Sofort, Hier und Jetzt XXXVIII

Tagesmail - Montag, den 12. November 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXXVIII,

die Natur macht wahr, was sie schon lange angekündigt hat: sie beginnt, die Menschheit zu vernichten.

„Kalifornien ist derzeit Schauplatz einer Katastrophe historischen Ausmaßes: Gewaltige Flächenbrände haben Tausende Gebäude zerstört, mehr als 30 Menschen sind in den Flammen ums Leben gekommen.“ (SPIEGEL.de)

Wer ist schuld? Politiker beschuldigen sich gegenseitig. Die Medien sind neutral und wissen von nichts. Der Begriff Klimakatastrophe kommt nicht einmal vor. Wichtig ist nur, dass ein Deutscher sein Luxusanwesen verloren hat.

„Zu den zerstörten Anwesen gehört auch das von TV-Moderator Thomas Gottschalk“.

Nein, Europa ist kein Elitenprojekt, wie der SPIEGEL behauptet. Das könnte den Medien so passen, die nichts lieber tun, als Eliten zu illuminieren, um sich selbst in ihnen zu spiegeln. Hat Macron zu seinem militaristischen Spektakel auch die Völker eingeladen? Flanierten Menschen aus ganz Europa über die Prachtstraßen von Paris, ein fröhliches Fest der Völkerverständigung feiernd? Wer betreibt denn, seit Absage an das Ende friedloser Geschichte, die Wiederaufrüstung der Nationen, die Errichtung von Gräben und Mauern, die Abschottung darwinistischer Staaten?

Die SZ bewundert die Inszenierungskünste des französischen Präsidenten:

„Frankreich versteht sich auf die ganz große Inszenierung, die an Geist und Seele zugleich appelliert und ein Pathos verbreitet, das nicht hohl, sondern bedeutungsreich ist.“ (Sueddeutsche.de)

An den remilitarisierten Geist, an die heldenhafte Seele? Eine Demonstration militärischer Macht soll den Triumph des Friedenswillens darstellen? Der Wille zu ...

 ... einer europäischen Armee, punktgenau zur Einladung geäußert, soll eben die abschrecken, die zur pompösen Feier geladen waren? Selbst Amerika reihte Macron unter die potentiellen Feinde.

Dazu kein Kommentar von den Medien, nur: dass Trump gekränkt war. Amerika war zu Recht gekränkt. Dabei waren es Amerikaner, die den Ersten Weltkrieg beendeten. Es war ein amerikanischer Präsident, der die Völkerbeziehungen auf eine neue Basis setzte – schreibt Dominic Johnson in der TAZ:

„In Frankreich und Großbritannien prägt das Massenschlachten von 1914 bis 1918, das ein Viertel der Menschheit direkt betraf und fast 20 Millionen militärische und zivile Opfer forderte, die nationale Gedenkkultur. Im Geschichtsbewusstsein der Deutschen ist es hingegen zu einer Randnotiz verkommen. Dieses Vergessen verleitet in Deutschland zu einem Vergessen der Grundlagen der regelbasierten internationalen Weltordnung, deren Verteidigung die deutsche Außenpolitik sich eigentlich auf die Fahnen schreibt. Der Erste Weltkrieg war der erste der Geschichte, dessen Beendigung nicht nur Sieg und Niederlage festschrieb, sondern auch Die Idee des damaligen US-Präsidenten Wood­row Wilson, an die Stelle des ewigen Machtwettbewerbs der Nationen eine globale Rechtsordnung zu setzen, ist das eigentliche revolutionäre Erbe des Jahres 1918. Sie wurde danach von reaktionären Kräften bekämpft und schließlich zu Fall gebracht.“ (TAZ.de)

Einmal im Jahr hält die deutsche Kanzlerin eine Predigt über Menschen- und Völkerrechte und warnt vor Nationalismus, wofür sie von den Medien reichlich Beifall erhält. Danach bricht wieder die Herrschaft der Amoral an – bis zur nächsten Predigt.

