Umwälzung L

Tagesmail - Freitag, den 20. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung L,

„wenn du uns blöd kommst, kriegst du auf die Fresse.“

Der Trump-Express nimmt Fahrt auf. Nicht nur Null-Toleranz-Giuliani schließt sich Trumps rasend wechselndem, sich jeden Tag neu erfindenden, winning team an. Er soll bereits beliebter sein als sein Vorgänger, behauptet wenigstens ein Institut. Sollte er seinen geistesverwandten nordkoreanischen Coworker demnächst bezähmen, wird er Mühe haben, den Friedensnobelpreis abzulehnen – mit der Begründung, externe Moralbelobigungen seien unter seiner Würde. Was Bob Dylan kann, könne er schon lange. Ohnehin lasse er sich nur von Amerikanern huldigen. Auch was Ehrungen betrifft, halte er es mit seinem Motto: Amerika zuerst – dann lang lang nichts.

Auch die Deutschen werden allmählich ihrer gottesfürchtigen Gouvernante – die ihren Dreck-am-Stecken durch Nullsprache und Demuts-Gesicht zu verbergen weiß – überdrüssig und schauen sich bereits um nach beleidigungsfähigen, rauflustigen He-Männern wie Jens Spahn. Nein, der kinderlieder-singenden Ex-Ministrantin Andrea Nahles trauen sie die Umsetzung ihrer Gossensprüche („ab morgen gibt’s in die Fresse“) nicht zu. Sie schwitzt zu sehr beim Randalieren.

Die beginnende Epoche der Weltgeschichte wird nicht nach Google und Facebook benannt, sondern nach – Donald Trump mit den wehenden Goldhaaren. Dann wird wahr, was der junge Donald schon immer erträumte:

„Der Junge stand auf einmal da in aller Herrlichkeit, und die Goldflocken fielen ihm um das Haupt, und er glänzte wie die Sonne. Da erkannte der König gleich seinen Retter, fiel vor ihm nieder und sprach: »Verzeihung!« Der Junge hob ihn auf, und nun ...

... wurde die jüngste Königstochter mit Jubel aus dem dunkeln Turme in den Festsaal gebracht, und das Siegesfest wurde auch zum Hochzeitsfest, und es war große Freude.“ (HEKAYA.de)

Nach vielen Epochen diplomatischer Verschlagenheit und machiavellistischer Courtoisie betreten wir das Zeitalter der schlechthinnigen Ehrlichkeit.

Drei psychische Instanzen sind zwei zu viel. Das Ich muss Es und Über-Ich zur überfälligen Synthese bringen. Triebregungen des Es müssen hoffähig, moralische Sprüche des Über-Ich überflüssig werden. Die authentische Ehrlichkeit wird euch frei machen. Wer aus seinem Herzen keine Mördergrube machen muss, hat bessere Chancen, kein Mörder zu werden. Ist es Gott Donald – pardon Gold-Donald – nicht gelungen, mit wenigen ehrlichen Raketen den syrischen Knoten zu durchschlagen und alle Beteiligten und Unbeteiligten an den Verhandlungstisch zu bringen?

Er ist, wie er ist. Wenigstens unterhaltsam, amüsant und angreifbar. Jeden Tag ein neuer aufregender Pornostar. Da kommt die biedere Monika Lewinsky nicht mit. Er spielt nicht den Anstandswauwau und ist hinterfotzig, lüstern und geldgeil wie wir alle – bloß eben erfolgreicher. Wir müssen uns nicht länger verachten, wenn wir seine täglichen Schweinigeleien lesen. Der Himmel sandte seinen Sohn und er wurde wie unsereiner. In Ihm erkennen wir uns. Er nimmt auf sich all unsere Laster und entlastet uns von unseren Verfehlungen und Sünden, indem er sich gibt, wie wir sind. Kann er Präsident werden, können wir es alle.

Und der deutsche Historiker Wolffsohn ist sein Prophet. Wie er sich wortreich von Trumps Verworfenheit distanziert und seine überragende Strategie rühmt, die sich dieser Verworfenheit nur bediene, das ist Rühmen eines Heilsbringers e contrario.

