Neubeginn XCV

Tagesmail - Montag, den 11. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCV,

Religion von West bis Ost. Amerika, Russland, die islamischen Staaten, Israel, osteuropäische Länder, Deutschland stets auf leisen Sohlen hinterher: wir erleben die Wiederkehr der in Macht und Herrlichkeit auferstandenen Männerreligion.

Das halbe Jahrhundert der Nachkriegszeit war eine Epoche der Neu-Aufklärung, ein Lernen aus ungeheuren Fehlern messianischer Endzeitorgien, eine Zusammenarbeit der Völker im Namen der UN-Menschenrechte.

Wie der Aufklärung die vernunftfeindliche Epoche der Romantik folgte, so folgt der Neu-Aufklärung, die an die völkerverbindende Macht der Vernunft glaubte, die jetzige Abkehr von aller menschenfreundlichen Politik. Grenzen werden hochgezogen, Mauern spalten die Kontinente, schreckliche Kriege werden angedroht, Hunger und Elend vernichten unzählige Menschen, die Kluft zwischen Profiteuren und Verlierern wächst ins Unbegrenzte.

Der Planet militarisiert sich, die Nationen starren vor Waffen, mit denen sie die Erde zerstören können, die sündige Natur wird zerstückelt, die Welt in Gute und Böse, Starke und Schwache, Gläubige und Heiden gespalten.

Die Geschichte befindet sich in Händen eines Gottes, dessen Ziele durch auserwählte Nationen mit Macht und Wirtschaft, Feuer und Schwert realisiert werden müssen. Der Endsieg der Geschichte gehört den Lieblingen eines Gottes, der seine  leider nicht sehr gute  Schöpfung vernichten und mit den Seinen in ewiger Seligkeit leben will.

Deutschland war die führende Macht der Gegenaufklärung. Nicht Kant war Fortsetzer Luthers, sondern der protestantische Theologe Johann Georg Hamann. Hamann war ein Gegner allen rationalen Denkens und ein Gegner der ...

... Griechen. Den Glauben an die Vernunft verwarf er, Kampf gegen den Vernunftglauben war seine Leidenschaft. Eine Vernunft, die zeitlos gültig über Natur und Geschichte schwebt, war für ihn eine satanische Einbildung. „Warum bleibt man bei den durchlöcherten Brunnen der Griechen stehen“? Logik schien ihm unfruchtbar, zu Widersprüchen hatte er eine „unnatürliche Neigung“.

Nicht anders als die deutschen Intellektuellen der Gegenwart, die von Widersprüchen fasziniert sind und nicht daran denken, Eindeutigkeit in ihr Denken zu bringen, um eine eindeutige Politik im Dienst der Menschen hervorzubringen. Demokratische Kompromisse sind für sie keine notwendigen Zwischenschritte im Wettbewerb der Wahrheit, sondern Flucht ins Widersprüchliche, Ungereimte, ins Unerfassbare und Lösungsunwillige. Kurz: ins Erlösungsbedürftige.

Geist war für Hamann keine Vernunft, sondern Genie. Genie war prophetischer Geist, der der Welt als Wahnsinn erscheint. Für die Welt muss man Narr werden, um weise zu sein. Genie und Wahnsinn sind untrennbar. Genie ist etwas Göttliches. Gemessen an der logischen Weltweisheit hat Genie stets etwas Paradoxes, Irrationales. Die Sprache des Genies ist dunkel. Dunkelheit gehört zur Erhabenheit des erleuchteten Geistes über die Vernunft.

Hamann verachtete die nüchterne Verständigkeit der Aufklärung und fühlte eine innige Vorliebe für die coincidentia oppositorum, die Verbindung von Widersprüchen. Den Satz des Widerspruches hasste er von Jugend an. Alles wahrhaft Lebendige ist eine Vereinigung von Widersprüchen. Hegels dialektische Versöhnung von Widersprüchen beruht auf Hamanns Liebe zur Weisheit Gottes, die für die Welt eine Torheit ist.

