Samstag, 24. März 2012 - Verstehen

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Jugend,

als 12-Jähriger kann man im Tempel durch Altklugheiten auf sich aufmerksam machen oder – wenn man C.F. von Weizsäcker heißt – beim Lesen der Bergpredigt sofort wissen, dass sie wahr sein muss, weil sie die Welt als falsch entlarvt.

Man kann auch eine Fensterscheibe einwerfen und sechs Monate in den Jugendknast wandern. Wie jetzt in Camerons Land geschehen, wo die höchste Jugendquote Europas sich ins Koma säuft und die Reichen am wenigsten Steuern zahlen müssen.

Diesjährige Abituraufgabe: Bitte stellen Sie die Zusammenhänge in ihrem religionspsychologischen, soziologischen, ökonomischen und historischen Kontext dar.

Womit wir auch schon am Horn von Afrika wären, wo die europäische Hatz auf Piraten verschärft werden soll.

Die Piraten entstanden in einem Land, dessen Fischgründe von europäischen Flotten leergefischt wurden, sodass den Menschen nur noch die Wahl blieb, entweder zu verhungern oder sich bei denen schadlos zu halten, die sie neokolonialistisch ausgeraubt haben. Dazu Andreas Zumach in der TAZ.

Was eigentlich ist aus der israelischen Jugendrebellion geworden, die im vergangenen Jahr so erfolgreich schien? Der Philosoph Yossi Yonah war Sprecher der Bewegung und erläutert in einem TAZ-Interview die Ziele der Bewegung.

Sie beschränkte sich auf das Thema Gerechtigkeit, um nicht ...

... alles zu gefährden, wenn man Unmögliches will. Scheinbar ging die Regierung auf die Forderungen ein und wollte den Verteidigungshaushalt kürzen, um die versprochenen Sozialreformen zu finanzieren. Mit freundlicher Unterstützung eines befeindeten Landes hat sie nun den Verteidigungshaushalt aufgestockt.

Warum die Palästinenserfrage nicht auf die Agenda kam? Das Problem sei zu groß, so der Sprecher. Die Bewegung wäre nicht in der Lage gewesen, eine Veränderung im Bereich der Besetzung oder im sozialen Bereich herbeizuführen.

Kann es sein, dass gerade diese Beschränkung die Bewegung geschwächt hat? Sind nicht alle Probleme mit allen vernetzt, sodass man Teilprobleme nicht einfach herausschneiden kann, um sie nach und nach abzuarbeiten? Hat die Geschichte der Bewegung nicht nachträglich gezeigt, dass die Strategie allzu „bescheiden“ war und sich dadurch ihrer besten Wirkungsmöglichkeiten beraubt hat?

Kein einfaches Problem. Es geht um den alten Streit: das ganze System auf die Hörner nehmen – oder peu à peu eine Stückwerk-Technologie à la Popper in Bewegung bringen?

Wer die Verhältnisse mit einem Donnerschlag aus den Angeln heben will, kann das System auf den Kopf stellen, es bleibt immer noch dasselbe System.

Wer partielle Reformen anstrebt und dabei Fortschritte erzielt, gerät in Gefahr, das ganze System zu stabilisieren. Der Elan der revolutionären Arbeiterbewegung erlahmte, als viele Malocher eine sinnvolle Wohnung hatten, genug zu essen, eine gediegene Volksschule für die Kinder, später einen Kühlschrank und ein Auto. Ende des Aufbruchs in Sattheit und kleinbürgerlicher Zufriedenheit.

Nur mal so‘ne Frage: ist damit nicht die These neoliberaler Wirtschaftler widerlegt, dass der Mensch unbegrenzte Bedürfnisse habe? Kann es sein, dass die Herren bei dieser These zu sehr auf jene schauten, die in ihrem Leben nie Hunger hatten und dennoch nie satt werden?

Man hat da gängige Begriffe wie Gier zur Hand. Doch was erklären sie? Stimmen sie überhaupt? Oder bewerten sie nur?

Was bewegt einen Reichen, wenn er es zur Yacht gebracht hat, eine immer noch größere haben zu wollen? Okay, es ist der Vergleich mit der größten Yacht, die im Hafen von Monaco liegt. Er will der Erste, der Beste sein. Wäre er zufrieden, wenn er das Ziel, die Nummer Eins zu sein, erreicht hätte? Weil ab Nummer Zwei die Loser beginnen, wie das eherne Familienmotto der Kennedys lautet?

Wie viele Reiche gibt es, die inzwischen sagen, sie haben genug, ja, sie wären bereit, mehr Steuern zu zahlen, weil sie sich das leisten können und eine zu große Kluft zwischen den Schichten die Gesellschaft zum Einsturz bringen könnte?

