Sofort, Hier und Jetzt VIII

Tagesmail - Freitag, den 26. April 2013

Sofort, Hier und Jetzt VIII,

„Gib uns Frieden jeden Tag! Lass uns nicht allein. Du hast uns dein Wort gegeben, stets bei uns zu sein. Denn nur du, unser Gott, denn nur du, unser Gott, hast die Menschen in der Hand. Lass uns nicht allein.“

Alles halb so schlimm in Chemnitz (ehemalige Karl-Marx-Stadt, Geburtsort von Alexander Gauland). Zuerst sieht und hört man in den Beiträgen der Öffentlich-Rechtlichen Hörner und Posaunen der kleinen Gruppe der Frommen, Minderheiten in einer Stadt der Gottlosen, welche für das Heil der Stadt singen und beten. („Etwa 80 Prozent der Bevölkerung gehörten 2007 keiner Religion an.“). Denn nur Du, unser Gott, hast die Chemnitzer in der Hand, (weshalb, streng genommen, nur Du zuständig wärst für die gereckten, rechten Fäuste in der Stadt). Dazwischen erbauliche Interviews mit Gottesmännern. Einige Prisen religiösen Opiums müssen schon sein.

In beunruhigenden Zeiten sorgt auch Caren Miosga in den Tagesthemen für das nötige spirituelle „Framing“ mit dem Bericht, dass in Brandenburg – dem kirchenfernsten unter den Ländern – ein Zisterzienser-Kloster eröffnet wurde. Die acht Erlöser des von göttlichem Straffeuer verwüsteten Landes stammen aus dem österreichischen Wienerwald.

„Die Freude ist riesengroß", sagte ein Sprecher. Bischof Wolfgang Ipolt, der die Einladung dazu ausgesprochen hatte, sprach von einem "Zeichen des Aufbruchs" für das Bistum und die ganze Region.“

Atheistisches Neuland. Die Missionare zittern vor Erregung wie einst Sankt Bonifatius, ihr großes Vorbild, der die Gott Donar geweihte Donar-Eiche fällte.

„Laut Willibald entschloss sich Bonifatius, diese Eiche zu fällen. Die zahlreichen Anwesenden, nach Willibald darunter auch eine große Menge von Heiden erwarteten gespannt die Reaktion der heidnischen Gottheit. Dass diese ausblieb, beeindruckte ...

... sie tief. Mit der Fällung der Eiche demonstrierte Bonifatius nicht nur symbolisch die Überlegenheit des Christentums über alte Götter und heidnische Kulte, sondern auch das Streben nach einer Neuordnung. Aus dem Holz der Eiche ließ er ein dem hl. Petrus geweihtes Oratorium bauen.“ (Wiki)

Unschwer zu erkennen: dieselbe Situation wie heute. Die vom Herrn der Geschichte angeordnete apokalyptische Vernichtung der Natur wird vom christlichen Westen ausgeführt. Gebannt schaut die Welt zu, ob es den heidnischen Naturgläubigen gelingen wird, die seit langem prophezeite Zerstörung des ALTEN zu verhindern. Doch siehe, dank Gottes Fügung kassieren selbst Andersgläubigem lieber „sprudelnde“ Gewinne (Lieblingsausdruck deutscher Ökonomen) durch Naturzerstörung, als dem finalen Abmurksen endlich Einhalt zu gebieten.

Hier murren die herrschenden Gegenwartsabsolutisten: nichts wiederhole sich. Wie jedes Individuum sich selbst neu erfinde, entspringe jeder Abschnitt der Zeit dem Ei des Nichts. Doch jetzt reißt der Schleier: wenn alles vorbildlos ist, aus welchen Löchern dringen dann die altbekannten Symptome des deutschen Verhängnisses? Haben die Wiedergänger des Grauens alle NS-Symbole neu erfunden?

