Umwälzung LIX

Tagesmail - Freitag, den 11. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LIX,

Sie lobwürgte ihren Freund, bis er röchelte. Der Herr der Welt liebkoste und säuberte ihn manuell – und ließ ihn politisch abblitzen. Die Königin von Europa – die Ex-Königin – liebkoste ihn bloß verbal – und ließ ihn am ausgestreckten Arm verhungern:

„Du bist 1977 geboren", sagt sie in Richtung Macron, "als der Kalte Krieg vorbei war, warst du zwölf, 13 Jahre alt." Und weiter: "Deine Begeisterung reißt andere mit", sagt sie, "du sprühst vor Ideen." (SPIEGEL.de)

„… reißt andere mit,“ du französischer Esprit-Sprüher. Mich nicht! Ich merke wohl, wie du mich mit deinem Zauber ständig um den Finger wickeln willst. Ohne mich, mein Wertester:

„Angehörigen anderer Völker, insbesondere den Deutschen, ist der esprit gaulois naturgemäß verschlossen.“

Tja, ab und zu in Wiki gucken, du Zuckerstückchen, dann hättest du deine gallische Charme-Nummer erst gar nicht ausprobiert. Merke: eine Uckermärkerin ist gegen faulen gallischen Zauber immun.

Als Trump das französische Wunderkind von Schuppen befreite, war das noch harmlos, verglichen mit der Entzauberung durch eine protestantische Pastorentochter, der die Gnadengabe gegeben ist, die Geister zu unterscheiden.

„Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viel falsche Propheten ausgegangen in die Welt.“

„Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel“. „So lange man dich lobt, glaube nur immer, dass du noch nicht auf eigner Bahn, sondern auf der eines anderen bist.“ „Hier ist Einer, dem du anmerkst, dass er dich loben will: du beisst die Lippen zusammen, das Herz wird geschnürt: ach, dass der Kelch vorüberginge! Aber er ...

... geht nicht, er kommt! Trinken wir also die süße Unverschämtheit des Lobredners, überwinden wir den Ekel und die tiefe Verachtung für den Kern seines Lobes, ziehen wir die Falten der dankbaren Freude über’s Gesicht! — er hat uns ja wohltun wollen! Und jetzt, nachdem es geschehen, wissen wir, dass er sich sehr erhaben fühlt, er hat einen Sieg über uns errungen,ja! und auch über sich selber, der Hund! denn es wurde ihm nicht leicht, sich dies Lob abzuringen.“ (Von einem anderen Pastorensprössling namens Nietzsche)

Ein solides deutsches Kaltblut lässt sich doch nicht von einem flimmernden Wort-Artisten hinters Licht führen. Es geht um die Führung Europas. Der Eloquente will der Drögen den Rang ablaufen. Da schlägt die Dröge in psychologischer Meisterschaft zurück, um sich ihren Thron durch Entlarvung des Herausforderers zurückzuholen. Im Kastrieren der Männer ist die Kanzlerin unschlagbar. Doch kastrieren ist nicht das treffende Wort, wenn wir schon Politik ins Anrüchige übersetzen.

„Der Coitus interruptus (lat. coitus „Geschlechtsverkehr“ und interruptus „unterbrochen“) ist eine veraltete und sehr unsichere Methode der natürlichen Empfängnisverhütung, bei der der Geschlechtsverkehr so unterbrochen wird, dass die Ejakulation des Mannes außerhalb der Vagina und Vulva erfolgt, um das Vordringen der Spermien zur Eizelle im Eileiter der Frau zu verhindern.“

Natürlich geht es um geistige Befruchtung deutscher Simplicii durch französische Esprit-Philosophen: die Empfängnis durch ideelle Spermien muss verhindert werden – indem frau so tut, als ob sie nichts lieber wollte als eben dies. Gib dich bezaubert, habe aber immer ein Messer hinter dem Rücken. Erst mal bremsen, die Luft rauslassen – im Juni werden wir weitersehen.

War das nicht die Wiederholung des alten Kampfes zwischen Madame de Staël und den schwerfälligen Weimaranern, die Angst hatten vor der geist-sprühenden Gegnerin Napoleons? Selbst Dichterfürst Goethe suchte das Weite.

