Sofort, Hier und Jetzt LXXXV

Tagesmail - Mittwoch, den 06. März 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXXXV,

Worte können töten, Stummheit auch. Und sie sagte kein einziges Wort: Merkel lächelt wie ein Honigkuchenpferd – und erledigt Macron mit eisernem Schweigen. Da kann der französische Präsident vorpreschen, kluge Reden halten und Artikel schreiben, wie er will: gegen Angela kommt er nicht an. Ihre siegreiche Strategie lernte die kluge Jungfrau von ihrem himmlischen Herrn:

„Und Jesus schwieg und sagte kein einziges Wort.“

Heiden plappern. Gläubige vermeiden jedes überflüssige Wort, denn eines Tages müssen sie über jedes unnütze Wort Rechenschaft ablegen. „Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden.“ „Dann sage ich nichts mehr und will meinen Anwalt sprechen.“

Biblische Vorgänge, verwandelt in weltliche. Der Anwalt ist der säkulare Nachkomme des himmlischen Parakleten. Alles, was der Mensch in seinem Leben schwatzte, beteuerte und beschwörte, wird ihm am Jüngsten Gericht vom Obersten Ankläger um die Ohren geschlagen. Gäbe es nicht Jenen, der für ihn spräche: er wäre verloren. Es ist sein Für-sprecher oder Paraklet, der Partei für ihn ergreift, weil er stellvertretend für alle Gläubigen die Schuld übernahm. Der Mensch selbst ist unfähig, seinem Schöpfer Rede und Antwort zu stehen.

„Und wenn jemand sündigt, haben wir einen Fürsprech beim Vater.“ „Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am Jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.“ „Also ist auch die Zunge ein kleines Glied und richtet große Dinge an. Siehe, ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet's an! Und die Zunge ist auch ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Also ist die Zunge unter unsern Gliedern und befleckt den ganzen Leib und zündet an allen unsern Wandel, wenn sie von der Hölle entzündet ist.“

Logos, das Wort, ist das Zauberwort des Schöpfers, nicht das Wort der ...

 ... Vernunft. Seine Kreaturen sind zwar des Plapperns fähig, aber nicht des Rechenschaftsgebens durch das Wort.

Logon didonai – „Vernünftiges erfassen und das Vermögen, über seine Handlungen Rechenschaft abzulegen“: die griechische Kunst des Argumentierens, Disputierens und Streitens beherrschen die Frommen nicht. Streng genommen, können sie nicht mal reden. Gerecht gesprochen werden sie solo verbo, allein durch das Wort – aber nicht durch das vernünftige Wort des Menschen, sondern durch das Erlösungswort Gottes.

„Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. Es wird aber ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören wider die Eltern und ihnen zum Tode helfen. Und ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen.“

Den mündigen Menschen, der mit dem Munde seinen Verstand reden lässt – den gibt es nicht in Erlöserkreisen. Alles, was Gläubige können, ist, sich mit ätzenden und vergifteten Reden dem Gericht ausliefern. Sie müssen alles tun, um von der Welt gehasst zu werden. Nur der Hass der Welt verschafft ihnen Rettung durch Gott. Die gehässigsten unter ihren Verleumdern sind ihre Familienangehörigen, ihre eigenen Väter und Kinder. Ergo muss die Familie verlassen und zerstört werden, sie ist die ärgste Feindin des Menschen.

Die Moderne ist dabei, diesen Befehl in kapitalistischer Unverträglichkeit von Gier und Solidarität, Familie und Beruf, Kind und Selbstverwirklichung in die Tat umzusetzen. Teile und herrsche: das ist die Herrschaftsmethode des Schöpfers.

Des Menschen Mündigkeit zu verkündigen, war die Herzensangelegenheit der Aufklärung:

„Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Wer seine Mündigkeit verteidigt, seine eigene Vernunft zu Worte kommen lässt, der ist inkompatibel mit allen Parakleten dieser Welt.

Von Anfang an sorgte der Schöpfer dafür, dass die Menschen sich mit ihrer natürlichen Sprache nicht verständigen können.

„Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und haben das angefangen zu tun; sie werden nicht ablassen von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, laßt uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, daß keiner des andern Sprache verstehe! Also zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, daß sie mußten aufhören die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, daß der HERR daselbst verwirrt hatte aller Länder Sprache und sie zerstreut von dort in alle Länder.“

Seitdem bauen sie unablässig ihre „Stadt“, die technische Zivilisation, endlos bis in den siebenten Himmel. Und dennoch bleiben sie unfähig, sich zu verständigen. Sie sprechen nicht die gleiche Sprache, obwohl sie dieselben Wörter und Begriffe benutzen.

Aus Verzweiflung bauen sie ihre babylonischen Türme ins Grenzenlose – doch verstehen tun sie sich immer weniger. Bei ihren Geschöpfen, den Robotern, haben sie die Sprache vollständig abgeschafft und durch Zahlen ersetzt.

So verhindert der machtgesteuerte Fortschritt, dass die Menschen ihre Verständnislosigkeit überbrücken lernen. Wahrer Fortschritt ist Brückenschlagen zwischen den Menschen, nicht Reisen ins Universum.

Längst aller Wahrheitssuche überdrüssig, beteiligen sich die Wissenschaften besinnungslos am Fortschritt, der Reise ins Schwarze Loch der Inhumanität. Was ist der Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern? Skyscraper sind keine Wolkenkratzer, sondern Himmelskratzer. Hier die demütige, dort die triumphierende Kirche.

Wie kann man die Kluft zwischen den Menschen überbrücken? Durch die Zungensprache der Erleuchtung:

„Und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Heiden und Ungläubige spotteten über das Lallen der Erleuchteten: „Sie sind voll süßen Weines.“ Nur im Zustand höherer Trunkenheit, pardon, der Erleuchtung, kommen Herzen zu Herzen.

Konsequent, dass die Deutschen immer mehr Abschied nehmen von ihrem geistlosen Deutsch und übergehen zur ekstatischen Sprache ihrer Besieger, zumeist in Verbindung mit Musik, der Sprache höherer Sphären. Im Mittelalter war es der gregorianische Choral in Latein, ab der deutschen Graecomanie die Sprache Homers, die die Hochgelehrten vom Pöbel separierte. Heute sind es Fortentwicklungen der ursprünglich religiösen Jazz- und Gospelmusik und die Sprache der Sieger, die die Gemüter der Besiegten höher schlagen lassen.

Ist das kein Zeichen für Lernfähigkeit und Aufgeschlossenheit für das Fremde? Der verwirrende Begriff Multikulturalität zeugt nicht für multi, wenn er benutzt wird, um den unbearbeiteten Kalamitäten des Eigenen zu entfliehen.

Wahre Identität ist nicht nationalistisch, sondern kosmopolitisch. Ich bin mit mir identisch, wenn meine Identität keine Abgrenzung oder gar Feindschaft gegen das Fremde und Nichtidentische erfordert. Was nicht bedeutet, alles Fremde unbesehen gutheißen zu müssen. Alles prüfet, das Beste behaltet.

Wie Erlösungsreligionen die vorhandene Natur zerstören, um eine zweite Übernatur zu installieren (zu taufen), so unterminieren sie die natürlichen Sprachen der Völker, um sie durch ein charismatisch-amerikanisches Esperanto zu ersetzen. Deutsche Gazetten gehen dazu über, englische Zitate unübersetzt zu lassen. Wer sie nicht versteht, gehört nicht zu den Führungsklassen, die sich in aller Welt zuhause fühlen – wenn der Touristenservice der Einheimischen die hohen Anforderungen erfüllt.

Der jetzige Aufstand des Pöbels hat nicht nur wirtschaftliche Gründe. Die Eliten beanspruchen, die verwickelten Weltverhältnisse problemlos zu durchschauen, die Völker sollen durch überkomplexe Herrschaftssprache in ihrer Dummheit festgehalten werden.

Es gibt nicht nur eine materielle Gentrifizierung – separate Wohn- und Lebensverhältnisse für Privilegierte – sondern auch eine geistige. Die „Framingsprache“ der Führerklassen wird von normalen Menschen nicht verstanden. Selbst diejenigen, die sie benutzen, verstehen sie nicht. Die Talk-Shows der Öffentlich-Rechtlichen unterlassen alles, um Übersetzungsarbeit zu leisten und diese Kluft zu überwinden. (Weder Maischberger noch Illner halten es für nötig, die Macron-Thesen zu thematisieren. Man bleibt lieber identitär.)