Hören wir Freuds Erklärung:

a) „Wiederholungszwang: auf der Ebene der praktischen Psychopathologie nicht bezwingbarer Prozess unbewusster Herkunft, wodurch das Subjekt sich aktiv in unangenehme Situationen bringt und so alte Erfahrungen wiederholt, ohne sich des Vorbilds zu erinnern, im Gegenteil den sehr lebhaften Eindruck hat, dass es sich um etwas ausschließlich durch das Gegenwärtige Motiviertes handelt.“

b) „Wiederkehr oder Rückkehr des Verdrängten: Vorgang, wodurch die verdrängten Elemente, die durch die Verdrängung niemals zerstört werden, danach trachten, wiederzuerscheinen, und dies in entstellter Weise, in Form eines Kompromisses, erreichen.“

Wo der Mensch nicht mit Leib und Seele lernt, bleibt er der alte. Freuds Verdrängungstheorie ist – ob das dem Erfinder klar war oder nicht – eine indirekte Bestätigung des autonomen Lernens. Lernen heißt sich verändern durch bewusste Selbsterkenntnis. Andersartige Erfahrungen genügen nicht, um den von Kind an geprägten Charakter umzuformen. Nur Oberflächenverhalten wird von äußeren Impressionen variiert. Der Grund der Seele bleibt unberührt. Nur selbstkritisches Denken, das sich in der Realität bewährt, besitzt die Kraft, den Charakter emotional und rational zu verändern.

Was für die Gattung gilt, gilt auch für das Individuum. Die Macht der Geschichte bestimmt solange den Menschen, bis er sich durch die Kraft der Aufklärung von ihr losreißen kann. Nicht auf einmal und nicht in allen Stücken.

Die Aufklärung, von imponierender Leidenschaft, war fähig, die europäische Geschichte tiefgreifend zu verändern. Dennoch übernahm sie viel Traditionelles, das ihrer Aufmerksamkeit entging. Wir haben heute die Aufgabe, die Aufklärung immer mehr über sich selbst aufzuklären.

Was machten die Deutschen aus der Parole: Aufklärung muss über sich selbst aufgeklärt werden? Sie erhoben die Forderung, Aufklärung müsse ihre Grenze erkennen, um reuevoll zum Glauben zurückzukehren.

Kants Grenzen der reinen Vernunft entsprechen dem „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ von Sokrates. Der sah keine Notwendigkeit, die Grenzen theoretischen Erkennens als schmerzende Leerstelle zu betrachten, die mit Leihgaben aus Religion und Mythos zu füllen sei.

Was wir nicht wissen, wissen wir nicht – und brauchen es nicht zu wissen. Es ist der Gipfel der Menschlichkeit, wenn wir wissen, wie wir uns praktisch begegnen sollten. Auf die Praxis der Humanität kommt es an – dieses praktische Wissen können wir uns sehr wohl erarbeiten. Im Streit mit freien und gleichwertigen Menschen, wo der Einzelne nicht von allmächtigen Autoritäten geprägt wird, sondern die Pflicht hat, die Macht der Tradition durch Erkenntnis zu durchschauen, zu überprüfen und nach eigenem Dafürhalten zu korrigieren.

Nur in der Demokratie kann der Mensch lernen. Lernen heißt sich verändern durch frei erworbene Erkenntnis. Demokratie ist eine lernende Gemeinschaft.

Lernen beginnt auf der theoretischen Ebene, die allmählich praktisch werden muss. Es ist falsch, den theoretischen Ursprung als kalte Kraftlosigkeit zu verachten. Was ich eingesehen habe, durchdringt meine Gefühle bis an die Wurzeln meines Verhaltens. Was nicht die Intensität besaß, meine Emotionen zu beeindrucken, habe ich in Wirklichkeit nicht verstanden.

Lernen ist keine imitative Übernahme eines Lehrersatzes. Sondern eine Entbindung eigener, bislang verborgener Wahrheiten, die nur einen Impuls von außen benötigt, um ins Licht des Bewusstseins vorzudringen:

„Erst wenn man sich in häufigen Gesprächen in einer Forschungs- und Lebensgemeinschaft mit dem Thema auseinandergesetzt und es gründlich untersucht hat, entsteht plötzlich in der Seele des Schülers die Erkenntnis wie ein von einem springenden Funken entzündetes Licht und nährt sich fortan von selbst. Der Schüler bringt diese Erkenntnis selbst hervor, er entnimmt sie nicht einer verbalen Mitteilung des Lehrers.“ Das war Platons Wiedergabe der sokratischen Entbindungskunst im siebenten Brief.

