Umwälzung LXXIX

Tagesmail - Mittwoch, den 27. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXIX,

„... ich wandte mich persönlich jedem einzelnen zu, um ihm die meiner Meinung nach größte Wohltat zu erweisen. Ich bemühte mich nämlich, einem jeden von euch die Überzeugung beizubringen, dass er unrecht täte, sich eher um Hab und Gut zu bekümmern, als um sich selber und um die möglichste Förderung seiner sittlichen und geistigen Bildung. Ebensowenig dürfe er eher Sorge tragen für die Angelegenheit des Staates, als für den Staat selber. Was aber gebührt einem Mann, einem Wohltäter eurer Stadt, der der Muße bedarf für seinen Beruf, euch aufzurütteln und zu mahnen? Mir fällt nichts Angemessenes ein als die ehrenvolle Speisung im Rathaus, angemessener jedenfalls als für siegreiche Sportler. Denn diese verschaffen euch nur ein scheinbares Glück, ich dagegen ein wirkliches und echtes. Vernehmt also, dass ich dem Rechte zuwider vor niemandem, er sei, wer er wolle, zurückweichen werde aus Furcht vor dem Tode, mag dieser mir auch noch so stark drohen für den Fall, dass ich eben nicht nachgebe. Was ich euch vortragen werde, ist ärgerlich und unerquicklicher Art, aber es ist die Wahrheit.“ (Verteidigungsrede des Sokrates)

In wie vielen Tyranneien dieser Welt werden Menschen verfolgt, bestraft und getötet, die auf sokratische Art Sorge tragen für Glück und sittliches Wohlergehen ihres Gemeinwesens?

In wie vielen Demokratien dieser Welt werden Menschen als moralische und überhebliche Narren lächerlich gemacht und an den Rand geschoben, die für die sokratische Wahrheit eintreten, nur Menschlichkeit könne humane Verhältnisse in Gesellschaft und Staat schaffen?

Wer für sokratische Wahrheit eintritt, spricht nicht im Auftrag eines jenseitigen Gottes. Er beruft sich nicht auf die Offenbarung höherer Wesen. Alles geschieht im Namen der eigenen Vernunft, die um ihre Irrtumsfähigkeit weiß, aber auch um ...

... ihre Fähigkeit, die Wahrheit des Menschlichen zu erkennen. Wer für die Wahrheit der humanen Vernunft eintritt, kann nicht die demütige Pose wählen, vielleicht könne auch Menschenfeindlichkeit Wahrheit sein.

Viele Dinge existieren. Sie sind real, besitzen aber keinen Anspruch auf Wahrheit. Von Wahrheit reden wir, wenn etwas nicht nur ist, sondern ist, wie es sein könnte und sollte. Von Wahrheit reden wir, wenn der Mensch nicht auf jenseitige Seligkeit hoffen muss, da er bereits auf Erden ein erfülltes Leben führen kann. Der Sinn des Lebens ist immer Jetzt und Jetzt – hier auf Erden. Niemals Dereinst und Vielleicht in einem illusionären Jenseits.

Zur sokratischen Wahrheit gehört die Zuversicht, dass jeder Mensch in der Lage ist, sie selbst zu erkennen, zu durchdenken und in der Gemeinschaft freier Wesen zu erproben und zu erfahren. Niemandem muss sie aufgenötigt werden durch Androhen von Strafe und Verheißen jenseitigen Lohns.

Was nicht bedeutet, der Mensch könne nicht von anderen lernen. Selbstbewusstes Lernen ist kein Imitieren, keine dumpfes Übernehmen herrschender Meinungen. Es hört, schaut, nimmt wahr, zieht seine Schlussforderungen – und überprüft seine Erkenntnisse durch Konfrontation mit rivalisierenden Meinungen. Es erprobt seine erarbeitete Meinung im demokratischen Streit.

Der edle Wettstreit um Wahrheit ist der einzige Wettbewerb auf der Welt, von dem jeder profitieren kann. Hier wird niemand geschädigt, niemand lächerlich gemacht, niemand aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Für jene allerdings ist es ärgerlich und unerquicklich, die glauben, durch Gewalt und Dreistigkeit jeden Wettbewerb für sich entscheiden zu müssen.