Wie viele Stiftungen zeigen, dass man den Hals doch voll kriegen kann? Immer mehr Reiche hört man sagen, von allem hätten sie reichlich, sie bräuchten nichts mehr. Bill Gates gehört dazu, der immer hübsch bescheiden, unscheinbar und tugendhaft auftritt. Wie lang ist er schon mit derselben Frau verheiratet und hat mit der Glamourszenerie nichts am Hut? Würde er abgeben, wenn er nicht genug hätte?

Geht es vielleicht gar nicht um Luxusdinge, sondern um Macht und Einfluss, die man sich mit Geld sichern kann? Obwohl es gute Reiche geben soll – der Typ des ehrbaren Kaufmannes –, hört man von ihnen in der Presse so gut wie nichts. Sie passen weder ins Raster ihrer eigenen Schicht, noch in das der Neidhammel von unten. Zwar kritisieren sie, aber im gedämpften Ton. Von Systemveränderung allerdings wollen sie nichts wissen.

Von George Soros, einem freigebigen Mäzen und Popperianer, weiß man, dass er viele Aspekte des Kapitalismus ablehnt. Dennoch zockt er fleißig mit und hat schon Unsummen an den Börsen eingestrichen, die er nach der Methode Robin Hood an andere weitergibt.

Über Reiche weiß man so gut wie nichts. Ich habe noch kein einziges sinnvolles Interview mit dem „hochanständigen“ Warren Buffett gelesen, bei dem der Versuch gemacht worden wäre, das Seelenleben eines Tycoons zu ergründen.

Ist auch nicht nötig, würde ein kerniger Linker von sich geben, es genügt zu wissen, dass sie mehr Geld haben, als ihnen in einer gerechten Gesellschaft zustünde. Innenleben uninteressant. Bekämpfen, nicht Verstehen. Verstehen schwächt nur das Bekämpfen.

Verstehen ist heute inopportun. Schon gar nicht das seiner Gegner. Das ist so im sozialen Kampf zwischen reich und arm, im Kampf der Kulturen und Religionen, in der Auseinandersetzung mit den Rechten, in den spannungsreichen Beziehungen zwischen Israelis und Deutschen.

Sozialtherapeutische Anstalten, in denen schrecklichen Mördern und Kinderschändern ein Therapieangebot gemacht wird, werden als Geldverschwendung betrachtet. Wegsperren für immer, pflegte ein feinfühliger Gedönskanzler und heutiger Gazpromfunktionär in Putins Diensten zu formulieren.

„Euer Hass ist unser Ansporn“, rief der neue Bundespräsident den Rechtsextremen zu. Er hat nicht zu erkennen gegeben, dass er etwas von ihrer Biografie verstünde, ja sich auch nur einen Deut dafür interessierte. Genauso wenig interessieren ihn die Motive freiheitsfeindlicher Besitzstandswahrer, die er in bester schröderscher Manier abkanzelt.

Seitdem die Profiversteher, die Freudianer und Seelenklempner, ihr Metier zu harmlosen Teegesprächen haben verkommen lassen, ist Verstehen zu einer belanglosen Weicheimethode verkommen.

Seit den ersten Brandanschlägen in der Republik ist das Verstehen von Übeltätern uncool geworden. Besonders hervorgetan hat sich dabei SPD-Gentleman Dohnanyi, rein zufällig mit einer Therapeutin verheiratet.

Kaum hatte H. E. Richter seinen Gott gefunden und sich zum Berge-Kraxeln zurückgezogen, war es mit der Disziplin der psychoanalytischen Politik zu Ende. Das waren noch Zeiten, als die Grünen einen gruppendynamisch versierten Mediator einluden, um ihre Meinungsverschiedenheiten zu überwinden.

Wie kann man jemanden verstehen wollen, der das Tischtuch zur Menschheit durchgeschnitten hat? Götz Aly spricht vom kleinen Bösen, andere lassen das „kleine“ weg und sind schon wieder beim neunschwänzigen schwefelstinkenden Satanas. Bücher über das Böse haben Konjunktur.

Wer will denn einen Bösen verstehen, nachvollziehen, was in seiner verkommenen Seele vor sich gehen könnte? Genügt es nicht, ihn wegzusperren, zu ächten, zu verachten?

Wer das Böse verstehen will, müsste zugeben, dass ihm das Böse nicht fremd ist. Dass auch er schon mal jemandem das Genick hätte brechen wollen. Das würde keinen guten Charakter verraten und wäre gar nicht karrierefördernd. Der Versuch Thomas Manns, „Bruder Hitler“ in seiner eigenen Seele aufzuspüren, käme heute unter die Guillotine.