Was unterscheidet Jesus von Sokrates? Beide werden angeklagt und zum Tode verurteilt, doch Jesus weigert sich, sich mit Hilfe von Argumenten zu verteidigen. Die Kunst des mäeutischen Dialogs kennt er nicht.

Diese beruht auf der Fähigkeit jedes Menschen, in sich selbst die Wahrheit zu suchen. Erkenne dich selbst: durch Wiedererinnerung kann der Mensch die Spuren natürlicher Erkenntnis ausgraben. Jesus verurteilt den natürlichen Menschen zum Tod. Nur wer durch Taufe und Erleuchtung ein neuer Mensch wurde, kann die Erleuchtungssprache des Herrn verstehen.

Wo Jesus schwieg, hielt Sokrates eine fulminante Verteidigungsrede (Apologie). Jeden Punkt der Anklage greift er einzeln auf, um ihn von allen Seiten zu widerlegen. Er legt Rechenschaft ab durch das verständige und gemeinsame Wort der Vernunft. Streitend nimmt er seine Ankläger ernst und stellt sich nicht arrogant-wortlos über die Menge.

Seine Lebensdevise ist rationalen Argumenten und Gegenargumenten zugänglich:

„Ein Leben ohne Prüfung und Erforschung ist nicht lebenswert.“

Wie kann man Sokrates für einen Feind der Demokratie halten (wie deutsche Altphilologen), wenn er dem Volk auf gleicher Augenhöhe des streitbaren Dialogs begegnet? Müsste er sich heute vor einem Gericht verantworten, würden vernunftfeindliche Medien ihn wegen hochmütiger Besserwisserei steinigen. Seine Besserwisserei aber war kein Hochmut, sondern erstauntes Nachfolgen der Wahrheit, die er durch Gegenargumente nicht widerlegen konnte.

„Ich bin euch, ihr Athener, zwar zugetan und Freund, gehorchen aber werde ich dem Gotte mehr als euch, und solange ich noch atme und es vermag, werde ich nicht aufhören, nach Weisheit zu suchen und euch zu ermahnen und zu beweisen, wen von euch ich antreffe, mit meinen ge-wohnten Reden; wie: Bester Mann, als ein Athener aus der größten und für Weisheit und Macht berühmtesten Stadt, schämst du dich nicht, für Geld zwar zu sorgen, wie du dessen aufs meiste erlangst, und für Ruhm und Ehre, für Einsicht aber und Wahrheit und für deine Seele, dass sie sich aufs beste befinde, sorgst du nicht und hieran willst du nicht denken? Und wenn jemand unter euch dies leugnet und behauptet, er denke wohl daran, werde ich ihn nicht gleich loslassen und fortgehen, sondern ihn fragen und prüfen und ausforschen. Und wenn mich dünkt, er besitze keine Tugend, behaupte es aber: so werde ich es ihm verweisen, dass er das Wichtigste geringer achtet und das Schlechtere höher.“

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, wurde vom Verfasser der Apostelgeschichte fast wörtlich übernommen. Doch wie immer, mit diametral anderer Bedeutung. Gott ist für Sokrates die Stimme der menschlichen Vernunft, für Lukas die Stimme eines übernatürlichen Gottes, die nur Erleuchteten zugänglich ist.

Dass man gleiche Worte benutzen, dennoch sich unverständlich bleiben kann, ist eine der Hauptursachen der globalen Gegenwartskrise. Wer seit Jahrzehnten die Erfahrung machen muss, dass Gespräche nichts bringen, dass die skandalösen Bestandteile des Kapitalismus durch Argumente nicht aufgelöst werden dürfen, der kann nur noch auf die Straße gehen und schreien. Auch die berüchtigte Shitstormsprache ist das empörte Ergebnis der Unfähigkeit, verschiedene Klassen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Nach seiner Entzauberung durch die Gelbwesten hat Macron einen erstaunlichen Neuanfang gewagt. Bußfertig hat sich der Sohn des Himmels zu den Menschen herniedergelassen, um barfuß über die europäischen Dörfer zu gehen. Ein notwendiger, ein überfälliger Schritt. Bislang ohne nennenswerte Reaktionen aus Deutschland. Mutter Merkel ist pikiert über die neuerliche Avantgarde-Rolle ihres Rivalen und bremst ihn aus durch Schweigen.

