Umwälzung XLIX

Tagesmail - Mittwoch, den 18. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLIX,

„Wir sollten nicht in Staaten und Bevölkerungen getrennt leben, die je ihr besonderes Recht haben, sondern glauben, dass alle Menschen unsere Volksgenossen und Mitbürger seien; es sollte nur eine Lebensform und eine Staatsordnung geben, gleichwie eine zusammenweidende Herde nach gemeinsamem Gesetz aufgezogen wird.“ (Stoiker Zenon)

Der Gott, der diesen Staat zusammenhält, in dem man vergeblich nach Tempel und Götteraltären sucht, ist die Liebe (Eros). Liebe erzieht die Menschen zur Rechtschaffenheit. Geld und Gerichtshöfe werden überflüssig. Der Krieg ist überwunden, die Epoche des ewigen Friedens bricht an. Wie Kyniker Diogenes – der in der Tonne – war auch Zenon von der Nutzlosigkeit der Waffen überzeugt.

Zenons Schüler Chrysipp fordert mit großer Schärfe den EINEN natürlichen Menschheitsstaat, den er den vielen voneinander getrennten und einander bekriegenden Einzelstaaten entgegensetzt. Sie verdanken ihr Entstehen der Unverträglichkeit und dem gegenseitigen Misstrauen der Menschen, der Hab- und Machtgier, die sich den Gesetzen der Natur widersetzt. Der Zersplitterung der Menschheit in Einzelstaaten mit unterschiedlichen Verfassungen und Sitten steht das eine allumfassende Naturgesetz gegenüber, das selbst in der Tierwelt als Liebe zum Nachwuchs in Erscheinung tritt. Die Menschen fordert es zur Liebe zur Menschheit auf – über alle Schranken und Rassen hinweg, „sodass der Mensch dem Menschen, allein, dadurch, dass er Mensch ist, nicht fremd erscheint.“ So führt die Natur die Menschheit zu einer einheitlichen Gemeinschaft, in der gegenseitige Liebe herrscht. Hier gibt es keinen Raum für Sklaverei und Krieg.

Die Liebe der Griechen zum Frieden beginnt nicht erst nach dem Ende der Polis im hellenistischen Weltreich Alexanders des Großen. Schon in den „mythischen“ Anfängen setzt der Bauerndichter Hesiod dem adligen Kriegsethos Homers die ...

... Friedensliebe des Volkes entgegen. (Eine Bestätigung der Überlagerungstheorie Rüstows, wonach militante Eroberer eine friedliche Urbevölkerung domestizieren.)

Bei Hesiod soll das Zusammenleben der Menschen vom Recht und nicht von Gewalt bestimmt werden. Es gibt zweierlei Arten von Wettkampf (Eris) bei Hesiod: den friedlichen Wettstreit, der den Einzelnen anspornt, sein Bestes zu geben, und den militanten Streit, „der den bösen Krieg und Kampf verschuldet, den schrecklichen, den niemand liebt.“ Eirene, Göttin des Friedens, wird für Hesiod zum leuchtenden Vorbild.

Diesen Unterschied hat die Moderne bis heute nicht verstanden. Die Demokratie in Athen konnte nur deshalb entstehen, weil im „Wettkampf Homers mit Hesiod“ Hesiod den Preis erhielt, der „zum Ackerbau und Frieden aufruft“ und nicht Homer, der „Kriege und Schlachten erzählt“.

Nach mehr als 3000 Jahren verwirft die Gegenwart den hesiodischen Friedensgeist und fällt zurück in homerische Schlachtphantasien. Sollte Hesiods irenischer Geist die Voraussetzung der Demokratie sein, – er ist es –, wird durch die jetzige Regression ins Abgrenzende und Feindselige die Demokratie aufs Spiel gesetzt.

