Montag, 13. Februar 2012 - Antinomie

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Umweltschutzes,

Umweltschutz ist Diktatur, Klimawandel ist Lüge, sind Wahlkampfparolen im urchristlichen Amerika, wo Schwulsein als widernatürlich und antigöttlich gilt. Als ob Natur und Gott in der Bibel identisch wären.

In Deutschland hat noch niemand die Frage gestellt, warum biblizistische Christen etwas gegen Umweltschutz haben. Noch niemandem ist aufgefallen, dass aufgeklärte deutsche Christen sich ihrer fundamentalistischen Glaubensgenossen im Bible Belt schämen.

Beide verehren dasselbe heilige Buch, doch wunderbarerweise steht in der amerikanischen Ausgabe was ganz anderes als in der deutschen. Der Text ist ungefähr der gleiche, die Deutungen klaffen himmelweit auseinander.

Wirtschaftlich vertreten Amerikaner die größtmögliche Freiheit, religiös unterwerfen sie sich dem unantastbaren Buchstaben. Beim Begriff Aufklärung, wenn sie denn verstünden, worum es da ginge, würden sie den Colt ziehen. Lutherisch könnten sie sagen: das Wort, sie sollen lassen stahn und kein Dank dafür haben.

Deutsche Lutheraner sind durch die Aufklärung hindurchgegangen, allerdings schnell und zügig, dass sie nicht allzu sehr davon bedröpselt werden. Seitdem haben sie die Meinung des ...

... führenden Theologen der Romantik, Friedrich Schleiermacher, übernommen, jeder wiedergeborene Christ müsse in der Lage sein, seine eigene Bibel zu schreiben.

Doch mit erheblichen Einschränkungen. Das klang ihnen allzu kühn. Also machten sie einen Kompromiss, klammerten sich an Hülle und Text des alten Buches, in das sie die jeweils herrschende Tagesphilosophie als neueste Offenbarung eintrugen.

Sie handelten wie moderne Regisseure, die mit Hilfe klassischer Stücke ihre eigene Ideologie präsentieren. Unfähig, ihre gesammelten Weisheiten unter ihrem Namen zu veröffentlichen, kriechen sie beim alten Text unter, höhlen ihn aus bis zur Unkenntlichkeit und kündigen das Allerneuste unter dem Etikett des verstaubten Originals an.

Deutsche Bibeldeuter schlüpfen in die Maske des Höchsten, hinter der sich ängstlich-dreiste Menschlein verstecken. So sind wir Deutsche: außerordentlich kühn – an der Hand des himmlischen Papas; außerordentlich frei – aber gebunden in Christo.

Die Amerikaner, außerordentlich frei in Moneymaking, doch gebunden an den Buchstaben, lesen nichts von Umweltschutz in ihrer Schrift. Im Gegenteil, vom ersten bis zum letzten Buch können sie nachlesen, dass Natur eine minderwertige Plattform zur Abwicklung der höherwertigen Heilsgeschichte ist.

Die einzige Ehre der Natur besteht darin, verbraucht, abgenutzt und vertilgt zu werden. Erst am Ende der Geschichte wird die wahre göttliche Natur als das absolut Neue am Horizont auftauchen.

In dieser Hinsicht sind Deutsche wie Paulus, der sich mit Hilfe eines neuen Glaubens vom alttestamentarischen Gesetz abnabeln wollte, um sich von der Diktatur unerfüllbarer göttlicher Paragraphen zu befreien.

Als in Griechenland die Philosophen sich von allen undurchdachten Traditionen lösten, um die Freiheit des eigenen Denkens in die Welt zu tragen, wurde auch der mit hellenischem Geist vertraute Paulus vom Virus der Freiheit befallen. So frei aber sollte die Freiheit nicht werden, dass sie vor der Welt als gottlose Anarchie hätte empfunden werden können.