Es gibt einen interessanten Wettlauf um die männliche und weibliche Messiasrolle. Angela bevorzugt Demut mit subkutanem Glorienschein, Emmanuel versucht, Napoleon mit einem Erweckungsprediger zu kombinieren.

„Bürgerinnen und Bürger Europas, wenn ich mir heute erlaube, mich direkt an Sie zu wenden, dann tue ich das nicht nur im Namen der Geschichte und der Werte, die uns einen, sondern weil dringend gehandelt werden muss. In wenigen Wochen wird die Europawahl über die Zukunft unseres Kontinents entscheiden. Das ist die Entscheidung, die ich Ihnen anbiete, damit wir gemeinsam den Weg eines Neubeginns in Europa betreten.“ (WELT.de)

Im Namen der Geschichte – geht’s bombastischer? Welcher Geschichte? Ist Macron Bote einer höheren Instanz? Er wendet sich direkt an die Bürgerinnen und Bürger. Bis jetzt war er so hoch über alle erhaben, dass er Vermittler brauchte, um seine Botschaften ans Volk zu bringen. Nur Gott und seine unfehlbaren Stellvertreter brauchen Vermittler. Jetzt aber hat Macron sich persönlich auf den Weg gemacht, um sein europäisches Volk in direktem Kontakt kennen zu lernen. Das wird Neid und Eifersucht seiner regierenden KollegInnen hervorrufen. Ein fremder Mann wendet sich, ohne die Erziehungsberechtigten zu fragen, direkt an fremde Kinder, als ob sie die eigenen wären.

Nicht nur im Namen der Geschichte, sondern „gemeinsamer Werte, die uns einen“. Ist Europa nicht deshalb so gespalten, weil die gemeinsamen abendländischen Werte – nicht gemeinsam sind? Welche Naivität, ein Übel therapieren zu wollen, das man bereits am Anfang leugnet.

Jetzt oder nie: das ist die Sprache existentiellen Heils. Wer den bevorstehenden Augenblick der eschatologischen Entscheidung versäumt, ist in Ewigkeit verloren. Alles hat seine Zeit. Jetzt ist die Zeit für Europa angebrochen.

Hier kommt ein Prophet des Kairos, der göttlichen Heilsgeschichte. Es sind nicht die desaströsen politischen Verhältnisse, die eine Entscheidung fordern: es ist Emmanuel („Gott mit uns“), der uns in gnädiger Herablassung eine solche anbietet.

„Der europäische Humanismus erfordert Handeln. Und überall möchten die Bürgerinnen und Bürger am Wandel teilhaben.“

Kein erklärendes Wort zum europäischen Humanismus, als wäre die Idee Europa allein auf dem Boden der Vernunft gewachsen. Das aber entspricht weder der französischen noch der deutschen Europaidee:

„Es ist demnach eine ziemlich anerkannte Wahrheit, dass Europa dem heiligen Stuhle seine Civilisation, einen Theil seiner besten Gesetze, und fast alle seine Künste und Wissenschaften schuldig ist.“ Schrieb Chateaubriand in seinem Werk „Der Geist des Christentums“. Dass die deutsche Romantik von einem mittelalterlichen Europa träumte, wie Novalis in seinem Buch „Die Christenheit oder Europa“ in fiebriger Erleuchtung schrieb, muss nicht betont werden.

Welche gemeinsamen Werte? Frankreich definiert sich laizistisch und kirchenfern, Deutschland schützt die Kinder- und Nonnenschänder des Klerus mit dem Skandal eigener Gerichtsbarkeit und endlosen finanziellen Liebesgaben. Frankreich, trotz katholischen Adels, setzt auf die Raison Voltaires, Deutschland behauptet, Vernunft und Glauben vermählt zu haben. Kein Wörtchen Macrons zu den historischen Unterschieden der Nationen. Er will ein Gespräch führen, ohne die Positionen der Gesprächspartner in ihren Unterschieden zu erklären.

In seinen Gesprächen mit den Gelbwesten hört Macron den Stellungnahmen der Einzelnen zu, macht sich Notizen, um schließlich allen Beteiligten in einer tour d’horizon zu antworten. Mit einem Gespräch haben solche einseitigen Monologe nichts zu tun. Man kann nur mit Einzelnen Gespräche führen, nicht mit Vielen, die man als Gruppe in einem Aufwasch abfertigt.

