Von vorne LXXXI

Tagesmail - Mittwoch, den 30. Oktober 2019

Von vorne LXXXI,

zuerst zittert die Regierung, dann stürzt sie vom Podium. Wann wird sie freiwillig das Feld räumen, bevor ein marodes Flugzeug vom Himmel fällt?

Mit Ablassgeldern will die Regierung zum klimatischen Wohlverhalten …, ja was? Anregen, nötigen, überlisten, nudgen, konditionieren? Von argumentieren, überzeugen – Säulen der Demokratie – ist nirgendwo die Rede.

Kommt‘s in den Talkshows ausnahmsweise zur Debatte, wird munter um Ablass gegen Ablass gefeischt. (Maischberger fällt schon mal aus – wegen Fußball. Plasberg fällt aus wegen – Herbstferien. Beruhigend, dass Politik sich nach deutschen Schulferien und Sportterminen richtet.)

„Im 15. Jahrhundert begann eine breit angelegte Kapitalisierung des Ablass. In einer Verbindung aus Seelsorge und moderner Finanztechnik verkaufte die Kirche das verbriefte Heil und stopfte auf diese Weise ihre Haushaltslöcher. Scharenweise erwarben die Menschen nicht bloß für sich selbst, sondern auch für ihre verstorbenen Angehörigen die heiß gehandelten Versicherungspapiere fürs Jenseits. Die katholische Lehre vom „Gnadenschatz“ erklärte die Kirche zum Verwalter des durch Christus gewirkten Verdienst-Pools, aus dem sie nach Gutdünken verteilen konnte. Was sie freilich nicht ohne Gegenleistung tat, die in guten Werken aber eben auch in einer Geldgabe bestehen konnte. „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ (TAGESSPIEGEL.de)

Ursprünglich sollten gute Werke irdische Probleme lösen. Dann sollten sie keine Probleme mehr lösen, denn der Mensch wurde für inkompetent erklärt, sein irdisches Leben zu meistern. Gute Werke waren nur dazu da, um Gott für sich einzunehmen.

Schließlich wurden sie ganz gestrichen, denn mit Gott konnte man keinen Deal machen. Die guten Werke wurden zur schlimmsten Sünde erklärt.

Der Mensch durfte kein Gut-Werker mehr sein, sondern musste alles der Gnade des Höchsten überlassen. Aus Gutwerkern wurden Gutmenschen, die keine ...

... Lizenz mehr erhielten zum unbelasteten, fröhlichen Stehlen, übers Ohr hauen, Ausbeuten, Unterdrücken und Morden. Himmlische Gnade lebt vom irdischen bellum omnium contra omnes, dem Krieg aller gegen alle.

Vor allem gegen die Natur. Natur ist wüste Anarchie, die mit despotischer Gewalt gezügelt werden muss. „Der schlimmste Despot ist besser als Anarchie“. Das bezieht sich auf den Staat wie auf die äußere Natur.

Im Naturzustand des Menschen gibt es weder „Eigentum noch Gerechtigkeit oder das Gegenteil. Es gibt nur den Kampf jeder gegen jeden.“ „Gewalt und Betrug sind im Kampf die beiden Kardinaltugenden.“ (Hobbes)

Der Heissa-Krieg jeder gegen jeden und von allen gegen die Natur wurde plötzlich unterbrochen durch eine dämliche Erfindung der Menschen: die Erfindung moralischer Gesetze. Ohne Gesetze war alles erlaubt, alles gut, alles frei. Mit Gesetzen hieß es: alles verboten, was nicht erlaubt ist:

„Niemand jedoch sollte die Natur des Menschen an dieser Stelle anklagen. Die Begierden und andere Leidenschaften des Menschen sind für sich betrachtet keine Sünden. Sie sind es so wenig wie die Handlungen, die aus diesen Leidenschaften entspringen, bevor man irgendein Gesetz zur Kenntnis nimmt, das sie verbietet: was man wiederum nicht tun kann, bevor irgendein Gesetz erlassen ist: was wiederum nicht geschehen kann, bevor man sich auf eine Person einigt, die das Gesetz erlassen soll.“ (Hobbes)

Die moralischen Gesetze waren es, die das Unheil der Sünden und Verbrechen über die Menschheit brachten. Ohne Gesetze hätte die Menschheit in herrlichen Schweinereien und Verbrechen ein göttlich Leben geführt. Wäre sie unsterblich, würde sie in alle Ewigkeit weiter schweinigeln.

