Freitag, 06. Januar 2012 - Der politische Gottesknecht

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Kopierens,

kopiere mich, copy me. In Schweden sind bekennende Kopierer als Kirche anerkannt worden. Sie nennen sich Kopimisten.

Wäre der Lügenbaron Schwede, hätte er sich auf Glaubensfreiheit berufen können. Informationen sind heilig und frei, jeder soll sie nach seiner Facon abkupfern können. In diesem Sinn ist der Adlige der erste Fall eines Glaubensmärtyrers, der sich für das freie Recht heiligen Kopierens geopfert hat.

Vermutlich steckt seine Frau dahinter, die schwedisches Blut in ihren bismarckschen Adern haben soll. Der Baron hat alle Chancen, zum heiligen Schweden zu promovieren. Das verträgt sich elegant mit dem hohen C seiner Parteizugehörigkeit, denn Christsein heißt, den Herrn in allen Dingen zum Vorbild nehmen. Mit anderen Worten: den Herrn kopieren. Denn dazu seid ihr berufen worden, weil Christus euch ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt.

Thomas Macho hat ein dickes Buch über "Vorbilder" geschrieben. Als er im SWR2 mit zwei gewichtigen Herrn, einem Historiker und einem Literaturwissenschaftler, über das Thema debattierte, fielen weder die Namen Jesus noch Wulff. Natürlich war es keine Debatte. Die Fechtkunst mit trefflichen Argumenten ist postmodernen Wahrheitsbesitzern, die die Wahrheit leugnen, abhanden gekommen. Man sollte ...

... von einem Triple-Konzert sprechen mit einem Moderator als eilfertigem Dirigenten.

Was ist Vorbild? Vorbild ist eine Prothese, eine temporäre Krücke, die man als Kitabesucher eine Weile benötigt, spätestens als Jungprofessor verächtlich wegwirft, sagte der Vollprofessor.

Die deutschen Intellektuellen der schreibenden Abteilung haben sich fast einstimmig zum verächtlichen Wegwerfen des Vorbildes entschieden. Von Wulff natürlich. Doch insgeheim könnten sie auch den vorbildlichen Sohn unerreichbarer Väter gemeint haben, der sich als wenig beispielhaft erwiesen hat.

Wenn man sich schon nicht an die höchsten Autoritäten wagt – wie Glaube oder Wirtschaft –, kann man zumindest deren Erben verprügeln. „Als jedoch die Schreiber den Sohn sahen, sagten sie untereinander: Dies ist der Erbe: kommet, lasst uns ihn töten und sein Erbgut behalten.“

Da spielt auch ein gewichtiger Altersunterschied eine Rolle. Die meisten Edelfedern sind 68er-Veteranen, die per Karriere den neoliberalen Vandalensturm in sicheren Verhältnissen, aber mit schlechtem Gewissen, überstanden haben. Jetzt stehen sie einem lächerlichen Jungspund und Azubi gegenüber, der in keinem maoistischen Straßengraben gelegen hat, um das System zu stürzen. Gleichwohl müssen sie sich reinigen von aller Schuld, die sie in ihrer menschelnden Seele gehortet haben.

Sie dürfen menscheln, das Vorbild nicht. Sollte menscheln von Mensch kommen, darf Wulff kein Mensch sein. Er sollte vielmehr – jaja – weise, moralisch-fleckenlos, ehrenhaft, gnadenlos-selbstkritisch, stilsicher-demütig, von einwandfreier präsidentieller Körperhaltung und souveräner Posensprache sein. Seine Freunde sollte er sich unter Obdachlosen und Klinkerhüttenbesitzern suchen, damit er den geringsten falschen Schein vermeiden kann. Ergo sollte er eine Mischung aus Mutter Theresa und Baronin zu Guttenberg sein, wenn man das androgyn formulieren darf.

