Samstag, 03. Dezember 2011 - Kausale und moralische Schuld

Archiv-Tagesmails - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Ägyptens,

43% für die Muslimbrüderschaft, 30% für die fundamentalistischen Salafisten, so das inoffizielle Ergebnis der ersten Wahlrunde in Ägypten. Haben sich damit die Befürchtungen jener bewahrheitet, die Araber für demokratieunfähig halten?

Mubarak spielte während seiner Amtszeit ein doppeltes Spiel. Die gemäßigten Muslimbrüder unterdrückte er, die theokratischen Salafisten unterstütze er heimlich. Im jetzigen Wahlkampf subventionierte Saudi-Arabien die Koranextremisten mit vielen Milliarden, die von den Fanatikern als karitative Hilfe ans Volk weitergegeben wurden. Nun zeigt sich der Erfolg der mildtätigen Propaganda.

Doch noch ist nicht aller Tage Abend. Die Muslimbrüder, bislang vom Westen als religiöse Ajatollas verfemt, werden nun zur Hoffnung jener, die sich dem westlichen Modell annähern wollen. Ihnen schwebt der türkische Laizismus als Leitlinie vor. Die Salafisten hingegen fordern: weg mit den vielen Nackten von den ägyptischen Meeresstränden, zurück zum Buchstaben Allahs. Das wird ein langer und erbitterter Kampf.

Ökonomisch für wahnsinnig, politisch für rational, hält Ulrike Herrmann den störrischen Sonderweg Merkels im Eurostreit. Offensichtlich warte die Kanzlerin darauf, dass die Krise emotional in der Bevölkerung ankomme. Noch zeige sich ...

... fast niemand vom wirtschaftlichen Niedergang beeindruckt, noch laufe alles in gewohnten Bahnen. Erst wenn die Portemonnaies sich zu leeren begönnen, würden die Deutschen akzeptieren, dass die Geldpressen angeworfen werden.

Die Bevölkerung ist gespalten zwischen Zustimmung und Ablehnung zur Hinhaltepolitik Merkels, die von den europäischen Nachbarn schon mit Bismarck verglichen wird. Doch der mächtige Junker konnte nicht nur mit dem Säbel rasseln, er galt auch als ehrlicher Makler bei europäischen Streitigkeiten. Das müsste die Frau mit der geistigen Pickelhaube noch beweisen.

Allmählich scheint sich im Wahlvolk die Meinung durchzusetzen, dass Deutschland allein sich nicht durch die Krise mogeln kann. Wenn Europa seine Geldprobleme nicht in den Griff kriegt, muss es zerbrechen und zum Gespött der Welt werden. Die von Zeus bezirzte Schöne wird sich in die Tiefen Asiens verabschieden.

Russland wählt. Putins Wiederwahl scheint gesichert, wenngleich nicht mit koscheren Mitteln. Offensichtlich ist die Pro-Putin-Stimmung gekippt, selbst in Hintersibirien merken die vom nachlassenden Permafrost Geschädigten, dass die Imitation der Demokratie noch keine Demokratie ist.

Die Deutschen, besonders wenn sie Schröder heißen, verwechseln Realpolitik mit Treueschwüren. Wie anders ist das Gerede von lupenreinen Demokraten zu verstehen? Erst wenn Gorbi stirbt, werden die robusten Mamuschkas entdecken, welche Jahrhundertgestalt sie in der Bedeutungslosigkeit versenkt haben. Tote Propheten sind die besten Propheten.

Der längste Pariser wird demnächst in Paris zu sehen sein: der eingehüllte Eifelturm. Das Riesenkondom wird nicht aus schnödem Kunststoff, sondern aus Efeu und Bäumen bestehen. Welch wunderbare Idee: Verhüllt Kultur mit Natur, verbannt die Autos, schlagt Sauerstoff-Schneisen in die versiegelten Megacities, säet subversive Blumen und Sträucher bei Nacht in gehackten Asphalt, überzieht rechtwinklige Menschensilos mit aufmüpfigen Veilchen. Vergesst Christos Plastikhüllen, begrabt die Zivilisation unter graswurzelzähen Parkanlagen, zersprengt den Beton mit aufmüpfiger Pimpernelle und Bohnenkraut, holt die Kutschen aus den toten Museen, die stoischen Mulis und eifrigen Ponys warten schon. Seid für den Fortschritt, stellt ihm ein Bein.

Unser aller Name sei Breivik, schrieb ich vor Tagen. Nun antwortet Bommarius in der BZ/FR: „Breivik und wir.“ Hier enden die Gemeinsamkeiten.

