Umwälzung XL

Tagesmail - Mittwoch, den 28. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XL,

"Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations."

Spricht wer über wen? Ein historisch gebildeter, breitbeinig auf dem Boden der abendländischen Werte stehender Menschen- und Familljenfreund aus Oggersheim über einen Russen aus dem Bereich des Bösen, der die infame Idee hatte, den Kalten Krieg zu beenden und der Welt einen umfassenden Abrüstungs- und Friedensvorschlag zu unterbreiten. (SPIEGEL.de)

Genscher, der FDP-Außenminister, war es, der durch hartnäckigen Widerstand gegen Kohl den Mächten des Friedens zum Durchbruch verhalf. Kohl war mehr von nationaler Eitelkeit getrieben, als Kanzler der Wiedervereinigung in die Geschichtsbücher einzugehen – als einer globalen Utopie eine Chance zu geben. Erich Ramstetter, sein priesterlicher Freund und Vertrauter, hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn Kohl die erbsündige Gattung plötzlich für friedensfähig gehalten hätte.

Nicht zuletzt die Friedensbewegung war es, jene Ansammlung dubioser Gutmenschen und Moralphantasten, auf die Genscher sich berief, um Gorbatschows kühne Friedenspläne zu unterstützen und durchzusetzen.

„Der FDP-Mann hatte allerdings zwei mächtige Verbündete: US-Präsident Ronald Reagan, der vor dem Ende seiner Amtszeit stand, von einer nuklearfreien Welt träumte und den Deal mit Moskau unbedingt wollte. Und zudem die Friedensbewegung, vielfach dafür kritisiert, dass sie der sowjetischen Propaganda zu leicht folgte.“ (SPIEGEL.de)

Erst nach vielen Kämpfen gelang es, den sturen Pfälzer umzustimmen und ...

... der irenischen Strickwesten-Diplomatie einen Weg zu bahnen.

„Die Verwirklichung demokratischer Prinzipien in den internationalen Beziehungen, die Fähigkeit, richtige Beschlüsse zu fassen, und die Bereitschaft zu einem Kompromiss – das ist eine schwierige Sache. Es waren aber ausgerechnet Europäer, die als Erste verstanden haben, wie wichtig es ist, nach einheitlichen Beschlüssen zu suchen und nationalen Egoismus zu überwinden. Wir sind einverstanden; dies sind gute Ideen. Noch vor kurzem schien es so, als würde auf dem Kontinent bald ein richtiges gemeinsames Haus entstehen, in welchem Europäer nicht in östliche und westliche, in nördliche und südliche geteilt werden. Heute müssen wir mit Bestimmtheit und endgültig erklären: Der Kalte Krieg ist vorbei.“

Sprach ein gewisser Wladimir Putin im Deutschen Bundestag am 25. 9. 2001. (Bundestag.de)

Nach siebzehn Jahren gelang es allen Beteiligten, diese Aufbruchsstimmung zu zerstören. Der Kalte Krieg hat uns wieder.

Den heutigen Putin muss man in vieler Hinsicht unmissverständlich kritisieren. Seine Berliner Rede hat er durch viele Unrechtstaten dementiert. Doch seine Regression ins Autoritäre an der er beileibe nicht unschuldig ist –, wurde vom Westen systematisch betrieben. Kohls Vor-Strickwestenhass auf das atheistische Reich ist auch heute noch die Quelle der westlichen Regression ins Abendländische.

Es war der Westen, der die – durch eine ungeheure Reform bedingte – Schwäche Russlands nutzte, um das orientierungslos torkelnde Land zu demütigen und in die Enge zu treiben. Es durfte nicht sein, dass das Gute aus dem Reich des Bösen kam, um den exzellenten Westen in den Schatten zu stellen.