Ist es nicht höchst verwunderlich, abendländisch-christliches Verhalten verstehen zu wollen – ohne christliche Paradigmen als hermeneutische Hilfsmittel nur in Betracht zu ziehen? Wie stolz sie sind auf den vom Blut ihrer Märtyrer gedüngten Boden des Okzidents. Doch Fußstapfen des Herrn? Fehlanzeige. Spuren des Heilands im täglichen Leben? Abwegig. Das Triebleben der Modernen ist heidnisch. In diesen Hades ist noch kein Erlöser hinabgestiegen, um Ödipus durch Golgatha zu ersetzen.

Natürlich ist das Land des Bonifatius von der Kirche bis ins Unbewusste imprägniert, doch das Bewusstsein der Bergprediger-Kopisten will nix davon wissen. Doch von welcher Kirche geprägt? Der leidenden, der militanten, der triumphierenden?

Weiß man, dass deutsche Nazichristen auch Angehörige der Kirche waren? Der ecclesia militans, die die Phase der leidenden Kopfnicker – ecclesia patiens – schlagartig beenden wollte? Prantl weiß das nicht, und der ist Laientheologe. Der klammert sich stets an das pazifistisch-idyllische PR-Logo der ecclesia militans: das süße kleine ohnmächtige Jesulein.

Dass dieses harmlos scheinende Bürschchen der furchterregende Pantokrator des Universums in statu nascendi ist, könnte er in wunderschönen Kathedralen von Deckenmosaiken ablesen, die gibt’s aber in Bayern nur selten. Hat aber nicht die deutsche Ausgabe eines eingeborenen Sohnes der Vorsehung vor wenigen Dezennien seine ersten Fußspuren in München hinterlassen, wo Prantls Süddeutsche schon einige Jahre residiert? Alles uninteressant. Seit Vergangenheit bewältigt und umzingelt wurde, liegt sie verscharrt an der Biegung des Flusses.

Wir erleben einen aufregenden Moment in der tiefenpsychologischen Geschichte unserer Republik und der Vierten Gewalt. Die Tagesschreiber überspringen den Vatermord, indem sie den degenerierten Sohn kollektiv aus dem Tempel jagen. Vater steht für exquisite Tradition im Allgemeinen, Sohn für die Verkörperung derselben auf dem obersten Stuhl unseres Gemeinwesens.

Der Nette, Tadellose entlarvt sich als germanische Ausgabe von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Dabei ist er lediglich die landestypische Ausgabe eines ehrgeizzerfressenen Profipolitikers aus der frommen Betertruppe. Nach Prantl hat er die Ursünde begangen, nicht lebenslang das ohnmächtig-pausbäckige Krippenkind geblieben zu sein und sich zu einem Augustus redivivus entwickelt zu haben. Da muss man sich als Krippenanbeter doch schämen, einem solch heidnischen Teufelsbalg aufgesessen zu sein, der als ehrgeizzerfressener Christ die Macht und nix als die Macht begehrte.

Wie sagten die Marx-Brothers? Jener Klub, der sie akzeptiere, komme für sie nicht in Frage? Müsste man nicht analog formulieren: Christen, die ein hohes Amt erstreben, haben sich dadurch schon disqualifiziert?

Der linke Augstein redet schon wieder von Ehre, obgleich die Linken bislang den Begriff mieden wie der Teufel das Weihwasser. Steht im Grundgesetz: die Ehre des hohen Amtes ist unantastbar? Schon lange darf man das hohe Amt nicht beschädigen, doch das war nur Code-sprache jener, die selbst unangreifbar sein wollten.

Was Freud Über-Ich nennt, ist politisch das Amt des Bundespräsidenten. Man kann auch von Gewissen oder der Stimme Gottes sprechen. Diese Vaterinstanz darf nicht ramponiert werden, sonst geht’s mit der ganzen Gesellschaft bergab. Sieht man von wenigen Kasperln ab, die das Amt gleich schleifen wollten. Beispielsweise ein Herr Neven DuMont, Herausgeber der FR/BZ, der einen Mann fast ohne Fehl und Tadel sah, ganz im Gegensatz zu uns kleinen Sünderlein.

