Umwälzung XXXI

Tagesmail - Mittwoch, den 07. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XXXI,

Gutmenschen sind blöde. Verteilen sie aber Almosen, sind sie unfehlbar – und dürfen nicht kritisiert werden. Eine Tafel ist ein „festlich oder fürstlich gedeckter Tisch“, weshalb ausländische Hungerleider und Abzocker nicht zugelassen werden. Sie haben keine Manieren und kriegen den Hals nicht voll.

Deutsch-dialektische Grauzonen-Ideologie, die sonst kein Pardon kennt und jedes Entweder-Oder in die Hölle verflucht. Widersprüche sind dasselbe, Identitäten widerspruchsfrei. Die Wirklichkeit ist nicht Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse. Ist sie aber gut, kennt sie kein Böses. Wer Gutes tut, ist heilig.

Die Kanzlerin tat einmal ein gutes Werk, weshalb ihre Gesetzesübertretung ignoriert wurde und ihre gesamte Politik unanfechtbar sein muss – so die Mitglieder der Merkel-Sekte.

Eure Rede sei JaJa oder NeinNein, alles andere ist von Übel, weshalb das Christentum – nach einem päpstlichen Psychiater – die Toleranz erfunden haben muss. Wer demütig ist, kann nicht herrschsüchtig, wer Almosen verteilt, nicht autoritär oder diskriminierend sein. Wenn es in der tätigen Nächstenliebe zu lieblosen Taten kommt, können es nur die Liebes-Objekte sein, die den caritativen Akt entheiligen. So Götz Aly, der sich auf Bertold Brecht, den marxistischen Freund des Lumpenproletariats, beruft:

«Die Hand, die dem Elenden gereicht wird, reißt er einem gleich aus.» Derartiges kennen Entwicklungshelfer nur zu gut und alle die, die sich um Obdachlose, Flüchtlinge oder Hartz-IV-Abhängige bemühen. Auch heimische Bedürftige tun sich oft nicht als gütige Ausländerfreundinnen hervor.“ (Berliner-Zeitung.de)

Wer es wagt, behördlich genehmigte Gutmenschen in die Mangel zu nehmen, muss demnach ein übler Zeitgenosse sein. Weshalb Frank Plasberg, selbsternannter ...

... Demokratierettungsverweigerer, ein blasphemisches Zitat von Jutta Ditfurth seinem Auditorium zum Fraße vorwarf.

Kritiker der heiligen Tafeln müssen – so Aly – „an progressivem Realitätsverlust leiden und am Dünkel derer, die es sich mit sogenannter politischer Korrektheit gemütlich machen. Allen voran gab Angela Merkel den maßlos überheblichen Ton vor. Mit ihrem gelegentlich leider hervorbrechenden, typisch politprotestantischem Übereifer verurteilte.“

Protestanten kennen keinen politischen Übereifer, höchstens als Untertanentreue unter die Obrigkeit. Da können sie sich nicht tief genug bücken. Moral – so ihre augustinische Überzeugung – hat in der civitas diaboli nichts verloren.

Als ausgewiesener NS-Historiker sollte Aly wissen, dass die adligen Widerständler im Dritten Reich endlose Skrupel hatten, ob sie mit Römer 13 die himmlische Genehmigung hätten, den Sohn der Vorsehung um die Ecke zu bringen. Carl Friedrich von Weizsäcker, Spross der mit allen Regierungsarten kompatiblen Edelfamilie derer von Weizsäcker, hatte mit pochendem Herzen die Ausgießung des Heiligen Geistes erlebt. Heute erfasst der Heilige Geist erneut fast die gesamte Politelite in Berlin – mit demokratischem Übereifer, versteht sich. Der Heilige Geist lässt sich in anpassungsbereiter Selbsterfindung von keinem Wendehals übertreffen.