Sind wir gegenüber Trumps USA selbstgerechte Heuchler? Mit „wir“ meine ich die alte und neue Bundesregierung ebenso wie die Mehrheit der EU-Staaten und ihre Bürger. Letztlich uns. Vergessen hatten (wollten?) seine Kritiker, dass Trump unmittelbar nach seinem Amtsantritt verkündete, er sei bereit, mit Nordkoreas Kim Jong-un direkt über die Atomfrage zu verhandeln. Auf Trumps Gesprächsangebot reagierte Nordkoreas Diktator mit Atom- und Raketentests. Dann zog Trump verbal den Colt. Das war riskant, in der Wortwahl primitiv und manchmal kindisch, aber offenbar wirksam. Es war Trumps Zündeln, das nun Nordkoreas neuen Schmusekurs ermöglichte.“ (BILD.de)

Vor allem gegenüber dem Iran verhielten sich die Weststaaten blauäugig. Nur Trump würde die iranische Gefahr richtig einschätzen – eine Sicht der Dinge, die mit der Netanjahus nahtlos übereinstimmt. Bei „Hart aber Fair“ lobte der Bundeswehrhistoriker den Vielgescholtenen für seine Verdienste gegen Assad:

„In Syrien habe Trump gezeigt, dass mit einem “minimalen militärischen Einsatz mit niedrigem Risiko” plötzlich der Westen mitmischen könne. “He does deliver, er liefert”, resümierte Wolffsohn.“ (Huffingtonpost.de)

Wenn Hintergrundberichte stimmen, befahl Trump den Raketenangriff, weil er nach seinen militanten Tweets gegen Russland nicht als Maulheld da stehen wollte. Das wäre das Gegenteil einer genialen Strategie.

Wolffsohn hätte bewundernd Shakespeare zitieren können: „Ist es Wahnsinn, so hat es doch Methode.“ Jedes geistige Irresein hat seine verborgene Logik, doch diese Logik meint Trumps heimlicher Bewunderer nicht. Er denkt an Höheres:

„Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, sondern so hoch der Himmel über der Erde ist, soviel sind meine Gedanken höher als eure Gedanken.“

„Ich wirke das Heil und schaffe das Unheil, ich bins, der Herr, der dies alles wirkt.“

„Wie unerforschlich sind seine Entscheidungen und unausdenkbar seine Wege. Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen?“

Trump gehört in eine andere, höhere Kategorie. Normale Vernünftler sind überfordert beim Verstehen des Übervernünftigen und Antivernünftigen. Gott bedient sich der Täuschung. Unter der Maske des Gegenteils will er von seinen Gläubigen erkannt und durchschaut werden. Wie Gott sich des Mephisto bedient, bedient Trump sich des double bind: er tut das Gegenteil dessen, was er für richtig hält. Er gibt sich als Narr und Spieler, um seine verdeckten seriösen Zwecke nicht zu gefährden.

Eindimensionaler heidnischer Verstand ist unfähig, Gottes Ziele und Mittel zu durchschauen. Eben das ist für Wolffsohn der Unterschied zwischen dem säkularen Europa und dem bibelfesten Amerika. Die flach denkenden Europäer schwatzen und moralisieren nur, doch sie bringen nichts. Trump umgekehrt: er gibt den Clown – aber liefert. Das „Teuflische“ an Trump ist seine List, Gottes Wege gegen alle überhebliche Vernunft der Menschen uneinsichtig zu machen. Gottes Wege sind unerforschlich. Hegel nennt die befremdlichen Methoden Gottes „List der Vernunft“:

„Die Vernunft ist ebenso listig als mächtig. Man kann in diesem Sinne sagen, dass die göttliche Vorsehung, der Welt und ihrem Prozess gegenüber, sich als die absolute List verhält. Gott lässt die Menschen mit ihren besonderen Leidenschaften und Interessen gewähren, und was dadurch zustande kommt, das ist die Vollführung seiner Absichten, welche ein anderes sind als dasjenige, um was es denjenigen, deren er sich dabei bedient, zunächst zu tun war.“ (Enzyklopädie I)

Dass die irdischen Dinge vom Menschen nicht durchschaut und verstanden werden, ist eine Hauptthese der Gegenaufklärung – wozu auch der Neoliberalismus gehört.