Andere sahen das gerade Gegenteil: einen zerknirschten Sünder, dessen öffentlicher Gang nach Canossa – identisch mit ARD/ZDF – nur ein wenig aus dem Ruder lief. Seine Reue war schlecht inszeniert. Solch stillose Instinktlosigkeit vergeben die Auguren öffentlicher Inszenierungen niemals.

Selbst die schärfsten Ankläger betonen, die realen Sündentaten könne man vergessen. Nicht der Ehebruch ist entscheidend, sondern die unsichtbaren Bedürfnisse nach der fremden Frau: Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, ist des Teufels. Sie bewerten Gesinnungen, schauen den Politsündern direkt ins Gehirn.

Entscheidend ist nicht die Tat, sondern die nachträgliche Buß-Inszenierung einer möglichen Tat. Denn schuldig ist jeder immer. Nur, wie geht man publikumswirksam mit der infamen Gesinnung um?

Sie, sonst Kritiker aller Inszenierungen, wollen keine schnöden Fakten, sondern gelungene Inszenierungen sehen. Wie schaut, wie hustet, wie stottert er? Sie delektieren nur eine gelungene Büßermesse als Tragikomödie: wie spiel ich das Sünderlein, ohne meine weiße Weste zu verlieren? Wie geb ich den Versager, ohne mein Image als Sieger aufs Spiel zu setzen?

Ohne Kenntnis der Profilneurosen des weiträumig verbreiteten Inri-Glaubens kann man das momentane Spektakel nicht verstehen. Doch kein einziger Fachmann für öffentliche Inszenierungen, der Demut als geheime Arroganz erkannte, kennt die Dialektik der Worte: Die Letzten werden die Ersten sein. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Wer unter euch der Erste sein will, sei euer aller Knecht. Dann hätten sie ihre dumpfen Impressionen messerscharf auf den Begriff bringen können.

Der SPIEGEL hat zwei Experten auf das Unschuldslamm „angesetzt“. Da weiß man nicht, ob man lachen oder heulen soll. „Er war demütig und hat sich zugleich gerechtfertigt.“ Hallo, nur der Demütige wird im Römerbrief gerechtfertigt, Herr Professor. „Mir tat er schon ein wenig leid, weil es ihm überhaupt nicht gelungen ist, mein Vertrauen in ihn zu verbessern.“ Das kann nur ein Coach mit diplomiert-unfehlbaren Gefühlen gesagt haben.

Ein Bundespräsident hat einen hohen Status, den man an einer „aufrechten Haltung“ erkennen müsse. „Wir aber sahen einen Mann mit gebeugtem Rücken, der seine Füße unter dem Stuhl ganz weit nach hinten schob und – kreuzte“. Ja Kruzifix, wenn er sogar die Füße kreuzte, ist das kein Zeichen der Bewunderung und Anbetung des Kreuzes?

Das klingt schon wie die Beschreibung des Gottesknechts: „Er hatte weder Gestalt noch Schöne, dass wir nach ihm geschaut, kein Ansehen, dass er uns gefallen hätte. Verachtet war er und verlassen von Parteifreunden, wie einer, vor dem man das Antlitz verhüllt; so verachtet, dass er uns Medienhengsten nichts galt.“

Ein bisschen Opfer, ausgestattet mit einer Prise Menschenrechte, darf der gebeugte Knecht Gottes schon sein. „Aber wenn wir ehrlich sind, erwarten wir von unserem Bundespräsidenten nicht, dass er Opfer ist.“ Wenn das keine versteckte fundamentale Kritik am Opferstatus unseres Herrn und Heilandes ist, will ich Deuterojesaja heißen.

Hellmuth Karasek darf im Reigen der Präsidentenbasher nicht fehlen. Er gehört zu den Belustigten unter ihnen, hat eine unfreiwillige Parodie gesehen.

