Umwälzung XX

Tagesmail - Freitag, den 09. Februar 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XX,

Amerika schreit die Wahrheit in den Weltraum. Die Geschichte der Vorherbestimmten hat ihr Ziel erreicht. „Schwerer Falke“, feuerspeiender Flugkörper der Menschen auf dem Weg in die Unendlichkeit, enthält eine erschütternde Botschaft an alle Galaxien:

Unbekannte Wesen, don’t panic. Keine Angst vor uns Erdenbewohnern. Das Leben der menschlichen Gattung war ein Irrtum der Evolution. Auf unserem erstorbenen Planeten herrschen tote Menschenpuppen über tote Maschinen. Sollte Euch diese Botschaft erreichen, wird es uns nicht mehr geben.

Während Amerika die Tore zur Zukunft öffnet, beginnt in Deutschland der eisige Fimbulwinter. Klirrende Kälte überzieht das ewig zurückgebliebene Land. Demokratie – nein, das können sie nicht. Sie wählen und wählen nicht, wollen und wollen nicht. Ihre Parteien zerlegen sich, ihre Matadore wüten gegeneinander. Ihre GroKo könnte scheitern. Dann käme die nächste Wahl – und wieder kein eindeutiges Ergebnis. Zurück zum Anfang, wieder eine GroKo, wieder Scheitern.

Ver-Antwortung übernehmen ist der Schock ihres Lebens. Wem sollen sie antworten, wenn wesentliche Fragen ausbleiben? Lieber klumpen sie, damit niemand zur Rechenschaft gezogen werden kann. Verstecken in Anonymität ist ihre Leidenschaft. Und der Herr rief die Deutschen und sprach zu ihnen: Wo seid ihr? Und sie sprachen: Wir hörten Deine Stimme, da fürchteten wir uns, weil wir nackt waren und verbargen uns. Wo wird der Fluch zur Realität? Im Garten Eden. Paradies schützt nicht vor ...

... Ursünde. Sie wollen gerufen werden, doch was, wenn kein Ruf zu hören ist? Sich selber berufen, dazu sind sie unfähig.

Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Ein halbes Jahrhundert schlüpften sie unter. Schmückten sich mit fremden Federn, weshalb sie wütend nach einer militanten Identität Ausschau halten. Doch ein halbes Jahrhundert demokratischer Imitation genügt nicht, um sich mehr als 1000 Jahre abendländischer Tiefenprägung aus den Rippen zu schwitzen.

Was ist das für eine Demokratie, in der eine Vierte Gewalt unterwürfig durchs Schlüsselloch guckt, den Politikern, die sie zu Auguren erhebt, Brosamen entlockt, ihnen das Gefühl eminenter Wichtigkeit verleiht, den Ehrgeiz entwickelt, die Erste unter den Propheten zu sein? Wer entdeckte zuerst den zukünftigen Zeitgeist? Wer kann sagen: ich sah als erster, was auf uns zukommt? Diese Selbstentmündigung ist schändlich.

Warum warten sie nicht, bis die Politiker ihre Nichtigkeiten zum Abschluss gebracht haben? Erst dann könnte solide über Ergebnisse gesprochen werden und nicht über Vermutungen und Hieroglyphen-Deutungen.

Was ist das für eine Demokratie, in der die wichtigsten Fragen der Nation hinter dicken Mauern verhandelt und verhökert werden? Was ist das für eine Demokratie, in der gütliche Einigung das Ergebnis von Kuhhandel ist und nicht von Dialog und geschliffenem Streit?

Warum gibt es keine Rechenschaft über vergangene Absichtserklärungen – nicht selten wortgleich mit den neuesten Willensabsichten –, die nie eingehalten wurden? Warum wird die Vergangenheit nicht aufgearbeitet, um dem Wiederholungszwang des Unerledigten zu entgehen?

Ständig wird simuliert, man beginne von vorne – und dreht sich doch nur im Kreis. Jeder ehrbare Kaufmann muss sich Rechenschaft ablegen über alles, was er tat. Politiker tun, als wären sie Neulinge, die jungfräulich am Punkte Null begännen. Sie agieren, als ob nicht sie verursacht hätten, wovor sie jetzt warnen.

Es ist die demokratische Pflicht der Mächtigen, ihre denkerischen, willensmäßigen und handlungsfähigen Kompetenzen auf offenem Marktplatz unter Beweis zu stellen. Kompromisse sind nur legitim, wenn sie aus Irrtümern und Fehlern der Vergangenheit lernen wollen.

