Dienstag, 14. Februar 2012 - Müll, Popper und Hayek

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Müllkekse,

Freeganer? Containern? Das ist Klauen aus moralischen Gründen. Sie hätten‘s nicht nötig, aber sie tun‘s, um die Wegwerfmentalität der Luxusgesellschaften an den Pranger zu stellen.

Der Begriff Luxus ist aus der Mode gekommen. Man spricht lieber von Überflussgesellschaft, was nicht unbedingt dasselbe sein muss.

Der Luxus am Hof war nicht zum Wegwerfen, er gehörte zum notwendigen Stil jener, die sich dem Himmel näher fühlten und sich von andern unterscheiden mussten, die auf der Rangskala tiefer standen. Luxus, Unterscheidungsmerkmal per demonstrativ gezeigtem Reichtum, soll den Rang der Person in materieller Weise darstellen. Schon von außen will sich der Mensch in seinem unterschiedlichen Wert von seinem Nachbarn unterscheiden.

Luxus kann kein Freund der Gleichheit sein. Bei Gleichheit denkt man sogleich an die Chinesen, als sie unter Mao wie blaue Ameisenkolonnen in Reih und Glied marschierten. Oder an ...

... diese endlos-uniformen amerikanischen Suburbs, ein Reihenhäuschen wie das andere, ein abgezirkelter Rasen wie der andere, eine Garage mit demselben Ford wie die andere.

Nicht einfach shoppen, sich Bedienenlassen und schnell wegwerfen, damit die „Inlandnachfrage“ angekurbelt wird, sondern Do it yourself. Blitzende Werkzeuggarnituren an der Wand, Hobelbänke mit Bohrmaschinen, Vater war der Beste, wenn er alles eigenhändig reparieren oder gar herstellen konnte, Mutter die Allerbeste, wenn sie fröhlich Blaubeerenkuchen backen und den munteren Nachwuchs auf Trab halten konnte.

Sonntags der gemeinsame Besuch der schnuckligen weißen Kirche, wo man dem Herrn des Wohlstands innig danken konnte, dass man zu den Erwählten der Weltgeschichte gehörte. Auf Werbeplakaten lachte immer die ganze Familie.

Alles war schrecklich uniform, gleichförmig und langweilig. Höchste Zeit, dass „Der Tod des Handlungsreisenden“ (Arthur Miller) die faule Idylle zerriss und der heilen Familie den Gnadenstoß gab. Nach dem Materiellen kamen die psychischen Leiden der James-Dean-Generation, die wieder Kick und Risiko nötig hatten, um sich nicht gleich zu Tode zu saufen.

Wer fuhr schneller mit Papas großem Schlitten an den Abgrund, wer bremste als letzter, ohne abzustürzen und sich den Hals zu brechen? Jack Kerouac beschrieb das Leben als nimmerendende Reise durchs riesige Land, waghalsig aufgesprungen auf Güterzüge, unterwegs in gestohlenen Autos, in egalitären Überlandbussen. Das war die Fortsetzung der Pilgerreise von John Bunyan auf motorisierten Rädern.

Die Generation Sicherheit, Überschaubarkeit und Berechenbarkeit musste abtreten, im Vietnamkrieg hatte sie ihre militaristische Außenfratze gezeigt.

All das waren die Nachkriegswirkungen des Roosevelt'schen New Deal, als die Reichen fast 90% ihres Einkommens als Steuern abzuführen hatten. Eben: sone Art soziale Marktwirtschaft auf amerikanisch.

Als die Kriegswirkungen verblassten und Amerika nicht länger das Vorbild der Welt sein musste, das – im scharfen Wettbewerb mit dem real existierenden Sozialismus – Kapitalismus passabel mit Gerechtigkeit und Gleichheit zu verbinden wusste, explodierten die Ungleichheitsbedürfnisse in den USA.

Doch bevor der große Run auf den Mammon beginnen konnte, gab‘s erst noch eine Zellteilung der gärenden Kräfte. Die Hippies machten love, not war und übten das einfache, spontane und freie Leben, nachdem sie Hermann Hesses Steppenwolf und buddhistische Erbauungsbücher verschlungen hatten. Der familiäre Glaube der baptistischen Suburbs wurde nicht angegriffen, man hoffte ihm durch Flucht in asiatische Yogawahrheiten und in gefühlten, oberflächlichen Kosmopolitismus zu entkommen.