Was wäre geschehen, wenn Martin Walser sein heftig befehdetes Buch „Der Tod eines Kritikers“ als Annäherung an einen Antisemiten verteidigt hätte? Dass er damit seinen eigenen Antisemitismus unter die Lupe hätte nehmen wollen? Wären dann alle Vorwürfe, das Buch sei antisemitisch, in sich zusammengebrochen?

Die gesamte Literatur will freies Feld zur Beschreibung alles Verwerflichen, Anstößigen und Bösen – um es zu bearbeiten und loszuwerden? Um es als unabänderliche Tatsachen zu protokollieren? Um es als Gegenbild zum berechenbaren Alltag zu illuminieren?

Nehmen wir ein Beispiel. Jutta Ditfurth hat eine Flugschrift gegen den Kapitalismus verfasst, Sabine Vogel von der BZ hat es in Grund und Boden verdammt.

Hat Vogel den leisesten Versuch unternommen, die aufrechte Linke zu verstehen? Von wegen aufrecht, würde Vogel sagen. In dem Manifest stünde nichts Neues, alles olle Kamellen. Anbiedernd, von „erschütternder Eindeutigkeit“, phrasenhafte uralte Klassenkampfparolen, hammerhart, missionarisch.

Weil die Rezensentin nicht hören wollte: was du attackierst, tust du selber, endet sie mit dem vorbeugenden, völlig unlogischen Satz: „Arg naiv alles, aber trotzdem, irgendwie schön, dass es diesen Jargon noch gibt.“

Kein einziges Argument, nirgendwo zeigt die Rezensentin ihre eigene Position. Alles wird unter dem Prinzip des Neuigkeitswertes beäugt. Hatten wir das nicht schon mal? Ab, in die Retro-Kiste.

Vor Jahren hätte Ditfurth das Lob gehört, eine Frau zu sein, die sich nicht anpasst, sich keinem Zeitgeist unterwirft, sich ihr Rückgrat nicht brechen lässt. Heute wird ihr Manifest als antiquiert mit Abscheu in die Mülltonne geworfen. Kein Verstehen, kein Erklären, keine eigene Position. Wer nichts Neues in einer Schrift erfährt, hat seine Zeit beim Lesen vergeudet.

Nur klare Thesen sind widerlegbar, hätte Popper Ditfurth auf der wissenschaftlichen Ebene verteidigt. Was ist nämlich noch härter als der härteste Beton, rundrum immun und unwiderleglich? Der zähe Brei der Postmoderne, der nichts und das Gegenteil behauptet, stets Recht damit hat und die herrschenden Mächte kritiklos durchzuwinken pflegt.

Was ist Verstehen? Der Versuch, den anderen als gleichberechtigten Menschen anzuerkennen, obgleich er mir fremd, seltsam, ja gefährlich vorkommt. Ich akzeptiere ihn als Menschen und halte ihn nicht für einen Satansbraten, den man nur dem Holzstoß übergeben kann, denn mit einem guten Menschen habe er nichts gemein.

Ein Richter versteht den Mörder, den er abzuurteilen hat, wenn er innerlich nachvollziehen kann, wie es zur Tat kommen konnte, weil er in dessen Lage vermutlich auch nicht anders hätte handeln können. Er hat nur Glück gehabt, wenn er unter Menschen aufwuchs, die ihm andere Muster der Aggressionsbewältigung vorlebten als der Angeklagte sie erlebte.

Haben Deutsche sich mal die Mühe gemacht, ob sie Israelis verstehen – auch dann, wenn sie deren Politik ablehnen? Haben Juden sich schon mal gefragt, ob sie Gojim und Antisemiten verstehen, auch wenn sie jene verabscheuen?

Hier stehen wir vor der Paradoxie der Postmoderne, die keinerlei klare Positionen haben darf, gleichwohl alles Andersdenkende mit Hohn verwirft und kein Verständnis für andere Haltungen aufbringen kann. Der Andersdenkende ist dem Wahrheitsleugner und Allesakzeptierer genauso fremd wie ein Alleinseligmachender dem anderen.

Verstehen kann nur in nicht dualistischen Kulturen entstehen. Wo es absolute Wahrheiten gibt, kann jener, der anderer Meinung ist, nur ein Entsprungener der Hölle sein.

Vergleichen wir die Dialogfähigkeiten des Christus mit seinem Vorbild Sokrates, den er in allen Dingen übertreffen will.