Das deutsche Elend, bestehend aus Aversion gegen alle universalistische Moral aus dem bigotten Westen, dem schier unverwüstlichen Erbe der Deutschen seit der romantischen Abkehr von der ach so „abstrakten, blutleeren, unheldenhaften“ Moral der Schwächlinge und Ideenträumer.

Wer betreibt eine nationalistischere Wirtschaftspolitik als das reiche Deutschland? Wer sieht nur erbarmungslose Konkurrenz im Weltgetriebe der Politik? Wessen Interessenpolitik ist eigensüchtiger als die der Deutschen? Wer gibt sich ökologisch – und hintertreibt alle Ziele des Pariser Klima-Abkommens?

Und dennoch, es ist ein Sieg der Menschheit, dass, nach dem Untergang des Dritten Reiches bis heute ein verheerender Weltkrieg verhindert werden konnte. Wenn die Menschheit nicht lernt, auf ihre moralischen Fortschritte stolz zu sein, wird sie kaum lernen, ihre Rückschritte und Defekte zu kritisieren.

Und dennoch, es war ein bewegendes Fest als Friedensfeier der Nationen, als in Verdun Mozarts Requiem ertönte, um Millionen Toter zu gedenken.

Das ZDF übertrug das Konzert kurz nach Mitternacht. Deutsche Bildungssender lassen sich an Politikaversion von niemandem übertreffen. Bildung ist nichts fürs Volk, sondern für hohe Geister, die nachts nicht schlafen können.

Ein Requiem, eine ästhetische Totenmesse? Ist Hochkultur die emotionale Sprache der Völker? Haben die machiavellistischen Politiker aus aller Welt beim Anhören des Requiems sich nicht schrecklich gelangweilt?

Wie hohe Diplomatie mit Akkuratesse lügen kann um der erwünschten Sache willen, so kann hohe Kultur mit genialen Creationen die Stimmungslage der Völker, Eliten eingeschlossen, schlechthin – verfehlen.

Nein, Musik verbindet die Menschen nicht. Auch in Auschwitz erklangen Bach- und Mozartklänge. Es gibt nur eine einzige Kunst, die die Herzen aller Menschen verführen kann: der Eros der moralischen Vernunft, der Sirenengesang der Menschenrechte.

„Dies irae

Tag des Zornes,

dies illa

jener Tag,

der das All in Staub auflöst.

Wieviel Zittern wird es geben,

Wenn der Richter erscheinen wird

Alles streng zu prüfen.

Ein geschriebenes Buch erscheint,

In dem alles enthalten ist,

Was die Welt sühnen soll.“

Vorbereitung auf das Jüngste Gericht unter Zittern und Zagen: das soll die Lehre der Vergangenheit in der Sprache der Gegenwart sein? Sonst darf nichts rückständig sein, aber in existentiellen Situationen müssen jahrtausendealte Posaunen des Schreckens ängstliche Herzen erschüttern? Ein Gott rechnet mit der Menschheit ab? Und nicht die Menschheit mit einem Gott, der sie als Spielball seiner Langeweile benutzt?

Am Anfang war das Wort, nicht Kunst und Musik. Nicht das Wort eines Gottes, sondern das Wort menschlicher Vernunft. Götter leben davon, dass sie den Menschen ausrauben und sich mit seinen Leistungen schmücken. Das menschliche Wort erfindet keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern muss sich in natur- und menschenfreundliche Tat verwandeln, damit das Leben des Menschen im Kosmos möglich wird.  

Indem die athenische Aufklärung Staat und Religion der Ethik unterwarf, die sie aus der Vernunft ableitete, machte sie den Logos zum Begründer der Demokratie. Heute wird Logos wie Plastik entsorgt: als lügenhafter Müll verdirbt er die Erde, die Heimstatt der Menschen.

Warum gibt es keine Umfragen, was das europäische Publikum aus den Feierlichkeiten lernte? Sollte es überhaupt etwas lernen? Es werden doch nicht die Eliten plötzlich bereit sein, nach dem gestrigen Tag ihre Raketen abzubauen und ihre Waffen niederzulegen?