Wer waren – nach Hobbes – die Vollidioten, die das moralische und gesetzliche Unheil über die Menschen brachten? Dreimal dürft Ihr raten:

„Nach Hobbes‘ Ansicht haben die antiken Autoren mit ihrer Verherrlichung der Freiheit die Menschen zu Aufruhr und Auflehnung geführt.“ (Russell)

Politische Parteien und ähnliche Mitbestimmungsmethoden darf es bei Hobbes natürlich nicht geben. Der totalitäre Herrscher untersteht keinem bürgerlichen Gesetz. Er ist der Einzige, der – wie Gott – den ursprünglichen Naturzustand nicht verlassen muss. Alle Untertanen müssen rechtlichen und moralischen Vorschriften folgen. Oder es knallt.

Hobbes steht in der griechenverachtenden Tradition seines Landsmannes Francis Bacon, deren demokratische und philosophische Weisheiten beide nicht verbissen genug ausradieren konnten. Wie der absolute Despot über den Menschen, steht der absolute Mensch über der Natur. Wie die Gesellschaft für den Despoten eine Maschine ist, die er nach Belieben beherrschen kann, ist Natur für den Menschen eine Maschine, über die er grenzenlos verfügen kann.

„Hobbes mechanisierte den Kosmos mehr als Descartes, sprach der Materie jede selbstbestimmte Kraft ab. Seele, Wille, Gehirn und Begierden des Menschen reduzierte er auf mechanische Materie und verwandelte das organische Modell der Gesellschaft in eine mechanistische Struktur. Das mechanistische Denken gab der Welt eine neue Ordnung mit Hilfe einer neuen Metapher, der Maschine.“ (Merchant, Der Tod der Natur)  

Der große Leviathan, Metapher für die Gesellschaft, war ein künstlicher Mensch mit einer künstlichen Seele, die kein vitales Leben, sondern nur mechanische Bewegung gibt. Als hätten Großgrundbesitzer und Kaufleute nur darauf gewartet, stürzten sie sich auf die neue Maschine, um sich mit ihrer Hilfe unbegrenzte Beute zu sichern. „In dem Maße, wie unbeschränkte Profitakkumulation zur Quelle von Status und Reichtum wurde, wurden beide auf Kosten der Natur erkauft.“

Hobbes nannte die Regeln der Natur, die wie eine Rechenmaschine funktionierte, „Naturgesetze“. Naturgesetze als Rechenregeln unterliegen keinen menschlichen Geboten und Sitten. Das neue Ich, behaust in einem maschinenartigen Körper, wurde zum rational-gefühllosen Herrn über seine Leidenschaften. Die organische Harmonie, in der Mensch, Kosmos und Gesellschaft eine Einheit bildeten, war von gestern. Der Mechanismus machte die Natur tot, träge und manipulierbar.

Nicht zuletzt: Herr der Maschine ist der Mann. In Hobbes‘ Leviathan „ist die Mutter verschwunden: die Familie besteht aus einem Mann und seinen Kindern, einem Mann und seinen Knechten oder einem Mann, seinen Kindern und Knechten zusammen. In den demokratischen Vertragstheorien bei Hobbes und Locke bleiben die Frauen unter der Herrschaft und Gewalt der Männer.“ (Merchant)

Der deutsche Feminismus kümmert sich nicht um mechanistische Männerdiktaturen des Kapitalismus. Wenn er sich besonders mutig fühlt, dockt er bei Marx an, der völlig im Banne des maskulinen Mechanismus steht. Solange Frauen dem Wahn anhängen, ihre Selbstbestimmung im Herrschaftsbereich männlicher Maschinen zu finden, werden sie sich weiterhin selbst beschädigen müssen beim Verträglichmachen des Unverträglichen. Unmechanische Vitalität ist im Bereich der Machomaschinen nicht zu finden.

Die Gesellschaft, in der Frauen und Kinder (und Männer, die ihr Glück nicht in der Herrschaft über jene sehen) wahre Menschen sein können, wird dieselbe sein, in der Mensch und Natur verträglich miteinander auskommen. Wer diese „Vision“ als kindisches Schlaraffenland abtut, will Frauen und Kinder unter seinem Kommando behalten.