Die Vision eines friedlichen Weltdorfs schien damals nahe. Heute ist es zum Ritual auferstandener Neuer Krieger geworden, die Vision von damals mit einem Verweis auf den „Traumtänzer“ Francis Fukuyama retrospektiv zu vernichten. Der Name Gorbatschow wird nicht einmal erwähnt, seine Jahrhundertleistung untergepflügt. Mit zynischer Herrenmentalität wird auf das russische Volk verwiesen, das seinem – im Westen beliebten – Reformator die Verarmung und den Sturz ins Bedeutungslose anfänglich nicht verzeihen konnte. Wie stolz wären die Russen heute auf ihn, wenn sie die Anerkennung des Westens hätten erleben dürfen?

Wie vieler Generationen bedarf es, um einen radikalen Umsturz zu verstehen und zu stabilisieren? Zumal die östlichen Länder nicht auf die Sintflut des alles niederreißenden Neoliberalismus eingestellt waren. Sie erhofften Freiheit und erhielten Raubtier-Kapitalismus.

Die Vision eines planetarischen Friedens ist immer notwendig, zeitlos aktuell, niemals deplaziert, völlig unabhängig von allen Tages-Düsternissen. Wer das Gute verwirft, weil es chancenlos sei, ist zum Mitläufer des Bösen geworden.

Niemals mehr Mitläufer des Bösen sein: das hatten sich die Deutschen nach ihrer Katastrophe geschworen. Jetzt schwimmen sie wieder synchron im Zeitgeist. Diesmal im Sog westlicher Schlafwandler, die ihre Zerwürfnisse mit einem pathologischen Schulterschluss gegen das neualte Reich des Bösen überdecken wollen.

Wieder einmal verstoßen sie gegen ihre eigenen Werte, wittern Verschwörungen gegen ihre Weltführerschaft, projizieren auf andere, was sie bei sich selbst verleugnen. Wie lange wetterten ihre Intellektuellen gegen Schwarz-Weiß-Denken, nun denken sie täglich mehr in kritikloser Selbstvergötzung und Fremdverteufelung.

Selbst, wenn es Beweise gäbe: soll ein „Attentat wie in Sarajevo“ ausreichen, um eine ganze Welt in Kriegsgefahr zu bringen?

Von Frieden spricht niemand mehr. Ein Sog ins Grenzenlose und Unheilvolle hat sie erfasst. Nichts wird mehr ausgeschlossen. Die Reihen werden geschlossen, die Kommentare bellender und militaristischer: Schluss mit …! Wie lange noch …? Das Gesülze der Moralisten ...!

Die auflagenstärkste Gazette der BRD überschlägt sich mit täglichen Hetzen und erlogenen Dramatisierungen. Ihre Rivalen denken nicht daran, sich zusammenzuschließen, um die bigotte Fanfare zu boykottieren. Auf Putins Menschenrechtsverletzungen wird eingedroschen, diejenigen von Netanjahu werden verschwiegen; Erdogans völkerrechtswidrige Militäraktionen werden attackiert, Merkels Waffenlieferungen an Saudi Arabien vorbeigewunken.

Was sind die Gründe der gegenwärtigen Zerwürfnisse? Richard Herzinger, WELT, versucht eine Antwort:

„Nach dem Kalten Krieg glaubte man an ein „postideologisches Zeitalter“. Chinas Diktatur beweist, dass das Illusion war. Autokratien fühlen sich wieder stark genug, die Demokratie zu zerstören. Der Westen gerät auf die Verliererstraße.“ Die Diktaturen seien daher zunehmend auf die Zerstörung des westlichen Demokratiemodells ausgerichtet. „Der Westen aber beantwortet diese existenzielle Herausforderung mit der Tendenz zum Rückzug auf sich selbst – „America First“ ist das dramatischste Indiz dafür. So gerät er immer weiter auf die Verliererstraße.“ (WELT.de)

Der Westen ist in Gefahr. Die böse Welt will ihn vernichten. Schon mit dem Begriff post-ideologisch beginnt die seuchenhafte Unklarheit. Eine Ideologie will keine Weltanschauung sein, die auf Wahrheit beruht. Gleichwohl stellt sie ihre Machtgelüste und Profitinteressen dar, als ob sie wahr wären. Unmoral und Unwahrheit werden propagiert, als seien sie schön, wahr und gut.

