nicht in der Wirtschaft, wo Frauen zwar nicht sexy, aber doch a little bit glamouröser ausschauen müssen als – Merkel, Kramp-Karrenbauer und Lieberknecht. Frauen, die unverstellt, bodenständig, ehrlich und uneitel wirken. Vermutlich sind sie es sogar.

Auch hier dominiert das protestantische Moment. Merkel kommt aus einem Pfarrhaus, Lieberknecht ist Theologin (Lieberknecht, Wagenknecht: führende Frauen aus Ossiländern tragen gern demütige Namen), Kramp-Karrenbauers Brille ist an bekennendem Protestantismus kaum zu überbieten. Vermutlich wird Fielmann schon in Produktion gehen.

Merkels Umfragewerte wollen einfach nicht abflauen, die müssen prästabiliert-unsinkbar sein.

Sinken tun in ihrer Umgebung nur die Männer, dies reihenweise und mit tödlicher Sicherheit. Als nächster wird Röttgen absaufen, der Bubi von der ersten Bank und bislang Mamas Liebling, der gegen die beiden bodenständigen Damen Kraft und Löhrmann keinen Stich machen wird.

Die Ypsilanti war zu wenig mamahaft, Simonis zu zickig, nun kommt Schröder-Köpf, die es gar geschafft hat, ihrem Gatten das Kinder-Gedöns aufzuhalsen. Schon deshalb gebührte ihr ein Sitz im Parlament.

Selbst Frauen wählen nicht mehr den adretten Schwiegersohn à la Rösler oder den Kraftlackl à la Seehofer. Der Katzentisch beginnt zu regieren, mit Sicherheit demnächst auch in der Wirtschaft. Die Anzugträger haben fertig, sie wissen es nur noch nicht.

Noch ist die Schwankungsbreite zwischen charismatischen Angebern und hemdsärmeligen Hausfrauen – die so aussehen, als ob sie Ökosuppe mit Tofu servierten, wenn sie Koalitionen schmieden – überdimensional. Doch Guttenberg wird mit Sicherheit kein Nachfolger von Angie, eher noch von Thomas Gottschalck. Auch der hat seinen vergilbten Glitterwert völlig überschätzt.

Dass die knorrigen Mütter mit der Küchenschürze endlich auch am Kabinettstisch sitzen und das Sagen haben, war schon immer der Traum der Proletenmänner. Insofern ist der unbesiegbare Anti-Charme von Merkel der Triumph der SPD. Es muss ja einen Grund geben, dass sie am liebsten an ihrem Rockzipfel die nächste Große Koalition bilden wollen.

Eine Große Koalition ist die Synthese von in sich ruhender Venus von Willendorf – die frühe Ausgabe der Angie – und freudig dienenden Männern und insofern das Ziel der Geschichte.

Freunde und Freundinnen, pardon, umgekehrt, Freundinnen und Freunde: was kann es Schöneres und Besseres geben? Aristophanes hätte sich gekugelt, seine halbierten Kugelhälften haben sich im germanischen Neuhellas gefunden. Die Deutschen haben die Versöhnung der Geschlechter als Modell der Zukunft geschaffen und damit die nächste Phase der Evolution eingeläutet.

Ab jetzt wird deutsch in der Weltpolitik gesprochen. Die Amerikaner sind noch lange nicht soweit. Dort musste Hillary sich mit dem minderwertigen Außenamt begnügen, Michelle musste zu den Kindern in die Küche und in die Talkshows, um Liegestützen zu absolvieren.

 

Die Piraten kommen mächtig aus der Tiefe des Raumes. Sie treten für ein BGE ein, allerdings unter dem jetzigen Hartz4-Demütigungsgeld. Selbst CDU-Althaus – auch ein abgesoffener Merkelspezi – bietet schon 600 Euro, die Armutsgrenze liegt zurzeit zwischen 940 und 1000 Euro. Das wäre also ein Grundeinkommen unter der Hälfte der offiziellen Armut. Vermutlich stammen die fixen und cleveren Internetexperten aus bürgerlichen Häusern, in denen Leistung sich standesgemäß lohnt.