BILD-Reichelts Beerdigung des Verstehens gehört zum Kern der Gegenaufklärung. Am schlimmsten seien die Versteher der Feinde, der Verbrecher und sonstiger Ausgeburten des Teuflischen. Je mehr sich der Machtkern der Gesellschaft zum Inbegriff des Guten stilisiert, je satanischer und unverständlicher werden die Taten Putins, Erdogans, der Palästinenser und sonstiger Inkorporationen des Bösen.

Den Markt mit seiner „Überkomplexität“ zu verstehen – so Hayek – sei dem menschlichen Verstand unmöglich. Faites vos jeux: er könne seinen Einsatz nur blind auf eine willkürlich gewählte Zahl setzen und dem göttlichen Zufall vertrauen.

Die Eliten haben dem Pöbel die Irrationalität ihrer Finanzzockereien als Überkomplexität verkauft. Sie selbst haben nicht die geringste Einsicht in den Gesamtzusammenhang ihrer Machenschaften. Wär‘s anders, würden sie die regelmäßigen Zusammenbrüche der Weltkonjunktur voraussehen und vermeiden. Oder behaupten sie, sie hätten die Krisen vorausgesehen und dennoch nicht verhindert? Dann wären sie die abgefeimtesten Betrüger, die gewollt einen Kollaps herbeiführen – um sich durch die Not der Völker um ein Überdimensionales zu bereichern.

Die magische Erhöhung des Trump‘schen Irrsinns zur höheren, für die Vernunft nicht erkennbaren Weisheit ist ein weiterer Schritt der amerikanischen Demokratie zur ecclesia militans.

Doch der Satz: „wenn du uns blöd kommst, kriegst du auf die Fresse“, stammt nicht vom amerikanischen Präsidenten, sondern von einem – deutschen Werbefachmann. Mit anderen Worten: Trumps Methoden infizieren bereits die kapitalistische Abrichtung der Menschen zu Werbe-Marionetten. Weg mit dem bisherigen Lug und Trug vom Besserwerden des Konsumenten durch unehrlich angepriesene Produkte.

Es geht um die „Ehrlichkeit“ der Werbung, die allzulange den Menschen ein moralisches und glücklich-machendes Produkt vorgegaukelt habe.

„Die Idee war, ein eigentlich sehr langweiliges Produkt ehrlich zu bewerben. „Wir verzichten auf Versprechen wie: „Davon kannst du fliegen und hast einen super Stuhlgang. Es ist doch nur verdammtes Obst“, sagt Lecloux. Das solle jeder trinken, dem es schmeckt. Nicht, weil es besonders gesund ist.“ (FAZ.NET)

Wir müssen Trump auf Knien danken, dass der Westen ehrlicher wird. Doch Ehrlichkeit wird auch gefährlicher. Die Schutzschichten der Höflichkeit fallen weg. Wer dem anderen die Fresse polieren will, wird früher oder später Taten folgen lassen müssen. Sonst ist er erledigt. Unter der Maske des Kritikers preist Wolffsohn die höhere Logik des amerikanischen Präsidenten, der von tumben europäischen Vernünftlern nicht verstanden werden kann.

Das „Böse“ ist auch Kern des Antisemitismus, der sich gegenwärtig als neue Ehrlichkeit deklariert und hinter der Maske der Kunstfreiheit verbirgt. „Mache wieder mal den Holocaust“: eine derartige Brüskierung der Opfer des Völkerbrechens und all jener, die eine Wiederholung des Geschichte verhindern wollen, hat es – in der Mitte der deutschen Gesellschaft – noch nicht gegeben. Sind die Rapper musikantische Trumpisten, die das Gegenteil von dem wollen, was sie als fast unglaubliche Kampfansagen an eine „bigotte Gesellschaft“ behaupten?