Fast alles Lernen steht heute unter dem Verdacht geistloser Nachahmung. Mit Ausnahme naturwissenschaftlich-mathematischer Erkenntnisse, deren naturbegründete Wahrheiten nicht plagiiert werden können. Wer rechnen kann, merkt sich nicht endlose Gleichungen, sondern beherrscht die Methode, die er selbsttätig auf alle Zahlenverhältnisse übertragen kann.

Im Politischen und Moralischen wird dem Lernenden jede Selbständigkeit verweigert. Der Grund liegt in der Rivalität mit der religiösen Offenbarung, die dem Menschen eigenständige Vernunft abspricht – im Naturwissenschaftlichen aber keine eigenen Ambitionen mehr entwickelte, seit wissenschaftliche Erkenntnisse der Griechen entsprechenden Aussagen der Heiligen Schrift vorgeordnet wurden.

Das geschah bereits in der mittelalterlichen Scholastik. In biologischen und mathematischen Dingen ersetzten Aristoteles und Euklid die Aussagen der Bibel. Nur auf dem Gebiet der Moral – und der überirdischen Schöpfung wurde die Weisheit der Heiden zur Torheit vor Gott.

Das autonome Erkenntnisverbot in moralischen Angelegenheiten gibt es noch heute. Wir erkennen es in der Verachtung moralischer Qualitäten des Menschen in der Schlechtmenschenfront. Bei ihnen gilt Augustins Satz: heidnische Tugenden sind goldene Laster. Von außen sehen sie moralisch aus, in Wirklichkeit handele es sich um arrogante Narzissmen, die die Amoral der Menschen gleißnerisch verdeckten.

Der Historiker Herfried Münkler ist ein Bekämpfer moralischer Autonomie – im Namen Machiavellis:

„Die Vorstellung, gesellschaftliche Probleme zu lösen, indem ein paar Moralvirtuosen den Rest der Gesellschaft beaufsichtigen und immer wieder ermahnen, ist nicht nur vorpolitisch und kindisch. Sie ist gefährlich, weil diese Moralvirtuosen natürlich irgendwann Macht beanspruchen. So eine moralische Asymmetrie tut einer freien Gesellschaft nicht gut.“ (brandeins.de)

Moral als Leitlinie der Politik wird von Münkler mit Argumenten abgelehnt, die er als Verteidiger Machiavellis vertreten müsste. Den Moralisten wirft er moralfreies Theater hinter tugendhaften Maskierungen vor. Hätte er verstanden, was Machiavelli wollte, müsste er machiavellistische Methoden hinter moralischen Maskeraden in höchsten Tönen loben.

Wie der Fürst alle Machtmethoden ohne Rücksicht auf Spießermoral handhabt – wenngleich unter der Maske des moralischen Wohltäters seines Volkes – so müssten Historiker die Attitüden der Moralisten als Gipfel machiavellistischer Regierungskunst preisen, die mit allen Wassern gewaschen seien.

Zudem wirft Münkler den Moralisten mangelndes Realitätsbewusstsein vor:

„Aber ein Autor wie Machiavelli weiß auch, dass so ein friedlicher Zustand, in dem wir zu unserem Glück leben, gefährlich ist, weil er die Voraussetzungen untergräbt für den klaren Blick, die notwendigen Härten, die man, wenn sich die Situation ändert, zur Verfügung haben muss.“

Moralisten sind für Münkler politische Dummköpfe, weil sie den Ernst der Lage nicht erkennen würden. Mit pathetischen Sprüchen könne man keine Panzer stoppen. Moral sei gut für idyllische Friedenszeiten oder für das Leben in der Sippe, nicht aber für internationale Verwicklungen oder harten Konkurrenzkampf der Ökonomien.

