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Tagesmail - Mittwoch, den 30. Januar 2019

Sofort, Hier und Jetzt LXX,

Sloterdijk, Habermas, Enzensberger, Walser, Handke, Sarrazin, Hans Werner Sinn, Alice Schwarzer, Messner (15), Stefan Aust und Clemens Fuest (17!!), Spitzer (23), Hüther (29), Giovanni di Lorenzo (33), Jan Böhmermann (40), Döpfner (80), Wickert (105), Schellnhuber (110).

Die Bestenliste deutscher Dichter und Denker. „Erstellt hat „Cicero“ die Liste anhand der Häufigkeit, mit der die Kandidaten in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften sowie im Internet zitiert wurden. Politiker wurden dabei nicht berücksichtigt. Der Trend im Ranking gehe „von Dichtern zu Denkern“, so „Cicero“-Chef Christoph Schwennicke. (BILD.de)

Sarrazin – ein messerscharfer Denker? Schellnhuber, Ökoberater der deutschen Regierung – abgeschlagen. Walser, Liebhaber Karl Barths und der lesbaren Gesichtszüge Merkels. Neoliberale Ökonomen – die besten Denker. Wer war Handke nochmal? Und wo lassen Aust und Döpfner denken?

Demokrit und Aristoteles hätten unter diesen Koryphäen keine Chance mehr. Und welche überirdischen Denker haben die Liste erstellt – nach welch göttlichen Kriterien? Unter ihnen Cicero-Chef Schwennicke, Platz 472. Müssten sie nicht die besten aller besten Denker sein, wenn sie unsere Geistesriesen punktgenau aufreihen können?

In den Medien werden Experten zu Themen der Zeit befragt – von wem? Von Experten, die die Kompetenz der Experten beurteilen können? Dann wären sie auf externe Experten gar nicht angewiesen!?

Wenn es um Gerechtigkeitsfragen geht, werden stets Ökonomen befragt, die Gerechtigkeit für Mumpitz halten. Wenn es um die psychische Verfassung der Gesellschaft geht, werden stets Ökonomen befragt, die mit Zahlen beweisen, wie es der Gesellschaft gefälligst – gehen müsste. Wehe, wenn nicht; dann simuliert sie. Linke Ökonomen werden nie als Experten vorgestellt, sondern als einseitige ...

 ... Parteiläufer.

Wie wurde die Qualität der Denker ermittelt? Durch Abzählen. Je öfter sie zitiert wurden, desto tief-sinniger müssen sie sein. Im Dritten Reich hätte ein gewisser Adolf H. als Superdenker abgeschnitten.

Was sich dem Rechnen und Zählen am meisten entzieht, wird just durch Rechnen und Zählen platt gemacht und eingereiht. Das ist das finale Massaker des Denkens im Abendland.

Auch hier haben die Deutschen bei den Amerikanern abgekupfert, die die besten Universitäten, die Mächtigsten, die genialsten Künstler, die geeignetsten Professoren ermitteln. Wer hat die meisten Nobelpreisträger, das größte Kapital? Wessen Kunstwerke haben den höchsten Preis erzielt, welcher Lehrstuhlbewerber die meisten Veröffentlichungen nachgewiesen?

Der Siegeszug der Naturwissenschaften besteht im Ausmerzen philosophischer Qualität – durch objektive Quantität. Die Zahl hat den Buchstaben, die Sprache, das logische Denken und die psychische Wahrnehmung ersetzt. Es gibt nur noch eine Dimension: das Messbare.

„Inbegriff der exakten Forschung ist die Reduktion der Qualität auf Quantität, auf das Zählbare, Messbare und Wägbare. Schon der Gedanke der Zerstückelung der Natur stieß in Hellas auf die unübersteigbare Schranke einer Natursicht, die auch im Kosmos ein lebendes Wesen sah. Aus diesem Weltsinn erwuchs die Ehrfurcht, die Hellas der Natur als einem lebendigen Wesen erwies und jeden Zugriff in dieses Leben, damit alle Entdeckungen und technischen Erfolge versagte, die der moderne Forscher erringt.“ (Friedrich Wagner)

Wir stehen an einer Urquelle der ökologischen Verwüstung der Erde: die Umwandlung der lebendigen Natur in einen toten Mechanismus, der nach Belieben ausgebeint werden kann.