Bildung ist keine Voraussetzung zum Aufstieg in Macht und Gier, sondern eine Angelegenheit der Muße – die nichts zu tun hat mit untätiger Langeweile und „Müßiggang.“

Eine autarke und bedürfnissättigende Wirtschaft ist Voraussetzung für ein Leben in Muße, jener Anstrengung in Bildung und selbsttätigem Denken, die geistige Voraussetzungen einer vitalen Demokratie sind. Keine Gesellschaft kann demokratisch sein, in der Wirtschaft das tägliche Leben beherrscht.

Demokratie ist ein politisches Gemeinwesen gegenseitiger Fürsorge. Nicht nur im leiblichen, sondern im geistigen Sinn. Demokraten erziehen sich durch gegenseitiges Aufrütteln und Ermahnen.

Alles aber muss in Freiheit geschehen, damit die Gefahr der Zwangsbeglückung ausgeschlossen bleibt. Niemand darf die Macht erhalten, andere Menschen zu einer bestimmten Lebensart zu zwingen. Nur die Mehrheit einer Volksversammlung darf Gesetze erlassen, die verpflichtend sind für jedermann. Auch Gesetze haben eine gewisse Erziehungsfunktion – zur Erhaltung des äußerlichen Lebens. Bestimmte Dinge kann man verbieten, ein sinnvolles Leben aber kann man niemandem vorschreiben.

Sokrates, so denken viele deutsche Gelehrte, sei kein Freund der Demokratie gewesen. Er selbst behauptet das Gegenteil. In die Alltagsangelegenheiten wollte er sich nicht mehr einmischen, weil er aus eigener Erfahrung wusste, wie gefährlich das werden könnte. Athen war eine außenpolitisch und innenpolitisch gefährdete Stadt, in der oligarchische Spartafreunde eine “Herrschaft der Dreißig“ durch Putsch errichtet hatten. Für Sokrates ein Zeichen, dass psychische und denkerische Voraussetzungen in der Bevölkerung noch nicht stimmten. Also widmete er sich der sittlichen und philosophischen Grundlagenbildung des Einzelnen durch mäeutische Gespräche auf dem Marktplatz.

Heutigen sozialen Medien war der Marktplatz haushoch überlegen, denn hier trafen sich die Citoyens, um sich kennenzulernen, miteinander zu palavern und zu streiten. Eine Demokratie ohne persönliche Kontakte, in der die Klassen hermetisch voneinander getrennt sind, ist zum Untergang bestimmt.

In sozialen Medien erlebt die moderne Bevölkerung zum ersten Mal in der Geschichte das berauschende Gefühl der Verbundenheit aller mit allen. Der Rausch des Netzes ist der explodierende Nachholbedarf in allgegenwärtiger Kommunikation.

Die Macht des amerikanischen Präsidenten beruht nicht zuletzt auf seinen Privatbotschaften an die Gesellschaft, die sich geehrt fühlt, von ihrem Helden persönlich angesprochen zu werden. Der unendliche Abstand zwischen Führer und Geführten scheint durch Offenbarung von Oben überwunden. Und dennoch ersetzt die atomisierte Vernetzung mit digitaler Technik auf keinen Fall die persönliche Begegnung.

Die Marktplätze der modernen Demokratien sind eine einzige Katastrophe. Die Architektur der Städte steht im Dienst rasender Bewegung, nicht im Dienst persönlicher Begegnung. Nicht selten, dass die Stadtviertel keinen einzigen zentralen und einladenden Platz aufweisen, in der sich Menschen zwanglos begegnen können. Die Stadtplanung der modernen Großstädte ist antidemokratisch, begegnungs- und gesprächsfeindlich.

Bereits das zeitliche Grundgefühl der Moderne ist lineare Ruhelosigkeit. Der Zwangscharakter eines sogenannten Fortschritts zwingt jeden in das Lebensgefühl hektischen Jagens nach einem Ziel, das sich umso mehr entfernt, je mehr man sich ihm zu nähern glaubt.

Glück, die erfüllte Zeit des Jetzt und Jetzt, ist mit dieser linearen Zeit nicht zu machen. Schon gar nicht, wenn die beschleunigte Einlinigkeit sich als heilige Geschichte ausgibt, die zu verändern eine schreckliche Sünde wäre.