Was ist das für eine Freiheit, in der die Unabhängigkeit von einem einzelnen Mann erkauft wird durch Abhängigkeit von einem global herrschenden Männermechanismus? Versteht sich, dass der Mann umgekehrt sich nicht von Frau und Kind abhängig fühlt – solange sie unter seiner finanziellen Knute stehen.

Warum gilt weibliche Arbeit am Leben als nichts? Warum ist sie keine Bezahlung wert? Weil unberechenbares Leben nicht die Aura des männlichen Mechanismus besitzt. Mühsam versuchen die überforderten Mütter Anschluss zu halten mit dem Funktionieren des Mannes, indem sie ihr Leben mit der Familie wie – einen geölten Mechanismus organisieren, nein, eben nicht: organisch kann nie mechanisch sein. Spontane und überbordende Freiheits- und Lustgefühle: verboten!

Was für Frauen gilt, gilt auch für Kinder. In autonomer Neugier das Leben zu erkunden, sich eine von allen Autoritäten unabhängige Urteilsfähigkeit zu erarbeiten, wäre der Tod jeder Wettbewerbsgesellschaft. Der „Staat“ – Gesamtmaschine und Erfindung der Männer – hat sich zum Büttel machtgieriger Interessen erniedrigen lassen. Kitas, Schulen und Hochschulen sind Räderwerke, in denen Bildungsmechaniker Zahlen als Werturteile vergeben und das Lernen der Kinder nach Tabellen bestimmen.

Eine lebendige Demokratie ist kein Staat, sondern ein Geflecht organischer Beziehungen, die sich nicht durch Knopfdruck regulieren lassen. Sondern durch Begegnungen, Emotionen und Dialoge.

Die neurotischen Risikobedürfnisse der Moderne sind Desertionsgelüste eines mechanischen Leviathan aus dem Käfig der Berechenbarkeit. Das Leben muss zum russischen Roulette werden, damit die Automaten sich gelegentlich als menschliche Wesen spüren. Wer das pulsierende Leben nicht in verlässlicher Gewohnheit erleben kann, muss am Rande des Nichts balancieren, um sich schein-lebendig zu fühlen.

Das Klimapaket, so skandalös ehrgeizlos es ist, folgt der Logik des papistischen Ablasshandels, die der Skinner‘schen Programmierung nicht unähnlich ist.

First of all: keine Argumente, kein Vertrauen in die Vernunft der Anderen, keine Gespräche mit Engagierten. Sondern Bestechungen, Belohnungen und finanzielle Strafandrohungen.

Naturvorgänge werden nicht erklärt, nicht mal die finalen Bedrohungen klar angesprochen. Wer will denn schon als apokalyptischer Prediger auftreten? Wer die Gefahren in aller Deutlichkeit anspricht, wird als johanneischer Prophet des Jüngsten Gerichts aussortiert. Die Maschinen dürfen aus ihrem ewigen Weiter-So nicht aufgeweckt werden. Könnte zum erdumspannenden Kollaps führen.

Keine Denkpause, kein Atemholen, kein Zurück- oder Vorwärtsschauen. Das verbissene „Wir schauen nicht zurück, wir schauen nach vorn“, ist kein realistischer Blick in die Zukunft als Verlängerung des Gegenwärtigen, sondern ein Vorwärts-Träumen großmäuliger Masters of Universe. Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß nicht, wo er steht, an welcher Kreuzung er abbiegen muss und wo er mit Karacho den Rückwärtsgang einlegen muss, weil verheerende Waldbrände angesagt wurden.

Alles soll weiter gehen wie bisher. Die erfolgsverwöhnte Menschheit will nichts ändern. Könnte jemand etwas verändern, würde er ja beweisen, dass er keine Maschine sein kann. Selbsterkenntnis verträgt die Moderne nicht. Sie bildet sich ein, den unfehlbaren Kurs des Erfolgs erfunden zu haben. Gehetzt wie John Bunyans Pilger auf dem Weg ins goldene Jerusalem, dürfen sie nie zur Ruhe kommen.