Sokrates, der Moralist, hätte seine Verteidigungsrede nicht so provokant führen dürfen. Er hätte wissen müssen, dass er durch seine ganz und gar nicht demütige Besserwisserei das Gericht zum Todesurteil anstacheln würde. Er wusste um mögliche Konsequenzen seiner Verteidigung, die eine scharfe Anklage gegen eine Demokratie war, die sich im rapiden Verfall befand. Dennoch unterließ er es nicht, die gegen ihn erhobenen Anklagen logisch zu zermörsern:

„Aus Unvermögen unterliege ich freilich, aber nicht an Worten; sondern an Frechheit und Schamlosigkeit und an dem Willen, dergleichen zu euch zu reden, als ihr freilich am liebsten gehört hättet, wenn ich gejammert hätte und gewehklagt, und viel anderes getan und geredet meiner Unwürdiges, wie ich behaupte, dergleichen ihr freilich gewohnt seid, von den andern zu hören. Allein weder vorher glaubte ich der Gefahr wegen etwas Unedles tun zu dürfen, noch auch gereuet es mich jetzt, mich so verteidigt zu haben; sondern weit lieber will ich auf diese Art mich verteidigt haben und sterben, als auf jene und leben. Denn weder vor Gericht noch im Kriege ziemt es weder mir noch irgend jemandem, darauf zu sinnen, wie man nur auf jede Art dem Tode entgehen möge.“

Sokrates war kein Träumer. Er wusste, was er tat, wusste, was ihm blühen würde – dennoch tat er es. Als Gründe nennt er: lieber sterben als seinen Grundsätzen untreu werden. Die Würde des Menschen besteht in seiner Verlässlichkeit und Standhaftigkeit. Wer diese Tugenden verrät, verrät nicht nur seine Mitmenschen, sondern zerstört seine eigene Würde.

Das ist das genaue Gegenteil zum einstigen Motto: lieber rot als tot. Oder: lieber Mitläufer bei den NS-Schergen zu sein, als Widerständler zu werden und seinen Kopf zu riskieren.

Hier kommt die Schlechtmenschenfront in Bedrängnis. Denn auch sie bewundert den moralischen Mut der Geschwister Scholl oder jener „einfachen Menschen“, die Juden unter eigener Lebensgefahr vor den Häschern versteckten.

Man sieht: Schlechtmenschen sind selber Heuchler, wenn sie in bestimmten Fällen unbedingte Moral verlangen, andererseits einen amoralischen Neoliberalismus oder einen bedenkenlosen Militarismus vertreten. Der Springerverlag steht exemplarisch für diese Bigotterie, welche moralische Politik generell verabscheut, in gewissen Fällen aber das exakte Gegenteil vertritt.

Würde die BRD ihr Loyalitätsversprechen gegenüber Israel als machiavellistische List betrachten, um den Staat im Ernstfall mit Hohngelächter seinem Schicksal zu überlassen, würden Döpfner & Co vor antiheuchelnder Empörung zittern. Wenn die USA aber ihre Zahlungen an das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge einstellen und tausende von Menschen ihrem ungewissen Schicksal überlassen, dann liest man keinen Kommentar von Julian Reichelt gegen die unerträgliche Inhumanität der Trump- und Netanjahu-Kumpanei. Das ist Aufspaltung der Menschheit in solche, die Humanität verdienen und solche, die zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden.

Berlin versprach zwar, die ausbleibenden Zahlungen aus Washington durch Erhöhung eigener Beiträge einigermaßen auszugleichen, doch eine scharfe Kritik an Amerika-Israel ist nicht zu hören. Wenn Freunde gegen Menschenrechte verstoßen, hat man zu schweigen. Das ist Moral von Moralfeinden.

Jeder Moralist ist in der Gefahr, zum Heuchler zu werden, wenn seine Taten mit seinen Worten nicht übereinstimmen – und er diese Diskrepanz leugnet. Dann belügt er sich selbst. In diesen Dingen hilft nur radikale Ehrlichkeit und Selbstkritik.

Jeder bleibt im Verhalten hinter seinen theoretischen Forderungen zurück. Das ist unvermeidlich, denn moralisches Verhalten muss gelernt werden. Zwischen brutalen Methoden der Selbsterhaltung und dem Mut, den Konsequenzen seines unerschrockenen Tuns in die Augen zu schauen: das will trainiert werden.