Das ist Dialektik vom Feinsten: wer die moralische Überheblichkeit der Kanzlerin, sonst Demut genannt, in übermoralischer Grandiosität geißelt, muss der Demütigste aller sein. Wer eine gute Sache vertritt, steht unter dem Zwang zu „moralisch prekärem Handeln“. Die Helfer „wehren sich um der guten Sache willen.“

Prekär heißt nicht nur „schwierig“, sondern auch „misslich“. Sollte Aly die Helfer verteidigt haben, indem er sie klammheimlich angriff? Andere Tafeln wehren sich auch um der guten Sache willen – ohne sich zu diffamierendem Handeln verleiten zu lassen.

Wehren um der guten Sache willen kann mit guten oder schlechten Mitteln erfolgen. Platon wollte den Athenern Gutes tun, indem er sie in seiner Politeia zum Guten zwingen wollte. Popper nannte diese Zwangsbeglückung die Erfindung des Urfaschismus.

Faschismus ist die Urversuchung der Guten. Die Bösen, sofern sie über despotische Macht verfügen, haben es nicht nötig, ihre Bestialität mit guten Absichten zu dekorieren. Trump macht kein Geheimnis aus seiner moralfreien Menschenfeindschaft. Deutschland ist wild entschlossen, den Spuren des amerikanischen Präsidenten zu folgen.

Die Gegenwart ist so desaströs geworden, dass selbst die Satire auf den moralischen Hund gekommen ist – findet Peter Unfried in der TAZ (der seinen ursprünglichen Namen Fried aus amoralischer Korrektheit in Unfried verwandelte).

„Politische Haltungen werden von Fernsehsatirikern wie Leitartikel ins Publikum geschmettert. Selbst die ZDF-„heute-show“ gibt sich belehrend-moralisch.“ (TAZ.de)

Tafelhelfer leisten eine bewundernswerte humane Arbeit. Unfehlbar sind sie so wenig, wie sie ehrenamtlich sind. Ihre Tätigkeit ist nicht amtlich, weshalb sie nicht ehren-amtlich sein können.

Profitbesessene und ehrgeizige Aufsteiger sollen übereifrig sein und mit futuristischem Schaum ranklotzen, Moralisten demütig und kleinlaut den Blick senken. Politisch korrekte Amoralisten können es einfach nicht leiden, wenn jemand es wagt, ihre Einmaligkeit zu übertreffen.

Da ihre Arbeit nicht wahrgenommen, sondern durch Lobsprüche missachtet wird, leiden Humanisten an mangelnder Anerkennung. Das verleitet sie zur deutschen Sucht, sich von Amtlichen loben zu lassen, die nicht die moralische Qualifikation besitzen, überhaupt loben zu dürfen.

Gutmenschen haben nicht gelernt, ihre guten Taten als politische zu verstehen, sondern als seligkeits-erwerbende, weshalb ihre Taten kein Protest gegen die politische Inhumanität der Regierenden sein können. Sie fühlen sich geschmeichelt, wenn ein Machtträger sich herablässt, ihre Arbeit in Augenschein zu nehmen. Sie sollten sich an der Devise des Philosophen Günther Anders orientieren: „Laß dich nur von denen ehren, die du selbst ehrst.“

Wenn Merkel eine Fehlleistung korrigieren will, indem sie Menschen besucht, denen sie nicht gerecht wurde, genügt der bloße Besuch der Göttin unter den Sterblichen, um alles in Ehrfurcht aufzulösen.

Nichtstaatliche Humanität ist immer politisch. Private müssen die Defizite des Staates ausbügeln. Doch streng genommen gibt es keine privaten Tugenden im öffentlichen Raum. Denn streng genommen gibt es keinen „Staat“ in einer Demokratie. Sondern nur die Polis, in der alles Öffentliche demokratisch ist. Privates Tun wäre – athenisch gesprochen – Idiotie.

Nicht Väterchen Staat verteilt Wohltaten unter den Schwachen, sondern Demokraten fühlen sich verpflichtet, die Schwachen so zu unterstützen, dass sie wirklich zu Gleichen werden. Gleichheit ist weder eine psychische Uniformität, noch eine völlige Besitzgleichheit. Dennoch dürfen Unterschiede nur so minimal sein, dass es zu keinem Macht- und Anerkennungsgefälle kommen kann.