Weil sie nichts ändern wollen, setzen sie alles auf das, was sie kennen: auf Maschinen und Roboter. Zum Beispiel auf die grenzenlose Kreativität des digitalen Netzes:

„Ja, in den Anfangszeiten des Internets verband sich mit dem Internet der große Menschheitstraum, dass sich rund um den Globus Wissen, Bildung, Völkerfreundschaft und Demokratie verbreiten und unsere Welt zu einer besseren wird. Heute wissen wir, dass es auch die Kehrseite gibt. So ziehen die vielen Verlockungen im Netz Kriminelle aller Couleur an.“ (Sueddeutsche.de)

Zuerst riesige Bewunderung des Experten, eine durchsichtige Form der Selbstbewunderung:

„Raum und Zeit verlieren in dieser digitalen Welt die Bedeutung, die sie in unserer analogen Welt haben. Und Menschen überall auf der Welt können einander auf eine ganz neue Art begegnen und zusammenrücken. So etwas gab es in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nicht.“

Oh doch, gab es schon. Jede Erlöserreligion verkündet die Rettung derer, die an sie glauben, an die Einheit von Erde und Himmel, Raum und Zeit und aller Menschen, die sich retten lassen wollen.

Wie oft gab es schon Erfindungen, die als Menschheitsbeglücker gepriesen wurden. Selbst die Atombombe galt als Allheilmittel, um die sperrige Natur so zu planieren, dass ihre kostbaren Schätze dem Zugriff zu Verfügung standen.

Auto, Eisenbahn, Flugzeug, Telefon, DDT, Impfungen, Guttenbergs Buchdruck, die Schrotflinte, das Fließband, die Akkordarbeit, das Morsegerät und vieles andere: jede Erfindung wurde zur Neuerfindung der Welt – und dehnte die Selbstzerstörung ins Unermessliche aus.

Kein Zweifel, die Menschheit hat vieles Vorteilhafte zustande gebracht. Was aber die Fortschrittsbewunderer notorisch übersehen: der Fortschritt des Vordergrunds wurde von einer Akkumulation der Gefahren begleitet, die sich im Schatten des Fortschritts auftürmten. Bis heute. Nun aber ist der Punkt der Punkte erreicht: der Hintergrund fegte den Vordergrund beiseite und zeigte plötzlich seine Fratze.

Nein, es war kein Plötzlich. Schon seit Jahr und Tag sah die Menschheit die anwachsenden Phänomene des Verderbens. Doch was sie sah, wollte sie nicht sehen. Je mehr der Fortschritt zu eskalieren begann, umso mehr misstrauten sie ihren Sinneseindrücken.

Wie oft soll dieser Klamauk sich wiederholen, damit die Menschheit sich nicht länger auf den Leim geht? Es geht nicht um Leugnen des Fortschritts, es geht um das Wahrnehmen aller Nachteile, die sich in den vergifteten Emissionen des Fortschritts gebildet haben und mittlerweilen unser Leben bedrohen.

„Deutschland ist erfolgsverwöhnt und satt. Die Gesellschaft ist verwöhnt und zufrieden, es scheint keinen Änderungsbedarf zu geben. Schlimmer, uns fehlen Zukunftsvisionen. Vielleicht kommt das alles aber auch aus einem uneingestandenen Gefühl der Verunsicherung, dass wir in Deutschland keine größeren Projekte mehr hinbekommen.“

Wer satt ist, darf nicht satt sein. Wer zufrieden ist, nicht zufrieden sein. Sind die Deutschen geistesabwesend geworden? Haben sie Angst, sie kommen nicht mit?

Hier zeigt sich die komplementäre Seite der Mechanisten. Die Zukunft birgt das Ungeheure, das nicht Vorhersehbare, das Außerordentliche. Hier entlarvt sich die Sklaverei des monotonen Fortschritts als Sehnsucht nach dem Urchaos, identisch mit dem Gottähnlichen. Sie wollen ihre Fesseln abwerfen und den kosmischen Karneval erleben, bei dem alles drunter und drüber geht. Trump ist Anführer des Veitstanzes, wo alles Feste und Bekannte unter die Räder kommt – damit der Kladderadatsch wieder aus Nichts beginnen kann.

Digital sind andere Länder den Deutschen um Längen voraus, China beispielsweise. China? Sind die nicht dabei, ihre gesamte Bevölkerung an die digitale Kandare zu legen? Nicht so arrogant, ihr Deutschen, zumal ihr immer weniger zu bieten habt. Könnte es nicht sein, dass euer Geschwätz über Menschenrechte nur ein Vorwand ist, um von eurer Degeneration abzulenken?