Das waren noch Zeiten, als ein gewisser Fromm, Analytiker und politischer Kopf, Verrücktsein als dunkle Kehrseite der Normalität definieren konnte. Was die Kumpanei der Mehrheit für durchschnittlich, passabel oder vorbildlich hält, wird von der Gesellschaft als Gesundheit abgesegnet. Was nicht ins Schema passt, wird abserviert und aussortiert als seelische Krankheit, Psychose, auffälliges oder abnormes Verhalten.

Das Kranke ist die Müllhalde des Gesunden, das seine Krankheit nicht erkennen will. Wie bei deutscher Mülltrennung wird das Kranke nach Kategorien getrennt. Da sind die recycelbaren Neurosen. Sie ernähren die große Gemeinde der Smalltalk-Seelsorger oder Psychotherapeuten und werden dem Arbeitsleben wieder zurückgeführt.

Da sind die Unkorrigierbaren. Sie wandern in den gelben Sack der Psychiatrie und werden mit Pillen und Medikamenten ruhig gestellt. In früheren Zeiten wurden sie als entartetes Leben mit der Giftspritze entsorgt. Zusammen mit unheilbaren Juden, Zigeunern, Schwulen und sonstigem Gesindel.

Was verrückt ist, hängt von der jeweiligen Gesellschaft ab. Im real existierenden Sozialismus landeten Dissidenten in der Psychiatrie. Wer gegen ein allwissendes System aufbegehrt: muss der nicht komplett ver-rückt sein?

In seligen Priesterzeiten war jeder Ketzer ein Teufelsbraten, jede Glaubensverweigerin eine veritable Hexe, die man so lange unter Wasser oder in Feuer hielt, bis der Himmlische sie wider Erwarten rettete oder jenseitigen Qualen überstellte. Waterboarding ist keine Erfindung der Neuzeit.

Gibt es eine allgemeine, nicht-relative Definition seelischer Krankheit und Gesundheit? Solange die Menschheit sich nicht über Glück, individuelles und kollektives Wohlbehagen – gewöhnlich Utopie genannt – einigen kann, solange wird jeder Kulturkreis seine kranken Sonderwege beibehalten und gegen abweichende Vorstellungen militärische oder wirtschaftliche Kriege führen.

Kann man ganze Gesellschaften und Kulturkreise als krank oder gesund bezeichnen? Aus dem Blickwinkel des christlichen Westens sind Burkatragen, Steinigen von Ehebrecherinnen oder Klitorisbeschneidungen Anfälle kollektiven Wahns. Umgekehrt ist für Muslime die freie Selbstbestimmung des Einzelnen fortgeschrittene Seelenzerrüttung. In religiös bestimmten Völkern gilt Verrücktsein als göttliche Strafe, Sünde oder Besessenheit.

Solange die Menschheit sich nicht auf planetarische Gesundheit als politisches Leitziel einigt, kann es keine Rettung für sie geben. Den Gesundheitsgrad einer Gesellschaft oder der Menschheit erkennt man an der Ausschussquote ihrer Kranken, Verrückten, Kriminellen, Gedemütigten, Verachteten, Hungernden und Krepierenden. Also am Ausschluss aller Unglücklichen, wobei die Ausschließenden alles andere als glücklich sein müssen.

Amerika sperrt eine ungeheure Anzahl Ver-Unglückter in Gefängnisse, damit sie das normale Wirtschaftsleben nicht stören. Auch kriminelle Energie ist verrückte Energie. Naturgesellschaften kennen weder abweichendes, noch kriminelles Verhalten. Der Auffällige wird bei ihnen als Gottbegnadeter von der ganzen Sippe verehrt.

Eine gesunde Gesellschaft ist im Einklang mit sich und der Natur, wenn sie einen Glückszustand erreicht hat, der niemanden ausschließt und den keiner mehr verändern will.

Bommarius verknüpft Verrücktsein mit der Frage möglicher Schuld, als ob erzwungenes Verhalten die freie Tat des Einzelnen sein könnte.

Im Rahmen des christlichen Credo ist die Schuldfrage ein unlösbares Problem. Ein omnipotenter Schöpfer will an der Fehlbarkeit seiner Geschöpfe partout unschuldig sein. Das ist, als sei an einem missglückten Bild nicht der Künstler, sondern das Bild selber schuldig.