„Frau von Staël wird Ihnen völlig so erscheinen, wie Sie sie sich a priori schon konstruiert haben; sie will alles erklären, einsehen, ausmessen, sie statuiert nichts Dunkles, Unzugängliches, und wohin sie nicht mit ihrer Fackel leuchten kann, da ist nichts für sie vorhanden. [... ] das einzig Lästige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit ihrer Zunge, man muß sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können."

So schilderte Schiller die Französin seinem großen Freund, dem intellektuelle Frauen ein Graus waren. Es half nichts, er musste sie empfangen.

„Auch die Erwartungen von Madame de Staël waren groß: Wie sah er aus, der Autor des Werther? Der 54-Jährige erschien ihr ziemlich korpulent, geheimrätlich steif und irgendwie desillusioniert.“ (WeimarLese.de)

Europa zerlegt sich auf offener Bühne, weil sich die beiden führenden Nationen nach stereotypischen Vorlagen zerlegen – ohne es wahrzunehmen. Man gönnt sich ja sonst nichts auf den Höhen alteuropäischer Diplomatenkunst.

Das größte, wenngleich ungewollte Verdienst Trumps wäre, wenn es ihm gelänge, durch seinen fulminanten Angriff gegen Europa die zerrütteten EU-Länder wieder zusammenzubringen. Nach dem Motto: gemeinsamer Feind eint. Sein neuer Statthalter in Berlin – als Wadlbeißer ganz his masters voice – hat keinerlei Hemmungen, die deutsche Industrie zu Befehlsempfängern zu degradieren. Es muss wieder klar werden, wer Koch und wer Kellner ist.

Vergleichen wir die rüde Offenheit der Amerikaner mit den psychologischen Raffinessen der Europäer, die sie selbst nicht durchschauen, dann verstehen wir, warum die Völker das „verlogene“ Klimbim der Europäer satt haben und den „ehrlichen“ Barbarismus der Neocalvinisten bevorzugen. Trump wird in die Geschichte eingehen, er hat eine Schallmauer durchbrochen. Wo Es war – das Verklemmte und Verbotene – soll Ich werden, das Echte und Wahre, das Urpfälzische und Urdeutsche, worauf sie einst stolz waren: wie geredt, so gebabbelt. Ein echter deutscher Mann kennt keine Winkelzüge. Er redet klardeutsch:

„Deutsch sein heißt: Charakter haben.

Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist darauf die einzige alles in sich fassende Antwort diese: wir müssen eben zur Stelle werden, was wir ohnedies sein sollten, Deutsche. Wir sollen unseren Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen, und einen festen und gewissen Geist; wir müssen ernst werden in allen Dingen und nicht fortfahren, bloß leichtsinnigerweise und nur zum Scherze dazusein; wir müssen uns haltbare und unerschütterliche Grundsätze bilden, die allem unserem übrigen Denken und unserem Handeln zur festen Richtschnur dienen, Leben und Denken muß bei uns aus einem Stücke sein und ein sich durchdringendes und gediegenes Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäß werden und die fremden Kunststücke von uns werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen; denn Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unserer Sprache keinen besonderen Namen, weil sie eben ohne alles unser Wissen und Besinnung aus unserem Sein unmittelbar hervorgehen soll.“ (Fichte) (Gutenberg-SPIEGEL.de)

Aus der Sicht Fichtes haben sich die Deutschen einem fremden ausländischen Geist unterworfen und ihre unerschütterlichen Grundsätze verraten. Was sie reden, das tun sie nicht, was sie tun, wissen sie nicht. Sie bestehen nicht mehr aus einem durchdringenden und gediegenen Ganzen. Sie sind charakterlos und undeutsch geworden. Deutsch sein heißt Charakter haben. Charakter will heute niemand mehr haben. Dieses verrostete Stahlskelett hindert den Menschen, sich täglich neu zu erfinden.

Kant definierte Charakter als die praktische konsequente Denkungsart nach unveränderlichen Maximen“.