Humanismus ist keine klerikale Errungenschaft, sondern in lebensbedrohlichen Kämpfen den Kirchen abgetrotzt. Ja, auch Macron verrät eine Tendenz zum Priesterlichen:

„Zu dieser Konferenz sollten Bürgerpanels hinzugezogen und Akademiker, Sozialpartner und Vertreter der Religionen gehört werden.“

In Deutschland ist die Standardformel zu hören: Gewerkschaften und Kirchen. In allen Gremien sitzen Popen und herrschen in uralter Tradition mit: Staat und Kirche, civitas terrena und civitas dei, gelten als unlösbare Herzensgemeinschaft, auch wenn den Gottesmännern jegliche demokratische Legitimität fehlt.

Was hat Macron noch im Angebot?

„Deshalb biete ich Ihnen als Maßnahme gegen Abschottung und Spaltung an, diesen Neubeginn gemeinsam anhand von drei Ambitionen zu gestalten – Freiheit, Schutz und Fortschritt.“

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurde zu „Freiheit, Schutz und Fortschritt.“ Das ist kein Fortschritt, denn jener Dreiklang war nur zu übertreffen durch Ersetzung von Brüderlichkeit durch Geschwisterlichkeit. Es ist ein Verfall. Es gibt noch einen anderen Dreiklang: „Frieden, Wohlstand und Freiheit.“

„Angesichts der globalen Umwälzungen sagen uns die Bürgerinnen und Bürger nur allzu oft: „Wo ist Europa? Was unternimmt die EU?“ Europa ist in ihren Augen ein seelenloser Markt geworden. Aber Europa ist nicht nur ein Markt, es ist ein Projekt. Ein Markt ist durchaus nützlich, aber er darf nicht die Notwendigkeit schützender Grenzen und einigender Werte vergessen machen.“

Würden die BürgerInnen nicht protestieren, wären die Eliten mit der Entwicklung der Weltpolitik restlos zufrieden? Kritik muss von unten kommen, damit die Eliten geruhen, sich hinabzubeugen, um die ungeschminkte Realität wahrzunehmen?!

Das schreckliche Wort Kapitalismus wird von Macron vermieden und durch „Markt“ ersetzt. Markt ist immer seelenlos, denn er handelt – angeblich – nach Angebot und Nachfrage, bei Hayek nach Zeit und Zufall: alles keine seelischen Sättigungsbeilagen.

Nur ein gerechter Markt ist nützlich, ein ungerechter beschädigt die Gesellschaft in ihren Urfesten. Es ist zudem der Markt eines unbegrenzten Freihandels, der die Schutzgrenzen der schwächeren Nationen nicht akzeptiert. Die Produktionskraft der starken Länder wollte alle Grenzen schleifen, um die unterlegene Wirtschaftsmacht der schwächeren Konkurrenten zu dominieren. Jetzt plötzlich, seitdem die unterlegenen Länder aufgeholt haben und endlos scheinende Flüchtlingsströme vor den Toren Europas stehen, plädieren die Europäer für Schutzmauern.

Macron will Europa erneuern. Löblich. Doch zu welchem Zweck? Um nationalistische Regressionen der Rechten auszubremsen. Löblich. Doch halt! Ist Macrons Europa nicht selbst eine nationale Regression – auf der Ebene egoistisch verbundener Nationen? Auch Amerika ist ein Staatenverbund, der zu einer chauvinistischen Interesseneinheit zusammenwuchs.

Der französische Präsident will kein gemeinsames Weltdorf, keine kosmopolitische Menschheit. Nur das wäre die Alternative zu den aufkommenden kleinlichen Ego-Interessen der Nationen. Zudem will er den Machtegoismus Europas militaristisch stärken. Er spricht von Frieden und rüstet zum Krieg.

„Europa ist keine Macht zweiten Ranges. Europa als Ganzes spielt eine Vorreiterrolle, denn es hat von jeher die Maßstäbe für Fortschritt gesetzt.“

Das klingt wie Trumps America first. Zuerst Europa, dessen Vorreiterrolle in Stein gemeißelt werden muss. Dann lang, lang nichts.