Das sah im bunten Kalifornien herzerfrischend aus, war aber halbherzig und kam alsbald unter die Räder der Neoliberalen und des backlash zum wahren Glauben, der heute die Welt beherrscht. Wir haben Mittelalter auf planetarischem Internetniveau, Erlösermythen beherrschen die Welt.

Ausgerechnet in Readers Digest, dem betulichen Magazin für die standardisierte weiße protestantische Vorortfamilie, durfte Ronald Reagan, B-Movie-Darsteller und eifriger Gewerkschaftler für unterbezahlte Hollywood-Schauspieler, seine neuesten Milton Friedman-Erkenntnisse auf die Do it yourself-Gesellschaft abfeuern.

Friedman hatte die ökonomische Schule der Chikago-Boys gegründet, die missionarisch in die ganze Welt strömten – am liebsten zu schlichten und kernigen Diktatoren wie Pinochet in Chile –, um aufwärtsstrebende Musterländer in Ungleichheit aus dem Boden zu stampfen.

Chile hat daran bis heute zu leiden, es ist eines der sozial zerrissensten und zerklüftetsten Länder der Welt. Momentan rebellieren chilenische Studenten gegen ein Bildungssystem, das nur reichen Bälgern offen steht. Die weibliche Galionsfigur der „kommunistischen Rebellen“ besucht gerade Berlin.

Milton Friedman hatte sein Rüstzeug in der schweizerischen Mont-Pelerin-Society (MPS) erhalten, der Urzelle aller neoliberalen Thinktanks, die in der Nachkriegszeit in schnell wuchernden Metastasen die westlichen Wirtschaftsnationen überschwemmten.

Führende Köpfe der MPS waren lange Zeit die beiden adligen Altösterreicher Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises, die den Niedergang des Habsburgischen Reiches im ersten Weltkrieg nicht anders zu verkraften wussten, als wenigstens den Adel der Betuchten gegen die linken Gleichmacher zu führen, um denen die Luft abzuschnüren.

Hayek, früh von Wien nach England emigriert, um die Vorherrschaft Keynes’ zu brechen, hatte sich einen Namen gemacht mit seinem Buch gegen Hitler: „Der Weg zur Knechtschaft“. Von diesem antitotalitären Ruhm zehrte sein folgender leidenschaftlicher Fight gegen alles Sozialistische.

Der Nationalsozialismus war für ihn die logische Konsequenz einer Ideologie, die sich anheischig machte, die „Illusion der sozialen Gerechtigkeit“ als machbar darzustellen. Der Kampf gegen das „soziale Wieselwort“ stand ab jetzt unter dem Vorzeichen, ein Kampf gegen den Totalitarismus zu sein.

Wer gerechte Verhältnisse will, will den Himmel auf Erden. Wer den Himmel auf Erden will, wird die Hölle schaffen. Ein Lieblingszitat Hayeks war Hölderlins Satz aus dem Hyperion: „Immer hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.“

Das war auch das Motto Karl Poppers, der seinen Weltruhm Hayek zu verdanken hatte und seinem Gönner tatsächlich ein Leben lang dankbar war. Allzu dankbar, denn er unterließ, den Kurs seines Freundes und Gönners genauer unter die Lupe zu nehmen, um dessen Lobpreisungen der Ungleichheit und eines allweisen Marktes zu kritisieren.

Popper war linker Sozialdemokrat, hielt viel von Gerechtigkeit, weswegen Helmut Schmidt sich als eifriger Schüler und Parteigänger Poppers zu erkennen gab.

Poppers und Hayeks Positionen passten zusammen wie die Faust aufs Auge. Doch die tiefliegenden Differenzen wurden durch die persönliche Loyalität zwischen den beiden Ex-Wienern überdeckt und ist bis zum heutigen Tage nicht aufgearbeitet.

Die heut herrschenden Ökonomen rechnen lieber, als sich mit lästigen philosophisch-historischen Grundsatzforschungen abzugeben. Für solche Kärrnerarbeit wird man nicht zu Plasberg und Jauch eingeladen, die lieber Pastor Hintze zum xten Mal über Wulff befragen.

Auch Poppers Motto war eine Variante Hölderlins und lautete: „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle.“

Hölderlin, der lebensunfähige Ex-Theologe, der 40 Jahre seines Lebens in geistiger Umnachtung in Tübingen dahinvegetierte, (es gibt Germanisten, die diese Verrücktheit als bewusste Simulation und Flucht vor der Realität deuten), hatte diesen Satz als Reaktion auf die terroristische Phase der Französischen Revolution formuliert.