Warum gibt es keine Denker mehr? Weil quantitative Geistlosigkeit keine Qualität erträgt. Die Zahl wurde zum Medium der Macht. Denken ist machtlos – solange Menschen nicht selbst ins Denken kommen, um ihre Gedanken in Taten zu verwandeln.

Zahl zerstückelt Natur, indem sie abzählt und berechnet. Es gibt nicht vieles, was man der Romantik zugute halten kann, eins aber schon: ihr Widerstand gegen die Macht des Zählens und Rechnens. Doch der sinnvolle Widerstand gegen die Dominanz der rechnenden Naturwissenschaft und Ökonomie (die bei Marx eine „objektive Geschichtswissenschaft“ sein sollte) verfiel bei Novalis in Anbeten des Märchenhaften, Mystischen und Geheimnisvollen. Die Alternative zur Zahl wurde das Raunen, das bis heute die Feuilletons narkotisiert:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Das geheime Wort war das Wort der Offenbarung, das sich nicht dem ordinären Menschenverstand, sondern dem Glauben der Erwählten erschließt. Mit einem Zauberwort das ganze verkehrte Wesen zum Verschwinden bringen: davon träumten die Posthorn-Illuminaten, die heute die Kutsche mit dem Porsche vertauscht haben. Deshalb darf es kein Tempolimit geben. Der Fahrtwind der Freiheit weht nur bei grenzenloser Geschwindigkeit.

Auch das Lied „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“, entstand in romantischen Zeiten:

Weißt du, wie viel Sterne stehen
An dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wie viel Wolken gehen
Weithin über alle Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet,
Daß ihm auch nicht eines fehlet,
An der ganzen großen Zahl.

Weißt du, wie viel Kinder frühe
Stehn aus ihren Bettlein auf,
Daß sie ohne Sorg’ und Mühe
Fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
Seine Lust, sein Wohlgefallen,
Kennt auch dich und hat dich lieb.

Gleichwohl beginnt mitten im Schwärmen der Grenzenlosen der Machtgedanke. Gott ist der Allmächtige, der alle Quantitäten kennt. Kennt er alle Zahlen, so auch alle Menschenkinder, die er abzuzählen und zu behüten hat. Könnte er nicht von Null bis Unendlich zählen, hätte er weder den Überblick noch könnte er für endlos Viele sorgen. Seine quantitative Allmacht ist Voraussetzung seiner qualitativen Väterqualität. Gott wird Naturwissenschaftler, der kraft seiner quantitativen Kompetenz zum Vorbild der irdischen Wissenschaftler wird.

Im Zustand ihrer romantischen Ekstase waren die Romantiker identisch mit Gott. Ihre Gottebenbildlichkeit verschuf ihnen die quantitative Omnipotenz, die alle Qualitäten bestimmte.

Das begann bei Hiob und führte zu den Omnipotenzphantasien in Silicon Valley. Hiob, störrisch gegen den Himmel, wird von Gott zur Ordnung gerufen, indem der Schöpfer sein naturwissenschaftliches Wissen überprüft:

„Wer ist der, der den Ratschluß verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann; ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, da ich die Erde gründete? Sage an, bist du so klug! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie eine Richtschnur gezogen hat? Worauf stehen ihre Füße versenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, da mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Kinder Gottes? Wer hat das Meer mit Türen verschlossen, da es herausbrach wie aus Mutterleib, da ich's mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln, da ich ihm den Lauf brach mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Türen und sprach: "Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!“

Das geht so weiter quer durch alle Abteilungen der Schöpfung und wird zum strengen Kolloquium. Hiob muss sein Naturwissen nachweisen, um sein Aufbegehren zu legitimieren. Doch wo Gott spricht, schweigen die Kreaturen. Der Einfluss der hellenischen Wissenschaften macht sich hier bemerkbar. Wen wundert es, dass der Versuch eines Dialogs mit der totalen Unterwerfung des Menschen endet:

„Hiob antwortete dem HERRN und sprach: Ich erkenne, daß du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. "Wer ist der, der den Ratschluß verhüllt mit Unverstand?" Darum bekenne ich, daß ich habe unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. "So höre nun, laß mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!" Ich hatte von dir mit den Ohren gehört; aber nun hat dich mein Auge gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.“

Ein Dialog war es nicht, denn im Dialog gibt es kein Duell zwischen unfehlbar und totaler Ignoranz. Ein Dialog entbindet Wahrheiten. Gott aber macht Hiob zur Minna. Und der lässt es mit sich geschehen.