Fortschritt ist keine Unterabteilung der Humanität. Im Gegenteil. Technischer Fortschritt will die Probleme der Menschheit lösen, indem er sie in rasender Beschleunigung vermehrt. Fortschritt beruht vor allem auf fortschreitender Zerstörung der Natur. Doch Macron sieht Fortschritt und Schutz der Natur in trauter Zweisamkeit:

„Wieder an die Idee des Fortschritts anzuknüpfen bedeutet auch, sich an die Spitze des Kampfes für unsere Umwelt zu stellen. Werden wir unseren Kindern in die Augen blicken können, wenn wir nicht auch unsere Klimaschuld begleichen.“

Macron denkt an die Kinder. Unterstützt er aber auch die Demonstrationen der Jugend, wenn sie die Schule schwänzen? (In Deutschland fallen unendlich viele Stunden wegen Personalmangel aus. Das berührt keinen Kultusminister. Wenn aber die Jugend ihre demokratische Verantwortung entdeckt, die sie in der Schule nicht lernt, ist Matthäi am letzten.)

Dann fällt ein Begriff, der in der Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland eine erhebliche Rolle spielte.

„Es ist unsere Zivilisation, die uns eint und frei macht.“

Zivilisation war der westliche Hassbegriff, dem die Deutschen ihre überlegene Kultur entgegensetzten. Das war vor 100 Jahren, als der Erste Weltkrieg den Gottesbeweis erbringen sollte, ob der gottlose Westen oder das heilige Deutschland die führende Rolle in der Geschichte spielen sollte.

Zivilisation bezog sich vor allem auf technischen Nutzen, wissenschaftlichen Fortschritt, auf rechnenden Verstand und hedonistische Lustbegierde.

Kultur bezog sich auf zeitlos religiöse Überlegenheit, metaphysische Ergriffenheit und historisches Sendungsbewusstsein. Deutschland sollte für die Welt ein messianisches Vorbild sein. Der Begriff Kultur war dermaßen extraordinär, dass er als unübersetzbar galt. Kultur und Zivilisation – für alle Zeiten unverträglich, weshalb die beiden Nationen auf immer Erbfeinde sein mussten.

Für seine Erneuerungsvorschläge will Macron neue Institutionen und Agenturen gründen. Das sind Zentralisierungen, die den Eindruck erwecken, als müssten mündige Demokratien ihre Aufgaben stets an Experten delegieren.

Sinnvoller wäre es, auf allen Ebenen Bürgerversammlungen einzurichten, die regionale Belange selbst entscheiden könnten. Demokraten sind „Universaldilettanten“, wie Spötter die Anmaßung des Volkes nennen, die Probleme der Gesellschaft selbst zu verstehen und zu entscheiden.

Experten sind nicht automatisch verantwortungsvollere Demokraten. Bisher spielten sie vor allem die nützlichen Idioten der Herrschenden. Einzelne Bereiche mögen sie besser verstehen, der Gesamtzusammenhang der Gesellschaft aber entzieht sich ihrem Expertentum. Es wird Zeit, den Fachleuten von Grund auf zu misstrauen und ihr angebliches Wissen mit sokratischer Schärfe zu durchleuchten.

Macrons solistischer Vorstoß ist der notwendige Versuch, die europäischen Verkrustungen aufzubrechen. Sein Artikel aber ist eine coincidentia oppositorum, eine aus Widersprüchen und Unschärfen bestehende Mixtur, die mehr nach Bürokraten und Experten riecht als nach unbefangenem, prickelndem Neubeginn.

Merkel hat mit Europa nicht viel am Hut. Da sie im Wettbewerb der Nationen ganz vorne mitspielen will, betrachtet sie ihre schwächelnden Nachbarn mit verstecktem Misstrauen.

Macron will seine Popularitätsdelle durch eine umfassende europäische Konnexion reparieren.

Merkel will alles laufen lassen, ihr Kollege alles reformieren und erneuern.

Viel zu lang haben die Völker auf ihre Obrigkeiten geschaut, still und gehorsam abgewartet. Nun gilt es, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die Zeit der jetzigen Eliten ist vorüber. Zu lange durften sie beweisen, dass sie es nicht können.

 

Fortsetzung folgt.