Dass diese Gefahr besteht, hatte Popper in seinem Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ anhand Platons gerechtem Staat mustergültig gezeigt, den er als faschistisches Urmodell aller späteren abendländischen Imitationen analysierte.

Platon wollte Gerechtigkeit auf Erden, ungerechte Verhältnisse waren für ihn der Kern aller gesellschaftlichen Zerwürfnisse. Nur in einem gerechten Staat – Politeia – konnte Harmonie und Frieden unter den Menschen hergestellt werden. Frieden und Versöhnung waren für Platon der Inbegriff der Wahrheit.

Wo wahre Verhältnisse herrschen, ist das Paradies auf Erden erreicht, das keinen Wandel mehr nötig hat und also allen Wandel – die Sucht nach dem Neuen – ablehnt. Wenn etwas perfekt ist, kann seine Veränderung nur Verschlechterung sein. Die moderne Sucht nach stets neuen Herausforderungen war für Platon Symptom einer tiefliegenden gesellschaftlichen Krankheit.

Seit Platon gelten alle gerechten und utopischen Bestrebungen als totalitarismusverdächtig. Allerdings nur in England, deutsche Graecomanen hielten nichts von Demokratie, bevorzugten stets platonische Aristokratien, Monarchien und – Führerdespotien.

In Nachkriegsdeutschland hielt eine antiplatonische Grundstimmung Einzug in die postmoderne Unübersichtlichkeit. Von daher die feuilletonistische, nassforsche Allergie gegen die Lösbarkeit von Problemen, ja, gegen die Machbarkeit humaner Verhältnisse auf Erden überhaupt. Selbst Linke oder solche, die sich dafür halten, nehmen den Begriff „Lösbarkeit“ nur mit Abscheu in den Mund. Wie der Kunstprofessor und ehemalige Beuys-Gefährte Bazon Brock, der politische Probleme kategorisch für unlösbar hält.

„Auf Erden können Probleme nur durch Schaffung neuer Probleme gelöst werden … Die Interaktion zwischen vielen kleinen Folgeproblemen beherrscht niemand, weil sie zu komplex sind. Wir müssen lernen, anzuerkennen, dass Probleme deshalb wichtig sind, weil man sie nicht lösen kann. Also muss man lernen, mit unlösbaren Problemen sinnvoll umzugehen, statt mit Omnipotenzgebaren als Politiker oder Ökonom zu behaupten, wir könnten mit dem Kopf durch die Wand, wenn wir nur die richtigen Helme bauten.“

Auch Bazon bewegt sich noch in den Spuren Hölderlins, Hayeks und Poppers. Popper allerdings war in sich zerrissen, er war sehr wohl davon überzeugt, dass der Mensch durch Versuch und Irrtum dazulernen, durch „Stückwerktechnologie“ seine Probleme lösen könne. Als leidenschaftlicher Anhänger des Sokrates glaubte er an die Vernunftfähigkeit des Menschen.

Ganz im Gegensatz zu seinem großen Freund Hayek, der den Satz von der beliebigen Machbarkeit menschlicher Verhältnisse nach moralischen Kriterien für den Ursatz aller sozialistischen Verblendungen hielt.

Hayek hielt das Marktgeschehen für wesentlich intelligenter als den Menschen, der dem Markt nur Angebote machen könne, dann müsse er das Schicksalswort des Marktes abwarten. Welche Angebote sich durchsetzen werden, darüber könne man nur raten.

Welche Marktwettbewerber nach oben gespült und welche überfahren werden, das sei alles das Werk des von der Evolution geschickten Marktes. Mit Leistung habe das nichts zu tun, denn Leistungsgerechtigkeit wäre ja auch eine Form der Gerechtigkeit und die gebe es nicht.