Hier kommen wir zur Urquelle der heutigen Aversion gegen Besserwisserei. Solange Gott alles besser weiß, zeigt er dem Menschen, dass er ihn noch nicht eingeholt hat. Noch immer ist der Mensch der Unterlegene, der seinem Schöpfer Reverenz erweisen muss. Einerseits.

Andererseits ist es für Fromme tröstlich, dass kein Mensch sich mit Gott messen kann. Bekanntlich wollten die Heiden den Kosmos erkennen, ohne ihn – wie die spätere Moderne – durch Eingriff zu zerstören.

Die Moderne ist ambivalent christlich-griechisch geprägt. Der Christ muss sowohl untertänig wie gottgleich sein. Das griechische Element will zwar wissen, aber nicht zu Machtzwecken. Die Moderne zwingt all diese Unvereinbarkeiten zusammen. Sie will das Universum erobern und alle Sterne am Firmament zählen – und muss dennoch in demütiger Ignoranz verbleiben und darf sich nicht anmaßen, das Geschick des Menschengeschlechts in die eigenen Hände zu nehmen.

Hiob muss sich zum Idioten erklären, dessen Ignoranz von niemandem übertroffen werden kann. Einerseits ist der gottgleiche Mensch bald im Universum zuhause, andererseits lehnt er alle Verantwortung ab: die Dinge sind ihm allzu komplex.

Die Eliten der Moderne, die nicht wissen, was sie tun, wollen ihre Unfähigkeit nicht wahrhaben. Also geben sie den Selbstvorwurf an den Pöbel weiter, um sich zu entlasten. Denn sie verstehen selbst nicht, was sie anrichten.

Absurderweise wird der sokratische Satz: Ich weiß, dass ich nichts weiß, am meisten von Gegenaufklärern benutzt. Indem sie auf die Begrenztheit des Wissens verweisen, wollen sie die Notwendigkeit des Glaubens beweisen. Bei Sokrates aber bedeutete der Satz eine Absage an theoretisches Wissen. Welchen Sinn soll es haben, die Natur endlos zu erforschen, wenn der Mensch noch gar nicht weiß, welches Monstrum er selbst ist.

Auf keinen Fall ging es um eine Kapitulation in ethischer Hinsicht. Der Mensch ist ein moralisches Wesen und kann herausfinden, welches Verhalten er als human bezeichnen und in seinem Leben realisieren will.

Heute ist alles auf den Kopf gestellt. Der moderne Mensch will allwissend werden, doch von Moral hält er nichts. Die sokratische Maxime war keine Demut, sondern Stolz in Selbstbescheidung. Wir müssen nicht alles wissen, um uns als humane Wesen zu betätigen.

Die moderne KI soll die Gottähnlichkeit des Menschen endlich beweisen:

„Insofern gleicht eine KI-Göttin vielen anderen Gottheiten. Sie ist allwissend: Ihre Sensoren wären dank Smartphones, Smartwatches und Smarthomes weit verbreitet und gut vernetzt. Sie gibt Antworten auf existenzielle Fragen. Sie heilt Wunden: KI überwacht permanent den Gesundheitszustand ihrer Schäfchen und diagnostiziert Krebs und andere Leiden im Frühstadium. Sie ist allmächtig, und sie verspricht Erlösung. Das Geschäftsmodell dieser Religion – Ich bin dabei und komme zur Belohnung in den KI-Himmel – ähnelt mitunter allerdings eher dem einer Sekte.“ (ZEIT.de)

Immer, wenn‘s den frommen Zeitgenossen peinlich wird mit ihrer Religion, gehen sie dazu über, die „Exzesse“ des Glaubens mit einer Sekte zu vergleichen.