Eine Demokratie erkennt man an ihren politischen Marktplätzen. Wenn keine Chance besteht, dass jeder jeden auf der Agora treffen kann, handelt es sich um eine Herrschaft der Reichen, Wenigen, der Gebildeten und Mächtigen – aber nicht um eine durchflutete Herrschaft des ganzen Volkes.

Der neoliberale Grals-Hüter Michael Hüther will alles soziale Tun privaten Initiativen überlassen. In einem ausgezeichneten Kommentar deckt Waltraud Schwab in der TAZ die Motivationen auf, weshalb Wirtschaftsverbände die Tafeln loben:

„Dass neoliberale Organisationen wie die Bertelsmann-Stiftung, McKinsey, der Bundesverband der Deutschen Industrie die Tafeln loben, auf der anderen Seite aber alles tun, um den Sozialstaat weiter zu beschneiden, gibt den Kritikern recht. Armutsbekämpfung wird immer weniger als Aufgabe der Gesellschaft angesehen, sondern als Aufgabe von Ehrenamtlichen, und am Ende, so die neoliberale Logik, liegt sie in der Verantwortung von jedem selbst. Nicht nur Leute von den Tafeln, sondern alle, die den Sozialstaat verteidigen wollen, sollten Almosen nicht länger als Positivposten betrachten, der den Riss zwischen Arm und Reich kittet.“ (TAZ.de)

Was in christlich kontaminierten Demokratien so gut wie unbekannt ist: intakte Demokratien lösen ihre Probleme nach allgemeinen Gesetzen und in moralischer Autonomie. Almosenverhalten hingegen ist willkürlich und theonom: Gott befiehlt seinen Kreaturen. Wer selig werden will, muss seine Gebote erfüllen.

Selbst gute Werke sind im Protestantismus untauglich, um selig zu werden. Alles beruht auf einem unergründlichen Gnadenakt, der den reuigen Sünder trotz seiner Sünde vor Gott rechtfertigt. Almosengeben will keine politischen Probleme lösen, sondern sich dem göttlichen Gesetzgeber genehm machen. Situative Nächstenliebe hat in Sozialstaaten die Funktion, mit „höherer Liebesethik“ die Versäumnisse der Regierung zu überdecken.

Indem Hüther die sozialen Pflichten der Gesellschaft privatisieren will, beabsichtigt er, die Herrschaft des Volkes zu unterminieren. Schwacher Staat bedeutet dominante Ökonomie. Je mehr die allgemeine Bestimmungs- und Überprüfungsgewalt des Volkes ausgehöhlt wird, umso mehr können die Mächte der Wirtschaft, Technik, Wissenschaft schalten und walten, wie es ihnen beliebt.

Hüther schreckt nicht davor zurück, die Armut der Tafel-„Kunden“ zu verneinen. Das seien keine Armen, sondern Listige, die ihre „relative Armut“ mit Hilfe bequemer Beute aufbessern wollten.

Sollte Armut Glanz von innen sein, betätigte sich Hüther als Destruktor des Glanzes. Sollte Armut auf unverdienter Benachteiligung der Schwachen beruhen, raubte Hüther ihnen den Status der schuldlosen Benachteiligung. Wer ist schuld an der Armut der Armen? Die Armen selbst. Die Opfer der Gesellschaft sind ihre eigenen Täter.

Wer ist schuld an der Armut der Armen? Nicht der Staat allein, behauptet der Soziologe Stefan Liebig im SPIEGEL:

„Allein dem Staat die Verantwortung zuzuschreiben, greift jedoch zu kurz. Dazu wissen wir zu wenig über die Situation und die Motive derjenigen, die zu den Tafeln gehen. Die erhöhte Nachfrage nach kostenlosen Lebensmitteln kann nämlich sehr unterschiedliche Gründe haben.“ (SPIEGEL.de)

Wenn Voraussetzungen einer Bewertung falsch sind, müssen alle Schlussfolgerungen falsch sein. Wenn Menschen in einer Gesellschaft kein menschliches Leben führen können, ist immer die Gesellschaft schuld. Kein Mensch wird als Versager geboren. Familie, Kindergarten, Schulen, Universitäten bis zur Wirtschaft und Politik stempeln ihn zum Versager.