War Ideologie nur die lügenhafte Weltanschauung der anderen? Des sozialistischen Reichs des Bösen? Und die siegreiche demokratische Welt wäre keine Ideologie? Dann hätte die Welt nach dem Fall der Mauer eine reelle Chance gehabt, einer ideologiefreien Utopie entgegenzugehen. Hier wird – oh Wunder – in positivem Licht gesehen, was sonst mit dem Verweis auf Fukuyama als Illusion niedergemacht wird.

„Nach der Umwälzung der Jahre 1989/91, die das Sowjetimperium zum Einsturz brachte und das Verschwinden einer Reihe anderer autoritärer Regime beförderte, glaubte der Westen, den Grundprinzipien von Demokratie, Pluralismus und Marktwirtschaft gehöre weltweit die Zukunft. Diktaturen könnten dem Modernisierungsdruck, der von ihnen ausgehe, allenfalls auf Zeit standhalten, indem sie sich entideologisierten und zumindest oberflächlich dem Pragmatismus und der Flexibilität der freien Welt anpassten.“

Warum gelang es der Demokratie nicht, die unterdrückten Massen der nichtwestlichen Staaten anzustacheln, um für Freiheit und Selbstbestimmung einzutreten und ihre Tyrannen zu stürzen? Antwort:

„Dies wurde in dem Maße klar, wie sich der Westen zur strategischen Umsetzung seiner Vision einer liberalen, das heißt: auf völker- und menschenrechtlichen Normen gegründeten Weltordnung unfähig erwies – nicht zuletzt, weil er Schwierigkeiten und Dauer von deren Realisierung unterschätzte.“

Die Antwort ist keine Antwort, sondern westlicher Hochmut. Man braucht eben viel Einsatz und Geduld, um den Westen zu imitieren – und eben dies fehlte diesen „unterentwickelten Staaten“. Gerade in muslimischen Nationen gab es verheißungsvolle Ansätze – die im Chaos von heute verendeten. Nur hochstehende Völker sind demokratiefähig und -würdig.

Die wahre Antwort wäre: solange die Nachkriegsdemokratien – um die Schande der beiden Weltkriege zu tilgen – durch Einhaltung der UN-Doktrinen die Völker der Welt beeindruckten, gehörte das demokratische Modell zu den attraktivsten der Welt. Um die einzige Alternative, den antikapitalistischen Sozialismus, aus dem Rennen zu werfen, verhielt es sich so vorbildlich, wie man es heute kaum noch glauben kann.

Kaum war jener an innerer Schwäche zusammengebrochen, gab es keinen Grund mehr, sich am Riemen zu reißen. Der gebändigte Kapitalismus warf alle Bandagen weg und entlarvte seine wahre neoliberale Hemmungslosigkeit. Die Anziehungskraft der Volksherrschaft verlor sich im Nebel, die autoritären Regime fühlten sich bestätigt, ihren eigenen Weg zu gehen.

Seitdem versucht China, eine Synthese aus sozialistischem Überwachungsstaat und neoliberaler Hemmungslosigkeit herzustellen. Alle Opferstaaten der bigotten Westdemokratie fühlten sich von den Siegern der Geschichte abgestoßen und orientierten sich zunehmend am chinesischen Erfolgsmodell.

Überall kam es zur Regression auf überwunden geglaubte Herrschaftsmodelle. China scheint zum Maoismus zurückzufinden, die anderen Staaten kehren zurück zu Religionen, von denen sie früher beherrscht wurden. Muslimische Staaten, bereits in hohem Maße säkularisiert, regredieren in einen fundamentalistischen Islam. Auch der Westen erlebt die Heimkehr der verlorenen Söhne in die weit geöffneten Arme ihrer Erlöser. Das gleiche Schauspiel in Jerusalem, wo die Normen des Talmud die universellen Menschen- und Völkerrechte immer mehr untergraben.

