Von vorne XV

Tagesmail - Mittwoch, den 22. Mai 2019

Von vorne XV,

alte Erlöser haben weder Gestalt noch Schöne, moderne sind „selbstironische Enddreißiger mit skeptischem Blick und Turnschuhen“ – oder „oft ganz in Schwarz gekleidet und mit silbern glänzenden Turnschuhen und wirken eher wie Künstler.“ (SPIEGEL)

Seit Joschka Fischer sind Turnschuhe heilsnotwendig. Erlöser sehen nicht aus, wie Toren es sich vorstellen. Gott in Menschengestalt muss unauffällig daherkommen. Seine strahlende Gestalt würde den Menschen verraten, dass er kein gewöhnlicher Sterblicher sein kann. Die Sterblichen müssten nicht wider Augenschein glauben, sondern könnten ihren Sinnen trauen – und die Herrlichkeit des Herrn sehen.

Glauben wäre überflüssig, eine Selektion der Erwählten unmöglich. Alle Menschen würden selig; niemand käme ins höllische Feuer; Heils- und Unheilsgeschichte wären unmöglich; unerträgliche Langeweile herrschte auf dem Erdenrund.

Womit das Problem des Doketismus gelöst wäre: war Jesus nur zum Schein (dokein, scheinen) ein Mensch? Nein, wenn Mensch gottebenbildlich sein kann, kann Gott menschenebenbildlich sein. Die Menschwerdung, pardon, die Mannwerdung Gottes ist die Gottwerdung des Mannes. Den göttlichen Mann muss man erkennen, obgleich er lässig unter seinem Niveau daherkommt.

Bei den Griechen fielen Schein und Sein zusammen, sonst hätten sie die Schönheit nicht in Stein hauen können. Wenn das Wahre das Schöne ist, identisch mit dem Guten, können Äußeres und Inneres nicht auseinanderfallen. Sokrates musste wieder einmal aus dem Rahmen fallen. Wie konnte der übermütige Schalk und Menschenverführer derart hässlich sein, dass man ihn mit einem dämonischen Silenen verwechseln konnte?

Einer seiner Bewunderer durchschaute ihn. Alkibiades musste in Gleichnissen reden, womit er dem christlichen Messias den Wink gab, sich ebenfalls in Gleichnissen zu äußern. Freilich, der Heide sprach in Gleichnissen, um der „Wahrheit zu dienen.“ Jesus sprach in Gleichnissen, „damit sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit ...

... hörenden Ohren nicht verstehen“. Er berief sich auf einen alttestamentlichen Propheten, der seinem Volk verkündigte:  

„Höret immerfort, doch verstehet nicht, und sehet immerfort und erkennt nicht. Verstock das Herz dieses Volkes, mache taub seine Ohren und blind seine Augen, dass es mit seinen Augen nicht sehe und mit seinen Ohren nicht höre.“

Womit die Entwicklung des Abendlandes zur Verstocktheit, Wahrnehmungslosigkeit und Sprachzertrümmerung erklärt wäre. Sie sehen nicht, was sie tun, wollen nicht wahrhaben, wie sie den Planeten verwüsten, können sich nicht verständigen, weil sie Sprache als Wahrheits-Instrument in Stücke geschlagen haben.

Für Alkibiades war Sokrates ein maskierter Schalk, der mit frei schwebender Ironie den Menschen ermöglichen wollte, selbständig der Spur der Wahrheit zu folgen. Lediglich Anreger und prüfender Begleiter wollte er sein. Für seine Erkenntnisse war jeder selbst zuständig.

„Er bestritt aufs bestimmteste, jemals irgendeine Wissenschaft gelehrt, irgendeine Schule gehabt zu haben.“ Aus heidnischer Bescheidenheit wurde christliche Demut, aus selbständigem Denken passive Erleuchtung von Oben.