Also Kompromiss: zwar frei, aber gebunden, um die unfreie Welt nicht vor den Kopf zu stoßen, die man für den neuen Glauben gewinnen wollte. „Denn wiewohl ich allen gegenüber frei bin, habe ich mich allen zum Knecht gemacht, damit ich die Mehrzahl von ihnen gewinne.“ (1.Kor. 9,19) „Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist heilsam: alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Niemand sucht das Seine, sondern jeder das des andern.“ (1.Kor. 10,23 f)

Für mich, unter den Augen des Höchsten, bin ich frei, doch aus Propagandazwecken tue ich, als sei ich genau so unfrei wie diejenigen, die ich gewinnen will. „Allen bin ich alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.“ (1.Kor. 9,22) Sogar den Juden, seinen leiblichen Brüdern, wollte er ein Jude werden: „denen, die unter dem Gesetz stehen, als ob ich unter dem Gesetze stünde – obgleich ich nicht unter dem Gesetz stehe – damit ich die unter dem Gesetze Stehenden gewinne.“ (1.Kor. 9,20 f)

Da wollte Paulus die Juden mit seiner neuen Doktrin als Heuchler und Pharisäer entlarven, nun wollte er scheinen wie sie? Merkwürdige Strategie. Hätte sich ein christlicher Antisemitismus entwickeln können, wenn die neuen Jesuaner sich an Pauli Anweisung gehalten und den Juden Juden geworden wären?

Oder war diese PR-Devise unerfüllbar und blieb ein emotionaler Traum des Paulus, der eines fernen Tages Christen- und Judentum zusammenführen wollte? Ein Traum, der quer durch die Geschichte des Abendlandes ging und heute weltpolitische Bedeutung erhalten hat, weil amerikanische Biblizisten die baldige Konversion der Juden zu Christus erwarten, damit er als Messias in Jerusalem einziehen kann.

Auf dieser Illusion beruht die heutige Überallianz Amerikas mit Israel, die in der Welt als Weltdominanz des Judentums wahrgenommen wird, obgleich sie ohne den Glauben fundamentalistischer Christen nicht möglich wäre. Weltgeschichte reduziert sich immer mehr auf immer deutlicher werdende Kollateralschäden diverser Harmonie-Utopien und Disharmonie-Ängste zwischen Juden und Christen.

Im Dreierreigen der abrahamitischen Religionen dienen die Muslime als bloßes Spielmaterial: als früherer Zufluchtsort für jüdische Flüchtlinge, wenn sie vor christlichen Pogromen flüchten mussten oder heute als gemeinsamer Feind, der Juden und Christen weltpolitisch vereint.

Wenn man sich frei fühlt, sich aber unfrei gibt, um die Unfreien für sich zu gewinnen, begibt man sich gnädig auf das Niveau der zu Gewinnenden hinab. Man lebt ein Doppelleben: für sich frei und anarchisch, für andere angepasst und gesetzeskonform.

Was nützt Freiheit, wenn man sie nicht – um das beliebte Libertinagewort zu benützen – „ausleben“ darf? Verrucht, wenn man sein Leben auslebt, dann ist es bald aus mit dem Leben. Jedenfalls mit dem anständigen.

Dass dieser moralische Doppelstandard auch als Heuchelei empfunden wird, kann nicht verwundern. Also müssen die Freien ihre Freiheit vor den Augen der Unfreien verbergen, nach außen Wasser predigen, innen aber Wein trinken. Wird diese Komödie nicht perfekt gespielt, haben die Freien ihre Integrität bald verspielt.

Was eigentlich bedeutet Freiheit? Freiheit vom Gesetz Gottes. Die zehn Gebote und andere Gesetze hat Gott Gojim und Ungläubigen nur gegeben, damit sie nicht total verwildern.

Wahre Gläubige benötigen keine Vorschriften mehr. Über den Kinderkram der Zehn Gebote sind sie hinaus. Erfüllt und erleuchtet vom Heiligen Geist können sie gar nicht mehr sündigen. Zur Sünde sind sie unfähig geworden. Der wahre Geist Gottes macht sie vollkommen.

Luther, der die antinomische (= gesetzwidrige) Anarchie verdammte (in seiner Schrift „Wider die Antinomer“), war gleichwohl nicht frei von gesetzlosen, libertinistischen Anwandlungen: „Sündige tapfer, aber glaube“. Das war die Übersetzung der gleichsinnigen Forderung seines Vorbildes Augustin ins Protestantische: „Liebe und tu, was du willst“ (ama et fac, quod vis).

Wenn du ein gläubiger Christ bist, kannst du tun und machen, was dir einfällt, deine wahre Motivation verwandelt jedes Tun, und sei es noch so pervers und ungesetzlich, in ein unanstößiges Verhalten. Mit anderen Worten, für Erleuchtete gibt es kein Böses mehr. Sie sind in den Urzustand des perfekten Guten und Heilen zurückgekehrt.