Alle Zitaten entstammen der Schrift von Wilhelm Nestle „Der Friedensgedanke in der antiken Welt“, die er noch im Jahre 1938 dem nationalsozialistischen Irrsinn entgegensetzte. Ab der Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg herrschte der deutsche Wahn, „dass nach moderner Anschauung der Friede, nach antiker der Krieg das normale Verhältnis der Völker zueinander ist“ (Neumann). Heute wird diese Mär überboten von der Fama eines Christentums, das Liebe, Toleranz und Menschenrechte erfunden haben will. Ein echter Fortschritt – ins Groteske.

Die Graecomanie der Deutschen war eine Flucht vor der eigenen Tristesse in das Sinnenglück und die Schönheit der adligen Griechen. Der demokratische Geist der Aufklärungsphilosophie blieb den neugermanischen Schönen und Edlen verschlossen. Als sie ihre nationale Macht erkämpft hatten, verrottete die Liebe zu den „Alten“ zur anämischen Bildung, mit der man prunkte, um seine nationale Überlegenheit zu demonstrieren. Fast alle Gelehrten und Intellektuellen wurden zu Kriegstreibern Kaiser Willems.

Der Streit zwischen den „Alten und Modernen“ war entschieden. Die Neuzeit hatte sich entschlossen, das Griechentum zu versenken und einen christlichen Erlöser anzubeten: die CDU konnte gegründet werden auf dem Fundament abendländischer Werte – die sich nicht genug tun können beim Überbietungswettbewerb, wer die Vernunftkultur der Alten am besten verscharren kann.

Christliche Tradition ist für CSU-Schnösel Dobrindt eine Berechtigung, die Trennung von Kirche und Staat, die Gleichheit aller Religionen, zu torpedieren. Die effektivste Destruktion der Verfassung wird aus der Mitte der Regierung betrieben.

Ewiger Friede, Eintracht des Menschen mit Mensch und Natur: da werden sie hysterisch, die Anbeter des ewigen Friedens im Jenseits und ihrer unsterblich machenden Intelligenzmaschinen. Alles ist gut, wenn es nicht vom Menschen kommt. Ergo mussten sie Götter und Maschinen erfinden, damit sie sich betrügen können: ihre Utopie ist nicht von ihnen – und deshalb muss sie gut sein.

Ein halbes Jahrhundert lang rückte die Welt zum Weltdorf zusammen. Global denken, regional handeln, wurde zur Generaldevise der Wachen und Mündigen. Alles musste im Rahmen der Globalisierung bedacht werden, was politisch ernst genommen werden wollte.

Heute ist das Pendel zurückgeschlagen. Alle gehen in Deckung, ziehen Grenzen, unterscheiden zwischen den „Wir-Guten“ und „Ihr-Bösen“. Es sind ausgerechnet die Postmodernen mit ihrem angeblichen Abscheu vor „Schwarz-Weiß“ und ihrer Vorliebe der Grautöne, die keine Probleme haben, die Welt in Heil und Unheil aufzuspalten. Versteht sich, dass sie nicht unterscheiden können zwischen moralisch-logischem Falsch-Richtig, das durchs Feuer der Debatte muss – und dem unfehlbaren Erwählt-Verworfen, Selig-Unselig. Das ist der Reiz des durch zwei konträre Faktoren geprägten Abendlands: unbewusst rebelliert man gegen die Intoleranz der eigenen Religion, indem man bewusst gegen die Vernunftkategorien des Logos angiftet.

Globalisierung war der Hauptbegriff auf dem Höhepunkt der Öko-Bewegung. Was nicht ökologisch vertretbar war, wurde gnadenlos aussortiert. Ökologie wurde zur Norm aller Kritik am naturzerstörenden Kapitalismus. Im Jahr 1997 schrieb Jörg Lau in einem Merkur-Sonderheft:

„Globalisierung – das ist heute jedermanns allgemeinste Kausalformel für das Unbehagen am Weltzustand.“