In einer kapitalistischen Karrieristengesellschaft kann man solches Verhalten nicht einüben. Die Eliteklassen dieser Gier- und Machtgesellschaften fühlen sich dem Kodex „abendländischer Werte“ nicht verpflichtet. Der Elitenforscher Michael Hartmann:

„Die Eliten werden immer mehr zur geschlossenen Gesellschaft. Das gilt nicht nur für die Wirtschafts-, sondern zunehmend auch für die politische Elite. Ihre Lebenswelten und die der Bevölkerung driften seit Jahrzehnten auseinander. Sie glauben, dass für sie eigene Regeln gelten und produzieren einen Steuer- und Finanzskandal nach dem anderen. Der renommierte Elitenforscher Michael Hartmann benennt die Folgen: Politikverdrossenheit und Rechtspopulismus.“

In Eliteklassen dringen selten externe Neulinge ein. Zumeist reproduzieren sich jene aus den eigenen Reihen. Hier hat die familiäre Dynastie noch Gewicht, denn ihr Zusammenhalt lässt sich in Heller und Pfennig taxieren. Die Familien der Minderbemittelten können sich hingegen in atomare Partikel auflösen. Intakte Familien der Unterklassen stören nur die „Mobilität und Flexibilität“ der allseits verschiebbaren Malocher.

Wie ist Chemnitz, Hoyerswerda, Rostock möglich geworden? Durch Wiederholungszwang, durch Wiederkehr des Verdrängten. Die Deutschen glauben, ihre ruchlose Vergangenheit aufgearbeitet zu haben. Sie täuschen sich und wollen nicht wahrhaben, dass sie sich täuschen. Das NS-Reich war keine zeitlich limitierte Offenbarung des Satanischen, sondern Ergebnis einer religiösen und philosophischen Langzeit-Verwüstung.

Münkler irrt gewaltig, wenn er behauptet, die Deutschen hätten Machiavelli durchweg abgelehnt. Das Gegenteil ist der Fall – ab der Zeit Hegels. Schon bei Friedrich dem Großen erkennt man die erste Ambivalenz. Als junger Mann schrieb er einen empörten Anti-Machiavell. Nach vielen Feldzügen musste er im Alter zugeben, dass ein Volk im machtegoistischen Streit ohne hinterlistige Brutalität nicht bestehen kann.

Als nach Napoleons Eroberung die Deutschen vom eigenen Reich zu träumen begannen, wurde der Florentiner zum Helden der Deutschen bis zum heutigen Tag:

„Machiavellis Name, der vorher ein Schimpfwort gewesen war, wurde plötzlich ein Epitheton ornans (ein schmückendes Lob). Die Verteufelung Machiavellis wurde durch eine Art Vergottung verdrängt. Der Fürst mag viele gute Taten ausführen; aber wenn es die Umstände erfordern, wird er „glänzend böse“ sein.“ (Ernst Cassirer, Der Mythus des Staates)

Glänzend böse: das könnte eine Formel für Totalitarismus sein. Das Böse tritt auf im Namen des Guten, ja im Namen der Rettung einer Nation oder der Welt. Das ist die Position Münklers, der das Böse für notwendig hält, um einem guten Zweck zu dienen.

Es kann vorkommen, dass ein Despot einen guten Zweck erfüllen will. Gleichwohl entscheidet er allein über Zweck und notwendige Mittel. Da er seine Untertanen nach Strich und Faden betrügen darf, kann sein guter Zweck jederzeit eine böse Hinterlist sein.

Bei Hegel wird die Moral, die man den Untertanen predigt, auf staatlicher Ebene ins Gegenteil verkehrt.