„Ich bin nirgends und allenthalben zu Hause, kann aus nichts auf der Welt, am allerwenigsten aus mir selber klug werden. Und mitten in der größten Dunkelheit und Verzweiflung genieße ich einen Frieden, der höher ist denn alle Vernunft. Ich verstehe mich selbst nicht. Logisches System ist schon an sich ein Hindernis der Wahrheit.“ Selbsterkenntnis ist ihm nur möglich durch Gotteserkenntnis. Dunkel und desorientiert, aber im Reinen mit sich durch Glauben: Hamanns Selbstbeschreibung trifft passgenau auf Merkel zu.

Nein, Merkel ändert nicht ständig ihre Meinung, wie oberflächlige Kritiker tadeln. Sie hat überhaupt keine klaren Meinungen, also kann sie dieselben auch nicht ändern. Meinungen sind irdische Torheiten, die man wechseln kann, wie Gott es anheim gibt. Gott offenbart sich in Natur und Geschichte, keineswegs in der Sprache der Vernunft.

Die Heilige Schrift ist das Organ der Offenbarung. Die menschliche Vernunft ist durch den Sündenfall erstickt und verwildert. Nicht nur die biblische Geschichte: die gesamte Weltgeschichte ist der „Schauplatz göttlicher Taten und deshalb Offenbarung des göttlichen Willens.“ Kraft eigener Vernunft kann der Mensch die Welt nicht erkennen. Alle natürliche Erkenntnis ist offenbarte Erkenntnis. „Fakta beruhen auf Glauben. Unser eigen Dasein und die Existenz aller Dinge außer uns muss geglaubt und kann auf keine andere Art bewiesen werden.“

Ist Natur durch Vernunft unerkennbar, kann der Mensch keine verlässliche Beziehung zu ihr herstellen. Hat er zudem seinen Glauben an die Offenbarung verloren, ist er für immer von der Natur getrennt. Eine ökologische Empathie zur Natur wäre für Hamann eine Blasphemie gewesen.

Fast alle modernen Philosophien sind Agnostiker, was die Erkenntnis der Natur betrifft. Man kann konstruieren, mathematische Vermutungen durch Experimente vorläufig bestätigen. Dennoch erreichen Konstrukte und fragmentarische Erkenntnisse nie den Status letzter Gewissheit. Wir rätseln, raten und vermuten – ganz nach dem Klischee, dass der Mann das unerklärbare Weib nie erfassen wird.

Die Natur, das mysteriöse weibliche „Ding an sich“ (Kant), bleibt dem Menschen fremd und unnahbar. In gewisser Hinsicht kann man sie dressieren und unter Kontrolle kriegen. Sie wirklich erkennen aber ist eine unendliche Angelegenheit, weshalb der naturwissenschaftliche und technische Fortschritt unendlich sein muss. Das Ziel bleibt unerreichbar. Mann und Frau, Mensch und Natur bleiben sich ewig fremd. Erkennen bleibt die Frucht der Sünde eines Weibes; Glaube des Mannes das Gesetz der Zukunft, die nie volle Wirklichkeit werden kann und sich dem Zugriff des Menschen entzieht.

Wahrheiten des Glaubens sind nicht zeitlos. Gott offenbart sie willkürlich von Zeit zu Zeit, um dem Menschen alle Vernunfterkenntnis zu entziehen. Christliche Moral ist kein Gesetz, sondern „Verheißung“. Die schärfste Kritik Hamanns an der Aufklärung fasst sich im Satz zusammen: „Aufklärung ist Gesetz, Christentum ist Freiheit.“

Noch heute wird der aufgeklärten Moral der Vorwurf des gesetzlichen Zwanges gemacht. Echte Moral müsse frei sein, sich täglich neu erfinden dürfen. In der Tat ist antinomische Anarchie der Kern des christlichen Glaubens. Noch immer ist die Moderne der Gegenaufklärung verpflichtet, da sie nicht versteht, dass der Mensch durch selbstbestimmte Moral nicht geknechtet werden kann, denn er hat sie sich in autonomer Freiheit selbst gegeben.