Die Erschütterung allein macht es nicht – wenn es denn zu Erschütterungen gekommen sein sollte. Bloßes Gedenken ist keine selbstprüfende Anamnese.

Wer waren die Schuldigen? Wenn alle schuldig waren: auf welche Weise? Was darf sich nie mehr wiederholen? Was müssen wir anders machen? Genügt es, blasse Begriffe wie Nationalismus und Patriotismus gegeneinander zu stellen?

Fabula docet: was lehrt uns die Geschichte? Kaum sind die Fragen gestellt, schon sind sie vom Tisch gewischt. Geschichte wiederhole sich nicht, was sollte sie uns lehren?

Befragen wir die Experten und wir werden sehen, dass sie noch immer wie Hegel antworten:

Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“

Der Mensch bei Hegel, wie auch bei Marx, kann aus der Geschichte nichts lernen, denn sie entwickelt sich unabhängig vom Menschen. Er kann nur zuschauen, wie die „Peristaltik“ der Geschichte – wie Carl Schmitt spöttisch formulierte – ihre Ergebnisse selbst hervorwürgt.

Bei dem Historiker Christopher Clarke sind Menschen Schlafwandler der Geschichte.

„Christopher Clark, der in Cambridge lehrende Kenner der preußisch-deutschen Geschichte, legt mit seinem nun in deutscher Übersetzung erhältlichen Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ eine Analyse der Vorgeschichte dieses Krieges vor, die die Schuldfrage nicht ausklammert, sondern als unfruchtbar verwirft. Clark zufolge war „der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen“ – was nicht bedeute, „dass wir die kriegerische und imperialistische Paranoia der österreichischen und deutschen Politiker kleinreden sollten“. Nur gab es „Paranoia“ auf allen Seiten: „Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Selten, dass in einem Konflikt nur eine Seite schuldig ist. Doch Clarkes Schlussfolgerungen lauten: wenn nicht eine Seite schuldig ist, müssen beide Seiten unschuldig sein. Durch ihren Historismus – die Lehre von der Unvergleichlichkeit menschlicher Epochen – haben es die Historiker geschafft, sich aus dem politischen Getümmel der Gegenwart herauszuhalten.

Während die Medien sich für unzuständig-neutral erklären, erklären sich die Historiker für erkenntnis-unfähig: Geschichte sei kein Lehrfach für die Interessen der Gegenwart. Das Erkennen der Vergangenheit ist somit unmöglich. Die faktische Vergangenheit ist unerkennbar, die nicht faktische Zukunft aber soll kristallin vor unseren Augen liegen.

Damit exkulpieren die Historiker alle Politiker und Zeitgenossen: sie können nie fehl gehen. Denn sie schlafwandeln, wenn auch im paranoiden Zustand. Unzurechnungsfähig durch Geisteskrankheit, würden einfühlsame Gerichtspsychiater konstatieren.

Nein, wir sind keine Verbrecher, wir verstoßen gegen keine moralischen Gesetze. Wir sind Opfer einer Tragödie, die, niemand weiß wie, über uns gekommen ist. Vielen Dank, ihr Herren Clarke und Münkler: um die Unschuld der Menschen habt ihr euch verdient gemacht.

Was werden die Clarkes der Zukunft schreiben, wenn die Menschheit erneut schreckliche Kriege geführt haben wird? Wird es wieder Schlafwandeln gewesen sein, das militärische Anstrengungen erforderlich gemacht, mit wirtschaftlicher Überlegenheit andere Länder brüskiert und auf die Plätze verwiesen haben wird?

Je größer die Verbrechen der Menschheit gegen die Natur und je selbstmörderischer der Gang ins Verderben – umso unschuldiger sind wir. Nein, wir wissen nicht, was wir tun. Wir haben die Zeit der Unschuld erreicht – und die Erbsünde überwunden.

