Umwälzung XII

Tagesmail - Montag, den 22. Januar 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XII,

die Königin erschien nicht in der TV-Arena. Sie lässt kämpfen. Der Prozess omnipotenter Gottwerdung ist Vertreiben rivalisierender Götter, Aufstieg ins Unsichtbar-Numinose zur Alleinherrschaft, Ernennen von Boten, Stellvertretern oder Söhnen, die den Menschen ihre Botschaft in Orakeln und Offenbarungen zu überbringen haben.

Von Anfang an war es der Fehler des Herausforderers, nicht auf gleichwertiger Ebene der Repräsentanz zu bestehen. Abgekämpft, überfordert, desorientiert zeigte er sich dem Volk, um Mitleid mit dem gestürzten Heros zu erregen.

Schwindet das Charisma eines SPD-Messias, bleibt ein Erdenrest, zu tragen – tapfer und parteisoldatisch: wir haben hart gearbeitet und werden hart arbeiten. Wer nicht weiß, wie‘s weiter geht, wer kein Genie besitzt, um Wegweisendes locker aus dem Ärmel zu schütteln, der muss ersatzweise – malochen.

Wem Argumente ausgehen, muss es machen wie die Marktschreierinnen, die beispielsweise Andrea, die Männliche, heißen: damit kann ich nicht arbeiten; das ist nicht förderlich; das bringt uns nicht weiter.

Die Wahrheit wird zur Dienerin des hard work: was bringt es, was nützt es, was profitieren wir? Wenn selbst der – einst angelsächsisch verpönte – Nutzen ausbleibt, bleibt nur noch das deutsche Rackern um des Rackerns willen: jeder bleibe in seinem Stand; wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Der Proletenkampf gegen ...

... die Opposition war auch ein Kampf fürs harte Arbeiten.

Erneuern in der Opposition – welch ein Sirenengesang zum Müßiggang, dem Anfang aller Laster. Denken ist keine Arbeit, ihr heidnischen Mußeklassen!

Von der Stirne heiß
rinnen muß der Schweiß,
soll das Werk den Meister loben;
doch der Segen kommt von oben.

Auf den Bänken der Opposition kann man lediglich Worte machen. Nur Regieren ist Arbeiten im Schweiß der Staatsraison. Auch Proleten sind Deutsche, die Wert darauf legen, aufgeklärt-religiös zu sein – was mit Religion nichts zu tun haben darf. War ihr Trierer Urvater nicht auch ein Gottloser, der an die Frohe Botschaft einer Heilsgeschichte glaubte?

Immerhin, es gibt eine diskriminierte Randgruppe, die von der Schmach der Proleten profitiert: es sind die Frauen, die bislang als Nebenwiderspruch fungieren mussten. Es waren vor allem Frauen, mit denen der verlorene Sohn sich umgab. Ursprünglich hatten die Frauen seine devoten Mutterallüren abgelehnt. Dann aber gereute sie das Elend des Verschmähten, sie umgaben ihn wie Amazonen und schlugen seine Feinde in die Flucht. Andrea, Malu, Manuela und Katarina: wieder einmal waren es Frauen, die den Gemarterten nicht im Stich ließen und lieber auf eigene Machtambitionen verzichteten.

Ach, liebwerte Frauen: wenn ihr eure Beherrscher nur bemitleidet, werden sie euch weiterhin mit „Integration in den Arbeitsmarkt“ kujonieren und vor ihren Wagen spannen. Habt wahres Mitleid mit ihnen und entlastet sie von dem, was sie partout nicht können: das Schicksal der Menschen bestimmen, wozu auch das Schicksal eurer Kinder gehört.

Männer haben nur Größenwahn im Kopf, wenn sie nach vorne starren, nicht das Wohl ihrer Frauen und Kinder. 6000 Jahre männlicher Größenwahnkultur sind genug, um zu beweisen: sie können es nicht.