In der Aufklärung der Nachkriegszeit herrschte ein weltweiter Optimismus über die menschlichen Fähigkeiten, sich einen planetarischen Frieden zu erarbeiten. Just der Moment der verheißungsvollsten Perspektive schlug um in sein Gegenteil. Als Reagan Gorbatschow aufforderte, die Mauer niederzureißen, war er von seinem Erfolg selbst überrascht. Anstatt den Weg der Beendigung des Kalten Krieges weiter zu verfolgen, überfielen den amerikanischen Präsidenten heftige Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns:

„Im Gespräch mit Moskaus Außenminister Eduard Schewardnadse ruderte Reagan am 23. September 1988 deutlich zurück. Laut US-Vermerk räumte der Präsident ein, es sei «vielleicht unrealistisch gewesen, den Abriss der gesamten Mauer vorzuschlagen». Die deutsche Teilung sei Folge des Krieges, und "viele" fänden, Deutschland dürfe «nie wieder die stärkste und mächtigste Macht im Zentrum Europas sein.»" (SPIEGEL.de)

Die neue Friedensperspektive wurde für das biblizistische Amerika bedrohlich. Es drohte der Verlust des existentiellen Gegners – das Reich des Bösen. Wie können Amerikaner, die Guten, den Kampf gegen die Bösen kämpfen, wenn das Böse abhanden kommt? Das wäre wie Gottes Kampf gegen den Teufel ohne Teufel.

Zudem durften die Deutschen nicht so schnell aus ihrem Status der Sünder entlassen werden. Denn Amerika brauchte noch den Ruhm, die Welt vor den Bösen errettet zu haben. All dies wäre allzu schnell verblasst, wenn Deutschland sich normalisiert und zu einer neuen Großmacht entwickelt hätte.

Trumps Invektive: „die Deutschen sind böse, sehr böse“ ist ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen. Obama war ein Freund der Deutschen. Doch auch er benötigte die Gegnerschaft Putins, weshalb er Russland zur regionalen Macht degradierte und aus dem Kreis seiner Verbündeten ausschloss.

Die Diskriminierungen Russlands blieben nicht ohne Wirkung. Dass wir eine Neuauflage des Kalten Krieges erleben, verdanken wir der pathologischen Fixierung von Gods own country an das Reich des Bösen. Das Land hätte seine biblizistischen Fundamente zerstören müssen, wenn es seinen Dualismus in einen versöhnlichen Monismus hätte verwandeln wollen.

Von letzterem ist der Kontinent weit entfernt. Trumps Erfolg war die Rückeroberung des allzu säkular gewordenen Weltstaates durch seine Frommen, die lange Zeit der heidnischen Dreistigkeit zugeschaut hatten. Mit ihrem unberechenbaren Präsidenten haben sie sich ihre göttlich-teuflische Weltunordnung zurückerobert. Wenn das Ich sich nur durch feindseligen Kontrast mit einem Anti-Ich stabilisieren kann, droht seine Identität verloren zu gehen, wenn der Feind abhanden kommt. Ich hasse, also bin Ich.

Die Deutschen fühlen sich als aufgeklärte Christen, weshalb sie keinen Grund sehen, den religiösen Faktor als Ursache politischen Fehlverhaltens in Betracht zu ziehen. Aus dem gleichen Grund können sie bei Trump, dem Dämon des Neoliberalismus, keine religiösen Faktoren feststellen. Das würde ihre aufgeklärte Glaubensversion in Mitleidenschaft ziehen.

Ein SPIEGEL-Interview mit Robert Jeffress indes, dem Pastor des Weißen Hauses, entlarvt die biblizistische Tiefenstruktur des Präsidenten:

„Amerika war viele, viele Jahrzehnte in einer tödlichen Abwärtsspirale gefangen, weil sich das Land von Gottes Worten lösen wollte. Amerika wurde auf der Grundlage biblischer Werte und klarer moralischer Prinzipien gegründet. Aber die Säkularisten haben vor 50 Jahren ein Experiment begonnen, sie wollten unser Land von Gott lösen, um zu sehen, ob wir auch ohne ihn klarkommen. Sie wollten jedem die Freiheit geben, selbst zu entscheiden, was moralisch richtig und was falsch ist. Dieses Experiment ist schrecklich gescheitert.“ (SPIEGEL.de)