Demokratie ist eine Veranstaltung irdischen Glücks durch die Präsenz von freien und gleichwertigen Menschen, mit denen man sich zusammenraufen muss, um die politischen Voraussetzungen des Glücks – das kollektiv und individuell zugleich ist – auf zuverlässige und beherrschbare Grundlagen zu stellen.

Eine souveräne Demokratie ist keinen Göttern und Heilsgeschichten ausgeliefert. In der Polis hat der Mensch sein Schicksal in die eigenen Hände genommen. Solange Natur menschenfreundlich bleibt – sie bleibt es vor allem dann, wenn der Mensch ihr freundlich entgegenkommt –, kann es keine Macht auf der Welt geben, die den Menschen ein fremdes Schicksal auferlegt. Unter einer Voraussetzung: dass Menschen sich nicht als potentielle Feinde beargwöhnen.

Der mäeutische Dialog – oder das Hebammengespräch – ist der Moderne unbekannt, weshalb sie keine erkenntnisfördernde Politikgespräche führen kann. Ihre Talkshows sind Gruppenraufereien mit rhetorischen Mitteln.

Rhetorik ist Redekunst ohne Verpflichtung auf strenge Wahrheitssuche. Sie kann sich dem Volk, das die intellektuellen Verwirr-Künste der Eliten noch nicht durchschaut, als überlegene Überredungsweisheit präsentieren. Hier hülfe nur eine gleichwertige Ausbildung aller Schichten, damit der Pöbel gewappnet wäre gegen die intellektuell scheinende Überlegenheit derer, die sie sich zuerst aneigneten.

Ein Hebammengespräch ist Verstehen und streitbares Argumentieren in einem. Indem versucht wird, den biografischen Gründen der Meinungsunterschiede nachzuforschen, ist jeder Dialogpartner gefordert, seine Karten auf den Tisch zu legen. Indem er sein Unbewusstes aufdeckt, macht er sich geistig nackt.

Voraussetzung dieser Methode ist die Gleichheit der Vernunft, die jeder Mensch von der Natur erhielt. Erst verschiedene biografische Umstände, Kulturen und Verhältnisse haben zu verschiedenen Denkweisen geführt.

Dass die gemeinsame Natur unterschiedliche Religionen und Philosophien hervorgebracht hat, liegt an der Isolierung der verschiedenen Urgruppen, die, weit entfernt voneinander, ihre anfänglich minimalen Differenzen zu weltanschaulichen Gräben ausbauen konnten. Trotz aller Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen wäre es auch heute noch möglich, dass Eingeborene aus dem Amazonas und Fortschrittstrunkene aus dem technischen Westen sich verständigen könnten.

Unter welchen Bedingungen auch immer die Menschen aufwachsen – sie sind sich ähnlich und könnten sich verständigen, wenn sie die Gründe ihrer Verschiedenheit zu verstehen versuchten.

Heute wird das Verstehen fremder Menschen, besonders kriminellen und feindlichen Verhaltens, als angebliches Billigen des Bösen an den Pranger gestellt. Dabei wäre es absolut notwendig, die Ursachen des Bösen zu verstehen, um es prophylaktisch zu bekämpfen. Die wirksamsten Mittel gegen jedwedes feindliche Verhalten ist das Verstehen dieses Verhaltens.

Voraussetzung aller dialogischen Streitkunst ist der rationale Glaube an die Wahrheit. Bessere und schlechtere Argumente lassen sich nur durch Kriterien einer gemeinsamen Wahrheit unterscheiden.

Die Moderne – unter dem Titel der Postmoderne – lehnt eine allgemein verbindliche Wahrheit ab. Damit will sie dem despotischen Dogmatismus einer einzigen Wahrheit entgehen. Doch sie verwechselt den Dogmatismus einer religiösen Offenbarungswahrheit mit der folgerechten Logik menschlicher Wahrheit, die auf jede brachiale Macht verzichtet, Anerkennung zu erzwingen.