Eine Partei wählen heißt nicht, ihre begangenen Missgriffe und Fehlleistungen verdrängen und vergeben. Rationale Zukunftsabsichten können nur abgeleitet werden aus transparenter Vergangenheitsbewältigung. Sich täglich neu erfinden, ist das tödlichste Gift unverantwortlichen Handelns.

Der wortbrüchige Martin Schulz tat nur, was der Zeitgeist ihm erlaubte, ja, vorschrieb. Kein Wunder, dass die Kritik an dem Kandidaten nur gemurmelt wurde. In einer Doku über sein Leben erzählte Schulz von seinem Lieblingspolitiker Johannes Rau, dessen oberstes Leitmotiv war, Wort und Tat in Einklang zu bringen. Hier versinkt alles unter sich. Auf seinen Wortbruch angesprochen, repetiert Schulz unermüdlich: nach Jamaika haben wir veränderte Umstände angetroffen.

Es gibt Zusagen, die sich an wechselnde Bedingungen knüpfen. Das sind Wenn-Dann-Aussagen. Kant spricht von hypothetischen Imperativen. Schulz aber formulierte einen persönlichen kategorischen Imperativ, der unter allen nur denkbaren Umständen verbindlich ist. Weiß das der viel belesene Buchhändler – der, laut einem früheren Freund alles wusste – nicht?

Würde er Bruder Johannes, wenn dieser noch lebte, erklären: veränderte Umstände zwangen mich, mein Wort zu brechen? Dann hätte er seine Autonomie an die Umstände verraten. Sein Bewusstsein hätte sich vom Sein nötigen lassen. Er wäre nicht selbstgeleitet, sondern fremdgeleitet; ein Mietling ständig veränderter Zeitgeist-Götzen. David Riesman nennt diesen den „außengeleiteten Menschen“ einer konformistischen Anpassung:

„In konformistischer Außenlenkung wird das Verhalten der Anderen maßgeblich für das eigene Verhalten. Von anderen akzeptiert und für voll genommen zu werden, wird zentraler Wert. Abweichungen werden mit Gefühlen von Angst sanktioniert.“

Wer sein Verhalten auf Umstände schiebt, anstatt es mit eigenem Kopf zu durchdenken und mit eigenem Willen zu entschließen, verharrt psychisch auf der Stufe präpubertierender Unmündigkeit. Jener war‘s, er hat mich verleitet. Umstände waren es, die haben mich verführt.

Was ist das für eine Demokratie, die kollektiv auf die Stufe der Unmündigkeit zurückgefallen ist? Das betrifft nicht nur Schulz, sondern die meisten seiner FührungskollegInnen. Ob die Mehrheit seiner Partei diesen Persönlichkeitsverfall absegnen wird, wird sich zeigen. Aber auch die anderen Parteien, ja, der gesamte Zeitgeist versteckt sich hinter zwanghafter Neuerfindung und veränderten Verhältnissen. Was ist das für eine Demokratie, in der Wortbruch zur lässigen Sünde, ja zur Charakterstärke gezählt wird?

Es kommt noch schlimmer: der Erfolg rechtfertigt jeden Selbstverrat. Was auch immer man tut, Gutes oder Böses, es wird gerechtfertigt durch den Erfolg. Just das ist die verwerfliche Ethik des amerikanischen Präsidenten, den man hierzulande bei Amtsantritt nicht genug prügeln konnte.

Inzwischen ist man wieder zum deutschen Amoralismus zurückgekehrt, der identisch ist mit der alles rechtfertigenden Erfolgs-Ethik. Tu, was immer dir gefällt, Hauptsache, es springt was raus, es bringt Moneten, es stärkt deine Macht, es führt zum Erfolg. Das ist eine ordinäre Jesuitenmoral: der Zweck heiligt die Mittel. Kapitalistischer Erfolg und Erfolg im Erschleichen göttlicher Gnade: beide sind vom gleichen Stamm.