Auch Lau gehört zu den Deutschen, die sich Paradiesverbot verordnet haben und mit goldenen Zeitaltern nichts anfangen können. Wissen sie doch: nur übermenschliche Mächte sind in der Lage, die Probleme der Gattung zu lösen. Glauben an übermenschliche Kräfte aber ist Glauben an Wunder. „Es fällt schwer, sich auf die ersehnte Bewegung pro Solidarität zu freuen – angesichts all des Unglücks, das in diesem Jahrhundert von Leuten angerichtet wurde, die aus der Perspektive die Menschheit … retten wollten.“

Die Medien lauern ständig auf Bewegungen, die sie messianisch deklarieren können. Doch wie erleichtert sind sie, wenn sie die Heilande wieder im Wasser versenken können. Sind sie doch selbst vom Zwang befreit, Stellung beziehen zu müssen.

Momentan ist es Macron, den sie in kühler Objektivität beerdigen. Nicht mehr charismatisch und leidenschaftlich wie am Anfang sei er, er stehe mit dem Rücken zur Wand, habe die Rechnung ohne die Deutschen gemacht. Dass Merkel die notwendige Revitalisierung Europas blockiert, wird nur nebenbei erwähnt. Schuld an der Lethargie ist der, der sie beheben will, nicht die Lethargischen, die ihn genüsslich ins Messer laufen lassen. Wer das Bessere will, hat Wunder zu liefern, sonst ist er ein Scharlatan.

Selbst der Marxismus, der so wissenschaftlich daherkommt, ist ohne Wunder undenkbar. Der SPRUNG des Proletariats ins Reich der Freiheit ist nichts als ein übernatürliches, von keinem Verstand erklärbares WUNDER. Er ist „ein mystischer salto mortale, anerkannt als Wunder, das von seinen Gläubigen den Opfer des Intellekts, das „Ich glaube, weil es absurd ist“ fordert. Marx ist, was das Endziel betrifft, viel utopischer als irgendein noch so utopischer Utopist.“ (Rüstow)

C. F. von Weizsäcker beschrieb Weltpolitik als Weltinnenpolitik. Die Welt war zum Dorf zusammengeschrumpft. Weltinnenpolitik ist „Politik auf globaler Ebene, die den gemeinsamen Interessen aller Länder der Erde den Vorrang vor nationalen Belangen einräumt“.

Heute dominieren wieder nationale Egoismen. Macron wird von Berlin ausmanövriert, damit er das kostbare deutsche Geld nicht sinnlos verschwendet und die dolce-far-niente-Völker auf Kosten der tüchtigen Deutschen in den Tag hineinleben. Dass eine exportsüchtige Nation am meisten von jenen profitiert, die ihnen ihre überzähligen Produkte abkaufen – das wird von deutschen Intelligenzlern nicht wahrgenommen. Um ihre Überproduktion abzunehmen, brauchen die Deutschen wirtschaftlich schwächere Nationen – doch wehe, jene sind wirtschaftlich schwächer.

BILD unterstützt den wiederkehrenden Egoismus-Sonderweg der Kanzlerin in ständig gereizter Wut derer, die aufpassen müssen, dass sie von der Welt nicht hinterlistig getäuscht werden. Blome spaltet das universelle Recht des Weltdorfes, indem er den Feinden der Deutschen nur ein minderwertiges Recht zubilligt. Putin muss mit minderen Rechts-Maßstäben behandelt werden als die Christennationen des Westens.

Nun die nächste Blome-Attacke gegen die notwendige Umwandlung sich abgrenzender, misstrauisch beäugender Nationen gegen eine Vertrauen erlernende, niemanden ausschließende Weltinnenpolitik. Blome wettert gegen das Vorhaben der EU, die beiden Balkan-Staaten Albanien und Mazedonien in die EU aufzunehmen:

„Die EU-Kommission will zwei Balkan-Staaten aufnehmen, Albanien und Mazedonien.Das kann nicht wahr sein. Das ist so betriebsblind wie weltvergessen – und mindestens fürchterlich naiv. Schon heute funktioniert die EU nicht richtig. Aber Beitritte sind kein Selbstzweck. Den Schaden hat Europa: Immer mehr Menschen hören auf, an diese wunderbare Idee zu glauben. Weil sie beliebig wird, wahllos überdehnt und im Innersten unfähig, die Probleme der Bürger zu lösen.“ (BILD.de)