„Mein Lob des Sokrates, ihr Männer, soll sich aufbauen auf der Grundlage von Gleichnissen. Er selbst freilich wird darin die Absicht wittern, ihn lächerlich zu machen, allein das Gleichnis soll der Wahrheit dienen, nicht dem Spott. Ich behaupte nämlich, er habe die größte Ähnlichkeit mit jenem hockenden Silenen in den Bildhauerwerkstätten, wie sie von den Meistern der Kunst mit Hirtenpfeifen oder Flöten im Munde dargestellt werden: mit einer Doppeltür versehen, bergen sie, wie sich zeigt, in ihrem Inneren Götterbilder. Und weiter vergleiche ich ihn auch mit dem Satyr Marsyas.“ (Gastmahl)

Erlöser sind im Abendland einmalig, treten gleichwohl immer wieder in unregelmäßiger Reihenbildung auf. Was daran liegt, dass das einmalige Heilsgeschehen sich in eine etappenreiche Heilsgeschichte verwandelte.

Das jüngste Heilsereignis beschert uns pünktlich zu Pfingsten der SPIEGEL-Prophet Thomas Schulz, der schon in vielen Episteln die Frohe Botschaft des Silicon Valley verkündet hat. Durch den Niedergang von Silicon Valley und die anschwellende Kritik an den digitalen Welterlösern war es um den Seher eine Weile still geworden. Nun aber will er es wieder wissen:

Diese Maschine wird unser Leben ändern. Die Welt steht vor einer technischen Revolution: Quantencomputer – Millionen Mal schneller als moderne Superrechner. Sie könnten die großen Probleme der Menschheit lösen. Mit einem Quantencomputer ließe sich quasi die Natur selbst berechnen, denn er würde ausgewählte Aufgaben Millionen Mal schneller lösen als die größten heutigen Supercomputer – und damit Dinge ermöglichen, die bislang undenkbar sind. Es wäre ein Computer, der alles, was denkbar ist, auch berechnen kann. Ein Superhirn. Eine Maschine für alles.“ (SPIEGEL.de)

Propheten kennen kein Wenn und Aber, Zweifel sind ihnen unbekannt – was den technischen Fortschritt angeht. In der Politik hingegen darf es keine Schwarz-Weiß-Gemälde geben. Hier muss alles grau in grau sein. Wer hier aufträte mit dem kleinsten Anspruch eines Problemlösers für alles wäre ein Super-Populist. Können Maschinen Populisten sein?

„Wird ändern“, „wird Probleme schneller lösen denn je“, „wird die Natur selbst berechnen“, „wird undenkbare Dinge ermöglichen“, „wird alles im göttlichen NU berechnen“: das klingt wie am Anfang der Schöpfungsgeschichte: Gott sprach – und es wurde.

Die Messias-Maschine berechnet die Natur nicht als fremde Unbekannte. Der Superrechner ist selbst die Natur. Für Menschen ein Rätsel, ist die Natur für die Maschine – sie selbst. Ein Blick genügt – und sie weiß alles. Sie kennt sich selbst am besten. Mit Hilfe seiner Erfindungen ist der Mensch kein Fremdling auf Erden. Das Ding an sich ist geknackt und zum Ding für Dich und Mich, r die Menschheit geworden. Das Abendland verschmilzt mit der Natur – dank ihrer Technik. Was ihr nie gelang in symbiotischer Empathie: hier wird’s zum mechanischen, machtförmigen Ereignis.

Der Koitus mit der Natur wird erst durch Vergewaltigung zum planetarischen Orgasmus: sie will es doch auch, dass der Mensch sie bindet, quält und peitscht. Nur wer sich beschädigt, kommt auf seine Kosten.

Geschickt beginnt Schulz mit Einwänden eines prominenten Kritikers. Soll niemand sagen, er habe die Gegenseite nicht gehört. Umso fulminanter dann der Sieg über den Nörgler. Warum hatte Einstein Probleme mit der Quantenphysik? Weil er noch Old School war, unbelehrbar an Grundfesten der bisherigen Naturwissenschaft festhielt: an der Kausalität der Dinge, am logischen Satz des Widerspruchs. Gott würfelt nicht, Natur hüpft nicht, Ja muss Ja, Nein muss Nein bleiben.