Wenn‘s ernst wird, melden sich die leitenden Herren des öffentlich-rechtlichen TVs gnädig zu Wort. In der ARD war es der Intendant des SR, der die faulen Kompromisse der GroKo-Vereinbarungen mit dem Argument absegnete, vielen würden sie nützen. Im ZDF war es Elmar Thevessen, stellvertretender Chefredakteur, der die Kritiker der GRoKo mit beißenden Worten vom Tisch fegte:

„Sein Kommentar mit dem Titel „Diese Koalition muss liefern, was sie verspricht“ analysiert die Stärken des Vertrags und bemängelt dabei die pessimistische Sichtweise vieler anderer Beobachter. „Dieser Kommentar richtet sich an die Kleingeister, Besserwisser, Miesmacher, die von Stillstand reden“, sagt er.“ (Meedia.de)

Ein neuer Ton macht die Runde. Wer kritisiert, wird weggebissen. Kritiker seien so schlimm wie das, was sie zerpflücken. Legitime Kritik scheint Thevessen nicht zu kennen. Wer mault, ist ein Kleingeist, Besserwisser und Miesmacher – weiß Thevessen besser als die Besserwisser. Gib der räudigen Masse ein Leckerli – und all dein Tun ist abgesegnet.

Bei Plasberg saß eine Rechtsprofessorin, die jede öffentliche Kritik an sexuellen Nötigern als „Tribunal“ an den Pranger stellte. Kein einziger Debattenteilnehmer stellte die Frage, ob unter solchen Umständen journalistische Recherchen noch möglich seien?

Fast alle Artikel betonten, dass die juristische Unschuldsvermutung zu gelten habe. Was aber nicht bedeuten kann, die Vorwürfe vieler Menschen als Phantasmagorien abzutun. Über Vorwürfe und Verteidigung muss man berichten in Rede und Gegenrede. Jeder Leser muss sich selbst ein Urteil bilden, was möglicherweise geschehen ist. In Angelegenheiten öffentlicher Relevanz genügt es nicht – wie die Juristin meinte –, dass man hinter verschlossenen Türen alles abhandeln könnte.

Bei diesem eminenten Punkt: was tut Plasberg? Er würgt den Streit ab mit der Begründung, das sei eine Sache für juristische Seminare.

Der saarländische Intendant räumte ein, seine Vorgänger hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit Wedel gedeckt. Namen wurden keine genannt. Der Name des Übeltäters ist bekannt, die Namen derer, die ihn gewähren ließen, bleiben geheim. Das ist Bigotterie.

Beide öffentlich-rechtlichen Kanäle pflegen Vorwürfen in selbsterteilter Schuldlosigkeit zu begegnen. Illner lud ihren Chef Bellut ein und stellte ihm eine Alibifrage. Belluts kleinlaute Antwort war das letzte Wort in der Sache. Die TV-Kanäle sind nicht einmal fähig, anstaltsferne Moderatoren einzuladen und sich selbst auf die Sünderbank zu setzen. Sie beherrschen die Kunst der Selbst-Entschuldung.

Ihr Programm wird immer mehr zur Massenverdummung aus tagelangem Sport, dümmlichen Abfragereien, Ausscheidungsspielchen in dschungelähnlichen Verhältnissen, die die brutale Alltagskonkurrenz der Völker und Klassen zur Normalität verharmlost. Zurzeit lärmt ein humorfreier Karnevalismus über die Bildschirme, der alle politischen Sendungen über Bord wirft.

ZDF und ARD werden vom Volk bezahlt, um jeder Quotendiktatur zu entgehen. Was tun sie? Sie entscheiden alles unter dem Gesichtspunkt der Quote. Zurzeit geschieht so viel Politisches: doch keine einzige politische Debatte auf den Kanälen. In welchen Winkel der Demokratie man blickt: Verwahrlosung, „Sittenverfall“ (wie Stefan Aust formulierte, um dem Vorwurf des Moralismus zu entgehen), Kritik-Verdammung, Selbstherrlichkeit.

Es ist nicht die Auto-Industrie allein. Der Virus grassiert auf allen Führungsebenen und in allen Machtsalons. Deutschland fällt zurück auf einen jahrhunderte-alten Machiavellismus. Anstand blieb immer nur die Sache einer belanglosen Privatsphäre. In Haupt- und Staatsaktionen, wo der Weltgeist zu wehen pflegt, galt nur Hauen und Stechen, Besiegen, Übertrumpfen und Degradieren. Früher mit militärischen Waffen, heute mit wirtschaftlichen, die man mit der liberalen Vokabel Freihandel beschönigt.

Wie jede Freiheit, die gleichermaßen für Starke und Schwache gilt, ist freier Welthandel die Maske eines unerbittlichen Kampfes um die Weltherrschaft. Wenn Protektionismus, Schutz der Schwachen, verboten ist, können sich die Superreichen das Beste dieses Planeten unter den Nagel reißen. Unter anderem die fruchtbarsten Ländereien, die attraktivsten Wohnungen in Metropolen. Leidtragende sind jene, die mit normalem Geldbeutel keine Wohnungen mehr erhalten. Über solche Petitessen spricht man nicht im Kanzleramt.