Die rechte Justizministerin in Israel krempelt systematisch das Gesetz des Landes in ein ultraorthodox-nationalistisches Exklusivrecht um:

„Individuelle Rechte seien zwar wichtig, „aber nicht, wenn man sie außerhalb jeglichen Kontexts betrachtet, ohne Verbindung zu unserer nationalen Aufgabe, unserer Identität, unserer Geschichte, unseren zionistischen Herausforderungen.“ Fortan werde der Zionismus sich „nicht mehr einem System individueller Rechte beugen, die auf einer universalen Interpretation basieren“, erklärte sie.“ (WELT.de)

An die Stelle universeller Menschen- und Völkerrechte treten nationale und religiöse   Sonderrechte. Trump wurde von den Biblizisten seines Landes gewählt, Merkel & Seehofer streiten sich nicht um das Ziel verstärkter Christianisierung des Landes, sondern nur um die besten Methoden, wie man dieses Ziel erreichen kann. Seehofer bevorzugt die Brechstange, Merkel ihre bewährte Einschleichmethode unter Wahrung legalistischen Scheins.

Obgleich – nein, weil die Welt immer mehr auseinanderfällt, wird sie sich immer ähnlicher. Das sozialistische China wird immer autoritärer und kapitalistischer, der Westen immer kapitalistischer und autoritärer. Die Konvergenz der Systeme beruht nicht nur auf der prophylaktischen Imitation zweier Rivalen, die insgeheim die Überlegenheit der Konkurrenten fürchten. Paul Klee hat zwei Männer gemalt, die sich in tiefer Verbeugung voreinander ducken. Das Bild nannte er: „Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend“.

So vermuten die rivalisierenden Systeme der Welt, die anderen könnten mächtiger und leistungsfähiger sein. Ergo müssen sie sich imitieren, um nicht aus dem Rennen geworfen zu werden.

Der Westen allerdings verliert zusehends den Glauben an seine Überlegenheit, der Osten wird immer attraktiver für die Staaten der Welt. Doch gerade hier liegt die Gefahr einer bellizistischen Zuspitzung. Wer sich schwach fühlt, neigt dazu, zuerst zuzuschlagen.

Die Konvergenz der beiden Systeme liegt in der geheimen Ähnlichkeit ihrer Hauptprinzipien: der Anbetung des Fortschritts, der Vernichtung der Natur und der Unterordnung des Menschen unter Geschichte und Evolution.

Bei Herzinger ist nicht die leiseste Spur einer westlichen Selbstkritik zu bemerken. Er warnt den Westen vor der wachsenden Macht der Anderen. Der Logik der Stärke folgend, bliebe dem Westen nur die Möglichkeit, seine bisherige Vormachtstellung durch Verstärkung seiner wirtschaftlichen und militärischen Kräfte zu bewahren.

Eine immer erbarmungslosere Konkurrenz um die Vormacht in der Welt wird sich auf Dauer nicht mit wirtschaftlichen Methoden begnügen. Herzingers unausgesprochener Appell an den Westen: Aufrüsten, den Gegner zur Strecke bringen, sich mit allen Mitteln auf die Entscheidungsschlacht vorbereiten. Nicht mehr lange und die Welt wird wissen: es geht um Alles oder Nichts.

Im Westen herrscht die Atmosphäre einer irritierten Auserwähltheit, eines gekränkten, in Zweifel gezogenen Exzeptionalismus. Amerikas Endlife-Crisis – sie glauben an die nahe Wiederkunft ihres Herrn – wird zunehmend zur Krise des gesamten Westens.

Bislang waren sie die unbestrittenen Sieger in allen Klassen. Vor lauter Angst, vom Treppchen zu fallen, beginnen sie, übereinander herzufallen und sich zu demontieren. Ihr heilsgeschichtliches Modell signalisiert ihnen: das Ende ist nahe. Wachet und rüstet, jeden Augenblick könnte der Herr an die Pforte klopfen. Die klugen Jungfrauen rüsten sich für den Endkampf, die törichten pennen, bis es zu spät ist.