Wäre es so, hätten sie dies im Aufruhr, den sie entfachten, erklären müssen. Doch es gab weder eine Erklärung der Musiker, noch eine öffentliche Debatte. Kein Sender lud die Beteiligten zum Streitgespräch auf den virtuellen Marktplatz. Keine Talkshow wollte sich die Finger verbrennen. Wie üblich in dieser ehrenwerten Gesellschaft wurde die Frage der Moral sogenannten Experten – oder einem Ethikrat – übergeben. Die Experten entschieden, der Fall war erledigt. Überall ein Ausschuss, eine Kommission – und die Gesellschaft ist wieder einmal um ihre Meinung betrogen worden.

Der SPRINGER-Verlag lieferte sich einen scheinliberalen Geschwisterkampf zwischen BILD und WELT. BILD schäumte gegen die Echo-Preisträger, die WELT hielt die Auszeichnung für die beste und demokratischste. Schließlich hätten objektive Plattenverkäufe entschieden und nicht subjektive Beliebigkeiten.

Bemerkenswert, dass quantitativer Erfolg zum unfehlbaren Kriterium künstlerischer Qualitäten wird. Dann könnte man das gesamte Feuilleton mit seinem kapriziösen Sachverstand getrost nach Hause schicken.

Nachdem auch ein hier lebender Israeli mit Kippa auf offener Straße geschlagen wurde, musste selbst Merkel ihre Stummheit unterbrechen. Mit tonloser Stimme forderte sie entschiedene Härte und Entschlossenheit.

An Trostlosigkeit sind solche martialischen Forderungen nicht mehr zu übertreffen. „In dieser Gesellschaft sei kein Platz für Antisemitismus“. „Jede Tat müsse sofort gemeldet werden“. Die Verantwortlichen zeigen bedingungslose Unnachsichtigkeit – doch ihre rabiaten Hohlformeln sind Bankrotterklärungen. Sofern gegen Gesetze verstoßen wird, müsste ohnehin die exekutive Gewalt eingreifen und ihre Pflicht tun. Doch das wäre nur das Letztmögliche und Äußerliche, was der Staat zu tun hat.

Der polizeiliche Kampf gegen Symptome ist kein Kampf gegen geistige Ursachen. Von politischen und religiösen Ursachen aber spricht niemand. Gegen diese könnte man nur angehen, wenn man sie – verstünde. Verstehen aber ist die gegenwärtige Sünde wider den Geist.

Verstehen verboten, Draufschlagen und den harten Staat mimen, das ist das Nonplusultra rechnender, also geistloser Politklassen. Der gegenwärtige Antisemitismus ist ein hochgradig vergiftetes Mixtum Compositum. Er besteht aus a) unbekannt starken religiösen Wurzeln und b) unbekannt starken Rebellions-Anteilen gegen politische Doppelmoral, die die Verdächtigen vor allem im Umkreis der deutsch-israelischen Freundschaft zu spüren und wahrzunehmen glauben.

Christlicher Judenhass könnte nur eruiert werden, wenn die Jugendlichen in der Schule über die jahrtausendealte Geschichte dieser Pogromgeschichte und ihrer Verankerung im Neuen Testament aufgeklärt würden. Das ist in einer Gesellschaft, die sich inzwischen zur christlichen Alleinherrschaft entwickelt – nur das Kreuz gehört in das Abendland –, ausgeschlossen.

Nicht nur Muslime, auch Atheisten und sonstige Andersgläubige werden zunehmend aus dem Kreis des „abendländischen Wertekanons“ (Döpfner) ausgesondert. Der Hass der Muslime gegen Israel wird automatisch zum Antisemitismus hochgerechnet. Die versteinerte Heuchelei Deutschlands gegen Israel darf nicht mit der leisesten Kritik erwähnt werden. Alle Maßstäbe, die in der Beurteilung inhumaner Verhältnisse in der ganzen Welt gelten, werden im Falle Israels aus „Loyalitätsgründen“ ausgeblendet.

Niemand in Israel glaubt an diese bedingungslose Loyalität. Im Ernstfall würden die Deutschen ihre besten Freunde im Stich lassen. Der Ernstfall ist nicht nur militärisch, er herrscht auch permanent in Friedenszeiten: unter Freunden müsste man sich die Wahrheit sagen können.