Menschliche Wahrheit appelliert an die mehr oder minder verschüttete Wahrheitskompetenz aller Menschen, die – sich der Klarheit ihres kindlichen Denkens erinnernd – der Überzeugungskraft überlegener Logik öffnen kann. Es ist keine fremde Instanz, der sie sich unterwerfen muss: es ist die eigene Stimme, die sich von späteren Verkrümmungen und Überlagerungen befreien kann. Autonome Wahrheit ist die Wahrheit jedes autonomen Menschen.

Die Postmoderne will der angeblichen Alleinherrschaft einer Wahrheit entgehen und flüchtet sich in viele Wahrheiten, die unvergleichbar und solitär seien. So viele Menschen es gibt, so viele Wahrheiten gäbe es.

Doch die Flucht in den Relativismus endet in der Falle der unfehlbaren Wahrheit jedes Einzelnen. Wenn es keine gemeinsamen Überprüfungskriterien gibt, kann es auch keine demokratischen Streitmöglichkeiten geben. An Stelle öffentlicher Debatten gibt es nur wahrheitslose Abstimmungen oder Gewaltaktionen, die widerstandslos bestimmen dürfen, wohin die Reise gehen soll.

Demokratische Kompromisse sind keine willkürlichen und wahrheitslosen Ergebnisse eines listigen und gnadenlosen Schachers. Sondern Austarierungen fremder und eigener Wahrheitsfähigkeit, die pragmatische Übereinstimmung in zeitlicher Begrenztheit ermöglicht. Ist die Zeit der Kompromisse vorbei, beginnt ein neuer Wettstreit der Meinungen auf neuer, erfahrungsgesättigter Basis.

Im Kompromiss wird Wahrheit nicht außer Kraft gesetzt, sondern zum Status quo verschiedener Wahrheiten genötigt, die auf dezimierter Wahrheitsebene kompatibel scheinen. Die Praxis der Kompromisse wird jedem Mitdenkenden zeigen, in welchem Maß sie geändert werden müssen, um neuen Kompromissen Platz zu schaffen, die erkenntnismäßig weitergekommen sind.

Alles, was miteinander leben kann, ohne sich einer strengen Wahrheitssuche unterwerfen zu müssen, gehört in das Gebiet des Geschmacks oder eines bunten Lebensstils. Mein Geschmack ist nicht das ausschließende Gegenteil deines Geschmacks. Meine Volksfeste schließen deine nicht aus. Alles, was sich ohne Gründe ausschließt, steht unter dem Verdacht religiöser oder totalitärer Unfehlbarkeit.

Demokraten müssen sich nur in Grundfragen einigen – oder wahrheitsfähige Kompromisse schließen. Grundfragen beziehen sich auf die Überlebensfähigkeit ihrer Gesellschaft – im planetarischen Sinn auf die Überlebensfähigkeit des Weltdorfs. Ökologische Fragen, Fragen von Krieg und Frieden sind Grundsatzentscheidungen, die nicht als beliebige Geschmacksfragen behandelt werden können. Wenn in einem Auto zugleich auf Gas und Bremse getreten wird, besteht Lebensgefahr für alle Insassen.

Die abendländische Welt ist vom Dogmatismus ihrer Erlöserreligion so verwüstet, dass sie bei jedem demokratischen Streit fürchtet, unterlegen zu sein und das Gesicht zu verlieren. Frühe Leugner der Unfehlbarkeit mussten die Hölle fürchten. Wer heute ein Streitgespräch verliert, wird noch immer von der Furcht bestimmt, er habe sein Gesicht verloren. Nur so ist zu erklären, dass mäeutische Gespräche von Postmodernen mit Abscheu zurückgewiesen werden.

„Der Poststrukturalist Roland Barthes wendet sich im Rahmen seiner Kritik am Logozentrismus auch gegen die sokratische Mäeutik; er sieht in der Vorgehensweise des Sokrates das Bestreben, „den anderen zur äußersten Schande zu treiben: sich zu widersprechen.“

Dass der Logos das Sagen haben soll, ist für viele, kaum der Religion entronnene Dissidenten schrecklicher als der Zentralismus eines unfehlbaren Glaubens. Man entflieht dem Glauben, um der Vernunft die angsterregenden Defizite des Post-Glaubens anzuhängen.