Wir stehen vor dem Urtext des Trump‘schen Erfolgs. Was Deutschland in der immer gottloser werdenden zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte, worauf es mit Nihilismus und Pessimismus reagierte, erlebt Amerika heute mit dem Niedergang seiner Weltmacht. Solange die amerikanische Verknüpfung aus Demokratie und Glauben die Welt anführte, gab es keinen Grund, der erfolgreichen Synthese zu misstrauen. Im Gegenteil: war es nicht die prästabilierte Harmonie aus Athen und Jerusalem, die den Amerikanern ihre Weltgeltung verschafft hatte?

Doch je mehr die Fassaden des Neuen Kanaan zu bröckeln begannen, umso unsicherer wurden die erfolgsverwöhnten Kinder Gottes. Kennedy war die letzte Figur des weltzugewandten, verlässlichen Vorzeigedemokraten.

Die Ermordung der beiden Kennedy-Brüder, der lügenhafte Nixon: sie waren bereits der Umbruch, auf den Ronald Reagan mit der Einführung des Neoliberalismus antwortete. Wenn schon die geistig-moralische Führerschaft verloren zu gehen drohte, sollte wenigstens die entfesselte Wirtschaftsmacht den Riesen auf dem Treppchen halten. Die Reste des linken New Deal wurden zerschlissen, die Epoche der herrschenden EINPROZENT begann. Der homogene Reichtum der Nachkriegszeit löste sich auf, die Kluft zwischen Erfolgreichen und Losern begann sich auszudehnen. Unter den Letzteren auch viele Gläubige aus dem wirtschaftlich schwachen Bible Belt.

Der gottlose Aspekt der Säkularisation wurde den Frommen immer bewusster: das Land sollte von Gott gelöst werden, die Einzelnen wurden in Versuchung geführt, über ihr Leben selbst zu entscheiden. Das war Sünde wider den Heiligen Geist. Alles, was folgte, war die Strafe des Herrn für die heidnische Rebellion. Nur ein Trump, der die Wiederherstellung des guten alten Amerika versprach, konnte hier Abhilfe schaffen:

„Er weiß genau, dass unser Land tief gespalten ist. Ich kenne Donald Trump, er ist nicht so, wie er in den Medien oft dargestellt wird. Er will wirklich das Land zusammenbringen und versöhnen. Und ich glaube, ihm ist bewusst, dass unser Land letztlich auch spirituelle Heilung braucht.“

Trump ist für die WASP – die weißen angelsächsischen Protestanten – ein Heiland, der sie erlösen soll. Seine Verrücktheiten sind die erfrischenden Früchte seiner evangelischen Freiheit, die eben keine knechtischen Gesetze sind. Dass er eine Mauer bauen will, soll eine unchristliche Gesinnung verraten? Im Gegenteil: Trump befindet sich im Einklang mit Nehemia, der eine Mauer um Jerusalem errichtete:

„Es steht so in der Bibel geschrieben: Die Regierung hat die Pflicht, die Bürger zu schützen. Am Tag seiner Amtseinführung habe ich in meiner Predigt das Beispiel von Nehemia angeführt. Er war ein Geschäftsmann und wurde von Gott beauftragt, Israel wiederaufzubauen. Ich habe Trump gesagt: Nehemia errichtete eine Mauer um Jerusalem, um seine Bewohner zu schützen. Gott ist nicht gegen den Bau von Mauern. Da hat er gelacht. Aber es ist wahr.“

Dass der Papst die Mauer ganz anders bewertet, liegt an seiner papistischen Bibelvergessenheit.

Trump ist auch berechtigt, den nordkoreanischen Diktator anzugreifen und zu töten.