Blome selbst gehört zu jenen, die nicht mehr an diese wunderbare Idee glauben. Warum glauben die Europäer nicht mehr an die Verträglichkeit und Friedensfähigkeit der Menschen? Nicht der leiseste Anhauch einer Erklärung. Kein Wort über die Notwendigkeit dieser Idee. Denn ohne Verwandlung feindlich gesonnener Weltaußenpolitik in Weltinnenpolitik gefährdet die Menschheit ihr Überleben.

Politische Kooperationsmoral – und nicht gnadenlose Interessen-Rivalität, die sich um das Wohlergehen der anderen nicht schert – ist zur ultima ratio der gegenwärtigen Weltpolitik geworden. Politische Moral, die den Fremden behandelt wie den Nächsten, ist keine Luxusmoral derer, die gerne träumen, sondern zur bedingungslosen Voraussetzung des Überlebens geworden.

Die Trennung von moralischer Innenpolitik und außenpolitischem Interessens-Machiavellismus ist vorbei. Wie kann man stolz sein auf die technische Vernetzung der Welt, wenn man gleichzeitig die Gräben zwischen den Nationen vertieft? Der Irrsinn von Silicon Valley ist der Glaube, die Welt besser zu machen: allein durch Technik, allein durch Knopfdruck, allein durch tote Maschinen.

Die globale Doppelmoral der Nationen muss beendet werden. Innenpolitisch eine Art Solidarmoral, außenpolitisch ein bedenkenloses Überwältigungsverhalten: diese Zeiten sind vorbei. Eine Menschheit, die nur wirtschaftlich und technisch zusammenwächst, ist eine Phantasmagorie. Der globale Handel ist außerstande, die Menschheit zu einigen.

„Investoren, Spekulanten, Manager und Banker sind dabei, die global village, das neue Haus der Menschheit, mit biblischen Machtkategorien und fern jeder demokratischen Kontrolle durch die Weltbevölkerung zu erbauen. Auf dem Spiel steht die Zukunft der Menschheit, die nicht von habgierigen Köpfen und schäbigen Interessen bestimmt werden kann, welche ihre Ausbeutung mit göttlicher Vorherbestimmung verwechselt.“ (Der in Mexiko lehrende Soziologe Heinz Dietrich)

Wenn die Menschheit ein Weltdorf (100 Einwohner) wäre, sähe sie so aus:

"6 Personen würden 59 % des gesamten Weltreichtums besitzen und alle 6 Personen kämen aus den USA · 80 hätten keine ausreichenden Wohnverhältnisse · 70 könnten nicht Lesen und Scheiben · 50 hätten nicht genug zu Essen. Falls du nie einen Krieges erlebt hast, nie die Einsamkeit durch Gefangenschaft oder Hunger gespürt hast dann bist du glücklicher als 500 Millionen Menschen der Welt. · Falls sich in deinem Kühlschrank Essen befindet, du angezogen bist, ein Dach über dem Kopf hast und ein Bett zum Hinlegen – bist du reicher als 75% der Einwohner dieser Welt. · Falls du ein Konto bei der Bank hast, etwas Geld im Portemonnaie oder etwas Kleingeld in einer kleinen Schachtel – gehörst du zu 8% der wohlhabendsten Menschen auf dieser Welt.“ (Scoutwiki.org)