Doch diese Hartz4-Schichten sind so was von ungebildet, ja bildungsfeindlich, dass die arme Frau von der Leyen – die in ihrem kinderreichen Leben schon oft den Burnout tapfer besiegt hat – auf ihren Bildungspaketen sitzen bleibt.

Wollen denn diese Unterschichten ihr ganzes Leben lang in Jauchs Bildungsquiz jämmerlich versagen? Wollen sie das uralte abendländische Klischee, dass, wer arm ist, auch dumm sein muss, mit tückischer Hinterlist aufrechterhalten?

Hier hilft nur noch eine radikale Erziehungsmaßnahme: monatliche IQ-Tests für alle Hängemattenbesitzer unter der Regie von RTL. Die Hartz4-Sätze werden an die erzielten IQ-Testpunkte gekoppelt. Schließlich sind politische Erziehungs- und Optimierungsprogramme astreine humanistische Unternehmungen, wie uns Sloterdijk versichert und hätten mit Faschismus absolut nichts zu tun.

Da können wir aufatmen, dass Platon in seinem perfekten Staat die Menschen nicht erziehen und optimieren wollte. O Sir Charles Popper, du hast vergeblich gelebt.

Seltsam, die Bildungsfrage kommt auf. Die Gebildeten entdecken mal wieder ganz erstaunt, wie doof die Welt ist und dass sie von niemandem verstanden werden, weil sie so unerträglich schlau sind.

Ist das eine neue apologetische Welle des Neoliberalismus, der sich nicht mehr traut, über Geld zu reden, nachdem er Billionen verdumm-beutelt hat?

Also wird die Botschaft der nächsten Jahre sein, wer nichts auf dem Kasten hat, sollte sich nicht wundern, wenn er nichts im Beutel hat.

Es ist ja nicht so, dass Mammonisten nichts von Gerechtigkeit hielten. Reich sollen gerechterweise die sein, die es in den Ellbogen oder auf dem Kasten haben. Wenn aber nicht, diesen Umstand diskret und clever verstecken können. Das ist gar nicht so einfach und deshalb stimmt die Losung: solche Leistungen müssen sich wieder lohnen.

Gestern hörte ich Sahra Wagenknecht bei Plasberg sagen, sie stimme dem obigen FDP-Slogan absolut zu, allerdings würde die Realität nicht danach aussehen. Auch die Vorzeigelinke denkt, wenn der Meister nicht mehr kriegt als na sagen wir die weibliche Leiharbeiterin in Ossiland, dann wirft er vor lauter Frust hin, geht nach Hause und legt sich ins Bett.

Was uns wieder einmal lehrt, dass Kapitalisten und Sozialisten dieselbe Arbeitsreligion anbeten. Arbeiten tut man nur, wenn man dafür belohnt wird oder bestraft wird, wenn man nicht arbeitet.

Was für entfremdetes Malochen selbstverständlich stimmt, generell aber auf keinen Fall. Das hätte die Marxkennerin doch in den dicken blauen Schwarten nachlesen können. Wenn der Mensch frei ist, macht er alles freiwillig und mit Lust.

Im Reich der Freiheit sind wir aber noch lange nicht, könnte Wagenknecht einwenden. Stimmt. Wollten wir aber nicht in Richtung Freiheit gehen – oder hab ich Gauck falsch verstanden?

Wenn man aber in eine bestimmte Richtung gehen will, an eine alleinseligmachende Revolution nicht mehr glaubt, sollte man dafür sorgen, dass die Arbeit möglichst lustvoll und human organisiert wird, damit Malocher sich materiell und ideell anerkannt fühlen. Muss alles im Argen bleiben, bis an einem Sankt Nimmerleinstag das Reich der Freiheit vom Himmel abgelassen wird?

Zur Humanisierung der Arbeit gehört übrigens auch das BGE, was die Linke typischerweise ablehnt (nicht alle). Wären alle Menschen ohne Maloche abgesichert, wären sie nicht gezwungen, jeden idiotischen Job zu akzeptieren.

Da würde man die leitenden Manager rotieren sehen, wenn sie sich menschliche Arbeitsbedingungen ausdenken und anbieten müssten. Sodass die Devise nicht mehr wäre: wir leben, um zu arbeiten, sondern – was früher als französische Lebensart galt – wir arbeiten, um zu leben.