Das Denken müsse wieder weh tun, fordert Roman Bucheli in der NZZ:

„Die Leidenschaft der Vernunft hat schon bessere Zeiten gesehen. Heute dominieren Meinungen, Provokationen, Polarisierungen. Der klassische Intellektuelle, der immer etwas im Abseits stand und von da, abwägend, melancholisch, skeptisch, bald sanft und bald heftig, auf die Gesellschaft einwirkte, der teilhatte, ohne Partei zu sein: Diese Figur hat sich verabschiedet. Zurück bleibt das Verlangen nach dem grossen Welterklärer (was der Intellektuelle nie war). Im paradoxen Ergebnis bringt diese Sehnsucht als Karikatur und Schrumpfform lediglich noch den Intellektuellen-Darsteller hervor. Man braucht sich bloss die ersten beiden Tugenden in Erinnerung zu rufen, die Ralf Dahrendorf nennt, den «Mut zur Freiheit in Einsamkeit» und das «Leben mit Widersprüchen», um zu begreifen, was der Gegenwart fehlt. Wo sind die freien Geister, die bohrende Fragen darum stellen, weil sie die Antworten darauf am wenigsten kennen? Und wo die furchtlosen Köpfe, die den Widerspruch nicht lediglich als wohlfeiles Mittel der Agitation begreifen, sondern als den unauflösbaren Konflikt im Kern jedes Gedankens? Ein Intellektueller mag hochmütig erscheinen, aber in Wahrheit ist es die Demut, die ihn denken und dann schreiben lehrt.“ (NZZ.ch)

Ohne Demut sei erwidert: in diesem Essay schreibt ein mit sich zerrissener Ex-Frommer, der die Wunden seiner Widersprüche leckt, indem er sich trotzig zu ihnen bekennt und der heidnischen Vernunft zuruft: ohne mich. Es handelt sich vor allem um eine journalistische Selbstbeschreibung, die eine Ausnahmestellung für sich fordert, ohne sich in die Angelegenheiten des Alltags einmischen zu müssen.

Ein Intellektueller aber ist vor allem ein Demokrat und hat sich ins Getümmel zu begeben – um das Schiffchen in die erwünschte Richtung zu navigieren und Schaden von ihm abzuwenden. Wie kann man auf die Gesellschaft einwirken, ohne Partei zu ergreifen? Wie kann man Argumente einbringen, die keine Meinungen, Polarisierungen und Provokationen wären? Sie würden ja den Anspruch einer ätherischen Unfehlbarkeit beanspruchen.

Jeder ernsthafte Demokrat hat ausschließlich an die Wahrheit seiner Meinung zu denken. Ob seine Meinung die Öffentlichkeit polarisiert, provoziert oder sonstwie in Wallung bringt (oder nicht), muss von ihm hingenommen werden. Auf keinen Fall darf eine erwünschte Wirkung den Wahrheitsgehalt seiner Meinung manipulieren.

Sache des Einzelnen ist es, seine Sache zu sagen – Sache der Öffentlichkeit, diese Sache zu beurteilen. Danach der methodische Streit.

Das kann deutsche Demokratie nicht, die ausschweifende Predigten als Argumente ausgibt, anstatt jedes Argument Satz für Satz zu überprüfen. Das wäre nur möglich für zwei Dialogpartner, die fähig wären, den anderen sowohl zu verstehen als auch das Verstandene zu bewerten. Talkshows in rauflustigen Rudeln sind das Gegenteil strenger mäeutischer Duelle. (Nebenbei: philosophische Gespräche im Schweizerischen Fernsehen sind um Qualitäten besser als deutsche Rede-Massaker.)

Wie kann man denken, ohne die Welt zu erklären? Hier zeigt sich die unkeusche Lust am Erkennen des Irdischen, die von Paulus als Torheit der Welt der Weisheit Gottes entgegengesetzt wurde. Intellektuelle, die die Welt als Erkenntnisobjekt verschmähen, sind keine Denker, sondern Einsiedler, die gleichwohl in ihrer Klause von der Welt bestaunt werden wollen. Vor allem wegen ihrer zur Schau gestellten Demut.