„In anderen Ländern wird die Digitalisierung als große Chance gesehen, die Gesellschaft voranzubringen, in der Wirtschaft, in der Verwaltung, im Verkehr oder in der Bildung. In Ländern wie China hat die Digitalisierung schon jetzt Wohlstand und Fortschritt gebracht. Wir sagen schnell "Igitt!" und verteufeln die Entwicklung in China. Aber ich komme gerade aus China und dort sagen sie, wir schaffen damit Anreize, sich gut und sozial zu verhalten, und senken die Kriminalität. Wir sollten da nicht als Besserwisser auftreten.“

Das ist eine Klatsche für den wirklichen Fortschritt der Menschheit, den Fortschritt in Humanität. Doch wer auf Menschlichkeit Wert legt, gilt hierzulande nur noch als machtloser Volltrottel:

„Moral ohne Macht ist eine Blechtrommel. „Wir“ haben die Moral auf unserer Seite, heißt es. Wir werden nicht müde, Moral zu predigen und an „Werte“ zu appellieren. Allerdings verfügen wir nicht über die Macht, diesen Werten auch Durchsetzungskraft zu verleihen. Anders als jene sind wir kraft- und machtlos, aber sympathisch. Wir sind friedenspolitisch aktiv und erfolgreich. Nur ist „unsere“ Friedenspolitik der letzten Jahre leider wenig erfolgreich.“ (WELT.de)

Moral setzt man nicht durch per Macht, sondern durch ansteckende Vorbildlichkeit. Ein Jurist findet nur höhnende Worte für die gefühlige Moral der Spießer:

„Es gibt kein Volk auf der weiten Welt, das so oft, so gern und so überzeugt auf der jeweils richtigen Seite steht wie das der Deutschen. Kaum stellt sich ihnen ein Problem, versinken sie in Moral. Was nicht gefühlig ist, wird gefühlig gemacht. So schleppen sich die Empörungen und die Moralen und die Gefühlsergüsse durch die deutsche Welt. Nichts wird gelöst, nichts begrenzt. Wo auf Dauer so offenkundige Nachteile toleriert werden, muss auch ein Vorteil verborgen sein. Er ist in diesem Fall nicht schwer zu finden: Es ist die historisch fast einmalige, jahrzehntelange Möglichkeit, sich unter höchster Aufwendung von Moral vollständig verantwortungsfrei zu halten.“ (SPIEGEL.de)

Ist das noch pädagogisch gemeinter Zynismus – oder schon bodenlose Dummheit? Heuchelei ist das Gegenteil von Moral. Verantwortungslosigkeit das Gegenteil moralischer Verantwortung. Das Deutschland der Vorkriegszeit versank in vielem, aber nicht in Moral. Moral ist keine gefühlige Sentimentalität, sondern knallharter Widerstand gegen das Unheil der Welt. Sokrates, Urfigur der Moral, setzte sein Leben ein für seine Vorstellungen von Moral.

Was muss bei uns in intellektuellen Eliten aus dem Ruder gelaufen sein, dass Karikaturen der Moral als Moral verkauft werden, machtlose Moral der Lächerlichkeit übergeben wird? Der Verächter des Blechtrommelns setzt auf digitale Militanz, der hohe Jurist setzt – worauf? Sind Recht und Gesetze, die er aus dem Effeff kennen will, keine kodifizierte Form jener moralischen Regeln, denen wir eine gute Nachbarschaft und eine erträgliche Gesellschaft verdanken?

Wie konnte dieser Verfall des Denkens geschehen? Im Dialog Phaidon hat der platonische Sokrates den Finger auf die Wunde gelegt, die nicht auf die Moderne warten musste, um die Gesellschaft zu infizieren:

„Im Phaidon lehrt Sokrates seine Schüler, dass Hass auf die Sprache und Ideen (mislogos) zum Hass auf die Menschen (misanthropos) führt. Das Misstrauen gegen Sprache ist Zeichen einer Geistesschwäche, die unfähig ist, mit Belastungen menschlicher Nähe fertig zu werden, die durch das Gespräch entstehen.“ (Daisaku Ikeda, Humanismus)

Wer die Klarheit des Denkens und Sprechens hasst, verachtet und hasst den Menschen. Schon seit Jahrhunderten wird im Abendland die Sprache geschreddert, die Begriffe so ausgedehnt, dass ihr Schillern alle Klarheit verhindert, jedes klärende Gespräch untergräbt, jede Verständigung unmöglich macht.

„Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.“

Immer anders und anders übersetzen, wie die Laune des Augenblicks es fordert oder sich die Chance eröffnet, den Anderen durch ein irreführendes Wort hinters Licht zu führen. Wer waren die Hauptgegner des Sokrates? Rhetorische Wortartisten, die jede Position oder Meinung nach Belieben positiv oder negativ darstellen konnten.

Die öffentliche Arena der Gegenwart ist zur Bühne dieser Wortartisten geworden. In keiner medialen Kritik einer Talkshow konnte man den Satz lesen: ich habe etwas gelernt, ich habe etwas erkannt. TV-Debatten werden rezensiert wie Varieté-Ereignisse. Gespräche ohne Erkenntnisgewinn sind verlorene Zeit und Haschen nach Wind.

Die Klimagefahren sollen gebändigt werden. Aber nicht mit Mitteln vernünftiger Rede und dialogischer Verständigungsbereitschaft. Nicht mit Klärungen der Begriffe. Nicht mit knallharter Schilderung der Lage und schnörkellosen Schlussfolgerungen, wie man ihr entgehen könnte. Sondern mit Ablassfuggerei.

In einem WELT-Interview sagt Monika Griefahn, eine frühere Pionierin der Greenpeace-Bewegung:

„Die Lösungen sind da, sie werden aber nicht aufgezeigt. Wir brauchen viel mehr konkrete Zielformulierung. Da muss die Politik mutiger sein. Ich finde es sehr gut, dass die jungen Menschen sich engagieren. Und ich finde, sie sollten auch in die Politik gehen, um Entscheidungen selbst mit herbeizuführen.“ (WELT.de)

Das muss man zweimal hören: „Die Lösungen sind da, sie werden aber nicht aufgezeigt“. Mit ihrem Mann Michael Braungart hat Monika Griefahn selbst einen bestechenden Lösungsvorschlag der Öffentlichkeit vorgelegt. Ihre Cradle to Cradle-Methode (von Wiege zu Wiege) ist schon Jahrzehnte alt. In Amerika ist sie bekannter als in Deutschland, wo sie bis heute noch nicht angekommen ist.

Was bedeutet die Methode?

Alle Produkte müssen so entwickelt werden, dass Verbrauchsgüter wie Reinigungsmittel biologisch abbaubar sind und Gebrauchsgüter so konstruiert werden, dass ihre Materialien wieder in technische Kreisläufe gehen können. Und sie müssen umwelt- und gesundheitsverträglich sein. Es gibt keinen Abfall mehr, sondern nur noch Nährstoffe, und es werden nur erneuerbare Energien verwendet. Wir müssen vermeiden, sparen, reduzieren, neu gestalten. Dafür braucht es eine völlig neue Art des Wirtschaftens.“

Wurde die Cradle to Cradle-Methode in der jetzigen Debatte nur ein einziges Mal erwähnt? Debattiert? Durchdekliniert?

Die Regierung ist zu einer Clique von Mutisten geworden – der unausweichlichen Kehrseite sophistischer Wortakrobaten.

Und wie sieht die Wirklichkeit aus, die die Verantwortlichen nicht zur Kenntnis nehmen wollen?

„Es sind Szenarien, die man aus Katastrophenfilmen kennt: Bangkok – unter Wasser. Mumbai – unter Wasser. Ho-Chi-Minh-Stadt – weitgehend unter Wasser. Aber auch: Ost- und Nordfriesland – weitgehend überflutet. Eine Studie, die am Dienstag veröffentlicht wurde, macht neue, dramatische Vorhersagen über die Folgen ansteigender Meeresspiegel infolge des Klimawandels. Städte und Regionen, in denen 150 Millionen Menschen leben, könnten demnach bis 2050 von Überflutung betroffen sein, deutlich mehr als bisher angenommen. Aber nicht nur asiatische Millionenstädte, sondern auch die norddeutsche Küste und die Niederlande sind demnach gefährdet. Es ist gerade wieder Mode geworden, jenen Alarmismus vorzuwerfen, die vor den Folgen des Klimawandels warnen. Aber die Wahrheit ist: Je mehr Wissenschaftler über die möglichen Folgen herausfinden, desto mehr zeigt sich, dass die Besorgnis angebracht ist. Und die Aufforderung zum dringenden politischen Handeln ebenfalls.“
Schrieb Mathieu von Rohr im SPIEGEL. (SPIEGEL.de)

Zuerst zittert die Regierung, dann stürzt sie vom Podium. Zeit, dass sie den Abgang macht.

 

Fortsetzung folgt.