Was ist das für eine Demokratie, die ihre Bevölkerung den Machenschaften planetarischer Landräuber und Wohnungsimperialisten ausliefert? Was auch immer die Regierung macht, es nützt den Reichen, die die Kluft zu den Armen ins Uferlose wachsen lassen. Dieses Gesetz wird angebetet wie ein unveränderliches Naturgesetz. Mit dem besten Willen lässt es sich nicht ändern.

Weil Gabriel als Außenminister abserviert wurde, beklagt er den Sittenverfall seiner Partei. Hätte er seine Klage auch geäußert, wenn er sein lukratives Amt hätte behalten dürfen? Wie lange prägt er schon die Umgangssitten seiner Partei an führender Stelle. Erst wenn er selbst Opfer wird, fällt ihm etwas auf?

"Was bleibt, ist eigentlich nur das Bedauern darüber, wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist und wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt. Ich komme wohl noch zu sehr aus einer analogen Welt, in der man sich nicht immer nur umschleicht, sondern sich einfach mal in die Augen schaut und die Wahrheit sagt. Das ist scheinbar aus der Mode gekommen." (SPIEGEL.de)

Eben wird gemeldet, Schulz verzichte auf einen Ministerposten. Das mag die Chance für eine GroKo erhöhen, an der Problematik ändert sich nichts. Wer nur auf Druck reagiert, nicht seiner eigenen moralischen Haltung folgt, handelt opportunistisch und unzuverlässig.

Ein wesentlicher Grund der moralischen Haltlosigkeit der Deutschen liegt in ihrer Überhöhung aller Kunst und alles Ästhetischen in eine moralfreie Genialität. Justament Schiller, der hierzulande als Moralist gilt, propagiert ein Schönes, welches mit dem Moralischen unverträglich ist. „Urteilen wir ästhetisch, so urteilen wir nicht als Vernunftwesen, sondern als Naturwesen, das an der Freiheit des Lebens Interesse hat.“ (Korff)

Dabei war es Schiller, der die Kunst zu Hilfe rief, um unpolitischen Deutschen politische Fähigkeiten zu vermitteln. Die Brutalitäten der Französischen Revolution könne man vermeiden, wenn man durch Kunst zum Menschen gereift sei. Hier sind Ästhetik und moralische Politik noch konform.

Nicht viel später und beide werden zu unverträglichen Gegnern. „Das Schöne und das Gute sind nicht nur etwas Verschiedenes, sondern sogar Gegensätze. Es ist zwar höchst moralisch, seine Pflicht zu tun, schön aber keineswegs.“ (Korff)

Kants Einfluss verminderte sich, Goethes faustischer Amoralismus gewann die Oberhand. Das ist die gewöhnliche biografische Entwicklung des Deutschen: in der Jugend moralisch, im Alter moral-verhöhnend und diese Verhöhnung als geniale Ästhetik bewundern.

Faustens Pakt mit Mephisto zum Zwecke der Machtgewinnung über Mensch und Natur machte ihn zum Amoralisten. Goethes Werk war keine neutrale Beschreibung eines bedenkenlosen Verführers, Weltbemächtigers, Kriegsherrn, kaiserlichen Finanzbetrügers, Kolonisators, Roboter-Herstellers (Homunculus), gewalttätigen Volksbeglückers und Mörders von Menschen, die ihm im Wege standen. Faust ging über Leichen, um Erfolg zu haben. Goethes eigenes Lebensmotto:

„Wie kann man sich selbst kennenlernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun und du weißt gleich, was an dir ist.“

Das war nicht nur eine Absage an jede kontemplative Selbstbesinnung, sondern ein Aufruf, unmoralisch zu werden. Handeln könne man nicht, ohne unmoralisch zu sein.

„Der Handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.“

Den höheren Mächten wirft Goethe vor:

„Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Ihr führt ins Leben uns hinein, ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt ihr ihn der Pein; denn alle Schuld rächt sich auf Erden“.