Unter Sekten verstehen sie abgespaltene Gruppen von Gläubigen, die sich weigern, in den Schoß der „verweltlichten“ Großkirchen zurückzukehren. Die eigentliche Sektenbildung – die im Mittelalter noch mit Feuer und Schwert geahndet wurde – begann in der frühen Neuzeit in England. Der beginnende Geist der Aufklärung machte vor den Frommen im Lande nicht halt und unterstützte sie im Geist des Selberdenkens – wenn auch nur im engen Kreis der Bibelauslegung.

Warum gibt es so große Unterschiede zwischen amerikanischer Risikofreude und europäischer Risiko-Aversion? Weil die eschatologisch beflügelten Amerikaner sich schon wesentlich mehr in Gottes zweitem Paradies wähnen als die demütigen Europäer. Die Deutschen hätten durchaus das kreative Potential, aber sie trauen sich nicht, ihren Einfallsreichtum in Start-ups zu verwandeln – sagen die Amerikaner.

So wird der technologische Graben zwischen Neu- und Alteuropa immer tiefer. Es sind untergründige theologische Differenzen, die für die wachsenden Spannungen zwischen Gottes eigenem Land und Gottes vergessener Kloake verantwortlich sind. Wer die Geschichte des Westens begreifen will, muss die Rechthabereien der Konfessionen studieren.

Können Christen Gott in der Natur erkennen? Oder müssen sie sich mit dem Hören der Offenbarung zufrieden geben?

Gott in der Natur gilt vielen Christen als heidnischer Pantheismus und wird zumeist als Blasphemie verworfen. Doch das ist – um den heutigen Allzweckbegriff zu verwenden – zu unterkomplex.

Galilei, inspiriert von den Griechen, sprach plötzlich von der Offenbarung Gottes in der Natur. Das war der eigentliche Grund, der ihm die Feindschaft des Klerus eintrug. Bloße kirchenfeindliche Thesen waren für den Klerus kein Grund, die Axt auszugraben. In theologischen Disputationen gab es immer den advocatus diaboli, der die Seite des Unglaubens vertreten musste, damit der advocatus dei seine Glaubensfestigkeit trainieren konnte.

Solange die Offenbarung durch Schrift und Wort erging, waren Kleriker die alleinigen Vertreter göttlicher Wahrheit. Dieses Monopol war gefährdet, als die Naturwissenschaftler sich anmaßten, eine gleichberechtigte, vielleicht überlegene, Form der Offenbarung in der Weise naturwissenschaftlicher Erkenntnis zu praktizieren.

„Schließlich ist nicht jedes Wort der Schrift an ebenso strenge Verbindlichkeiten gebunden wie jeder Naturvorgang, und Gott offenbart sich uns in den Naturvorgängen nicht weniger vollkommen als in den heiligen Worten der Schrift.“ (Galilei)

Die Offenbarung Gottes in der Natur ist der in der Schrift nicht untergeordnet. Ja, sie ist ihr überlegen. Denn die Worte der Schrift sind widersprüchlich, ihre Auslegung schwierig und umstritten. Naturgesetze hingegen sind streng und eindeutig. Man kann sie berechnen und jeder mathematisch Versierte – er mag glauben, was er will – muss den Ergebnissen zustimmen. Wer Einspruch erhebt, muss ihn mathematisch und physikalisch begründen.

Galilei musste der äußerlichen Gewalt Roms weichen, aber sein Triumph war nicht mehr aufzuhalten.

Hier stehen wir am Beginn des Siegeslaufs der Quantität über die Qualität oder über die wankelmütige Sprache und sei sie noch so heilig.

„Alles messen, was messbar ist – und messbar machen, was noch nicht messbar ist“. Galileis Devise hat nicht nur die Theologie, sondern alle „talking sciences“, also Schwätzerwissenschaften – die Deutschen sprachen noch ehrfurchtsvoll von Geisteswissenschaften – mit Glanz und Gloria besiegt.

Heute gibt es keine „Geistes- oder Sozialwissenschaften“, die ihre Erkenntnisse nicht mit statistisch-experimentellen Methoden verifizieren (oder mit Popper: falsifizieren) würden. Sprache ist grundsätzlich verdächtig geworden. Daher der „linguistic turn“, die sprachkritische Wende in England, die sich bemühte, den ausgelaugten Begriffs- und Wörtermassen noch ein letztes Fünklein Erkenntnis abzupressen.