Unveränderlichkeit? Ist der Gottseibeiuns eines modernen Deutschen, der sich windschlüpfrig seinen Aufstieg erschleicht – pardon, verdient. Was sich nicht dem Fortschritt ergibt, sich nicht dem Neuesten vom Neuen in die Arme wirft, sollte bleiben, wo die Runkelrüben wachsen.

Doch was ist deutsch? Sigmar Gabriel stellt ein Buch von Thea Dorn vor, in dem die Verfasserin das Phänomen deutsch jenseits chauvinistischer Dumpfheit erklären will.

„Thea Dorn vollbringt die Anstrengung, die überidealisierte, auf Abgrenzung, Herabsetzung und Überhöhung gründende deutschtümelnde, populistische Verklärung des Nationalen als das zu entlarven, was sie letztlich ist: eine fiebrige Wahnvorstellung.“

Gleichzeitig soll die patriotismus-feindliche Haltung der Linken ad absurdum geführt werden.

„Patriotismus als braune Ideologie oder überholte Sentimentalität abzutun ist also ein fataler Fehler. Die Deutungshoheit darüber, was Heimat und Nation bedeuten, ist nicht exklusiv der extremen Rechten vorbehalten.“ (SPIEGEL.de)

Was aber ist denn nun der „ganz eigene Charakter Deutschlands, der aus seinen Traditionen, Werten und Sichtweisen die nationale Identität prägt“?

Antwort: „Kopf und Herz müssen sich von Hölderlin und Auschwitz gleichermaßen erreichen lassen.“ Nichts mit Currywurst und Neuschwanstein: „Das Buch ist eine kluge, abwägende und doch pathetische Streitschrift für ein Deutschland, das sich seiner Besonderheiten bewusst ist, ohne dabei auf Sonderwege zu geraten. Das weiß, was an Gemeinsamkeit notwendig ist, ohne die Vielfalt zu leugnen. Und das sich zu einer Nation bekennt, ohne sich dadurch von Europa oder der Welt zu trennen.“

Wozu muss man sich heute zu einer Heimat, zu einer Nation bekennen? Ist Heimatverbundenheit einem religiösen Glaubensbekenntnis gleichzusetzen? Von Hölderlin und Auschwitz gleichermaßen erreichen lassen? Geht’s noch inhaltsleerer? Deutsch soll nicht dumpf sein, aber was ist es denn nun?

Wozu überhaupt brauchen wir eine Definition von deutschsein? Genügt es nicht, Mensch unter Menschen zu sein? Brauchen wir die Herausstellung nationaler Kuriositäten, wenn es dringlich notwendig wäre, endlich das Humane und Menschenverbindende herauszuarbeiten?

Humanität ist keine Nivellierung der Besonderheiten und Unterschiede. Es ist die Betonung des Gleichwertigen aller Menschen. Erst Gleichwertigkeit lässt Besonderheiten der Individuen und Völker als Reichtum der Menschheit aufleuchten.

Dorns leere Bekenntnisformeln vergleiche man mit jenen Zeiten, in denen der Glaube an die Menschheit entdeckt wurde. Damals, als die natürliche Gleichberechtigung von den griechischen Philosophen zum ersten Mal formuliert und in alle Welt posaunt wurde. Es war die Geburtsstunde der modernen Menschen- und Völkerrechte:

„Alles, was Menschenantlitz trägt, verkündet den großen Gedanken der Menschheitseinheit und Menschengemeinschaft. In Äschylos‘ Prometheus begegnet uns zum ersten Mal der Begriff der Menschenliebe (philanthropia) – der im Neuen Testament zur Agape verformt wird, die nur Liebe zum Nächsten als Liebe zu Gott sein kann. Wer Gott nicht liebt, kann keine Menschen lieben. Nicht anders bei den zehn Geboten. Wer anderen Göttern als Jahwe folgt, ist unfähig, die Gebote zu halten.