„Erst die Unschuld des Werdens gibt uns den größten Mut und die größte Freiheit!“ (Nietzsche)

Mutig und frei werden wir erst, wenn wir nicht mehr schuldig sein können. Dann wurden wir, was Nietzsche forderte: Übermenschen. Was wir tun, tun wir. Einen normativen Standpunkt, von dem aus wir uns beurteilen könnten, gibt es nicht. Alles ist gut, weil es schlechthin ist. Das Wirkliche ist vernünftig, das Vernünftige wirklich.

Juristen sprechen von Rechtspositivismus. Woher auch immer das Recht stammt, es gilt, weil es gilt. Moralische Maßstäbe, mit denen man das geltende Recht als Unrecht entlarven oder bestimmen könnte, existieren nicht. Hitlers Juristen haben rechtens gehandelt, wenn sie sich an das damalige Recht hielten.

Die Alliierten übten demnach hochmütige Siegerjustiz, als sie in den Nürnberger Prozessen die deutschen Verbrecher vor Gericht stellten und aburteilten. Es waren die Kirchen – die leidenschaftlichsten Unterstützer der NS-Schergen –, die am lautesten den Vorwurf der Siegerjustiz erhoben. Die Kirchen waren es auch, die NS-Verbrechern zur Flucht verhalfen: auf der Rattenlinie über die Alpen nach Genua, mit dem Schiff nach Argentinien.

Der Rechtspositivismus beherrscht noch immer den juristischen Geist der Gegenwart. Als postmoderner Relativismus beherrscht er das gesamte intellektuelle Geschehen der BRD. Nicht nur die Rechten leugnen die universellen Menschenrechte als Norm alles menschlichen Tuns. Auch die Linken als kryptische Marxisten verdächtigen allgemeine Normen als Werbemaßnahmen der Bourgeoisie, die nur für sich selbst privilegierte Freiheitsrechte fordern. Der Pöbel soll mit Scheinrechten abgespeist werden.

Auch die Frankfurter Schule, gut marxistisch, lehnte alles Universelle ab:

„Adorno teilte die marxistische Abneigung gegen die metaphysisch am Himmel hängenden Menschenrechte. Wenn Menschenrechte die Frucht der Aufklärung sind, ist es nur konsequent, wenn Adorno & Horkheimer sie vehement ablehnten. Denn: Aufklärung ist für sie totalitär, ein „Betrug der Massen, die radikal gewordene mythische Angst, erstarrt in Furcht vor der Wahrheit.“ Gleichheit wurde von Adorno – streng Marx folgend – mit dem kapitalistischen Fetisch Ware in Verbindung gebracht. Den Mensch als „Abstraktum“ gab es für Adorno nicht. Wenn aber nicht jeder Mensch von gleichem Wert ist, sind Menschenrechte das Privileg „konkreter“ Menschen, die identisch sind mit privilegierten. Marx war ein Verächter nicht-europäischer Völker.“ (Sibylle Tönnies, Die Menschenrechtsidee)

Da links und rechts in gleichem Sinne die universellen Menschenrechte ablehnen, ist es absurd und gefährlich, beide Lager als Gegensätze zu betrachten. Für die Rechten ist Macht gleich Recht, für die Linken ist das Elend der Schwachen die Voraussetzung für ihre futurische Seligkeit.

Selig die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Max Weber hielt die Sätze der Bergpredigt für reine Gesinnungssätze. Das Gegenteil ist der Fall. Keine Forderung des Bergpredigers ohne Verheißungen. Christliche Ethik ist nicht autonom, sondern Lohn- und Strafethik.

Fast alle Moralphilosophien der Nachkriegszeit sind anti-universalistisch und somit menschenrechts-feindlich. a) Der herrschende Rechtspositivismus, b) die Frankfurter Schule, c) die Übernahme der französischen Postmoderne, d) die gegenaufgeklärte Ablehnung aller kategorischen Sätze Kants, e) die Aversion gegen Moral aus der „naturwissenschaftlichen“ oder geschichtswissenschaftlichen Ökonomie: in Deutschland gibt es keine elementaren philosophischen Strömungen, die Menschenrechte ohne Wenn und Aber auf ihre Fahne geschrieben hätten.