Man vergleiche die Verharmlosung Döpfners, was die „Fehler“ Jerusalems betrifft, mit Aussagen über den wirklichen Zustand im Gaza-Streifen:

„Israel ist eine Demokratie und ein Rechtsstaat und als solcher allein auf weiter Flur in der explosiven Region des Nahen Ostens. Die Regierung Israels mag man aus sehr guten Gründen kritisieren, manche Manöver der israelischen Armee mögen aus dem Ruder laufen, die Siedlungspolitik Israels mag man für ungeschickt oder für übergriffig halten – am Ende ist das Land tief im westlichen Wertekanon verwurzelt, die Demokratie ist mindestens so intakt wie unsere, und der Rechtsstaat gilt in vorbildlichster Weise, indem er selbst die obersten Autoritäten nicht schont.“ (WELT.de)

Eine Demokratie muss per definitionem unschuldig sein. Man mag kritisieren, man mag, man mag. Doch besser, man täte es nicht. Wie sieht es tatsächlich in Gaza aus?

„Im Gazastreifen funktioniert nicht viel. Sechs von zehn jungen Menschen haben keine Arbeit, Strom gibt es im Schnitt nur vier Stunden am Tag, und das meiste Abwasser fließt ungeklärt ins Meer oder in den Boden. Das Trinkwasser ist so verschmutzt, dass es nicht mehr getrunken werden sollte, und die Strände sind so dreckig, dass es krankmachen kann, dort zu baden. Seit Jahren riegeln Israel und Ägypten die Zugänge nach Gaza weitgehend ab.“ (SPIEGEL.de)

Man vergleiche Döpfners schändliche Verharmlosung, die er als Liebe zu Israel auszugeben wagt – als ob die Israelis unfähig wären, Kritik anzunehmen – mit der „Selbstkritik“ eines Tom Segev im SPIEGEL:

„Eine Mehrheit von Israelis und Palästinensern glaubt nicht mehr an die Zweistaatenlösung, sie glaubt auch nicht an Frieden. Genau wie Ben-Gurion vor fast hundert Jahren. Aber niemand weiß, was kommt, niemand hat eine Alternative. Ich auch nicht. Aber ich weiß, dass es heute zu spät ist, über einen Abzug der Siedler zu sprechen. Das ist vorbei. Ich bin leider ziemlich pessimistisch. Ich sehe nicht, wo dieser Staat hingeht – und ich sehe es auch deshalb nicht, weil ich mich fürchte, es zu sehen. Wir haben uns in den vergangenen Jahren in eine sehr schlechte Richtung entwickelt, nicht wirtschaftlich und technologisch, das ist alles schön und erfreulich. Aber politisch ist es möglich, dass wir uns jetzt wieder in den israelischen Dreißiger- und Vierzigerjahren befinden. Die Siedlungspolitik erinnert mich daran. Vielleicht steht ein neuer Unabhängigkeitskrieg bevor, vielleicht eine neue Nakba, eine weitere Vertreibung der Palästinenser³ vielleicht waren die ersten 70 Jahre unseres Staates nur das erste Kapitel. Und das zweite Kapitel kommt erst noch.“ (SPIEGEL.de)

Man solle sich nicht ständig um Israel sorgen, war in BILD zu lesen. Die weitreichenden Ängste und Befürchtungen, die die Israelis selbst umtreiben, werden von deutschen Philosemiten schlechtweg negiert. Kann man bessere Freunde haben?

Döpfner attackiert die deutsche Regierung, man höre von ihr nur „staatstragendes Dröhnen“. Andere Töne sind auch von ihm nicht zu vernehmen. Von Ursachenanalysen und Verstehensversuchen gar nicht zu reden. Das deutsche Dröhnen wird immer substanzloser und mutistischer. Je weniger man versteht, je schneller greift man zum Knüppel.

Können sich die Rapper mit ihren unfassbaren Attacken auf Kunstfreiheit berufen?