Für das normale Leben änderte sich nichts, im Bauch der Natur änderte sich alles: statt Wahrheit nur Wahrscheinlichkeit, statt Entweder-Oder ein kräftiges Sowohl-Als auch. Niels Bohr sprach von Komplementarität:

„Obwohl nun die Wissenschaft zu keiner Zeit ohne logische Widersprüche ist und obwohl ihr Fortschritt von der Entdeckung solcher Widersprüche befördert wird, ist die generelle Einstellung doch, die Widersprüche zu vermeiden und auszumerzen. Die Komplementarität aber schließt eine Unvereinbarkeit ein, mit der man leben muss.“ (Erhard Scheibe, Die Kopenhagener Schule in: Klassiker der Naturphilosophie, herausgegeben von Gernot Böhme)

Kurz: die normale Logik versagt, wenn wir uns dem nervus rerum nähern. Hegelianer und Marxisten würden sofort Heureka rufen: wussten sie doch schon immer, dass die Welt nicht simpel-logisch, sondern anspruchsvoll dialektisch sei. Erst durch Kampf zwischen Wahr und Falsch, Gut und Böse, bequemt sich die träge Natur zur Fortentwicklung. Widerspräche Mephisto nicht dem Schöpfer, würde Er Sein Faulbett nie verlassen.

Simple Logik überführt und schließt aus, mitfühlende Dialektik fightet – und nimmt dennoch den Gegner mit, indem beide Kompromisse schließen und, nach scheinbar überwundenem Streit, zusammen vorankommen.

Wenn das keine Nächstenliebe zu jenen ist, die es wagen, einem frech ins Gesicht zu widersprechen! Normale Logik schließt aus und kümmert sich nicht mehr um den erledigten Widersprecher. Fromme Dialektik lässt niemanden außen vor. Sie muss Gottes Fehl – dass ihm nicht gelang, das Böse auszuschließen – wieder gut machen, indem das Böse zum Guten und Förderlichen ent-sündigt und bis zum Endsieg mitgenommen wird.

Der Deutschen Kompromiss-Seligkeit entstammt ihrer hegelianisch-marxistischen Bildung von Kindesbeinen an. Sie alle sind Brüder vor dem Herrn und können niemanden am Wege zurücklassen – wie der angelsächsische Glaubensheld Christian in Bunyans Pilgerreise seine eigene Familie egoistisch zurückließ, nur um seine eigene Seligkeit nicht zu gefährden. Deutsche sind zu solch sozialer Kälte unfähig.

Wenn Logik ausgeschieden ist: kann es dann noch eine strenge Wissenschaft geben, in der A nicht beliebig B sein kann? Wenn alles und sein Gegenteil möglich ist, wo bleibt da Poppers Fallbeil, die strenge Falsifikation? Wird hier nicht alles niedergerissen, was der arglose moderne Mitläufer für richtig hält: dass auf Wissenschaft Verlass, felsenfester Verlass sein muss? Ist hier nicht der Geist der Willkür eingedrungen, eine postmoderne Beliebigkeit? Sollte ausgerechnet die Naturwissenschaft mitschuldig sein, dass die Moderne nur noch komplementär schwafeln kann? Hilfe, mir wird schwarz vor Augen. Wo sind wir hingeraten, warum sagt uns das niemand?

War es der Einfluss der Bohr‘schen Komplementarität, dass Paul Feyerabend die strengen Überprüfungsregeln seines Lehrers Popper als dogmatische Verhärtungen verlachte und stattdessen die anarchische Losung ausgab: Alles ist möglich? Er scheute sich nicht, zu Quacksalbern zu gehen, um seine Kriegsverwundungen zu heilen. Wer heilt, hat Recht. Am Erfolg, nicht an korrekten Methoden, zeigt sich die Wahrheit.