Im Übrigen: nach welchen Kriterien soll denn Leistung gerecht benotet und vergütet werden? Wenn jeder seine Sache so gut macht, wie er kann, bringt jeder sein Optimum. Sollen zufällige Ausbildung und Bildung ein Leben lang die Menschen kennzeichnen und voneinander trennen?

Welches Kind hat leistungsmäßig die Verhältnisse ausgesucht, von denen es geprägt wurde? Was ist gerecht daran, dass der eine kann, was der andere nicht kann, nur weil er es mit der Muttermilch einsaugen konnte? Wozu auch Wille und Entschlossenheit gehören, „aus seinem Leben etwas zu machen“. Was heute nur noch bedeutet: materiell und karrieremäßig sein Leben zu verhunzen.

Dass man aus seinem Leben wesentlich mehr machen kann, wenn man diesen Unsinn lässt und sich den Sinnfragen des Daseins widmet oder sich der Freude und dem Eros ergibt, könnte man bei chinesischen und griechischen Weisen nachlesen. Und bei vielen Völkern beobachten, die den Wert des Euro nicht höher einschätzen, als von ihren Liebsten geherzt zu werden. Ja oder ja, Frau Wagenknecht?

Nobelpreisträger Paul Krugman beklagt die programmatische Bildungsfeindlichkeit in seinem Land, besonders bei frommen Kandidaten der Republikaner, die keinen Wert auf allzu wache Untertanen zu legen scheinen. Doch das ist für sie nur die Konsequenz ihres Glaubens.

Jesus preist seinen himmlischen Vater, dass er seine Heilsbotschaft vor „Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen geoffenbart“ hat. (Luk. 10,21) In christlichen Ländern soll die „Weisheit der Weisen vernichtet werden und der Verstand der Verständigen sich verbergen.“ (Jes. 29,14) Noch Fragen, Krugman?

Was sollen die Kinder lernen, damit sie – ja, was – kapitalismusverträglich werden? Oder in Freiheit selbst herauskriegen, was sie wissen wollen, um ihr Leben in eigener Regie zu gestalten?

Forscher und Politiker sind wieder dabei, einen Bildungskanon zu entwickeln, den sie den Kindern mit List und Tücke aufoktroyieren können. Damit alle zu Besten und Ersten werden, damit Clements Herz vor Freude hüpft?

Lernen heißt, selber suchen und finden, was man lernen will. Und nicht die Bildungskanons selbsternannter Autoritäten in pädagogischer Planwirtschaft erfüllen.

Die ökonomische Planwirtschaft ist erledigt. Doch Kindern wird zugemutet, in festgesetzten Jahresnormen, in Tagesrhythmen per Stechuhr sich einzubläuen, was obere Instanzen als Weisheit letzter Schluss erlassen.

Freiheit gilt offensichtlich nur für Erwachsene. Kinder sollen Freiheit lernen, indem man sie ihnen vorenthält. Individualität ist ein Schlüsselwort der Moderne. Aber nicht in Klassen, die im kollektiven Stechschritt mit Wissensschrott getrimmt werden. Das ist schlimmer als Normerfüllung, das ist Kränkung und Beleidigung erkenntnisbegieriger Kinderseelen.

Lasst endlich die Kinder frei, sie sind klüger und weiser, als ihr Erwachsene – befürchtet. Ja befürchtet. Ihr wollt gar keine intelligenten Kinder, die eure angepassten Dummheiten ganz schnell entdecken, auseinandernehmen und euch um die Ohren schlagen würden.

Kanon ist theologisch infiziert, der Begriff spielte eine Rolle bei der Sammlung der Heiligen Schriften. Welche Bücher gehören zu den authentischen Offenbarungsschriften, welche sind minderwertig?

Die Mentalität, den Menschen von oben vorschreiben zu wollen, was sie zu ihrer Seligkeit nötig haben, ist eine theokratische Tellermine mitten im Bereich der Erkenntnis. Kanon heißt Regel, Ordnung; von Kanon stammt auch Kanone.

Hört endlich auf, die Kinder mit euren Bildungskanonen zu durchlöchern. Die einzige Regel, die Kinder nötig haben, ist die, die sie selber entdecken und gut heißen. Was man in sokratischen Zeiten Lernen nannte.