Alle Wege führen zu Muttern. Nicht Schulz hat gewonnen, sondern die Kanzlerin, die zu ergattern scheint, was sie von Anfang an wollte: eine komfortable Mehrheit. Vorausgesetzt, das Proletenvolk erteilt demnächst seinen finalen Segen. Ihren Wortbruch legitimieren die SPD-Granden mit Verantwortung. Ach, was könnten sie Gutes tun, wenn sie nur könnten.

Wer keine Verantwortung hat gegenüber dem Wort, kann auch keine der Tat haben. Wort & Tat sind siamesische Zwillinge für reife Menschen. Nein, sie sind noch immer nicht erwachsen, die Alpha-Proleten. Noch immer flegeln sie mit verbissener Maloche gegen die Gebote des frei um sich schauenden Denkens. Zuerst wollten sie Verantwortung übernehmen durch Gang in die Opposition, wo sie sich erneuern wollten. Und jetzt soll Verantwortung sein, sich nicht mehr zu erneuern?

Doch halt: keine Oppositionsromantik. Könnte man sich nicht auch beim Regieren erneuern!? Wie soll das gehen? Der Kopf ist ausgelastet mit Vollzugsmentalität – und soll sich nebenbei kritisch aus Distanz betrachten? Da übernehmen sich einige und wissen nicht, wovon sie reden.

Vor allem aber: was sollte das sein, das sich Erneuern? Wie macht man das? Durch endloses Herumklügeln über Taktieren und Finassieren? Durch Quoten-Astrologie? Durch demoskopisches Dauerabhören des Volkes? Das Volk ist es leid, dass diejenigen, die gewählt werden wollen, nichts Besseres zu tun haben, als die Massen abzuhören, um sich eigenes Nachdenken zu ersparen.

Was wollt ihr, dass wir euch versprechen sollen – damit ihr uns wählt? Das ist die lästerliche Frage von Liebedienern, die nur Stoff benötigen, um die Macht zu ergattern. Das Volk hingegen flucht: Herrgottsakramentkruzifixdonnerwetter, denkt euch selbst aus, was ihr für richtig haltet – dann werden wir euch schon mitteilen, was wir von euren Gedanken halten.

Führungsklassen lassen das Volk nicht ausforschen, um es kennen zu lernen und sich mit ihm auseinander zu setzen, sondern um es – mit dem bloßen Echo seiner eigenen Meinungen – zu betäuben und an die Wand zu fahren. Warum gibt es in Deutschland keinen Streit? Weil Echo sich mit seinem Echo nicht streiten kann. Versteht sich, dass die Parteien, hinter der Tarnung des Echos – treiben, was sie wollen.

Machtkonservierungsparteien denken schon lange nicht mehr. Sie wollen nichts als ihre Pfründe erhalten. Kein Kommentator stellt die Frage, was Politchristen wollen. Es scheint Konsens zu sein, dass Macht den Frommen als Erstgeburtsrecht zusteht. Aber auch den Veränderungsparteien ist das Räsonieren abhanden gekommen. Sie bieten nichts mehr Geistiges an, weil ihnen nichts mehr einfällt. Tun hat Denken an die Wand gefahren. Gab es je ein denk-allergischeres Zeitalten als das jetzige, das nichts will als das Immergleiche – nur in grenzenloser Quantität?

Wie hassten die Deutschen den Pragmatismus, den Nützlichkeitswahn, der Engländer und Amerikaner! Und nun wird jeder kesse Juso-Vorsitzender, der eine abweichende Meinung wagt, des mangelnden Pragmatismus bezichtigt. Bleibt auf dem Boden, seid nüchtern, heißt heute: überlasst das Denken den Pferden, sie haben die größeren Köpfe.

Glück, Nutzen, ordinärer Wohlstand, all dies Angelsächsische lehnten die tief-sinnigen Denker und Dichter aus den Wäldern Germaniens ab. Heute haben sie alles übernommen, ohne zu wissen, dass sie ihre eigene Tradition verrieten – die sie nie überprüft haben. Traditionen kann man nur verändern, wenn sie bewusst geworden sind. Die Deutschen verändern ihre Tradition, ohne sie je wahrgenommen zu haben. Das könnte man Amnesie der zweiten Potenz nennen.