Dem hätte Heisenberg nicht widersprechen dürfen: „Die allseitige Beleuchtung eines und desselben Gegenstandes kann verschiedene Gesichtspunkte verlangen, die eine eindeutige Beschreibung verhindern.“ (Meyer-Abich, „Komplementarität“)

Das also ist es, was sie meinen, wenn sie nicht mehr von Uni-versum, sondern von Multi-versum sprechen. Psst, nicht so laut von Multi und Kulti sprechen, sonst vertragen sich am Ende noch Kopftuchträgerinnen und AfD-Lutheraner, isländische Palästinafreunde und Netanjahus Propagandaministerium, Trumps Siegesgewissheit und Merkels „nach mir die Apokalypse“. Die Zuversicht spendende Kanzlerin wird als geheime Katastrophen-Tante enttarnt – und nicht das leiseste Säuseln im deutschen Blätterwald ist zu spüren! Das ist entweder komplementär oder ein nationaler Riesen-Skandal um eine regierende Simulantin.

Die Ursachen der Komplementarität liegen für Bohr im Problem der Willensfreiheit. Die französischen Aufklärer, Anhänger der Naturkausalität, hätten mit der Freiheit des Willens Probleme haben müssen. Entweder ist der Mensch Teil der kausalen Natur, dann kann er nicht frei sein. Oder er ist frei, dann kann Natur nicht alles determiniert haben. Doch solche Bedenken hatten die Holbachs nicht. Dass der Mensch frei sei, stand für sie außer Frage.

Doch wie reimen sich eherne Naturgesetze und freier Wille?

Schon Epikur wollte den freien Willen retten, indem er die Determiniertheit der Atome lockerte. Kant löste das unlösbare Problem, indem er Freiheit zur Forderung der Vernunft (Postulat) erklärte, die nicht beweisbar wäre. Fichte übertraf ihn mit der kühnen Aussage: wer frei sein will, muss seine Freiheit beweisen – durch freies Handeln. Dann wird er schon merken, wes Geistes Kind er ist.

Zur Freiheit gehört freies Forschen und Lernen. Auch der Kinder, die nicht am „Gängelband“ der Autoritäten laufen dürfen. Nicht so für deutsche Psychiater, die sich als Retter der Nation gebärden. Sie halten freies Lernen für ein hinterhältiges Mittel, um „unsere“ Kinder zu verdummen:

„Wir verdummen unsere Kinder. In Kitas mit sogenannten offenen Konzepten sollen kleine Kinder heute spielen wie und wann sie mögen. Erzieher sind nur noch Beobachter. In offenen Grundschulen sollen Schüler selbstständig lernen. Der Lehrer ist nur noch ein Lernbegleiter. Die Kinder können nicht selbstständig arbeiten, weil sie noch nicht selbstständig sind“, glaubt Winterhoff: „Sie müssen es lernen, von uns. Sonst bleiben sie innerlich Kleinkinder.“ (BILD.de)

Nach FAZ-Kaube nun BILD-Winterhoff. Im selben Moment, in dem die junge Generation ihre Unmündigkeit abschüttelt und sich topfit und lautstark zu Worte meldet, explodiert der Hass der Erwachsenen auf die frühreifen Schreihälse.

Was kommt als nächste Stufe der Freiheitsberaubung? Auf der nächsten Stufe der Eskalation wird die Freiheit aller Demokraten in Zweifel gezogen werden. Dann erscheint als Krönung die zwanghaft verabreichte Medizin für alles: die Offenbarung mit der Peitsche. Wer sich den Problemlösern verweigert, wird mit Knopfdruck gelöscht.

Unfreie Pädagogik war in Griechenland die Angelegenheit der totalitären Spartaner und Kreter. „Gegen solche Eingriffe ins private Leben sträubte sich der freie Sinn der Athener. Sie glaubten, ohne Zwang das Ziel zu erreichen, entscheidungsfähige und scharf denkende Demokraten heranzuziehen.“ (Max Pohlenz)

Schulz sieht die Quantenphysik in Einklang mit der Natur. Höher kann eine Naturwissenschaft nicht steigen. Fausts Träume hätten sich bewahrheitet:

Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau' alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu' nicht mehr in Worten kramen.