„Es kommt zur vollständigen Umwertung der Werte, eine Umkehrung der früheren Maßstäbe. Auf Grund der Neuwertung gibt es keine moralische Verpflichtung für den Staat mehr. Moralität gilt für den individuellen Willen, nicht für den universalen Willen des Staates. Es gibt nur eine Pflicht für den Staat und das ist die Pflicht der Selbsterhaltung. Von seiner frühen Jugend an hatte Hegel alle „humanitären“ Ideale verworfen. Er erklärte „die allgemeine Menschenliebe“ für nichts als eine „törichte Erfindung“. So eine Liebe, die kein wirkliches konkretes Objekt hat, ist seicht und unnatürlich. Viel besser, alle Fehler des wirklichen politischen Lebens hinzunehmen, als solchen vagen Allgemeinheiten nachzuhängen.“ (zit. bei Cassirer)

Hier sehen wir, wer die Ursprungsidee „des Hypermoralismus“ erfunden hat, die von der heutigen Schlechtmenschenfront als Hauptwaffe gegen moralische Politik erhoben wird. Es ist nicht Arnold Gehlen. Es ist auch nicht Carl Schmitt. Alle sind sie treue Schüler Hegels, der mit seinem machiavellistischen Staatssystem die perfekte Vorlage für die Nationalsozialisten erfand.

Geschichte wiederholt sich nicht? Das können nur historische Toren im Vollrausch behaupten. Oder ein ehemaliger Chef der WELT, der den Linken vorwirft, sie würden so lange die Gespenster der Vergangenheit beschwören, bis sie in Chemnitz die Straßen unsicher machen:

„Von Herzenskälte und politischer Dummheit zeugt aber auch die Reaktion der Mobilisierungslinken. Der Tote hat sie wenig bekümmert, schlimmer noch: Der Mord war ihr ein willkommener Anlass, ihre abgestandene Anti-Nazi-Suppe wieder aufzuwärmen. Ihr antifaschistischer Mummenschanz und ihre Gier, die Zeit vor ’33 zu beschwören, ist von hanebüchener historischer Dummheit und ebenfalls herzenskalt.“ (WELT.de)

Die NS-Suppe wäre also längst aufgefuttert, wenn nicht ausgerechnet die Linken gekommen wären, um sie in ihrem faschistischen Hypermoralismus nachzukochen und der Republik anzubieten. Schmids Analyse ist identisch mit Trumps Bemerkung zur rechtsextremen Gewalt in Charlottesville: Verschulden gebe es auf beiden Seiten. Die WELT kann sich rühmen, als erstes seriöses Blatt Deutschlands Trumps Weltniveau erreicht zu haben.

Auch Merkels Politik ist kaum verschleierter Machiavellismus auf demütiger Basis. „Ich habe keine Fehler gemacht, aber das vergangene Jahr darf sich nicht wiederholen“: wer solche Sätze sagen kann ohne rot zu werden und sofort zurückzutreten, ist eine Machiavellistin der exquisiten Klasse. Den logischen Widerspruch kann man getrost moralisch formulieren: „Zuerst war meine Flüchtlingspolitik hochmoralisch, heute ist sie das Gegenteil: na und?“

Chemnitz ist der Eiterpickel einer Wiederkehr der verdrängten deutschen Misere seit vielen Jahrhunderten. An dieser Wiederkehr sind alle Institutionen der Gesellschaft beteiligt. In Schulen und Universitäten wird Faust-Mephisto noch immer als Bildungsideal gepredigt, Nietzsche, der NS-Philosoph, als harmloser Selbstsucher dargestellt, der Neoliberalismus als humane Ökonomie präsentiert, Bildung als karrieristische Aufsteigerkunst eingedrillt, machiavellistische Amoral als Moral bejubelt, werden Kirchen zu Garanten deutscher Erwählung hochgejubelt.

Der ehemalige Bundestagspräsident Thierse, Mitglied des Zentralrats der Katholiken, nutzte das Schlusswort bei Anne Will, um der desolaten Demokratie die Böckenförde-Therapie zu empfehlen. Dessen Doktrin lautete: ohne christliche Grundwerte muss jede Demokratie Bankrott anmelden.

Was wäre die Lehre aus Chemnitz? Deutsche, verlasst nicht die fromme Mutter der Nation und die Botschaft vom Kreuz: sonst bringen die Linken den Führer zurück.

„Denn nur du, unser Gott, denn nur du, unser Gott, hast die Menschen in der Hand. Lass uns nicht allein.“

 

Fortsetzung folgt.