Bei Euripides, dem „Dichter der griechischen Aufklärung“ lesen wir den Vers: „Der ganze Äther steht dem Flug des Adlers frei, die ganze Welt ist Vaterland dem edlen Mann.“

Der Sophist Antiphon schreibt: „Denn von Natur aus sind wir alle in allen Beziehungen gleich geschaffen, Hellenen wie Barbaren. Das lässt eine Betrachtung der allen Menschen von Natur aus notwendigen Dinge erkennen. Diese stehen alle in gleicher Weise zu Gebote. Und in allen diesen ist kein Barbar von uns unterschieden und kein Hellene: atmen wir doch alle die Luft durch Mund und Nase, und essen wir doch alle mit den Händen.“

Und der Gorgias-Schüler Alkidamas: „Freigelassen hat Gott alle, niemand hat die Natur zum Sklaven gemacht.“

Der Tonnen-Bewohner Diogenes antwortet auf die Frage nach seiner Heimat: „Ich bin Weltbürger, Kosmopolit. Es gibt nur einen einzigen richtigen Staat, und das ist der Weltstaat.“

Für Stoiker ist der Gedanke des Weltbürgertums Mittelpunkt ihres politischen Denkens, und sie haben ihn, wie die Idee des Naturrechts („der Schwachen“), der Nachwelt überliefert:

„Wir sollten nicht nach Stämmen und Städten gesondert leben, jedes mit einer unterschiedlichen Rechtsauffassung. Wir sollten vielmehr alle Menschen als Mitbürger und Volksgenossen betrachten.“

Die Stoiker definierten die Ökumene – die heute zum Bündnis der Kirchen deformiert wurde – zur Gemeinschaft aller Menschen. Der hellenische Gedanke einer politischen Einheit der Menschen in demokratischer Form wurde zur Grundlage der modernen Staatenentwicklung.

Dorn und Gabriel grenzen mühsam Besonderheit von Gleichheit ab. Es ist kleinlich-skrupulöses Rechnen, mit dem sie Heimat von Europa abgrenzen und doch nicht abgrenzen wollen. Wer kosmopolitisch denkt, ehrt automatisch auch seine Heimat, denn sie gehört zur Gemeinschaft aller Menschen.

Was wir in Zeiten zunehmender Abgrenzung und drohender Kriege aber dringend benötigen, wäre keine bayrische, europäische, ökonomische, futurische oder sonstige Tümelei, sondern leidenschaftliche Philanthropie oder Liebe zur Menschheit. Auch der Begriff Philanthropie wurde verstümmelt zum Almosengeben der Reichen.

Hölderlin wird zum Deutschen an sich verklärt, als ob er nicht schärfste Kritik an den Deutschen geübt hätte.

„Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster. Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt? Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen. Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren.“ (Hyperion)

Hölderlin wird bei Dorn zum Inbegriff der deutschen Bildung – und Auschwitz zu jener Katastrophe, die wider alle Bildung möglich wurde. Doch Auschwitz wurde nicht trotz, sondern wegen der deutschen Bildung zur schrecklichen Realität – so Imre Kertesz, der jüdisch-ungarische Schriftsteller. Von diesen grauenhaften Antagonismen nichts Nennenswertes bei Dorn-Gabriel. Das Kosmopolitische ist ihnen nur saure Pflichtübung, erst beim Deutschsein beginnt das sentimentale Herz zu schlagen.

Ist Trump ein Chamäleon? Der Schein trügt. Er ist ein eisenharter Charakter – der Unberechenbarkeit. Darin ist er berechenbar. Er folgt keinen rationalen Maximen seines Ichs oder Über-Ichs, zwei Instanzen, die er geschleift hat. Im Grunde ist er antimodern, er erfindet sich nicht täglich neu. Sein närrischer und welterschreckender Genius bleibt sich treu. Er folgt auf Teufel komm raus den Impulsen seiner Befindlichkeit, die sind, wie sie sind. Die Dämpfe aus dem Untergrund, die Signale seines Unbewussten: das bringt er ans Licht – ohne Prüfung durch ein Ich, ohne Kontrolle durch ein Über-Ich. Ein apartes Gewissen kennt er nicht. Mag er sich auch in gewissen Stunden als Sünder bekennen – um seiner Klientel das Geschenk zu bereiten, ein gewöhnlicher Sterblicher regiere sie, kein tugendhafter Übermensch – so darf er sich dennoch erlöst und neugeboren fühlen. Es sind nicht die Werke, die gerecht machen. Er ist Herakles, der die Ställe der Heiden ausmistet, die sich moralisch geben und doch im Sumpf waten.