Nicht das Opfer ist der Täter seiner selbst. Wer sich selbst zugrunde richtet, dem wurde das Gesetz der Selbstzerstörung eingebläut. Kein Mensch ist von Geburt an faul, desinteressiert, asozial und selbstschädigend. Wird er von lebendigen Eltern erzogen, die seine Fähigkeiten anregen, ihm die Freiheit lassen, sein Leben selbst zu gestalten, wird er niemals unmotiviert oder unfähig sein, für sich, seine Lieben und die Gesellschaft zu sorgen.

Motivationen der Opfer sind keine Ursachen, sondern Folgen ihrer Geprägtheit. Wer glaubt, sich den Prägungen seiner Geworfenheit entzogen zu haben, übersieht, dass das Maß seiner geschenkten Freiheit größer war, als er sich zugeben kann.

Um welche Armut handelt es sich überhaupt? Um relative oder absolute?

Bislang wurde nur über relative Armut gesprochen. Im Vergleich zur Majorität der Gesellschaft ist ein Mensch ärmer an Besitz, Bildung und sozialer Durchsetzungskraft. Was nicht bedeuten muss, dass er Hunger leidet und sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt. Er besitzt weniger, das Weniger gestattet ihm dennoch eine Beteiligung an der Gesellschaft – bis hin zur Initiative, seine Benachteiligung mit politischen Mitteln auszugleichen.

Um welche Armut aber handelt sich bei den Kunden der Tafeln? Schon der Begriff Kunde zeigt den Nebel der Debatte. Kunden verfügen über Geld, um Waren in freier Wahl zu erwerben. Davon kann bei Tafeln keine Rede sein. Verteilt wird, was für die Satten und Reichen nicht mehr gut genug war. Auf der einen Seite stehen die Gebenden, auf der anderen Seite die Nehmenden, die abnehmen müssen, was übrig blieb.

Wie immer vertritt Dorothea Siems in der WELT die Stimmen der Arbeit-Geber:

Wenn es wirklich um Staatsversagen ginge, müssten die Hartz4-Sätze beträchtlich erhöht werden. Das wird von einem „Experten“ dementiert. (Nebenbei: „Experten“ oder „Kritiker“ des Sozialstaates sind in den Medien stets Vertreter des Kapitals, die von den Edelschreibern als die einzig wahren Experten eingeführt werden. Wer hingegen die Interessen der Schwachen vertritt, kann nie ein objektiv-neutraler Experte sein – wie etwa der Politwissenschaftler Butterwegge, der vorbeugend als „Armutsforscher“ bezeichnet wird, um seine mangelnde Neutralität sofort sichtbar zu machen.)

„Für „angemessen und plausibel“ hält der Arbeitsmarktexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Holger Schäfer, den aktuellen Regelsatz. Bei einer deutlichen Anhebung der Grundsicherung würden viele Erwerbstätige erstmals unter die Bedürftigkeitsschwelle fallen und hätten somit Anspruch auf staatliche Transfers. „Der Kreis derjenigen, die abhängig von staatlichen Transfers werden, würde somit größer“, sagt der IW-Experte.“ (WELT.de)

Wie mittelalterliche Scholastiker haben die Ökonomen eine esoterische Sprache entwickelt, um ihre Überlegenheit gegen den Pöbel abzuschirmen. Alles muss so unverständlich und kompliziert sein, dass die unqualifizierten Massen aus der Debatte ausgeschlossen werden. Würden die Sozialsätze deutlich angehoben, würde es plötzlich viele Berechtigte geben, die auf „Kosten des Staates“ ein feines Leben führen könnten. An dieser Stelle wird Siems‘ Lieblingsfrage gestellt: Wer soll das erwirtschaften? Die Wirtschaft wäre überfordert, behauptet sie selbst  also muss es stimmen. Was ist für Ökonomen ein staatlicher Transfer?