Der SPD wird mangelnde Kompromissfähigkeit vorgeworfen, sie verharre im Dauermodus streitender Flügelkämpfe. Das Gegenteil ist richtig. Von Kompromissen kann man bei keiner Partei mehr sprechen. Denn Kompromisse sind nur definierbar, wenn man maximale Ziele kennt, die man reduzieren kann.

Seitdem Utopien pathologische Visionen wurden, haben alle Parteien ihren utopischen Zielen abgeschworen. Was sollen das für Kompromisse sein, wenn man seine Ziele einschränken muss – die man gar nicht mehr hat? Nach ewigem Kompromisse-Schließen sind Kompromisse identisch geworden mit Zielen. Selbst Denken ist zum prophylaktischen Kompromisse-Schließen geworden, ohne dass die Denkenden den Utopieverlust bemerken würden. Wer radikale Gedanken äußert, disqualifiziert sich von selbst. Glaubst du ernsthaft, deine Träumereien seien realisierbar?

Im krassen Gegensatz zu diesem Realitätsprinzip wurde das amerikanische Zukunftsprinzip zur Religion der Moderne: Glaub an deine Träume. All deine Träume können wahr werden, wenn du an sie glaubst. Hol die Sterne vom Himmel. Die Sternensehnsucht der Menschen ist grenzenlos.

Erneuern heißt, sich erinnern, wie man geworden ist, um zu klären, wer man sein will. Anamnese, Wiedererinnerung des eigenen Werdens, ist das Geheimnis des sokratischen Dialogs. Die freudianische Formel: erinnern, wiederholen, durcharbeiten, steht in sokratischer Tradition. Was müssten die Proleten wiedererinnern?

a) Die Geschichte aller Klassenkämpfe, die den Menschen zum Ausbeutungsobjekt anderer Menschen machten. Das Wissen der Gerechtigkeit als gleichberechtigtes freudiges Leben aller Menschen. Marxens absurden Widerspruch, von „ewigen“ Klassenkämpfen zu sprechen, den Kapitalismus aber erst in der Moderne anzusiedeln.

b) Vor allem die Geschichte der sozialen Aufstände. Geschichte ist nicht das Spielfeld mächtiger Männer, sondern das Revier nach Gerechtigkeit dürstender Menschen. Nehmen wir die Jacqueries in Frankreich, die Bauernaufstände in Deutschland, die allesamt der klerikal-feudalen Kumpanei zum Opfer fielen.

c) Die Französische Revolution, von Aufklärern vorbereitet, wurde vom Pariser Pöbel durchgesetzt. Kaum war der Aufstand erfolgreich, distanzierte sich die erfolgreiche Bourgeoisie vom Proletariat, orientierte sich nach oben und erniedrigte die kurzzeitig Verbündeten zur bedeutungslosen Masse.

d) Dies wurde zum Gesetz aller Revolutionen, die Menschen humane Verhältnisse bringen wollten. Deutsche Bildung, angeregt von der griechischen Aufklärung, vermittelt über Italien und Frankreich, wollte allen Vernunftwesen das Wahre, Schöne und Gute bringen. Doch innerhalb kürzester Zeit wurde graecomanes Denken zur Arroganz gebildeter Eliten, die mit Verachtung auf die Ungebildeten herabsahen.

e) Die Geschichte der sozialen Bewegungen, die den Menschen von allen feudal-klerikal-bürgerlich-kapitalistischen Unterdrückungen und Ausbeutungen befreien wollten.

f) Den Marxismus, der all seine französisch-englischen Vorläufer als utopischen Sozialismus verachtete. Das „abstrakt-theoretische, spießbürgerlich-moralische Denken“ der sozialistischen Utopisten glaubte Marx durch seine Geschichtstheorie überwunden zu haben. Unabhängig von allem Wollen und Laufen der Menschen, würde Geschichte im Verlauf ihres unbeeinflussbaren Werdens selbst Revolutionen herbeiführen. Der Mensch könne – nach sorgfältiger Beobachtung der Geschichte – diese Entwicklungen nur ein wenig beschleunigen. Das war‘s. Willkürliches Verändern durch autonome Moral – undenkbar.