Karasek, freiwilliger Komiker, ist so schnell nicht zu erschüttern, gehört er doch nicht in die Kategorie der moralisch Schaumempörten wie Prantl oder Augstein. Das allerschlimmste Verdikt aus seinem Munde lautet: politisch korrekt. Nun ist Klein-Christian medial endlich soweit sozialisiert, dass er sich korrekt Unkorrektes leistet: wieder nichts. Nur ein kleiner Hanswurst mit parodistischer Überschlagshandlung. Unklar bleibt: warum nur muss ein Clown zurücktreten, solange er uns amüsiert, Herr Karasek?

Fehlt Leyendecker, der die ganze Chose gekonnt linguistisch-investigativ und sprachphilosophisch-dekonstruktiv betreibt. Auch Reden seien Taten, doch Wulffs Reden seien nichts als „verwaltete Sprachlosigkeit“. Seine Rede sei stumpf und spracharm, habe weder Hand noch Fuß, sondern „Händchen und Füßchen, nirgends eine tiefere Furchung.“

Im Gegensatz zu seinen sprachgewaltigen Vorgängern. Dem kann man nur zustimmen. Hat Herzog nicht jene Hau-ruck-rede gehalten, dass die Republik seitdem wie ge-hauen und ver-rückt wirkt? Was würde Leyendecker von dem sprachgewaltigen Carl Schmitt halten? Wäre das kein Vorbild für spracharme, demokratisch gehandicapte Bundespräsidenten?

Unter den Geifernden ist Bernd Ulrich der Nüchterne. Ging es wirklich um einen „Anschlag“ auf die Pressefreiheit? Oder ist hier ein mimosenhaftes Kaltblut vom heiligen Zorn übermannt worden, wie es in Redaktionen des Öfteren geschieht? Sollte Ulrichs Chef, Giovanni di Lorenzo, die Idee ausbrüten, von und zu Guttenberg als Nachfolger Wulffs in die Debatte zu bringen, wird der Nüchterne Probleme bekommen.

Ist es denkbar, dass BILD einen Machtkampf gegen den Bundespräsidenten führt? Das sei ferne von ihr. Wie sollte sie einen Machtkampf führen gegen jemanden, der keine hat?

Macht hat allein die Boulevardpresse, sagt Ines Pohl von der TAZ, indem sie Mathias Döpfner vom Springerverlag zitiert: „wer mit Bild «im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.» So, Herr Bundespräsident, sind sie, die Gesetze des Boulevards.“ Das wird doch nicht wie eine Kapitulation vor den Gesetzen des Boulevards klingen, Frau Pohl?

Der Döpfner-Satz erinnert an die quietistische Ergebung: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Herr Döpfner muss ein sehr gerechter Mann sein. Wen er übermäßig erhöht, den staucht er auch wieder.

Freunde, wir stehen an einer „in ihren Dimensionen noch gar nicht erkannten“ psychosozialen Zeitenwende. Die geistige Avantgarde nimmt Abschied von der Ideologie der Postmoderne, die unsere einstmals so treuherzigen und eindeutigen Verhältnisse relativierend unterminiert und alle Maßstäbe verrückt hat.

Unsere Rede war einst Jaja und Neinnein, darüber war alles von Übel. Dann kam die Große Verwirrung und Unübersichtlichkeit, Hand in Hand mit der Herrschaft des Geldes.

Damit muss Schluss sein. Es müssen wieder Weisheit, Anstand und Moral gelten. Nichts mehr mit subjektiven Unverbindlichkeiten. Wir brauchen Vorbilder, Amts- und Persönlichkeitscharisma. Der importierte Egoismus mit seiner hypertrophen Ich-zuerst-und-dann-so-schnell-Niemand-Haltung muss abgeschafft und in tätige Nächstenliebe umgewandelt werden.

Knigge & Bergpredigt gehören in die Hände aller verantwortlichen Eltern, Lehrer und Erzieher, ganz gleich welcher Konfession. Demut in aufrechter Haltung, Bescheidenheit in tadellosem Stil, unauffällige Vorbildlichkeit, gepaart mit Sprachgewalt: das muss bereits in anspruchsvollen Sonderkindergärten für die zukünftige Elite auf der täglichen Agenda stehen.