Transferleistung ist in der Wirtschaftswissenschaft ein Sammelbegriff für staatliche Leistungen an natürliche Personen und Unternehmen und umgekehrt, ohne dass eine gleichzeitige ökonomische Gegenleistung durch die begünstigten Transferempfänger erfolgt“. (Wiki)

Sind Transferleistungen dasselbe wie Solidaritätsakte der Gesellschaft? Auf keinen Fall. Wer eine Transferleistung erhält und keine ökonomische Gegenleistung erbringt, ist automatisch ein Schmarotzer. Mit einer simplen Ersetzung des Begriffs „Sozialleistung“ durch „Transfer“ wird jeder Sozialempfänger, der unfähig ist, eine Arbeit auszuführen – durch Krankheit oder weil es keine Arbeit gibt – zu einem Faulenzer und Abstauber. Selbst wenn es sich um alleinstehende Mütter handelte, die sich um ihre Kinder kümmerten, wären diese als ethisch dubiose Subjekte zu verdächtigen. Ihre Erziehungsleistung wäre keine ökonomische Gegenleistung.

Ob es sich um die neue Form einer absoluten Armut handelt, könne nach Liebig gar nicht festgestellt werden:

„Doch inwieweit in Deutschland tatsächlich absolute Armut besteht, ist auf der Grundlage der gängigen Daten überhaupt nicht feststellbar.“

Hier kommen wir an die Crux aller ökonomischen Bewertungen, die dem Verdacht der moralischen Voreingenommenheit durch eine rein quantitative Beschreibung des Phänomens entgehen wollen. Gibt’s keine Daten, gibt’s kein Phänomen.

Die Ökonomie gehört zu jenen Wissenschaften, die den Makel mangelnder Objektivität durch willkürfreie Zahlen und Daten beheben wollten. Ein Mensch ist nur beschreibbar durch seine Daten. Sei es der körperlichen, intellektuellen oder wirtschaftlichen Art. Kenne ich nicht die Daten eines Menschen, bin ich nicht berechtigt, ihn als Armen zu qualifizieren, nein zu quantifizieren.

Die Qualität eines Menschen besteht aus der Summe seiner Quantitäten.

Es ist noch verheerender. Kann ein Mensch seine eigenen Daten nicht vorweisen, ist er nicht berechtigt, sich als Armen zu kennzeichnen, seine Situation zu beklagen – oder gar staatliche Unterstützung zu fordern.

Hier zeichnet sich eine überzufällige Asymmetrie ab. Behörden wissen wenig über die wahren Besitzverhältnisse der Superreichen. Weshalb Schäuble & Co sich immer berechtigt fühlten, die Giganten steuerlich nicht zu schröpfen. Sie durften sich hinter dem Schutzwall einer gewollten staatlichen Ignoranz verbergen.

Wer hingegen Unten Sozialhilfe erhält, der muss die Hosen runter lassen. Das Schlimmste an den Schröder‘schen Hartz4-Strafen ist das Schnüffelrecht eines rasend gewordenen Obrigkeitsstaates. Es herrscht „Residenzpflicht“ für die Sozialempfänger. (Residenz, Tafel: je deprimierender die Umstände, desto edler klingen die Begriffe). Wer eine kleine Reise unternehmen will, braucht die Genehmigung der Bürokratie.

Diese Aspekte der totalen Entwürdigung werden von der SPD mit keinem Wörtchen erwähnt. Datenfetischisten denken gar nicht daran, die Kunden der Tafel aus der Nähe zu betrachten, sich mit ihnen zu unterhalten, sie nach ihrem täglichen Leben zu befragen. Also konkrete Feldforschung zu betreiben. Solche persönlichen Impressionen würden sie als unwissenschaftliche, parteiliche Schwärmereien abtun.

Der Mensch ist für die Ökonomie kein lebendiges Wesen, dem man mit Empathie begegnen kann, dessen Verhältnisse durch die Schilderung des täglichen Lebens, dessen Armutsursachen durch einfühlsame Anamnesen rekonstruierbar wären. Der Ökonom betrachtet den Menschen, wie der Gerichtspsychiater den Angeklagten: die geringste menschliche Anteilnahme wäre ein verbotenes Verstehen, jedes Verstehen ein unerlaubtes Rechtfertigen und Billigen der Taten des Übeltäters.