Vergeblich: wovon man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. Wittgensteins früher Satz bestärkte den wissenschaftlichen Positivismus in seinem Misstrauen gegen die Sprache. Die französische Postmoderne wandelte auf den Spuren dieses Positivismus, als sie der subjektiven Philosophie jede Wahrheitsfähigkeit absprach und die tragfähige Sprache – das uralte stolze Mittel des Denkens – auf den Müll warf.

Sprache ist nicht mehr satisfaktionsfähig. Man kann mit ihr keinen Staat mehr machen. Sie wurde zum beliebig verwendbaren Lügen- und Manipulierungsinstrument.

Das ist der Stand der Dinge heute in Politik und Medien. Kein Begriff wird geklärt – da gibt’s nichts mehr zu klären. Kein Satz wird auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft – denn die „großen Wahrheitsgeschichten“ sind entsorgt.

Schreiben können heißt, Begriffe subjektiv stets neu zu erfinden. Falsche Begriffe kann es nicht geben, denn wahre gibt es nicht. Insofern ist jeder Artikel eine Neuerfindung oder -ausschmückung der Welt. Der Fall Relotius ist nur ein winziger Teil des Denk- und Sprachverfalls der Moderne.

Fakten können sprachlich nicht objektiv übermittelt werden, wenn es keine verlässliche Sprache gibt, um stumme Tatsachen in solide Wörter und Begriffe zu gießen. Die Sprache wird gezüchtigt, weil sie sich nicht auf Zahlen reduzieren lässt.

Luthers Parole: Das Wort, sie sollen lassen stahn, ist nicht durch Papismus und Calvinismus – sondern durch Galilei und die Naturwissenschaften zuschanden gemacht worden. Quantität hat Qualität, Zählen und Rechnen haben das Denken mit Hilfe der Sprache dem Erdboden gleich gemacht. Doch Luthers Devise war hohl: er meinte die Sprache Gottes, nicht die des homo sapiens. Solo verbo, allein durch das Wort, klang markig und unerschütterlich. Allein, der Reformator hielt sich selbst nicht daran. Was ihm in der Heiligen Schrift nicht passte, verwarf er. So etwa den Satz des Jakobus, der Luthers Absage an die Werkgerechtigkeit diametral widersprach:

„Also auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot an ihm selber. Aber es möchte jemand sagen: Du hast den Glauben, und ich habe die Werke; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken.“

Auch mit der Offenbarung des Johannes hatte Luther erhebliche Probleme. Luthers pastorale Erben haben die Sprache restlos ruiniert durch endlos beliebige Auslegungen der Schrift. Jede modische Zeitphilosophie, die die Menschen erobert, wird früher oder später aus biblischen Worten abgeleitet – selbst, wenn sie wörtlich das Gegenteil bedeuten. „Wir müssen mal wieder nachbessern“, lautet der interne Spruch der hermeneutischen Zauberkünstler.

Paulus kannte die hellenische Naturphilosophie. Nach dem Motto: allen alles zu sein, wollte er das Denken der Heiden durch strikte Ablehnung – oder durch scheinbare Anleihe unschädlich machen. Also deutete er an, der übernatürliche Christengott sei in der Natur erkennbar:

„Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten. Denn was man von Gott weiß, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, damit daß Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also daß sie keine Entschuldigung haben, dieweil sie wußten, daß ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden.“

Was ist der Sinn der Offenbarung Gottes in der Natur? Die bösen Heiden mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Wenn sie schon Gott in der Natur erkennen: warum haben sie dann den wahren Gott in und über der Natur nicht erkannt? Sie haben ihn nicht nur nicht erkannt, sondern ihn mit Vögeln, vierfüßigen und kriechenden Tieren identifiziert. Der eine wahre und allmächtige Gott wurde geschändet zu polytheistischen Naturgöttern. Hätten sie die Natur wirklich erkannt, hätten sie ihren Schöpfer erkennen müssen. Taten sie aber nicht, das wird ihnen zur Schande gereichen. Statt zu Wissenden wurden sie zu Narren.