Auch Deutschlands Hybris kennt nicht die leiseste Spur einer Selbstkritik. Seine Alpha-Männer haben Trumps Selbstherrlichkeit bereits erreicht. VW-Müller ist es leid, dass Politiker es wagen, sich in seine Geschäfte einzumischen. Solche komplexen Entscheidungen überstiegen die Intelligenz der Politiker. Die Auto-Industrie hat das Recht, die Gesellschaft zu betrügen, das Klima zu beeinträchtigen, die Menschen zu beschädigen und zu töten. In diese gottgleiche Kompetenz haben sich keine Politiker einzumischen.

Hayeks Vision wurde wahr. Der lästige, inkompetente Staat ist am Ende. Die Industrie-Kapitäne sind aufgerückt zu den Masters of Universe.

Müller hat auch nicht die geringste Lust, über die Berechtigung seiner exorbitanten Bezüge mit hergelaufenen Interviewern zu streiten. Die Aura derer dort Oben unterliegt keinen Argumenten und Volksabstimmungen. Politische Kritik an seinem selbstherrlichen Verhalten wagt VW-Müller mit DDR-Sozialismus zu vergleichen:

„In Deutschland besteht der Drang, alles politisch regeln zu wollen. Aber wo soll das enden? Wir hatten so was bereits einmal in Form der DDR. Da ist auch alles geregelt worden. Alles, was die Bürger frei aussuchen konnten, war die Brotsorte beim Bäcker – und selbst da war die Auswahl begrenzt. Jede Innovation wurde kaputtgemacht. In eine solche Situation dürfen wir nicht kommen.“ (SPIEGEL.de)

Ohnehin soll Demokratie keine Volksherrschaft sein, wie Alan Posener mit Berufung auf den Großen Popper glaubt, verkünden zu dürfen. Dass Popper, einer der größten Philosophen, die wir haben, ebenso großen Irrtümern verfallen ist, scheint Posener entgangen. Poppers Bewunderung von Sokrates wäre vollständig sinnlos, wenn Sokrates kein exemplarischer Mensch und Demokrat gewesen wäre, dessen ganzes Lebenswerk darin bestand, seine Landsleute zu besseren Demokraten zu verführen.

Eine Demokratie, die nichts anderes darf als alle paar Jahre quasi-identische Führungsklassen auszuwechseln, wäre eine Absegnerin, keine Überprüferin und Kritikerin der Eliten. Für diesen Fall gälte der alte Sponti-Spruch: Wahlen wären längst verboten, wenn sie etwas bewirken würden. (WELT.de)

Einer der furchterregendsten Artikel über mangelnde Selbstkritik der Deutschen stammt aus der Feder von Thomas Assheuer über die „Entnazifizierung“ des wichtigsten Nazi-Philosophen Friedrich Nietzsche. Assheuer bewundert das Buch des Philosophen Rolf Zimmermann „Ankommen in der Republik. Thomas Mann, Nietzsche und die Demokratie.“

Weil es Thomas Mann angeblich gelungen war, nach seiner Kehre vom rechten Demokratiehasser zum überzeugten Freund der Demokratie sein einstiges Idol Nietzsche ebenfalls ans linke Ufer zu retten, muss der Pastorensohn auch heute vom Ruch befreit werden, denkerisches Vorbild der Völkerverbrecher gewesen zu sein. Wie geht dieses Kunststück?

In Deutschland kein Problem. Wie man mit theologischer Deutungskunst die Heilige Schrift nach Belieben in jedwede Zeitgeistphilosophie verwandelt, so verwandelt man auch Nietzsche in einen Meister menschlicher Selbstvervollkommnung:

„Zum schönsten Erbe gehört für Zimmermann dagegen Nietzsches Perfektibilismus, also die Idee der menschlichen Selbstvervollkommnung. Unvermindert zeitgemäß erscheint ihm dessen Kritik am leeren Fortschritt und an der "Ökonomisierung" des Lebens; Nietzsche war ein leidenschaftlicher Europäer, er verachtete die national Bornierten, die reaktionären Spießer und die "Antisemiten-Fratzen", überhaupt die ganze "Vaterländerei und Schollenkleberei.“ (ZEIT.de)

Und wie reinigt man Nietzsche von seinem skrupellosen Willen zur Macht, von der Absage an jede verweichlichte Humanität und von seiner Entschlossenheit zur Vernichtung allen lebensunwerten Lebens? Durch pure hermeneutische Säuberung.