„Kommunisten wissen zu gut, dass Revolutionen nicht absichtlich und willkürlich gemacht werden, sondern dass sie überall und zu jeder Zeit die notwendige Folge von Umständen waren, welche vom Willen und der Leitung einzelner Parteien und ganzer Klassen unabhängig sind. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischem Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.“ (Marx)

Habermas, Aufklärer, wiederholt die Marx‘sche Absage an die Autonomie des Menschen: die Geschichte müsse dem Menschen erst entgegenkommen, bevor er sie beschleunigen kann. Moralische Mündigkeit, das Vermächtnis Kants, wird von Habermas verworfen. Marxistische Geschichte wird zum Mechanismus, der eigenen Gesetzen folgt. Widersprüche und Klassenkämpfe sind die vorwärts treibenden Faktoren seiner Entwicklung. Erst wenn die dialektischen Spannungen weit genug gediehen sind, bereiten sie die Revolution vor und führen sie eigenständig durch. Der Mensch wird überflüssig. Ihm bleibt nur gehorsame Beobachtung.

g) Der heteronomen Revolution stehen alle sozialreformerischen Bewegungen gegenüber, die aus eigener moralischer Kraft die Verhältnisse ändern wollen. Die kirchlichen Sozialreformen sind ein ambivalenter Sonderfall. Einerseits sollen die Menschen selbständig handeln, andererseits im Gehorsam gegen Gott und Obrigkeit. Diese Zweideutigkeit ist noch heute das Kennzeichen aller katholischen und protestantischen Reformbewegungen.

h) Die schärfsten Gegner von Marx waren kantianische Reformer, die ihr Tun niemandem unterstellten als ihrer Vernunftautonomie. Zu diesen Neukantianern zählte auch Edward Bernstein, der noch heute als „Revisionist“ abgekanzelt wird. Wenn Kritik an einer Lehre Revisionismus ist, muss die Lehre unfehlbar sein. Luther wäre kein Reformator gewesen, sondern Revisionist des Papismus.

In welcher Tradition steht die SPD? In allen. Da sich alle widersprechen, weiß die SPD nicht, wo ihr der Kopf steht. Also entschloss sie sich zum Ausschalten ihres Kopfes. Seitdem wiederholt sie die Geschichte der französischen Bourgeoisie, die sich vom vierten Stand trennte und sich in die Eliten der Gesellschaft einkaufte.

Aufstieg ist die Parole karrieresüchtiger SPDler, die, kaum in den oberen Etagen angekommen, die Brücken nach unten zerstören. Nicht mehr die Gesellschaft muss verändert werden. Jeder Ehrgeizling soll die Fähigkeit erhalten, nach oben durchzupreschen und die Menschen seiner Herkunft ihrem Schicksal zu überlassen.

Spätestens seit der Sintflut des Neoliberalismus drängen alle Sozial-Parteien Europas an die goldenen Näpfe der Oberschicht. Blair und sein Chefdenker Giddens schwadronierten von einem Dritten Weg, Schröder – mangels Masse – schloss sich ihnen widerstandslos an.

Seit dem Unterkriechen der Sozial-Parteien unter die Dominanz aufkommender Milliardäre ist der soziale Reformgedanke in Europa tot. Die SPD hat sich zur Talentsucherin im Auftrag der Oberen erniedrigt, die die Besten von Unten mit Aufstiegsreizen ködert, um sie in die Dienste des Kapitals zu verlocken. Kommt es zu ökonomischen Schwierigkeiten, werden urälteste Tricks benutzt, um das Ganze wieder auf Vordermann zu bringen: man erklärt die Schwächsten zu Schuldigen der Krise und bestraft sie mit Hartz4-Demütigungen. Und schon rollt der Laden wieder. Merke: schuld sind immer die Machtlosesten.