Die griechischen Heiden waren autonome Denker. Keine Religion zwang ihnen Glaubenssätze auf. Das Medium ihres Denkens war die Sprache. Die Sprache war Sitz des Logos. Aristoteles schrieb „über die Sprache als Ausdruck des Denkens“. Sie erforschten die Logik und Grammatik der Sprache. Nur die Logik der Sprache „schafft Klarheit über die Formen und Gesetze des Denkens und somit die Voraussetzung für die Erkenntnis der Wahrheit, die die Grundlage der gesamten Lebensführung ist. „Denn desselben Mannes Sache ist es, richtig zu sprechen und richtig zu denken.“ (bei Max Pohlenz, Die Stoa)

Der wichtigste deutsche Denker ist Peter Sloterdijk. War verlässliche Sprache bei den Griechen die Grundlage des Sprechens, Streitens und Verständigens, um ein Leben in Wahrheit zu führen, hält Sloterdijk von Tugenden wenig. Schon gar nichts von einer humanen Politik.

«Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben. Wir haben das Lob der Grenze nicht gelernt», sagte Sloterdijk. In Deutschland glaube man immer noch, «eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten». Innerhalb Europas schere Deutschland damit aus.“ (Cicero.de)

Schon früh begann in den Reihen deutscher Dichter und Denker wie Sloterdijk, Safranski und Botho Strauß die Wendung ins Nationale, Mysteriöse und Dunkle. Nicht nur Sloterdijk und Safranski kritisieren die deutsche Willkommenskultur der Deutschen.

„Gegen Merkel und ihre Flüchtlingspolitik hat sich inzwischen eine ganze Phalanx von prominenten Kritikern erhoben. Unter ihnen sind einige der bekanntesten Intellektuellen des Landes. So verdammte Botho Strauß, seit seinem berühmt-berüchtigten Essay „Anschwellender Bocksgesang“ ein Veteran des neorechten Menetekelns, die „Flutung des Landes mit Fremden“. Der Dramatiker stilisiert sich zum „letzten Deutschen“ und fristet eine randständige Existenz in der Uckermark, weitab von den Diskursen der Großstadt.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Sloterdijk – kein Einzelfall unter deutschen Alphatieren – ist kein Freund der Moral. Um eine humane Welt zu bauen, wäre eine menschenfreundliche politische Moral aber unerlässlich. Tugenden wie Freundschaft, Liebe, Verstehen, Konsensus, Solidarität hätte sich, so Sloterdijk, die „elanlose Linke an ihre Seele gehängt“. (Sphären III)

Gegen diese linken Klimbim-Tugenden setzt Sloterdijk einen entschiedenen Amoralismus. BILD und WELT dürfen sich freuen:

„Wo Moralismus ist, herrscht notwendig der Schrecken – als Geist der Selbstablehnung, und der Schrecken schließt Glück aus.“

Deutsche Dichter und Denker waren keine Freunde demokratischer Gleichheit und globaler Menschenrechte. Das hat sich bis heute kaum geändert. Sie träumten vom messianischen Auftrag ihres Volkes, die Welt von ihrer Gottähnlichkeit zu überzeugen. Mit welchen Mitteln auch immer.

„Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.“

Wäre das nicht der passende Aufruf, um die jetzige ökologische Selbstvernichtung zu stoppen?

Doch es ist der Aufruf Sloterdijks, die Grenzen zu sichern, um von Flüchtlingshorden nicht überflutet zu werden. Zur Klimakatastrophe ist von Deutschlands erstem Denker nichts zu hören. Wenn es keine nationale Pflicht zur Selbstzerstörung gibt, gibt es dann eine Pflicht zur globalen Selbstzerstörung?

Deutschland hat keine Denker mehr, denn es hat die verlässliche Sprache als Medium des Denkens abgeschafft.

Die einheimischen Denkerdarsteller sind mediale Phänomene des Endsieges der Quantität über die Qualität. Wurden sie vielleicht von einem findigen Schreiber erfunden, um der nationalen Szenerie einen pittoresquen Rahmen zu verleihen?  

 

Fortsetzung folgt.