„In der Bibel steht im Kapitel Römer 13, dass Gott Regierungen die Verantwortung dafür erteilt, an jenen Rache zu üben, die teuflische Taten begehen. Deshalb hat Gott der Regierung das Recht gegeben, das Leben der Übeltäter zu nehmen, entweder durch die Todesstrafe oder durch Krieg, wenn es denn so etwas wie einen gerechten Krieg gibt. Und deshalb hat Donald Trump laut Bibel die moralische Autorität, alles zu unternehmen, um die Bedrohung, die von Kim Jong Un ausgeht, zu neutralisieren. Entweder durch Krieg oder durch eine gezielte Tötung.“

Nach Römer 13 ist jede Obrigkeit von Gott. Auch die nordkoreanische. Wer bestimmt nun, was teuflische Taten sind, wenn auch fromme Obrigkeiten Gewalt und Krieg einsetzen dürfen, um Gottes Willen zu tun? Gott kann heilige Kriege fordern, um den Glauben in der Welt zu verbreiten. Eine eindeutige Moral gibt es für Ihn nicht.

Doch mit solch heidnischer Logik gibt sich kein wiedergeborener Christ ab. Er ist sich sicher: er ist der Gute, auf welchem der Segen des Herrn ruht. Alles, was er tut, ist Gott genehm, denn es ist die Frucht seines Glaubens.

Für all diese fundamentalistischen Charakterzüge Trumps haben die Deutschen kein Verständnis. Selbst die New York Times benötigte viele Reporter, um bloße Trivialitäten des Präsidenten herauszufinden. Dass seine absonderlich scheinenden Eigenwilligkeiten einer biblischen Mission entspringen, scheint selbst der besten Zeitung der Welt (Steinmeier) entgangen.

„Alles in allem entsteht das Bild eines Präsidenten, der auch nach einem Jahr immer noch nicht willens oder in der Lage ist, die Realitäten im politischen Gefüge Washingtons zu akzeptieren. Die Nachrichten im Fernsehen, kurze Briefings statt der Lektüre umfangreicher Dossiers und die Einflüsterungen des engsten Kreises bestimmten die Entscheidungsfindung. Grautöne gebe es nicht, nur Schwarz-Weiß.“ (SPIEGEL.de)

Grautöne lieben die Deutschen. Konturlose Kompromisse haben sich bei ihnen an die Stelle der Wahrheit gesetzt. Dass Schwarz-Weiß zwei völlig verschiedene Bedeutungen haben kann, ist ihnen unbekannt. Es kann die Schärfe der logischen Widerspruchslosigkeit sein. 1 und 1 ist immer zwei und niemals etwas dazwischen. In der Theologie aber ist schwarz-weiß die Unversöhnlichkeit der Kinder Gottes mit Kindern des Teufels. Was aber wäre der Grauton zwischen Seligkeit und höllischem Feuer? Indem sie Grautöne bevorzugen, lehnen sie nicht nur logische Rigidität ab, sondern die Grundlagen ihres Glaubens, dessen Dualismus sie im Geist der Aufklärung angeblich überwunden haben.

Dass die Deutschen keine aufgeklärte Nation sind, zeigt eine Ex-Proletenpartei mit eindeutig messianischen Verhaltensmustern. Zuerst machten sie Schulz zum Heiland, der übers Wasser gehen konnte. Nach verlorener Wahl war er der Buhmann, der die Niederlage allein zu verantworten hatte. Zuerst der strahlende Erlöser, dann der Gekreuzigte, der für alle die Schuld auf sich nehmen musste. Dass die Partei ihren Kandidaten gewählt, seine Parolen für richtig gehalten hatte, dass Sieg und Niederlage die Sache des ganzen Kollektivs war: da war kein Funke einer rationalen Analyse zu erkennen. Eine Volkspartei will nicht erkennen, dass sie nur zusammen gewinnen und verlieren kann.

Die messianische Struktur verrät das Elitendenken der deutschen Führungsklassen. Sieger und Verlierer sind immer die Oberen. Das Volk spielt keine Rolle. Ist das Ergebnis einer Wahl auch zum Davonlaufen: Wählerschelte ist verboten.

Die patriarchalische Scheinfürsorglichkeit ist in Wirklichkeit eine totale Negierung des Pöbels. Alle tragenden Rollen, die Helden und die Schurken, werden von Denen-da-Oben gespielt. Das Volk spielt eine Statistenrolle.