Die moralische Schuldfrage verdirbt alles. Sie hat in unserer Scham- und Schuldkultur die Funktion, von der wahren Kausalität menschlicher Phänomene abzulenken. Es geht um kausale Schuld. Um das Aufschlüsseln jener übermächtigen Faktoren in unserer Kultur, gegen die das Individuum ohnmächtig ist.

Die Frage nach der Schuld der Gesellschaft stellt Bommarius vorsichtshalber nicht. Wohin auch würde die Reihe der Schuldzuweisungen führen, wenn man Eltern, Gesellschaft, Kulturkreis und Vergangenheit in die Spurensuche mit einbezöge? Man landete bei Adam und Eva und deren allmächtigem Schöpfer.

Das darf nicht sein. Also wird die kausale Kette willkürlich gekappt und die Schuld dem letzten Glied der Kette in die Schuhe geschoben. Nicht Religion und kollektive Kulturmächte bestimmen das Schicksal des Einzelnen. Ab Geburt bestimmt der Gigant frei über sich selbst. Auch dann, wenn er vollständig unfrei erzogen wurde und niemals das Privileg genoss, seine Freiheit zu erlernen. Ob Breivik lebenslang im Gefängnis oder in der Psychiatrie verschwindet, ist unwichtig im Vergleich mit der Frage, ob die Gesellschaft auch dem größten Übeltäter eine zweite Chance einzuräumen gedenkt. Diese Chance wird von seiner erworbenen Einsichtsfähigkeit abhängen, nicht von der externalisierten Schuldzuweisung einer Gesellschaft, die von eigener Schuld nichts wissen will.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein – nur bei jenen, deren kleines Bewusstsein vom allmächtigen Sein überwuchert ist. Gälte der Satz für die Menschheit, wäre sie an ihrem Untergang schuldlos. Wo bliebe der Geist, der den stolzen homo sapiens zum Herrn über das Sein erklärte?

Das Sein bestimmt das Bewusstsein schon lange nicht mehr. Was nämlich bedeuten würde, die Natur bestimmte die Geschicke des Menschen nach Belieben. Dann wäre der Mensch zum Dissens mit der Natur gar nicht fähig. Spätestens mit der neolithischen Erfindung des Ackerbaus, der Produktion und Speicherung von Lebensmitteln hat der Mensch begonnen, sich von der Natur in kleinen Schritten unabhängig zu machen.

Seitdem versucht das Bewusstsein, das Sein zu domestizieren und in seinen Dienst zu stellen. Erst am Ende der Geschichte wird das Sein das Bewusstsein wieder an die Kandare nehmen. Dann ist Schluss mit den Eskapaden des selbstherrlichen Geists über eine gepeinigte Natur.

„Breivik und wir“: der Schlagzeile seines Kommentars wird Bommarius nicht gerecht. Einen Zusammenhang zwischen dem Täter und der Gesellschaft, die ihn zum Bösen zwang, stellt er nicht her.

Die Psychiater haben den Norweger für unschuldig erklärt, doch nur, um seinen ideologischen Sündenstolz zu brechen. Indem sie das Würmchen für krank erklärten, haben sie dem gesellschaftlichen Lindwurm gesunden Menschenverstand bescheinigt. Die Herkunft seiner Verrücktheit aus einer verleugneten, auf die Schwächsten verschobenen Krankheit der Gesellschaft wird nicht untersucht.

Breivik wird für schuldunfähig, gleichwohl für verrückt erklärt: das ist eine viel größere Schuld. Und ein folgenreiches Verhängnis. Geisteskranke muss man nicht zur Kenntnis nehmen, die Inhalte ihres Wahns haben mit unserer Realität nichts zu tun. Erklären wir den anderen für abnorm, haben wir uns von ihm befreit.

Wenn „Einzigartigkeit und Auserwähltheit“, so Bommarius, eine klinische Diagnose legitimierten, müsste das ganze Juden- und Christentum für verrückt erklärt werden. Wie wäre es, die Nazischergen zu paranoiden Irren zu erklären? Dann wären sie ein Fall für Psychiatriehistoriker. Die Deutschen wären ihre Vergangenheit los.

Das unausgesprochene triumphierende Fazit des norwegischen Dramas: Wir Normale sind unschuldig und pumperlgesund. Das sagte auch Gott, als das schändliche Weib den schuldunfähigen Adam zum Terror gegen den Schöpfer aller verruchten Lebewesen verführte. Schuld ist immer der Ohnmächtige, die Mächtigen dürfen ihre Hände in Unschuld waschen. 


Zum Breivik-Gesamt-Kommentar siehe: Kontroversen – Der Fall Breivik