Natur an sich erkennen, war bislang der Wunsch von Alchimisten und Schamanen. Methodische Naturwissenschaft begnügt sich mit bescheidenem Wissen, vielen Ahnungen und Vermutungen, die auch ganz anders sein könnten. Nun ist Schamanentum zur seriösen Wissenschaft aufgestiegen. Kein Wunder, dass der biblische Kreationismus diese Wissenschaft nicht mehr ernst nehmen muss. Es sei, dass sie als Machtmethode auftritt gegen Supermaschinen, die des Teufels Natur am Kragen packte. Kein Frommer hätte irgendwelche Einwände.

Wie kommt es aber, dass Heisenberg, einer der Begründer der Quantenphysik, all dies ganz anders sieht als der Quantenbewunderer Schulz? Bei Heisenberg steht der Mensch sich nur noch allein gegenüber; die objektive Natur verschwindet hinter subjektiven Erkenntnissen des Menschen. Bei Schulz verschmilzt die Quantenmaschine mit der Natur.

„Auch in der Naturwissenschaft ist also der Gegenstand der Forschung nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen Fragestellung ausgesetzte Natur, und insofern begegnet der Mensch auch hier wieder sich selbst. Die mathematischen Formeln bilden nicht mehr die Natur ab, insofern hat man auf eine seit Jahrhunderten übliche Art der Naturbeschreibung verzichtet, die noch vor wenigen Jahrzehnten als selbstverständliches Ziel aller exakten Naturwissenschaft gegolten hätte. Zum ersten Mal in der Geschichte kann man sagen, dass der Mensch auf dieser Erde nur noch sich selbst gegenüber steht, dass er keine anderen Partner oder Gegner mehr findet.“ (Das Naturbild der heutigen Physik)

Die Analyse der Quantenwissenschaft ist bei Heisenberg und Schulz diametral verschieden; ihr praktisches Fazit dennoch gleich. Letzten Endes geht es beiden um Macht:

„Sicher gibt es Teile der Erde, wo dieser Prozess noch lange nicht zum Abschluss gekommen ist, aber früher oder später dürfte in dieser Hinsicht die Herrschaft des Menschen vollständig sein.“ (Heisenberg)

Vollständige Herrschaft ist totalitär. Bei Schulz kaum anders:

«Ich will nicht behaupten, dass Quantencomputer ein Wundermittel für alle Probleme der Welt sind», sagt Neven, aber eigentlich tut er dann genau das. «Wir sind bald acht Milliarden Menschen, aber wir haben nicht die technologischen Grundlagen, um acht Milliarden Menschen einen westlichen Lebensstil zu ermöglichen, ohne enorme ökologische Schäden zu verursachen.» Dazu müssten wir zunächst «unsere industriellen Grundlagen umstellen, ganz schnell ändern, wie wir Energie erzeugen, nutzen und speichern.» Google plant, die Klimakatastrophe aufzuhalten und ein Quantencloudangebot für alle Unternehmen der Welt zu schaffen.“ (Schulz)

Jugend, hör auf zu demonstrieren, Regierungen, verharrt in eurer Trägheit: Superroboter werden die Menschheitsprobleme pro nobis lösen. Der Mensch ist nicht mehr gefragt – nur noch als Creator jener Maschinen, die ihn komplett ersetzen. Also eine Handvoll Genies. Der Rest ist überflüssige passive Erlösungsmasse.

Schulz verendet im Sumpf einer neoliberalen Wettbewerbswirtschaft: Deutsche, raus aus den Federn und Amis Konkurrenz gemacht. Seid ihr doof? Euch fehlt nichts, nur das Evangelium freier Unternehmer. Ihr seid noch nicht amerikanisch – und chinesisch genug. Wenn ihr weiterhin in skeptischer Blasiertheit verharrt, werdet ihr von den Giganten zum Frühstück verspeist. Wollt ihr das?

Schulz sündigt wider den Heiligen Geist der Medien: ohne es zu bemerken, macht er sich gemein – mit der guten, weil macht-versprechenden Sache des Fortschritts und des Triumphs über potente Wettbewerber.