Nicht wenige urchristliche Sekten fühlten sich schon hienieden im Stand der Perfektion und ließen sexuell nichts mehr anbrennen. Wenn Nietzsche seinen an Leib und Seele rechtwinkligen Übermenschen jenseits von Gut und Böse ansiedelte, beschrieb, ob er’s wusste oder nicht, den perfekten, über allen Gesetzen stehenden Christen.

Kein Wunder, dass die auf Macht basierenden Kirchen von solchen Libertinisten nichts wissen wollten und sie schnell domestizierten. Wären die Gemeinden solchen Sirenengesängen gefolgt, wäre der Vergebungs- und Gnadenapparat der Priester überflüssig geworden, die alle Einschüchterungsmacht über ihre Schäfchen verloren hätten.

Das Judentum übrigens war von solchen Strömungen nicht frei. Gershom Scholem erwähnt in seiner Biografie des gescheiterten jüdischen Messias "Sabbatai Zwi" den Segensspruch des als Muslim gestorbenen Heilsbringers: „Gesegnet seist du, oh Herr, der du das Verbotene erlaubt hast.“ (S. 745) Er soll sich beispielsweise der Fähigkeit gerühmt haben, mit Jungfrauen geschlafen zu haben, ohne sie zu entjungfern.

Auch andere, sonst streng verbotene Handlungen, waren ihm und seinen Anhängern erlaubt. Nichts mehr war ihm verboten. „Es war in der Tat eine Demonstration des antinomistischen, revolutionären Messianismus“, wie Scholem schrieb.

Kein Wunder, dass die gesetzesstrengen Rabbiner – wie die christlichen Kirchen – energisch gegen die anarchische Brut vorgingen, die imstande war, die offiziellen Gemeinden in Verruf zu bringen.

Klar, dass diese Tradition in den Untergrund gehen musste und von Theologen und Kirchenfürsten bis heute unter Verschluss gehalten wird, was sie nicht daran hinderte, auf verborgenen Kanälen ins allgemeine Geistesleben einzudringen.

Siehe Nietzsche, Marquis der Sade. Siehe das „Geheime Deutschland“, jene elitären Gruppen unter dem Einfluss des Stefan George, dessen Einfluss bis in die gegenwärtige Odenwald-Affäre reicht. Wenn Hartmut von Hentig keine Reue zeigt, sein Freund Becker als Anstaltsleiter die neuen Eleven am ersten Tag mit dem Satz begrüßte: Hier ist alles erlaubt, so sehen wir die untergründige Strömung der Antinomer als Fundament der Reformpädagogik ins Werk gesetzt, das der pöbelhaften und uneingeweihten Öffentlichkeit streng vorenthalten wurde.

Wir Auserwählten haben unsere eigene Moral und stehen weltenweit über der Sklavenmoral der Menge, so die ungeschriebene elitäre Selbstauszeichnung der Internatsbewohner, die die sexuellen Opfer lange daran hinderte, sich Eltern und Internatsfremden anzuvertrauen.

Dumm nur, wenn das perfekte Tarnungsspiel der modernistischen Antinomer durch Zufall ans Tageslicht kommt. Dann hilft nur Abwiegeln und Verharmlosen, vor einer demokratischen Meute haben Freie im Herrn sich nicht zu verantworten.

Die ganze abendländische Geschichte von den ersten Tagen an bis heute lässt sich nicht auf die Geschichte eines strengen biblischen Über-Ich reduzieren. Das war allenfalls die Geschichte fürs Alltagsleben der Massen minderwertiger Schafe, die man mit strengen Predigten disziplinieren musste (Nomismus).

Der geheime Untergrund wurde von elitären Libertinisten bestimmt, die schon hienieden den Stand moralischer Perfektion erreicht hatten und denen nichts mehr verboten war. Das Böse hatten sie besiegt.

Auch die amerikanische Nation ist eine hochgradig antinomistisch gestimmte Nation, die sich als reine Achse des Guten empfindet und alles Böse bei ihren ungläubigen oder falschgläubigen Feinden ablädt. Gründe zur Selbstkritik gibt es für sie nicht mehr, stets hat die selbstbewusste Nation eine reine kollektive Weste. (Höchstens im Privatbereich darf noch geschmuddelt werden, solange man sich nicht erwischen lässt) Der Balken ist stets im Auge der anderen.

Auch die europäische Postmoderne ist ohne antinomistisches Flair in ihrem moralischen Relativismus nicht verständlich. Die Deutsche Bewegung seit Hegel, der jede Moralvorschrift für Geschäftsführer des Weltgeistes als Kammerdienermoral diffamierte, setzte sich in strikten Gegensatz gegen die westliche Demokratie- und Menschenrechtsbewegung.