Die Freiheit der Kunst gilt seit dem Geniekult der Romantiker als Sonderrecht der über Recht, Gesetz und Moral stehenden Kreativen, die in einer gottähnlichen Region oberhalb aller Sterblichen wandeln. Künstler fühlen sich in ihrer Kunst besonders bestätigt, wenn sie vom Pöbel abgelehnt werden. Eine trump-ähnliche Zustimmung e contrario. Trump allerdings ist es gelungen, die Mehrheit der Wähler auf seine Seite zu bringen – sonst wäre er ja nicht gewählt worden. Diese Wendung in die politische Anbetung der List der Vernunft steht uns noch bevor.

Kunst hat die Pflicht, alles wahrzunehmen und ästhetisch wiederzugeben, gleichgültig, ob es vom kollektiven Über-Ich genehmigt wird oder nicht. Sie will die Wahrnehmungsblockierungen der Bourgeoisie aufbrechen und ihr schonungslos zurückspiegeln, was sie zu sehen glaubt. Zum Zweck des humanen Fortschritts der Gesellschaft, die sich nur durch schonungslose Selbsterkenntnis weiter entwickeln kann.

In dieser Hinsicht hat Kunst dieselbe Aufgabe wie die psychoanalytische Therapie. Kunst wäre das Äquivalent der Traumarbeit oder der zensur-überwindenden Assoziationen auf der Couch. Kein Therapeut würde die Todeswünsche seiner Patienten der Polizei melden, weil er konkrete Mordpläne fürchten würde.

Kunstfreiheit wäre eine Art kollektiver Selbsterforschung der Gesellschaft, um verdrängte Triebregungen und unverdaute Erlebnisse ans Licht zu bringen. Je unzensierter das Es der Gesellschaft, umso freier und unabhängiger von rigiden Über-Ich-Sanktionen wäre die Gesellschaft. Moral wäre keine strafende Intervention rachgieriger Autoritäten, sondern emotionales Bedürfnis im Zusammenleben der Menschen.

Der Einwand. In der Therapie gibt es einen klar definierten Deutungsrahmen, um die Erforschung des Unbewussten in Erkenntnisse umzuwandeln. Diesen Rahmen gibt es in der Gesellschaft nicht. Künstler fühlen sich nicht als stellvertretende Patienten, die gedeutet werden wollen. Schon gar nicht von einer Gesellschaft, die an Genialität weit unter ihnen steht. Ja, sie lehnen es ab, als Wegbereiter einer moralischen Selbstbesinnung zu funktionieren. Sie funktionieren nur als Darsteller ihrer eigenen Obsessionen und Gesichte. Urteile des Volkes lehnen sie kategorisch ab – auch wenn sie ihre Kreationen in die Mitte der Städte platzieren.

Diese Ausweglosigkeit wäre nur zu überwinden, wenn die Vergöttlichung der Kunst dekonstruiert und geerdet werden würde. Wenn Gesellschaft und Kunst einen Grundsatzdialog beginnen würden.

Momentan dient Kunst den Eliten als Bestätigung ihrer Ausnahmestellung – obgleich sie ihre Theater- und Museenbesuche als erkenntnislose Gottesdienste zelebrieren. Kunst hat nicht mehr die Kraft, schonungslos die Hässlichkeit der Gesellschaft zu zeigen, um visionär die Schönheit eines einträchtigen Lebens mit Mensch und Natur zu entwerfen.

Sind die beiden Rapper Antisemiten? Oder sind sie trumpistische Provokateure, die ins Herz der Gesellschaft zielen, um ihren Protest gegen nationale und internationale Heuchelei in die Welt zu schreien?

Solange das öffentliche Streitgespräch mit den Künstlern, das Gespräch über Kunst, Moral und Politik nicht begonnen hat – ist diese Frage nicht zu beantworten. Weder autoritäres Zuschlagen, noch Ignorieren oder feiges Ausweichen vor den Problemen wird die Gesellschaft vorwärts bringen. Im Gegenteil: es wird immer gefährlicher, wenn wir unsere Unfähigkeit, mit dem eigenen Kopf zu urteilen, nicht wahrhaben wollen.

 

Fortsetzung folgt.