Mit Wissenschaft hat das Ganze nichts zu tun. Keine einzige Frage, kein einziger Einwand. Nicht das kleinste Pro und Contra. Es geht nur um Macht und Machterweiterung. Die Berichterstattung über Wissenschaft im SPIEGEL ist sensationsgierige Propaganda und Unterwerfung unter eine unvermeidbare Heilsgeschichte. Marx sprach mit ähnlichen Vokabeln über das Kommen des Reiches der Freiheit.

In den Augen Poppers, der auf Richter und Propheten verzichten wollte, ist Schulz ein fatalistischer Historizist. Kopf einziehen und gehorchen, es kommt, wie es kommen muss.

Eine tote Monster-Maschine wird uns verändern. Wer sich nicht fügt, wird aussortiert. Hier sieht man, dass die Dialektik doch aussortiert. Nicht die durch Widerstand und Ergebung fördernden Kräfte, sondern jene, die den gesamten Prozess verhindern wollen.

Ökologische Fragen werden erst dann zu praktisch-quantitativen, wenn qualitatives Denken zuvor verstanden hat, welche naturphilosophischen Probleme es gelöst haben muss. Die Meister der Roboter mögen geniale Rechner und Tüftler sein, von Fragen der Klimaveränderung scheinen sie nicht viel zu verstehen. Wie können sie sich anmaßen, ihre monströsen Rechner als kompetente Naturschützer anzupreisen? Was wollen sie ihnen einprogrammieren, wenn sie keine Zusammenhänge verstehen? Experten werden sie einsetzen müssen, deren Kompetenz sie nicht beurteilen können.

Was, wenn es eine der dringendsten Aufgaben wäre, die Natur von solchen technischen Dinosauriern zu befreien? Wenn es notwendig wäre, zu schlichten autarken Lebensweisen „zurückzukehren“. Eine Regression, die einzig in der Lage wäre, eine Progression zu sein?

Supermaschinen sind Machtzusammenballungen der gefährlichsten Art. Eine zukünftige Menschheit aber wird sich durch Machtverzicht und ein naturnahes Leben auszeichnen.

Macht ist kein Messer, das man beliebig zum Guten und Bösen verwenden kann. Nie hat Naturwissenschaft gezögert, alles, was sie theoretisch konnte, in politische und militärische Gewalt zu übersetzen. Wenn Wissenschaftler von Verantwortung reden, meinen sie stets die Verantwortung der Politiker und Massen, die ihre brillante Arbeit nicht verstanden haben. Wer dumm ist, muss zur Strafe moralisch werden. Moral und Dummheit sind komplementär.

Heisenberg mag ein genialer Physiker gewesen sein, war er auch ein politisch-verantwortlicher Demokrat? In seinem Buch zitiert er die Geschichte eines chinesischen Weisen, der sich vehement gegen die Einführung eines schlichten Wasserrades wehrte:

„Wenn einer Maschinen benutzt, so betreibt er alle seine Geschäfte maschinenmäßig; wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz. Wenn einer ein Maschinenherz hat, der verliert die reine Einfalt. Wem die reine Einfalt verloren gegangen ist, der wird unsicher und ungewiss in seinen Regungen des Geistes. Nicht, dass ich solche Dinge nicht kennte, ich schäme mich, sie anzuwenden.“

Über solche Schamregungen können Machtmenschen und Maschinisten nur lachen. Mit ihren Heilsmaschinen wollen sie den Sterblichen das Leben erleichtern – bis dieses so leicht wurde, dass es unerträglich wird. Menschen, die sich anstrengen wollen, um sich zu entwickeln und ihre Lebenskompetenz zu beweisen, sind totalitären Maschinisten hilflos ausgeliefert.