Sokrates, Sohn einer Geburtshelferin, erfand die Mäeutik, den Dialog als Geburtshelfer des Verstehens. Um sich anzunähern, versucht er seinem Partner solange Fragen zu stellen, bis sie ein gemeinsames Fundament erreicht haben, auf dem sie in logischer Folgerichtigkeit Einsichten entwickeln, denen sie beide zustimmen können.

In seiner Verteidigungsrede steht er seinen Anklägern penibel Rede und Antwort und versucht, sie von seinen Argumenten zu überzeugen. Er hält sie für Verirrte, falsch Denkende, nicht für Böswillige. Keinen Dialog bricht er ab, es sei, er wird beschimpft oder bedroht.

Kommen die beiden Streitenden zu keinem Ergebnis, ist der Fall nicht hoffnungslos und könnte jederzeit an anderer Stelle fortgesetzt werden.

Auch Jesus wird angeklagt. Wie reagiert er auf die Vorwürfe der Zeugen, er habe wider Gott gelästert, indem er behauptete, er könne den Tempel zerstören und in drei Tagen wieder auferbauen?

„Der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese wider dich zeugen? Jesus aber schwieg.“ Als der Priester insistierte, er solle sagen, wer er sei, wird er mit göttlicher Hoheit abgefertigt: „Du sagst es. Von jetzt an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht.“ (Matth. 26,61 ff)

Das ist ein Machterweis, keine Dialogfähigkeit. Im philosophischeren Johannes werden ein paar Worte mehr gewechselt. Allein, der Herr verdonnert die Angreifer, sie müssten beweisen, dass er Unrecht hätte. Er selbst beginnt kein mäeutisches Gespräch.

Weder die Angreifer noch er sind in der Lage, einen vernünftigen Disput zu führen, wie Sokrates und die Athener es vorbildlich durchführen – wenngleich es dem Angeklagten nicht gelingt, seine Ankläger zu überzeugen.

Mäeutik ist kein automatisch wirkendes Heilkraut, sie muss scheitern, wenn eine Seite – aus machtpolitischen Gründen – nicht verstehen will.

In Kulturen, die nur das Gute und das Böse kennen, kann es keine Geburtskunst des Verstehens geben. Im andern kann ich mich nicht erkennen. Er ist der ganz Andere, der nichts mehr Menschliches an sich hat und dem Teufel übergeben werden muss.

Rein zufällig hat Bundespräsident Gauck Gadamer zitiert, den deutschen Philosophen des Verstehens. Und hier zeigt sich die Kluft zwischen einem Heideggerschüler und Sokrates, der seine Verstehenskunst auf die Vernunft gründete. Gadamer hält nichts von der Betonung der Freiheit (!!) und Vernunft bei den Aufklärern.

Für Gaucks Überbetonung der Freiheit (er habe sein Thema gefunden, schreiben die Medialen, die eine Idee als individuellen Besitz darstellen) hätte er vermutlich wenig Verständnis aufgebracht. Nicht die Vernunft entscheidet bei Gadamer, sondern die Autorität, die in jeweiligen Traditionen gründet.

Bei Streitigkeiten müsste demnach zuerst entschieden werden, wer Herr im Ring ist und wer sich wessen Autorität zu beugen habe. Solche hierarchischen Unterschiede mögen die Beziehung einer Gemeinde zu ihrem auf der Kanzel thronenden Pastor kennzeichnen, für demokratische Beziehungen auf gleicher Augenhöhe sind angemaßte Autoritäten lächerlich. Nur wenn sie das Podest verlassen und sich als Wesen wie Du und Ich vorstellen, könnte man sich von ihnen verstanden fühlen.

Unsere Gesellschaft zerbröckelt und zerfällt in unüberwindbare Ungleichheiten. Geld, Bildung, Macht, die richtige Religion, das Leid: alles spaltet, trennt und setzt sich vom andern ab. Reiche und Arme, Robuste und Ich-Schwache, Siegerfiguren und Resignierte, sind sich fremder als Eingeborene und Einwanderer.

In einer freien Gesellschaft gibt’s keinen Platz für frei vagabundierende Euroströme und wild wachsende Besitzunterschiede.

Am Ende werden die Menschen nur zueinander finden, wenn sie sich im Andern wiedererkennen, sich durch ihn bereichert fühlen und mit ihm um das beste Leben raufen können.

Verstehen heißt nicht zudecken, verzeihen oder entschuldigen. Ohne Verstehen keine Kritik. Verstehen ist die schärfste Waffe der Kritik. Verstehen ist die schärfste Waffe im Kampf um eine Republik, die ein märchenhaftes „Demokratiewunder“ in eine vitale Realität verwandeln kann.