Harald Schumann und Hans Peter Martin prägten den Begriff Globalisierungsfalle. In ihrem gleichnamigen Buch beschreiben sie einen „durch Produktivitätssteigerung verursachten erheblichen Rückgang der Arbeitsmenge, die von einem Fünftel des weltweiten Arbeitskräftepotenzials erledigt werden könne, wobei vier Fünftel der arbeitsfähigen Menschen ohne produktive Arbeit verblieben. Westliche Eliten konstruieren für die Ära nach dem Fall des Kommunismus eine globale Zukunftsvision jenseits der Moderne: „Reiche Länder ohne nennenswerten Mittelstand“ müssen sich der künftigen 80 % der „Globalisierungsverlierer“ mit Hilfe von Tittytainment annehmen – ein von Zbigniew Brzeziński geprägter Begriff aus tits und entertainment, d. h. aus Ernährung und betäubender, sexualisierter Unterhaltung, einer modernen Variante von "Brot und Spiele.“

(Beispiel von gestern und heute: während ARD Fußballspiele überträgt, fällt beim Konkurrenzsender ZDF aus Quotengründen jede Politsendung aus. Politik ist nichts, Brot und Spiele sind alles.)

Durch die bevorstehende Digitalisierung werden ungeheuer viele Arbeitsplätze rasiert. Die Politiker verbreiten die frohe Mär, dass neue Arbeitsplätze ad libitum erfunden werden. Selbst wenn ihre Flunkereien richtig wären: die neuen Arbeitsplätze werden immer belangloser und überflüssiger. Die Maschinenhersteller werden nicht ruhen noch rasten, auch diese neuen Beschäftigungstherapie-Plätze mit Verve zu ruinieren. Die nächste falsche Globalisierung steht bevor, während die Deutschen sich in ihren technischen Schützengräben einmauern.

Die Deutschen geben sich weltoffen und fahren in die ganze Welt. Hört man ihren Reiseberichten zu, schwärmen sie pflichtgemäß von den Landschaftswundern der Welt (die offenbar noch kostbarer werden, wenn sie von touristischen Gourmets bewundert werden), niemals aber von Menschen, denen sie begegnet sind. Geschweige von aufschlussreichen Gesprächen über Politik der Welt, die Rolle der Deutschen etc. Derselbe Türke, von dem sie sich in dessen Heimat fürsorglich bedienen lassen, wird von ihnen in Dortmund als Kümmeltürke geschnitten. Wie ist diese Bigotterie zu erklären?

Das touristische Überschwemmen der Erde will sich selbst erproben und deutsche Überlebenskunst in fremden Kulturen stählen. Neugierde auf fremde Menschen, intensive Begegnungen mit andersartigen Kulturen sind nicht vorgesehen. In diesem Sinn ist der Tourismus die Fortsetzung der Wandervogelbewegung mit anderen Mitteln. Wandervögel waren eine Neuauflage der Romantiker, die in die Natur zogen, nicht, um sie zu bewundern, sondern um sie – zu brechen. Die blaue Blume wollten sie finden und im Triumph als Beute nach Hause tragen. Menschen kamen in ihren sturmzerzausten Liedern nicht vor, höchsten als minderwertige Exoten:

Wir wollen zu Land ausfahren
(wohl) über die Fluren weit,
aufwärts zu den klaren
Gipfeln der Einsamkeit.
Horchen woher der Bergwind braust,
sehen was in den Wäldern haust*,
und wie die Welt so weit,
und wie die Welt so weit.

Es blühet im Walde tief drinnen
die blaue Blume fein,
die Blume zu gewinnen,
ziehn wir in die Welt* hinein
.
Es rauschen die Bäume, es murmelt der Bach**,
und wer die blaue Blume finden will,
der muß ein Wandervogel sein.“

Wiederholungen der unbearbeiteten deutschen Vergangenheit, wohin man schaut. Die Welt als symbolische Beute: das ist der Sinn der modernen Wandervogelbewegung. Sie fahren in alle Himmelsrichtungen – und kehren als die Alten und Unveränderten zurück. Nur ihr Provinzialismus ist bestärkt worden. Wär‘s anders, gäbe es weder die AfD noch die CSU-Liebe zu Orban, keinen Widerstand gegen Macrons Erneuerungswillen und keine chauvinistische Wirtschaftspolitik. Merkel fliegt in alle Hauptstädte der Welt und kehrt mit derselben verpanzerten Miene zurück.