Die chinesische Geschichte soll den Eindruck erwecken, als sei Heisenberg kritisch eingestellt gegen „Wissen ist Macht“. Davon kann keine Rede sein. Er distanziert sich nicht eindeutig von der These: Machtanhäufung erscheine als biologischer Vorgang im Großen. Als Prozess, „dem die Kontrolle des Menschen entzogen ist. Denn der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

Quantenphysik gibt kein objektives Bild von der Natur, „sondern ein Bild unsrer Beziehungen zur Natur. Die Naturwissenschaft steht nicht mehr als Beschauer vor der Natur, sondern erkennt sich selbst als Teil dieses Wechselspiels zwischen Mensch und Natur. Die wissenschaftliche Methode des Aussonderns, Erklärens und Ordnens wird sich der Grenzen bewusst, die ihr dadurch gesetzt sind, dass die Methode ihren Gegenstand verändert und umgestaltet, dass sich die Methode also nicht mehr vom Gegenstand distanzieren kann. Das naturwissenschaftliche Weltbild hört damit auf, ein eigentlich naturwissenschaftliches zu sein.“

Wie sind diese Zeilen zu deuten? Plötzlich wird aus Heisenbergs subjektiver Erkenntnis eine objektive Verschmelzung mit der Natur. Als Heisenberg den Text schrieb, waren erst wenige Jahre seit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vergangen. Alle eingeweihten Wissenschaftler wussten, welche ungeheuren Waffen sie dank der Quantenphysik in Händen hielten. Rutherford hatte den Scherz gemacht, dass „irgendein Gimpel in einem Laboratorium die ganze Welt in die Luft sprengen könnte.“

Die Wissenschaft als Herrin über die Natur hatte versagt. Also musste die Stellung der „objektiven“ Herrin aufgegeben werden: damit die Herrin sich demütig mit der Natur überidentifizieren konnte. Wer Teil der Natur ist, so die Hoffnung Heisenbergs, kann ihr kein Leid mehr zufügen.

Das war eine aberwitzige Selbstverblendung, die den sadistischen Siegeszug über die Natur bis heute nicht stoppen konnte. Im Gegenteil, wie Silicon Valley und sein Hofprophet Schulz zeigen. Der englische Chemiker Soddy hatte, in den Anfängen der Quantenphysik, noch die Erwartung geäußert: „Wir können nur hoffen, dass die Natur ihr Geheimnis wahrt.“

Doch nach wenigen Jahren klang es bei Soddy schon ganz anders. Die mögliche Apokalypse erscheint bei ihm als „Heilszeit endzeitlicher Fülle. Unter den fortschrittsgläubigen Forschern bezeichnet Soddy einen Gipfel der eschatologischen Wissenschaftsreligion – mit apokalyptischen Zügen.“ (Friedrich Wagner)

Friedrich Wagner zieht das Resumee: „Auf Soddy geht die noch heute wirksame Selbstauslegung der Kernwissenschaft zurück, die biblische Heilsbilder ewiger Fülle auf die Atomumwandlung projiziert und zugleich ein eschatologisches Ereignis kosmischer Katastrophen aus der Atomumwandlung voraussieht.“

Zu den Gefahren der Atomverwüstung kommt inzwischen die Gefahr von Superrechnern, denen es ein Leichtes sein wird, unter dem Vorzeichen ökologischer Wundermaßnahmen die ganze Menschheit in digitale Fesseln zu legen. Wieder einmal preisen Erlöser in Sandalen ihre Fähigkeiten, die Menschheit von ihren Sünden zu befreien. Dass die Erlösung den Großteil der Menschen in schreckliches Unheil stürzen wird, wird schamhaft verschwiegen.

Schulz hat keinen soliden, kritischen Artikel über eine sogenannte technische Wundermaschine geschrieben. In glühenden Worten predigte er eine Halleluja-Geschichte. Verglichen mit seiner Heiligenlegende sind die Geschichten seines geschassten Kollegen Relotius harmlose Petitessen. Ist die deutsche Presse lernunfähig und verstockt?

Schulz ist die Quantenausgabe seines harmlosen Kollegen. Von eigenständigem Denken ist im Evangelium des gläubigen Thomas nichts zu merken.

 

Fortsetzung folgt.