Die FDP ist zwar in hohem Maße von Hayek geprägt, doch ihr Propagandaslogan: Leistung muss sich wieder lohnen, ist das Gegenteil von Hayeks Philosophie. Nach ihm ist Marktgeschehen ein Glücksspiel, ein Zockerunternehmen, eine Wette mit ungewissem Ausgang:

„Wie schon Adam Smith verstanden hatte, ist der ganze Marktprozess am besten mit einem Spiel vergleichbar, das die Menschen langsam zu spielen lernten, weil jene Gemeinschaften, die es am eifrigsten spielten, prosperierten. Es ist notwendig, eine Mischung von Glücks- und Geschicklichkeitsspiel, und beide Faktoren müssen zu der Bestimmung der Gewinne der einzelnen beitragen, wenn es seine Funktion erfüllen soll. Für den Beobachter ist es dabei meist unmöglich, zu unterscheiden, wie viel vom Anteil jedes einzelnen seinem Geschick und seinem Fleiß und wie viel dem Glück zuzuschreiben ist.“

Der Mensch kann sein Schicksal nicht machen, nicht nach moralischen Grundsätzen gestalten. Dazu ist er zu einfältig, zu abhängig von evolutiven Mächten des allweisen Marktes. Bei Hayek ist der Markt an die Stelle Gottes getreten. Gott gibt’s, Gott nimmt's, der Name des Marktes sei gepriesen. „Der Herr macht arm, der Herr macht reich, er erniedrigt und er erhöht. … Denn der Mensch vermag nichts aus eigener Kraft.“ (1.Sam. 2,7 ff)

Mitten im Zentrum des stolzen Neoliberalismus, der sich in amerikanischer Version der Machbarkeit aller Dinge rühmt, verbirgt sich der altkatholische Glaube Hayeks an die Unfähigkeit des Menschen, sein Schicksal selbst in die Hände zu nehmen und in eigener Regie zu gestalten.

Diese Wirtschaftsideologie ist nichts als die Wiederaufnahme eines gegenaufklärerischen Demutsglaubens, dass der Mensch sich höheren Mächten zu beugen habe. Früher pflegte man zu sagen: unter den Willen Gottes, heute heißt es: unter den Willen der markt-zockenden Evolution.

Mit Poppers kantianisch-sokratischem Denken hat das so viel zu tun wie Platon mit einer offenen Gesellschaft. Erst nach dem Tode Hayeks bedauerte Popper – wenn man Insidern glauben darf –, dass er sich nicht energisch genug gegen dessen vernunft- und menschenfeindliche Philosophie aufgelehnt hatte.

Auch Poppers Schüler in Deutschland, die Kritischen Rationalisten mit dem Mannheimer Hans Albert an der Spitze, beschäftigten sich lieber mit abstrakten Wissenschaftstheorien, als mit dem energischen Versuch, die Debatte um Gerechtigkeit, Utopie und Machbarkeit neu aufzugreifen und weiter zu führen.

Platon war nicht gescheitert, weil er gerechte Verhältnisse wollte, sondern weil er gerechte Verhältnisse den Menschen mit Gewaltmethoden aufs Auge drücken wollte.

Diesen alles entscheidenden Unterschied zwischen Inhalt und Methode haben die Linken bis heute nicht kapiert. Unter Marx'schem Einfluss kokettierten sie allzu lang mit totalitären Methoden.

Wer gerechte Verhältnisse will, braucht gerechte Methoden. Und die sind: auf Vernunft setzen, auf Argumente, auf demokratische Abstimmung des Volkes, auf die Lernfähigkeit des homo sapiens.

Worauf wollte ich heute hinaus? Ach ja, Wegwerfen und Luxus. Es gibt kreative Leute, die weggeworfene Kekse und andere essbare Dinge systematisch sammeln und dem Verzehr zuführen.

In Deutschland sind solche Taten strafbar, denn Müll ist Privatbesitz der Müllproduzenten, also der unmoralischen Wegwerfer. Anders in Österreich, dort konnte sich Müll vom kapitalistischen Eigentumsbegriff befreien.

Man könnte sagen, in Deutschland entgeht kein Ding dem harten Zugriff des privaten Besitzes: von der Wiege bis zur Bahre der verderblichen und unverderblichen Güter.

Ausgerechnet in Hayeks Herkunftsland hat sich die Doktrin durchgesetzt: die Nutzung des Mülls ist dem Menschen machbar. Bei uns hingegen gilt Bazon Brock: das Müllproblem ist zu komplex, als dass es der Deutsche lösen könnte. Wer es dennoch für machbar hält, erscheint totalitarismusverdächtig.

Ergo: wer sich bei uns gegen luxuriöse Verwahrlosung wehren und von Müll leben will, muss unter die Beobachtung des Verfassungsschutzes.