Autonomes Denken ist keine Demut, sondern Selbstbewusstsein. Man darf als Mensch auf seine Erkenntnisfähigkeit und menschliche Vernunft stolz sein. Was wäre das für ein Triumph der Menschheit, wenn es ihr gelänge, eine friedliche Weltgemeinschaft zu schaffen! Wie kann man realistische Politik betreiben, ohne die Welt kennenlernen zu wollen?

Denken in Einsamkeit – ist notwendig, aber nicht ausreichend für eine Demokratie, in der Einsamkeit nur der Vorbereitung für den öffentlichen Streit dienen darf. Mönchische Einsamkeit um Gottes willen muss Gottessuchern überlassen werden.

Ein Leben in Widersprüchen führen wir bereits. Es führt uns in den Abgrund, wenn wir diese Widersprüche verleugnen, anstatt sie wahrzunehmen, um sie in eindeutige Lösungen zu verwandeln. Wollen wir Frieden schaffen – mit immer mehr und mehr Waffen? Dieser Widerspruch kann uns eines Tages das Genick brechen.

„Wo sind die freien Geister, die bohrende Fragen darum stellen, weil sie die Antworten darauf am wenigsten kennen? Und wo die furchtlosen Köpfe, die den Widerspruch nicht lediglich als wohlfeiles Mittel der Agitation begreifen, sondern als den unauflösbaren Konflikt im Kern jedes Gedankens?“

Freie Geister stellen nicht irgendwelche Fragen, sondern Fragen, die unser Zusammenleben bestimmen. Man erfindet keine naseweise Fragen, um sich in verstellter Demut zu üben, verhasste Besserwisser zum Scheitern zu bringen. Sokratische Unwissenheit bezog sich lediglich auf metaphysisch und theoretisch unbeantwortbare Fragen, auf keinen Fall auf moralische und politische.

Und wer erkühnt sich, die Unbeantwortbarkeit seiner Fragen a priori zu behaupten? Nach dem Motto: wer die unlösbarsten Fragen der Welt erfindet, der kriegt den Preis der Demütigen?

Popper rühmte die Bescheidenheit des Sokrates, die ihn aber nicht daran hinderte, dem Volksgericht seine Meinung in aller Entschiedenheit entgegenzuschleudern – indem er gar beantragte, für seinen Wahrheitsdienst auf der Agora öffentlich geehrt zu werden.

Denken wird heute fast immer als wahrheitsunfähiger Skeptizismus definiert. Mit der antiken Skepsis aber hat dieses Relikt eines religiösen Denkverbots nichts zu tun. Die entfernten Schüler des Sokrates waren von der theoretischen Erkenntnisfähigkeit der Menschen nicht überzeugt. Dennoch glaubten sie an die praktische Fähigkeit, mit wenig Wissen die Meeresstille der Seele zu erringen.

„Der Essay entwickelt weder Thesen noch Meinungen, er äussert keine Ansichten und schon gar keine Lehre. Der Intellektuelle ist darum ein Nonkonformist und kein Dogmatiker, er sucht den Dissens nicht zuerst mit anderen, sondern mit sich selbst, das Tänzerische ist ihm vertrauter als das Athletische, er ergreift nicht Partei, sondern betrachtet die Dinge kühlen Kopfes aus einer gewissen Distanz und mit den Mitteln des analytischen Verstandes und im Wissen darum, dass es immer mehr Fragen als Antworten geben wird. Er mag hochmütig erscheinen, aber in Wahrheit ist es die Demut, die ihn denken und dann schreiben lehrt.“

Das ist der Bankrott verantwortlichen Denkens, das sehr wohl seine Ansichten zu äußern hat. Ob sich aus seiner Sicht der Dinge eine Schule entwickelt, überlässt er denjenigen, die sich mit ihm beschäftigen.

Sokrates wollte kein intellektueller Lehrer sein, aber ein politischer Erzieher und pädagogischer Mäeut. Niemand ist per se dogmatisch, der seine Meinung verteidigt, ohne demütig den Kopf zu senken. Es gibt die Neigung in der postreligiösen Gesellschaft, Demut als denkerische Animosität und demokratische Feigheit zu zelebrieren.