„Wie vor ihm Thomas Mann, so unterscheidet auch Zimmermann zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem in Nietzsches Denken. Zur Peripherie gehören seine skandalösen Entgleisungen, all das Fatale und Unannehmbare, zum Beispiel der Biologismus der Stärke oder die von Rechtsintellektuellen noch heute geschätzten Menschenzüchtungsfantasien.“

Was Zimmermann nicht will, entfernt er mit einem schlichten Federstrich:

„Man sieht, für Zimmermanns liberalen Nietzscheanismus sind eine Menge Umbauarbeiten erforderlich, eine ganze Reihe philologischer Gnadenakte und Umbuchungen. Gründlich entdämonisiert Zimmermann auch den "Willen zur Macht" und schrumpft ihn zum politischen Pragmatismus in komplexen Weltlagen – mit der Macht muss man rechnen, sonst wird man ihr Opfer.“

Zimmermanns Reinigungsmethoden sind exemplarisch für die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen. Ein gewisser Adolf H. wird stellvertretend für alle geköpft, damit die Deutschen für immer aus dem Schneider sind. Ein riesiger Teil der deutschen Tradition, die in die Ideologie der Nationalsozialisten mündete, wurde auf diese Weise reingewaschen.

Theologen haben die Deutschen gelehrt, allmächtige Götter des Buchstabens zu sein. Seitdem können sie nicht mehr lesen, denn sie können deuten. Was ihnen nicht passt, wird gestrichen. Der Wille zur Macht ist zum unfehlbaren Deutungs- und Verfälschungswillen geworden. Auf diese Weise wäre es auch keine Kunst, Hitlers Werk „Mein Kampf“ in eine Albert Schweitzer-Postille umzuschreiben. Welche Synonyme gibt es für Skandal?

Dazu vergleiche man den Aufsatz „Nietzsche und der Nationalsozialismus“ des echten Naziphilosophen Alfred Baeumler, der Nietzsche als unvergleichlichen Ideengeber der Hitlerianer porträtiert. Er zitiert Nietzsche:

„Die Gattung braucht den Untergang der Missratenen, Schwachen, Degenerierten. Damit moralische Werte zur Herrschaft kommen, müssen lauter unmoralische Kräfte und Affekte helfen. Moral ist das Werk der Unmoral. Der Schöpfer neuer Werte muss zugleich Sieger und Vernichter sein: zum Vernichten bereit im Siegen. In dieser Welt herrscht keine falsche Humanität. Aus der Tiefe der Natur, wo das Wilde und Böse liegt, stammt auch das Beste und Edelste der Menschen. Das Dionysische ist die Lust an der Vernichtung. Das Gegenteil war das Sokratische: das Theoretische und Heitere, das Unheroische und Optimistische. Sokrates war der Totengräber des dionysischen Griechenland.“

Die Deutschen interpretieren Marx, Nietzsche, all ihre Heroen, wie ihre Bibel. Was ihnen nicht passt, wird getilgt, verfälscht und umgedeutet.

Moralische Sätze über ihren Gott werden herausgestellt, schreckliche unterschlagen oder ins Gegenteil verkehrt. Ein liebender Gott sollte auch ein hassender sein? Das teuflische Moment wird aus Gott herausgeschnitten, damit ein gütiger, alles verzeihender Opa übrig bleibe. Dass Gott Erlöser und Teufel in einer Person war, ist das strengst gehütete Staatsgeheimnis der deutschen Leit- und Lügenkultur.

„Ich mache das Heil und erschaffe das Unheil. Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel. Ich bin der Herr, der alles vollbringt.“

 

Fortsetzung folgt.