Mit Moral könne man gegen ökonomische Gesetze so wenig ausrichten wie gegen das Gesetz der Schwerkraft. Neoliberale Ökonomen halten sich für objektive Naturwissenschaftler wie die Marxisten. Moral sei etwas fürs private Almosenverhalten.

Habermas hat sich mit seinem Verfassungspatriotismus ein wenig von der Frankfurter Schule abgesetzt. Von seinen Überlegungen aber war er so wenig überzeugt, dass er leichten Herzens die pfäffische Böckenförde-Doktrin unterschrieb. Böckenförde, katholischer Rechtsphilosoph aus Freiburg, hielt die auf Vernunft beruhenden demokratischen Rechte für so schwach, dass sie ohne religiöse Krücken zusammenbrechen müssten. Das war die Enthauptung der irdischen Autonomie. Heute gibt es keine Abhandlung über das gegenwärtige Recht ohne Anleihe bei der Böckenförde-Doktrin.

Die Medien dürfen wir nicht vergessen. In allen politischen Fragen halten sie sich für neutral und objektiv. Weshalb sie sich weder mit der guten noch mit der schlechten Sache gemein machen dürfen. Lebten wir wieder in einem nationalsozialistischen Reich: würden sie es ablehnen, gegen den totalitären Geist der Machthaber Widerstand zu leisten?

Ein SPIEGEL-Kommentar zu dem mutigen amerikanischen Journalisten Acosta, der es wagte, Trump in einer Pressekonferenz Paroli zu bieten, entlarvt den Bankrott einer moralpolitischen Haltlosigkeit, die sich als Neutralität versteht:

„Aber Trump hat seine Präsidentschaft zu einer Show gemacht. Und die Gefahr ist, dass sich Journalisten in diese Show einspannen lassen, ohne dass das Volk davon mehr hat als anderthalb Stunden Polit-Entertainment. Unter Trump erfreuen sich als Fragen getarnte moralische Kurzvorträge enormer Beliebtheit, von denen niemand profitiert außer dem Fragesteller. Letztlich belegt das nur die Ratlosigkeit einer Branche gegenüber einem Präsidenten, der täglich die Wahrheit verbiegt, ohne dafür einen politischen Preis zu zahlen.“ (SPIEGEL.de)

Doch höre und staune: nicht Trump ist der übermächtige Regelverletzer, dem mutige Demokraten sich mit klaren Worten, ja mit emotionaler Leidenschaft, widersetzen dürfen, auch Journalisten dürfen ihre Neutralität selbst vor Despoten nicht aufs Spiel setzen:

„Das Problem ist, dass Acosta sich wie etliche Journalisten in Washington, die Trump täglich aus der Nähe sehen, unter diesem Präsidenten verändert hat. Er ist nicht mehr nur der Beobachter, der Fragen stellt, sondern der Mitwirkende an einer Inszenierung, die dem Präsidenten von allen Beteiligten am meisten nützen dürfte. Dazu kommt, dass Acostas Fragen nicht nur zunehmend polternd, besserwisserisch und aggressiv klingen, sondern oft einen belehrenden Tonfall annehmen. Trump fordert das Ego der Reporter heraus, er zieht sie auf sein Niveau hinunter. Und sie lassen sich darauf ein. Das ist das eigentlich Perfide an seiner Strategie: Trump kitzelt aus seinen Kritikern heraus, was er ihnen anschließend vorwirft.“

Das ist maßloser Selbsthass medialer Beobachter, die sich nicht als vitale Teilnehmer der Ereignisse verstehen. Noch immer reagiert die freiheitliche Presse nach dem alten Motto:

„Gehe nicht zu einem Ferscht,
Wenn du nicht gerufen werscht.“

Schon Merkel gelang es mühelos, ihre starren Regeln eines Streitgesprächs den TV-Anstalten zu diktieren. Nicht die Medien bestimmen ihre Emissäre, sondern der Egomane auf der Herrscherbühne bestimmt, wer vorgelassen wird. Aus Solidarität mit Acosta hätte die gesamte Presse unisono den Saal verlassen müssen. So konnte Trump sie gegenseitig ausspielen: divide et impera.