Die Schuld muss beim Opfer liegen. In den Führungsetagen gibt es keine Schuld mehr. Je machtloser die Opfer sind, je unduldsamer und unerbittlicher wird die Schulderforschung exekutiert. Je höher der Gesellschaftsstatus, umso verständnisvoller, verzeihender und nachsichtiger wird die Darstellung der – Nichtschuld der Eliten.

Erstaunlicherweise stellt sich Liebig die empirisch überprüfbare Frage: „Doch sind die immer längeren Schlangen vor den deutschen Tafeln nicht ein untrügliches Zeichen dafür, dass nicht nur die relative, sondern auch die absolute Armut steigt?“

Doch mit solch durchschaubaren Fangfragen lässt sich kein gewiefter Ökonom übertölpeln:

„Wir Ökonomen kennen viele Märkte, in denen Angebote Nachfrage erzeugen. Ein Beispiel dafür: Obwohl wir vor zehn Jahren auch ohne Smartphones unser Leben mehr oder weniger gut meistern konnten, kommen viele Menschen heute ohne gar nicht mehr aus. Auch die zunehmende Anzahl von Tafeln in Deutschland stellt eine Steigerung eines bestimmten Angebots dar, das ebenfalls Nachfrage generieren kann. Bedürftige Haushalte (nur sie dürfen das Angebot der Tafeln in Anspruch nehmen) können entscheiden, ob sie ihre Lebensmittel im Laden kaufen oder auf das kostenlose Angebot zurückgreifen. Das Angebot der Tafel eröffnet also die Möglichkeit, bei einem Ausgabenposten des einzelnen Haushalts zu sparen, um das damit freiwerdende Geld für andere Ausgaben zu nutzen.“

Liebig und Hüther sind einer Meinung: Tafelkunden sind nicht so arm, wie sie gekonnt lamentieren. Sie nutzen nur ein günstiges Angebot, um vom großen Kuchen ein größeres Stück abzukriegen. Wenn sie aber so schlau sind, um ihren persönlichen Konsum zu erhöhen, warum sind sie nicht schlau genug, um sich einen Arbeitsplatz zu suchen oder gar ein Start-up mit einer überraschenden Geschäftsidee zu gründen?

Hinter allen beinhart klingenden Wissenschaftsphrasen lauert die Anthropologie der Ökonomie: der Mensch ist ein egoistischer Betrüger, dessen Machenschaften durch kalte Quantifizierung entlarvt werden müssen. Oben ist die Selbstsucht der Eliten das notwendige Movens jeder überragenden Leistung, unten ist sie das Mittel der Täuschung und eines hinterhältigen Ausbeutens der Fleißigen und Erfolgreichen.

Wie lange gibt es bei uns das beschämende Phänomen der Armut? Warum weiß die „Forschung“ noch immer nichts Verlässliches über Fakten und Gründe der Armut?

„Generell gilt: Für die Diskussion zentraler – auch sozialpolitischer – Fragen benötigen wir detaillierteres empirisches Wissen, das sich eben nicht nur auf rein ökonomische Daten wie etwa das Einkommen stützt, sondern die auch die Motivlagen, Gründe und Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger umfassen.“

Mit anderen Worten: die Ökonomie ist eine Wissenschaft der Mächtigen und Reichen. Über die Armen weiß sie nichts und kann sie nichts wissen, weil sie noch nie etwas über sie wissen wollte.

Almosen sind Erwerbsmethoden privater Seligkeit, keine Versuche, demokratische Gerechtigkeit herzustellen. In keiner Erlöserreligion ist Armut ein wünschenswerter Zustand. Geistlich Arme sind keine wirtschaftlichen Armen. Am Ende sind sie die Reichsten der Reichen:

„Selig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich der Himmel. Freuet euch frohlocket, denn euer Lohn im Himmel wird groß sein. Christus, obwohl er reich war, wurde um euretwillen arm, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“

Im Brackwasser der Amoral brauchen wir vorbildliche Humanisten. Noch besser wäre, sie wüssten, was sie tun, damit sie Almosen in Gerechtigkeit verwandeln können.

 

Fortsetzung folgt.