Neuwahlen mögen lästig und teuer sein: dennoch wäre es urdemokratisch, dem Volk die Chance zu geben, seine Nicht-Wahl zu korrigieren und eindeutige Präferenzen zu setzen. Doch das Subjekt der Volksherrschaft muss entthront werden. Im europäischen wie im nationalen Bereich. Ja keine Referenden zu einer europäischen Neuverfassung. Die modernen Eliten haben sich an die Stelle der Kleriker gesetzt, die den Zugang zum Himmel allein garantieren konnten.

Auch in Putins Russland hat sich die Macht der orthodoxen Kirche zu einer reaktionären Unfehlbarkeitsinstanz verfestigt, behauptet Osteuropa-Historiker Karl Schlögel in einem SPIEGEL-Interview:

„Ich habe selbst einen religiösen Hintergrund. Ich hoffte immer, dass es so etwas wie eine Wiedergeburt der russischen Kirche als moralischer Instanz geben könnte, dass sie sich gegen die Verwahrlosung engagieren würde. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen sehen wir die Entfaltung von Macht und Staatskirche, allenthalben den Glanz der goldenen Kuppeln, nicht aber Suppenküchen und Hilfe für die Notleidenden, dazu eine militante, wirklich reaktionäre Fremdenfeindlichkeit. Also ich musste mich belehren lassen, dass diese Kirche wieder eine ganz entscheidende, staatstragende Rolle spielt, in der die Hierarchie alles ist.“

Prophete West gegen Prophete Ost. Überall Propheten, Erwählte und Führer im Namen einer göttlichen Geschichte. Merkels traumwandlerisch sichere Rolle der Irrtumslosen in allen Widersprüchen der Politik ist die Folge ihres demütigen Gehorsams unter den Willen ihres Großen Vaters. Sie ist auf der richtigen Seite der Geschichte. Die Deutschen wählen sie blind, weil ihre Ungereimtheiten durch Glaubensgehorsam aufgehoben werden. Bei aller Kritik, die Merkel zunehmend einstecken muss: die religiösen Wurzeln ihrer Idiosynkrasien werden von der ganzen Nation ausgeblendet.

In Amerika wird Trump viel heftiger attackiert. Zwar gibt es auch hier kaum religiöse Kritiker. Sein Charakter aber wird von Experten zur psychiatrischen Kenntnis entlarvt. Trump zeige einer der schwerwiegendsten aller seelischen Störungen.

„Soziopathen litten unter einem "Defekt in der grundlegenden Natur ihres Menschseins". Ihre typischen Eigenschaften: "Sadistisch, mitleidlos, grausam, abwertend, unmoralisch, primitiv, kaltschnäuzig, räuberisch, schikanierend, entmenschlichend.“ Trump werden ein "hypermanisches Temperament", eine "wahnhafte Loslösung von der Wirklichkeit" und "paranoide Hyperempfindlichkeit" attestiert. Die Autoren unterstellen ihm nicht nur "Gedankenlosigkeit", "Leichtsinn" und "Selbstverherrlichung", sondern auch "Frauenhass", "Boshaftigkeit" und "Bewunderung für Gewaltherrscher". Sogar vor Vergleichen mit Adolf Hitler schrecken die Fachleute nicht zurück.“ (SPIEGEL.de)

Durch Amerika geht ein Riss. Auf der einen Seite Anbeter des Messias, auf der anderen Ankläger des Teufels. Doch auch dies verbleibt im Rahmen des dualistischen Dogmas. Christ und Antichrist ähneln sich derart, dass selbst Gläubige sie kaum unterscheiden können.

Die Mächte der Religion haben West und Ost im Griff. Kein Zufall, dass Jerusalem, die goldene Stadt dreier Heilsreligionen, zum Zentrum eines Weltkonfliktes werden konnte.

Was hat Athen mit Jerusalem zu tun? fragte Kirchenvater Tertullian. Athen, die Stadt der Urdemokratie, ist abgeschrieben.

 

Fortsetzung folgt.