Warum sollte ein Dissens mit sich selbst erstrebenswert sein? Hier spricht die Gespaltenheit der sündigen Seele, die nicht zu sich kommen darf, um vor Gott nicht eitel zu wirken. Im Gegenteil: die Frucht des mutigen Selberdenkens ist à la longue die Fähigkeit, mit sich ins Reine zu kommen. Wer seine Widersprüche erkannt und gebändigt hat, will nie mehr zurück in sein früheres Stadium der Selbstentzweiung.

Buchelis Artikel ist der typische Beitrag eines säkular und aufgeklärt sein wollenden Religionsflüchtigen, der es nicht geschafft hat, den Denkverboten seines früheren Glaubens zu entfliehen.

Als die griechische Wiedergeburt der italienischen Renaissance in Germanien als intellektueller Humanismus einzog, hätte Deutschland die Chance gehabt, das Regiment der Priester abzuschütteln und der Vernunft eine Schneise zu schlagen. Doch was geschah? Die Chancen der Aufklärung wurden am Boden zerstört durch die religiöse Regression eines bärbeißigen Mönches namens Luther. Der augustinische Wittenberger verfluchte nicht nur alle Papisten, sondern auch jene Neuheiden, die sich auf die griechische Philosophie beriefen.

"Die Philosophie des Aristoteles sei nichts als ein heidnischer Gräuel. Humanisten und Schuldoktoren hätten aus der Theologie jenes alte Weib gemacht, genannt Philosophie, die „am Arsch“ nach Griechenland stinke. Nie sei etwas Verderblicheres und Gottloseres erfunden worden als die Pest der heidnischen Weltweisheit. Erasmus, Luthers Gegner, habe in seinen Schriften nicht das Kreuz und Elend der Menschen im Auge, sondern nur den Frieden." (Hier bereits liegen die Wurzeln der Konservativen Revolution späterer Jahrhunderte.)

„Luther will die heidnische Philosophie, die die Kirchenlehre in sich aufgenommen hat, ganz ausscheiden. Der Humanismus will sie dagegen rein übernehmen und das eigentlich Christliche ausscheiden. Der Humanismus will die irdische Welt erkennen und das Transzendente ausscheiden. Luther hingegen bleibt in der Wunder- und Dämonenwelt des Mittelalters, Naturwissenschaft war ihm fremd, Aufklärung ein Gräuel. Die Kirchenlehre sei getrübt durch die heidnisch-naturalistische Philosophie. Meister Aristoteles lehre in der Physik die Ewigkeit der Welt und die Sterblichkeit der Seele. Weiß er doch in der Ethik kein Wörtlein von Sünde und Gnade. Sondern will eine Gerechtigkeit aus eigener Vernunft.“ (Alle Zitate nach Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart, 1896)

Heute befinden wir uns erneut in einer Regression des Glaubens gegen die Hybris des autonomen Menschen, der selbst seinen Kopf betätigen und aus eigener Kraft sein Schicksal bestimmen will. Wo Deutschland steht, zeigt die Einführung eines neuen Feiertags in nördlichen Bundesländern zur Würdigung der lutherischen Reformation.

Hier muss Nietzsches Ansicht über Luther zitiert werden:

„Luther sah die Verderbniss des Papstthums, während gerade das Gegentheil mit Händen zu greifen war: die alte Verderbniss, das peccatum originale (Erbsünde), das Christenthum sass nicht mehr auf dem Stuhl des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das grosse Ja zu allen hohen, schönen, verwegenen Dingen! … Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an …

Aber auch Nietzsches Ja zum Leben war noch ein Ja zu einer Welt, die vom verwegenen Willen zur Macht gezeichnet war. Die Starken sollten siegen, die Überflüssigen und Schwachen zum Teufel gehen. Auch das war eine Auserwählung, wenngleich mit irdischen Aspekten. Das glückliche demokratische Leben war auch für den Pastorensohn ein Gräuel.

In Deutschland gibt es keine Tradition sokratischer Vernunft. Deutsche bevorzugen das Drama eines heroischen Scheiterns und Untergehens.

Es scheint, als ob es nach einem halben Jahrhundert kaum verdienten Glücks an der Zeit wäre, das Kreuz des Niedergangs wieder auf sich zu nehmen.

 

Fortsetzung folgt.