Die SPD wurde zum Hohn ihres einstigen Umwälzungsprogramms. Seit der GROKO hat sie sich an die Schürze der Mutter gekrallt, um sich im Glanz futurischen Größenwahns zu sonnen. Mit Merkel und Machtparteien ist sie weitgehend verschmolzen. Ihre Alibireformen traktiert sie lustlos und widerstrebend. Erst bei Begriffen wie Wirtschaftswachstum, Digitalisierung, Fortschritt beginnen ihre Aufsteigeraugen zu glänzen. Auch Merkel ist sozialer geworden, die SPD aber hat sich weitaus mehr neoliberalisiert.

Im Einzelnen sieht das so aus:

„Zwei getrennte Seelen wohnten von Anfang an in der deutschen Arbeiterbewegung, eine kleinbürgerlich-radikal-gewerkschaftliche und eine revolutionär-sozialistische. Die Gewerkschaften vor allem trieben praktische Gegenwartspolitik, die politische Partei utopische Zukunftspolitik“, schreibt um die letzte Jahrhundertwende der Ökonom Gustav von Schmoller.

Besonders die Gewerkschaften, von Anfang an darauf spezialisiert, mit dem Spatz in der Hand vorliebzunehmen und die radikale Taube zu verschmähen, haben sich bis heute als Bremsklötze aller grundlegenden Veränderungen erwiesen. Sie wollen nur verlässliche Tarife für ihre Mitglieder, alles andere blockieren sie als Sozialromantik. Auch ökologischen Veränderungen haben sie sich von Anfang an in den Weg gestellt. Gabriels anti-ökologisches Bramarbasieren ist uraltes gewerkschaftliches Erbe.

Zudem ist die SPD dem Prinzip Arbeit verpflichtet. Arbeit aber ist Ausbeutung der Natur.

Auch die Emanzipation der Frau ist für die SPD nichts als deren Eingliederung in den Malocherprozess. Hart arbeiten, hart arbeiten: das ist Alpha und Omega des Credos von Schulz & Co. Von politischem Furor, sozial-freiwilligem Engagement, gar von der Lust am Leben ist in der Proletenpartei nichts zu spüren. Sie opfern sich auf und arbeiten hart, weil sie die Leere ihres einstigen Revoluzzerkopfes ungeschehen machen wollen.

Schmoller: „Man wird sagen können: der Marxismus als System war gegen 1900 in der sozialdemokratischen Partei überwunden.“

Das bedeutet, die Internationalität der einstigen Arbeiterparteien wurde zerstört. Die deutschen Arbeiter unterstellten sich dem deutschen Kaiser, wie sie sich heute der deutschen Königin unterstellen.

„Ab 1900 erfolgte der Umschlag, weil auf internationalen Kongressen die Deutschen weder für den Generalstreik, noch für den Massenstreik im Kriegsfall zu haben waren. Bebels neu erwachter Patriotismus verwandelte alle internationale Solidarität zur romantischen Idylle. Ein Kritiker aus jenen Zeiten: „Die deutsche Sozialdemokratie rühmt sich ihrer bewährten Taktik, scheut aber jedes Opfer, erzieht zur Feigheit, zur Herdenmentalität des Gehorsams.“ Die Partei selbst beschrieb ihre Veränderung: „Die Partei beginnt realistisch, vernünftig und patriotisch zu werden.“

Die Gewerkschaften drifteten immer weiter weg von der Partei und wurden geradezu zur ihrer Gegenmacht. Heute spricht niemand mehr von den Gewerkschaften. Ihre Führer verstehen sich mit Industrievorständen besser als mit Parteimitgliedern, die den Traum von einer gerechten Gesellschaft noch nicht aufgaben. Was war das Gesamtergebnis der Anpassung der Partei an den Kapitalismus?