Der bislang monolithische Westen beginnt sich in den Urtiefen zu spalten. Amerika reagiert immer allergischer gegen seine demokratische Vorbildrolle und regrediert in seinen puritanischen Erwählungswahn. Manche europäische Staaten empfanden dies als Ermutigung, ihre allzu überforderte Rolle demokratischen Wohlverhaltens abzustoßen und ebenfalls wieder fromm zu werden. Doch jetzt, im Falle des iranisch-israelischen Konflikts, könnten sie dem vorbildlichen Sünder die Gefolgschaft verweigern.

In Deutschland spaltet sich auch die Medienlandschaft. Während die Bevölkerung Trumps iranfeindliche Strategie überwiegend ablehnt, schlägt die Springerpresse sich immer mehr auf die Seite des vermeintlichen Israelfreundes. BILD rehabilitiert Trump und ernennt ihn zum Zuchtmeister Deutschlands. Julian Reichelt preist ihn als besten Freund Israels, dessen politischen Kurs er für unfehlbar hält. Was für Katholiken der Vatikan, ist für BILD Jerusalem.

Die BILD-Redaktion hat längere Zeit benötigt, um den gefährlichen Slalom zwischen deutscher Volks-Stimme und israelischer Ergebenheit auszutarieren. Was, wenn BILD die deutsche Industrie angreift, die von ihrem Kurs nicht lassen will, im Iran auch weiterhin Profit zu machen? Werden die Leser diesem neuen Kurs folgen? Was, wenn BILD Bibi&Donald weiterhin vergöttert, auch wenn die deutsche Mehrheit deren Kurs ablehnt? Was, wenn BILD Merkel – die treue Freundin Israels – wegen israelfeindlicher Umtriebe angreift? Die beste Freundin des heiligen Landes: eine unzuverlässige Heuchlerin, die vor der ganzen Welt entlarvt werden muss? Ein schwieriger Spagat steht an:

„Für Deutschland, so hat Kanzlerin Merkel es erklärt, ist Israels Sicherheit Staatsräson. Wer aber das iranische Regime mit Geld versorgt, bezahlt am Ende für die Raketen, die auf Israel abgefeuert werden. Davor sollten sich deutsche Unternehmen tunlichst hüten.“ (BILD.de)

Reichelt stellt Israel als bloßes Opfer dar. Der Name Trump fällt nur einmal. Sein Kurs wird blind gelobt. Der Iran wird als satanisches Gebilde vorgestellt. Merkel wird nur beiläufig erwähnt. Für Reichelt ist a priori klar: wenn Amerika & Israel, die beiden Staaten der ganzen Welt in Opposition gegenüberstehen, müssen sie Recht haben. Denn es gilt das biblische Gesetz: die Auserwählten haben immer Recht, wenn die Welt gegen sie ist.

„Wer will die Auserwählten anklagen? Gott ist es ja, der sie gerechtspricht.“

Auch die WELT, das liberalere Gesicht der Springerpresse, springt BILD bei, schmäht ganz Europa und preist die heilige Koalition Amerika & Israel:

„Man muss es klar sagen: Europas Nahost-Politik ist erbärmlich und einer potenziellen Macht wie der Europäischen Union nicht würdig. Nichts fällt den Europäern zu dem stetig bedrohlicher werdenden Krisenherd Nahost ein. Ohne eine einzige realpolitische Idee nehmen die Europäer den Mund mit humanistischen Donquichotterien voll und merken gar nicht, dass sie wieder einmal nur dem braven Sancho Pansa gleichen, der von Ferne die Krisen und Konflikte bewertet. Überhaupt hat allein Israel – anders als die USA und die EU – eine klare Iran-Politik: Es will die militärische Ausdehnung Teherans bis ans Mittelmeer verhindern. Es tut dies aus Eigeninteressen. Hätte Europa ein Gespür für die Gefahren und die Lage vor Ort, würde ihm dämmern, dass Israel damit auch europäischen Interessen dient. Dazu braucht man aber Weitsicht, die in Europa fehlt.“ (WELT.de)