Das Verbot der Besserwisserei ist das Verbot demokratischen Streitens. Wer nicht glaubt, eine Sache besser zu verstehen als sein Streitpartner: aus welchem Grund sollte der in den Clinch? Besserwisser gegen Besserwisser: das ist der Sinn eines Dialogs. Wer am Ende gewinnt, entscheiden – die Argumente. Vorausgesetzt, die Teilnehmer haben das Format, die besseren Argumente anzuerkennen.

Wenn nicht, entscheidet in Wahlen der Wähler. Was nicht bedeuten kann, die Mehrheit habe automatisch die Wahrheit erkannt. Sondern: eine Mehrheit hat jene Meinung bevorzugt, die in pragmatischer und vorläufiger Weise an die Stelle der Wahrheit treten kann. Bis die nächste Wahl einen neuen Lernschritt der demokratischen Schwarmintelligenz festlegen darf. Eine demokratische Gesellschaft ist ein lernender Organismus.

Dass es Trump gelungen sein soll, seinen erregten Kritiker auf sein Niveau herunterzuziehen, ist ein fassungsloser Vorwurf.

Der neutrale Standpunkt der Medien hat seine Wurzeln im Werturteilsstreit der Soziologen.

„Bereits 1904 formulierte Max Weber seinen Standpunkt in aller Schärfe. Es könne «niemals Aufgabe einer Erfahrungswissenschaft sein […], bindende Normen und Ideale zu ermitteln, um daraus für die Praxis Rezepte ableiten zu können.» «Die Schaffung eines praktischen Generalnenners für unsere [gesellschaftlichen bzw. politischen] Probleme in Gestalt allgemein gültiger letzter Ideale […] wäre als solche nicht nur etwa praktisch unlösbar, sondern in sich widersinnig.»“

Es ging nicht nur um Urteilsenthaltung, es ging um Verneinung übergreifender Werte, die für alle verbindlich wären. Das ist listiger Werte-Relativismus als Ausdruck nationaler, religiöser und rassischer Auserwähltheit. Menschenrechte? Ja für den hochentwickelten Westen, aber – Nein für den unterentwickelten Rest der Welt. Wer sich für neutral hält, ist nicht nur unmündig-meinungslos, er unterstützt auch die herrschenden Mächte, denen er keinen Widerstand bietet.

Ihren schein-objektiven Standpunkt halten die Medien nicht durch. Jede Frage ihrer Interviews enthält eine Stellungnahme, sei es ausgesprochen oder nicht.

Einem linken Amerikaner, der die Schuld am Elend der Armen den Millionären und Milliardären in die Schuhe schiebt, antwortet der SPIEGEL ganz und gar nicht neutral:

„Jetzt argumentieren Sie ideologisch. Ist es nicht unterkomplex, die Verantwortung bestimmten Menschengruppen zuzuschieben?" (SPIEGEL.de)

Viel zu oft enttarnt sich das Sturmgeschütz der Demokratie als Mitläufer der Mächtigen.

Das Neutralitätsgebot der Medien beweist allzu oft ihre meinungslose Feigheit. Zu Freunden der Menschenrechte gehören sie durch dieses noli me tangere nicht. Wie kann man neutral und meinungslos bleiben, wenn es längst um das Überleben der Gattung geht?

Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, die Kriege des vergangenen Jahrhunderts nicht zu wiederholen: die verlässliche und hartnäckige Realisierung der Menschenrechte rund um den Globus.

„Sie wird kommen, die Zeit, da die Sonne hienieden nur noch auf freie Menschen scheint, Menschen, die nichts über sich anerkennen als ihre Vernunft; da es Tyrannen, Sklaven, Priester und ihre stumpfsinnigen oder heuchlerischen Werkzeuge nur noch in den Geschichtsbüchern oder auf dem Theater geben wird.“ (Condorcet, der für seinen Freiheitskampf um Menschenrechte im Gefängnis starb.)

 

Fortsetzung folgt.