„Das ganze Volk, Arbeiter mit eingeschlossen, erwarb die Fähigkeit zur Organisation und zur Disziplin. Die Ordnung unserer Volkswirtschaft, unseres Erziehungs- und Bildungswesens beruht auf diesen Eigenschaften. Nur wo ein Volk den richtigen Führern zu folgen fähig ist, kann Großes erreicht werden. Wenn französische Wirrköpfe noch immer die Auflehnung der Massen gegen die Führer fordern, so huldigen sie dem Wahn, dass die Menschheit durch Leidenschaft, Kopflosigkeit, Unverstand und nicht durch Vorbedacht, Planmäßigkeit, Zucht und Ordnung vorwärts komme. Die Arbeiter erkannten, dass im Fortschritt der Menschheit nicht die Klasse, sondern das Volk der richtige Organismus sei. Die Entwicklung werde den Sozialismus national machen. Die große Verinnerlichung, Vertiefung des nationalen Lebens werde eine bessere Zukunft herbeiführen. Es werde zur Gleichberechtigung der Arbeiter mit den übrigen Gesellschaftsklassen kommen. Die Arbeiter würden beginnen, die Beseitigung aller Klassengegensätze oder gar die Diktatur des Proletariats als utopistisches Wahngebilde zu betrachten.“ (bei Schmoller)

Alles hat sich wiederholt. Die SPD hat verlernt, Gerechtigkeit als internationale Angelegenheit zu betrachten. Alles hat sich bei uns nationalistisch verengt. Die Deutschen stecken im Sumpf ihrer Leitkultur und ihres nationalen Egoismus – trotz europapolitischer Bekenntnisse.

Während Eliten rund um den Globus nahtlos vernetzt sind, wissen die Proleten der Nationen nichts voneinander. Die internationalen Gewerkschaften sind eine Farce. Seit der „Flüchtlingsschwemme“ sind Fremde zur Bedrohung des eigenen Wohlstands geworden.

Alle Elemente ihrer Entwicklung dümpeln im kollektiven Es der Partei, widersprechen sich und lähmen ihre Gestaltungskraft. Je unheilvoller die Krisen der Welt werden, je mehr schlüpfen die Deutschen in den Kokon ihres nationalen Gartens Eden. Wie sie sich einst dem Kaiser unterordneten, unterstellen sie sich heute der frommen Kanzlerin.

Warum arbeitet die SPD nicht schon seit langem an einem alternativen Bündnis links von Merkel? Warum hasst sie das Bündnis aus Roten, Grünen und Linken? Weil sie keine Orientierung besitzt, um sich eine eigenständige Politik jenseits von Merkel & Co zuzutrauen. Sie, die Proletenpartei ohne Proleten, ist es, die eine Pastorentochter zur alternativlosen Madonna und Königin der Herzen gekürt hat.

Die SPD muss zugrunde gehen, damit junge Kräfte sie von Grund auf erneuern können. Ohne Lernen und Erinnern der Geschichte wird das nicht gehen. Schwatzen in rotierender Ahnungslosigkeit ist ein begrenztes Vergnügen.

Die einstige Arbeiterbewegung war geradezu lernsüchtig. Wann immer die Proleten Zeit hatten, trafen sie sich, um gemeinsame Dinge zu unternehmen. Vor allem, um Bücher zu studieren, zu debattieren und zu einem selbständigen Urteil zu gelangen.

Lernen ist für heutige Zeitgenossen zur Zumutung geworden. Eliten verstümmelten das Lernen zur lebenslangen Fach-Ausbildung. Wer sich heute bildet, lernt nicht, die Gesellschaft kritisch wahrzunehmen, sondern seinen Aufstieg zu wagen.

Der kategorische Verdummungsimperativ der Futuristen hat die Gesellschaft durchdrungen. Eine Gesellschaft, die nicht weiß, dass sie nichts weiß, weiß auch nicht, dass ihre über allen Lagern schwebende Kanzlerin auch nicht weiß, dass sie nichts weiß. Exzellente Machtinstinkte und Eiapopeia-Formeln: das ist der Kern ihrer charismatischen Herrschaft – die unwiderruflich zu Ende geht.

Wir müssen uns ändern.

 

Fortsetzung folgt.