Europa fasele Moralisches, um seine militärische Wurmhaftigkeit zu kompensieren. In dasselbe Horn bläst Michael Wolffsohn, der den Deutschen Feigheit, Michelhaftigkeit und mangelhaftes Christentum vorwirft. Von Nächstenliebe könne bei ihnen keine Rede sein, denn sie liebten sich nicht mal selbst. Liebten sie sich selbst, würden sie zum Vorschlaghammer greifen, israelische Interessen als ihre eigenen erkennen und den Ajatollas mit Raketen Respekt einjagen. Wer Wind sät, wird Sturm ernten, hatte Verteidigungsminister Avigdor Liebermann den Persern gedroht. Das wäre ein barbarischer Rückfall hinter die Rache der Gleichheit: Auge um Auge.

„Angesichts der vielen Gefahren rollen wir uns wie Igel ein – oder wir stecken den Kopf in den Sand. Die üblichen moralinischen Wortwasserfälle deutscher Politik, Medien und Stammtische sind als Schutz so wirksam wie Igelstacheln angesichts heranfahrender Autos. Wer auf Wortkaskaden verzichtet, steckt, wie der Vogel Strauß, den Kopf in den Sand. Folglich ist das neue, weiche Ich des deutschen Michels eine Mischung aus Igel und Strauß. Das ist die neue deutsche Krankheit. Wenn überhaupt, kann die deutsche Krankheit nicht kurzfristig geheilt werden. Wir schaffen es – nicht.“ (WELT.de)

In schärfstem Gegensatz zu diesen bellizistischen Aufrufen stehen die Äußerungen von Shimon Stein und Moshe Zimmermann in der ZEIT. Sie fordern die Deutschen und Europäer auf, Israel im Namen „europäischer Werte“ zu kritisieren. Und sich gegen den wachsenden Einfluss des religiösen Fundamentalismus zu wehren.

„Außerdem muss die deutsche Verantwortung gegenüber Israel noch ein anderes Ziel haben: Die israelische Regierung sollte motiviert werden, den liberalen Charakter der Demokratie aufrechtzuerhalten, statt in die Fußstapfen osteuropäischer Länder wie Ungarn oder Polen zu treten. Zu den Schlüssen aus der Geschichte gehört es eben nicht, der israelischen Politik notwendig zuzustimmen, sondern Rückenwind zu erzeugen für die "europäischen Werte" in der israelischen Gesellschaft wie Liberalismus und Toleranz. Die eigentliche Frage, die eigentliche Verantwortung, betrifft die Existenz der Demokratie in Israel. Sie muss gegen Fundamentalismus jeder Art verteidigt werden, auch gegen innerisrealischen.(ZEIT.de)

Allmählich wird klar, warum die Deutschen Moral hassen. Moralfreiheit erhöht die Bereitschaft zur Militarisierung der Weltpolitik. Sie dürfen ihr schlechtes Gewissen ausschalten, wenn sie Israel und Amerika ökumenisch (im obigen Sinn) im Regen stehen lassen und den beiden Staaten nicht zutrauen, den Logos der Philanthropie zu verwirklichen.

Marc Aurel, Stoiker auf dem römischen Kaiserthron, hatte nicht gefordert: Liebe deinen Nächsten, sondern: liebe das Menschengeschlecht. Poseidonios, stoischer Philosoph des Hellenismus, leitete aus dem Gedanken des Weltbürgertums und der Menscheneinheit die Aufgabe der Universalgeschichte ab. Kein Volk kann getrennt von andern Völkern leben, wenn es sich selbst nicht schaden will.

Die Moderne hat diese Vision dramatisch bestätigt. Die Geschichte eines Volkes wird zur Gesamtgeschichte aller Völker. „Mit einheitlicher Rechenschaft und einem gemeinsamen Tribunal.“ (Alle Zitate nach Rüstow)

Niemand wird seine regionale Heimat verteidigen können, der nicht die Welt als seine Heimat verteidigt.

 

Fortsetzung folgt.