Das universalistische Weltethos ist Erbe des griechischen Kosmopolitismus. Hier wird die Denkfigur des einzigen Menschengeschlechts (genus humanum) ins Leben gerufen. Das Menschengeschlecht ist jenseits aller Einzelvölker und politischen Herrschaften. Es handelt sich um die „natürliche Gemeinschaft aller Menschen auf der Basis der gleich vernunftbegabten Natur, die allen Menschen gleich ist.“

In der modernen Aufklärung wird die frühe Globalisierung als humane und politische Einstellung aufgenommen und mit neuem Elan durchdacht und vertreten. Kant glaubte an die Gemeinschaft der Völker mit dem Argument, „es sei so weit gekommen, dass die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird.“ Und das vor mehr als 200 Jahren – ohne Internet und Facebook. Weltbürger definiert der Aufklärer J. H. Campe „als Mensch, Bürger oder freier Inwohner der Welt, als Glied einer einzigen über die ganze Erde verbreiteten bürgerlichen Gesellschaft, der alle Menschen als Glieder derselben Gesellschaft, als Mitbürger betrachtet und behandelt wird.“

Die Einheit der Welt als uralter Menschheitstraum, philosophisch und politisch in Hellas konkretisiert, wird im Völkerrechte der aufgeklärten Moderne zur rechtlichen Norm. Die Schaffung einer Weltgesellschaft verwandelt das Völkerrecht „als Recht der Einzelstaaten“ in ein „Recht der Menschheit.“

Und wir sind dabei, diese phänomenalen humanen Fortschritte gegen eine schwarze Null und eine arrogante ökonomische Überlegenheit einzutauschen!

Die EU begann als großes und bewundertes Vorbild für die ganze Welt. Heute zerfällt sie aus Gründen kleinlicher Eigensucht und bornierter Blindheit. Wer Albanien und Mazedonien nicht eingliedern kann, wie will der die Welt integrieren?

Konträr zum Hellenismus hat das Christentum die Welt gespalten. In Gläubige und Ungläubige, in Erwählte und Verworfene, in Selige und Verdammte. Das Angebot des Erlösers ging zwar an alle Welt, aber galt nicht für alle Welt.

„Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu. Seid ihr aber Christi, so seid ihr ja Abrahams Same und nach der Verheißung Erben.“

Wenn sie in Christo sind, sind sie eine Einheit. Der Glaube ist das Selektionsmittel des Hirten der Herde. Auch Zenon sprach von einer „zusammenweidenden Herde“ als Metapher einer geeinten Menschheit. Die Christen übernahmen diese Redeweise – und verwandelten sie ins Gegenteil. Der Hirt bringt die Herde nicht zusammen, sondern spaltet sie in Fromme und Ungläubige.

„So euch die Welt haßt, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählt, darum haßt euch die Welt.“

„In der Welt habt ihr Angst, ich habe die Welt überwunden.“

„Ich bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast.“

„Die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht aus der Welt sind, wie ich nicht aus der Welt bin.

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“

„Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Die ganze Welt liegt im Argen.“

Auch die Zehn Gebote sind keine universalistische Moral. Nur wer das erste Gebot hält, kann den folgenden gehorsam sein. Das erste Gebot lautet: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ Man muss deutscher Abendländer sein, um die biblische Botschaft in ein Manifest der Toleranz umzulügen.

Nestle beschließt seine Schrift über den antiken Friedenswillen mit dem Satz:

„Dem Christentum, das mit dem Heilruf: Friede auf Erden, in die Welt trat, ist es in den zwei Jahrtausenden seines Bestehens nicht gelungen, den Friedensgedanken zu verwirklichen: die christlichen Völker haben sich in Mittelalter und Neuzeit nicht weniger durch Kriege zerfleischt als die heidnischen des Altertums. Ja, sie haben beschämenderweise einen neuen Typus des Kriegs hinzugefügt, den das Altertum nicht kannte: den Religionskrieg.“

 

Fortsetzung folgt.