Goethe glaubte nicht an das Böse. Dennoch kann Faust nur durch das Böse seine Sucht nach Grenzenlosigkeit befriedigen. Widersprüche waren für Olympier Nichtigkeiten. Das Böse muss sein, um des Menschen Trägheit und Antriebslosigkeit zu überwinden. Das Böse wird zum Motor des Guten. „Vom Himmel fordert er die höchsten Sterne und von der Erde jede höchste Lust. Und alle Näh und alle Ferne befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“

Gegenwärtig wird erneut um die Frage gestritten, ob Kunst außerhalb der Moral stehe. Das war die Legitimation Wedels, seine abhängigen Schauspieler in jedweder Form „auseinander zu nehmen“. Das Theater ist kein Revier der Demokratie, bestätigte der frühere Theaterregisseur Claus Peymann. Regisseure benötigten das Gefühl gottgleicher Freiheit, um ihre genialischen Ideen in Kunst zu verwandeln. Moral würde jede Kunst unmöglich machen.

Kunst muss alles beschreiben können, das Vorbildliche und Verwerfliche. Doch zu welchem Zweck? Die Kunst der Antike kannte keinen anderen Zweck, als die Menschen zu unterhalten – und zu belehren. Oder sie besser zu machen. Die christliche Moderne hat die Kunst der moralischen Belehrung entrissen. Der Künstler avancierte zum gottgleichen Schöpfer, der keine moralischen Verengungen duldete. Wie der Schöpfer ein antinomischer Creator war, so wollten die Künstler amoralische Kreative sein, die ihre Schöpfungen aus dem Nichts erfanden.

Safranski lässt in seinem Goethe-Buch nicht erkennen, ob Faust als Herr des Bösen zum Vorbild der Deutschen wurde. Auch für ihn scheint Kunst jenseits von Gut und Böse zu stehen. Wie könnte es auch anders sein, wenn Goethe als Dichterfürst der Deutschen gilt? Von Faust lernten sie, das Grenzenlose mit allen guten und bösen Mitteln anzustreben. Warum gibt es noch kein Buch über das Thema: war Faust das Vorbild der Nazis? Sofern er keinerlei moralische Skrupel kannte, um seine totalitäre Macht zu erringen, war er es.

Die Welt aus Nichts erschaffen, war auch der Grundgedanke Wagners, dessen Gesamtkunstwerk eine ästhetische Wunschwelt imaginierte, die das Ziel hatte, die schnöde Welt nach ihrem Bilde umzugestalten. Der Künstler war der ästhetische Erfinder einer neuen Welt, die mit politischen Mitteln realisiert werden sollte.

Hitler war von Jugend auf ein fanatischer Wagner-Verehrer. Er fühlte sich als Gesamtkünstler, der eine neue Welt durch Vernichten der alten kreieren wollte. Seine deutschen Untertanen empfanden ihn als politisch-ästhetischen Gesamtkünstler, der in seiner Genialität immer wieder neue Wege finden würde, um alle Feinde und Schwierigkeiten zu besiegen. Geniale Ästhetik machte Hitler zum gottgleichen Führer, der gegen jede Kritik immun war:

„Die Hitler-Getreuen und -Gläubigen irritierte nicht einmal das Stalingrad-Desaster 1943: Der sich in der Öffentlichkeit rar machende oberste Befehlshaber konnte darauf bauen, «dass sich das Volk auf die unermessliche Schöpferkraft des ,Führers‘ verließ, der schon Mittel und Wege finden würde, den Gegner zu besiegen. Zumindest eine Zeitlang immunisierte der Genieanspruch gegen nüchterne militärische Einsichten.» Daher lautet der zentrale Satz in der Studie des Stuttgarter Kulturgeschichtlers: «Die hingebungsvolle Unterwerfung unter das Genie ist kein serviler Akt erzwungener Untertänigkeit, sondern die extremste Form selbstgewählter Entmündigung.»“ (FAZ.NET)

Heute wüten feuilletonistische Ästheten erneut gegen jede moralische Kritik der Kunst. Unter ihnen Tilman Krause in der WELT:

„Auf einmal ist Adorno wieder da. Als ob er nicht genug Unheil angerichtet hätte. Von ihm stammt schließlich die heute wieder so beklemmend aktuelle Unsitte, Kunst nur moralisch zu beurteilen.“ (WELT.de)

Demokratie ist die Kunst politischer Moral. Demokratische Gesetze sind das Minimum einer Moral, auf das sich eine Gesellschaft verständigen muss, um sich nicht selbst zu zerstören.

Wenn die Deutschen ihr ästhetisch-machiavellistisches Genie weiterhin über jede Moral triumphieren lassen, werden sie ihre Demokratie aufs Spiel setzen. Die Krise der Demokratie ist eine moralische.

Wir müssen uns ändern.

 

Fortsetzung folgt.