Eine für die ganze Menschheit generell geltende kategorische Moral à la Kant war Hegelschülern und der „Historischen Rechtsschule“ ein absolutes Unding. Savigny, der Begründer dieser Rechtsschule, forderte für jede Nation ein auf ihre Bedürfnisse und Traditionen zugeschriebenes Recht.

Wie jedes Individuum unvergleichlich, war jedes Volk individuell-unvergleichlich und keiner allgemeinen Moral untertan. Jede Nation hatte das Recht auf einen Sonderweg, um aus dem Dunklen ins Licht zu kommen. Welche Moral im Konfliktfall Recht hatte, musste der Gottesbeweis des – Krieges entscheiden.

Durch Argumentieren auf der Basis einer generellen Logik war nichts gewonnen, denn auch diese war nur ein Hirngespinst solcher Moralisten, die ihre Version des Guten mit trickreichen Methoden der Welt überstülpen wollten. Wenn man nicht mehr miteinander reden kann, hilft nur noch bloße Gewalt.

Das tagtägliche Feuilleton ist postmodernistisch okkupiert. Moral ist nichts als ein Kick der Selbstgerechtigkeit, schreibt der Zukunftsforscher Matthias Horx in der BZ/FR.

Zukunftsforscher klingt pompös nach Prophetie. Natürlich wissen sie nicht, was Zukunft bringt, sie schauen sich nur intensiv die Gegenwart an, um die Zukunft hochzurechnen. Vorausgesetzt, dass die von ihnen gefundenen Strömungen eine gewisse Verlaufskonstanz aufweisen.

Die überhand nehmenden moralischen Entrüstungen der Gegenwart hätten nichts mit wahrer „Läuterung“ zu tun, sondern mit dem Bedürfnis nach Selbstgerechtigkeit.

Selbstgerechtigkeit ist Gerechtigkeit, die man sich selbst attestiert. Insofern ist sie das Gegenteil zur lutherischen „Gerechtigkeit allein durch Gnade“. Wenn Horx Selbstgerechtigkeit verdammt, wandelt er auf lutherischen Spuren der Diffamierung des Menschen als sündige und moralunfähige Kreatur.

Bei Horx ist Kants sapere aude noch nicht angekommen, dass der mündige Mensch sich per Vernunft selbst zu einem moralischen und gerechten Wesen machen soll. Dabei regrediert Horx vollständig in die Sonderwegarme der Deutschen Bewegung.

Über Moral könne man öffentlich nicht diskutieren. Sie sei im Wesen individuell. Als kollektive Attitüde sei sie schnell reaktionär, mutiere zur Zeigefingergeste, zum wohlfeilen Beißreflex, der vor allem die Abwertung anderer zum Ziel habe.

Offensichtlich wähnt sich Horx in einer moralfreien Zone. Er muss annehmen, dass seine Position eine unmoralische sei, dass er niemanden abwerte, niemanden mit dem Zeigefinger bedrohe.

Was ist schlimmer als Selbstgerechtigkeit? Selbstverblendung. Horx scheint unter Moral nur die „reaktionäre, zubeißende“ Moral der Kanzlerredner zu kennen, die mit dem Zeigefinger des Heiligen Geistes die ganze Menschheit bedrohen. Deswegen spricht er von der katholischen Kirche.

Moral mache für die Wirklichkeit blind. „Wir haben keine Ahnung, was wirklich in Griechenland passiert“. Wie herrlich, Zukunft zu kennen, aber nicht zu wissen, was sich in gegenwärtig politischen Niederungen abspielt.

Was ich nicht weiß, dafür brauch ich keine Moral. Bloß gut, dass Wirtschaft garantiert moralfrei ist. Wir wären noch gezwungen, Stellung zu beziehen.

Selbstverblendung plus Blindheit ist das Wesen Horx‘scher Fremdgerechtigkeit mit verstecktem Mittelfinger. Lasset uns knien und um die Gerechtigkeit des Himmels flehen, sind wir doch allemal Sünder und mangeln des Ruhmes. Herr, wir preisen dich, dass du uns das Verbotene erlaubt hast. Gibt es doch nichts Unmoralischeres unter der Sonne als Moral.

Als furchtlose Deutsche diesen Satz beim Wort nahmen und moralisch durch Unmoral werden wollten, begann der Abstieg.