Neubeginn LXXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 22. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXVII,

das Volk in Not. Gestern noch „ennui der Mitte“ (Poschardt) – über Nacht brennt‘s an allen Ecken und Enden. Eben noch schwamm das Volk – pardon, seine Geschäftsführer – im Glück. Plötzlich werden Gnade und Wut beschworen, Reisläufer des Unheils, Vorboten des heiligen Zorns.

Macht Regieren, Lieblingsbeschäftigung bewährter Obrigkeitsanbeter, den Untertanen keinen Spaß mehr? Zeit für Einweisung in eine Reha-Klinik zur Bekämpfung national-psychischer Kippbewegungen, unter der Leitung zweier erwiesener Seelen-Experten. Des Bundespräsidenten und des Bundestagspräsidenten.

„Kann dieses deutsche Volk, das in der Not so bewundernswerte Tugenden entfaltet, Stunden des Glücks wirklich nicht ertragen? – Muß es deutsche geschichtliche Tragik bleiben, daß unsere Maßlosigkeit die Früchte ehrlicher Arbeit nicht heranreifen läßt, daß wir immer schon heute gewaltsam besitzen wollen, was uns die Gunst erst morgen? darbietet?“

Hatte Ludwig Erhard sein Volk am 23. August 1956 in sorgenvollem Ton befragt. Da waren die Deutschen erst seit zwei Jahren Fußballweltmeister und hatten die Alpen zum ersten Mal mit einem Volks-Wagen bezwungen.

In der Not erst zeigt sich der Mann. In der Not erst entfalten die Deutschen ihre bewundernswerten Tugenden. Und ohne Not? Zeigen sie nichts – außer gewaltsamer Maßlosigkeit. Ach, heilsame Not, komm über uns, auf dass wir wieder recht tugendhaft werden. Denn uns droht das Interregnum, eine grauenhaft-regierungslose Zeit. Wann wird es auf den politischen Marktplätzen landauf und ...

... landab wieder klingen:

Denn geendigt nach langem verderblichen Streit
War die regierungslose, die schreckliche Zeit,
Und eine Kanzlerin war wieder auf Erden.
Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
Nicht fürchtet der Schwache, der Lohnabhängige mehr,
Der Kapitalisten Beute zu werden? (frei nach F. Schiller, Der Graf von Habsburg)

Die Not, das Böse und die Übel: sie sind Geburtshelfer der Deutschen beim ökonomischen Siegeslauf über die Völker. Selbst der erste Aufklärer der Deutschen will hier nicht abseits stehen:

„Dank sei der Natur für die missgünstig wetteifernde Eitelkeit, die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben und zum Herrschen. Die natürlichen Triebfedern, die Quellen der Ungeselligkeit und des Widerstandes, woraus so viele Übel entspringen, die aber zur neuen Anspannung der Kräfte, also zur Entwicklung der Naturanlagen antreiben, verraten die Anordnung eines weisen Schöpfers – und nicht etwa die Hand eines bösartigen Geistes, der seine herrliche Anstalt verderbt habe.“ (Kant)

Die Gefahr für die Nation ist vorbei. Die Gefahr eines „arkadischen Schäferlebens“, in welchem bei „vollkommener Eintracht, Genügsamkeit und Wechselliebe alle Talente auf ewig in ihren Keimen verborgen bleiben.“

Nun kennen wir den Grund deutscher Moralfeindlichkeit: sie wollen tüchtig und erfolgreich sein in der Welt, ihre Begabungen in Startups, ihre Fähigkeiten in klingende Münze verwandeln. Nur Missgunst über Konkurrenten, Gier nach Haben und Herrschen entfalten ihre erstaunliche Leistungsfähigkeit. Moral hingegen schläfert ein, macht ehrgeizlos und träge. Weshalb sie seit alters her die Philosophie des Glücks verschmähen. Was war das Schlimmste an der Aufklärung – seit den Zeiten des Hellenen?

„Alle sittlichen Mächte des Hellenismus gaben sich hin in den Dienst des Eudämonismus (der Glücksphilosophie); Pflichterfüllung und Tugendübung galten ihnen nur als Gattung des Genusses.“ (Droysen, Geschichte des Hellenismus)

So kam‘s, dass gute Zeiten für die Deutschen schlechte Zeiten wurden – und umgekehrt: wenn sie Not, Übel und das Böse über die Welt bringen konnten, hielten sie sich für die Größten.

In seinem Buch „Das Ende des Idealismus im Zeitalter Bismarcks“ charakterisierte Wilhelm Lütgert den Pessimismus der Deutschen – ausgerechnet nach der Bismarck‘schen Überwindung der jahrhundertealten Zersplitterung des deutschen Volkes und der Gründung einer einheitlichen Nation: „Am merkwürdigsten ist die Steigerung des Pessimismus in der äußerlich angesehen glücklichsten Zeit des deutschen Volkes.“

Pessimismus war die gelehrte Bezeichnung für das, was heute „Jammern auf hohem Niveau“ bedeutet. Sie hatten Erfolg – und wurden depressiv, litten unter der „Sinnlosigkeit des Daseins“. Wenn sie sich nicht täglich quälen müssen, geraten sie in Langeweile und Verdruss. Nur Kampf und Mühsal lenken sie ab vom gefährlichen Sinnieren über die Welt im Allgemeinen und Gott im Besonderen.

Für Kardinal Marx wäre ein BGE das Ende der Demokratie. Denn Müßiggang ist nicht nur aller Laster Anfang, sondern der Todesstoß gegen das christliche Leben. Nicht Glauben allein, sondern Glauben und Arbeiten sind Kernelemente des wahren Christenlebens. Was werden die Kirchen tun, wenn omnipräsente Roboter fast alle Arbeitsplätze vernichten werden?

Welch ein Scharmützel zwischen den Christen! Die einen begrüßen orgiastisch die digitalisierte Zukunft als Befreiung von aller Mühseligkeit, die anderen warnen vor einem gottlosen Leben in Leichtsinn und Überfluss. Und beide Glaubensrichtungen unter dem Einheitsdach der C-Parteien.

Erst als Bismarck die „müde Gleichgültigkeit seiner glaubenslosen Jugend“ überwunden und zum Glauben gefunden hatte, „trat er kampfeslustig ins öffentliche Leben“. Von Gott fühlte er sich auf seinen Posten gestellt: „Ich bin Gottes Soldat, und wo er mich hinschickt, da muss ich gehen, und ich glaube, dass er mich schickt und mein Leben zuschnitzt, wie er es braucht.“

Pessimistische Zeiten sind trostlose Zeiten mitten im äußerlichen Glück, das als Tand und Glitter empfunden wird. Warum regredieren pessimistische oder depressive Zeiten in religiöse Vergewisserung? Weil nur ein kämpferischer Gott seinen Gläubigen den Sinn des Lebens durch Hauen und Stechen vermitteln kann. „Den guten Kampf habe ich gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt. Fortan liegt für mich bereit der Kranz der Gerechtigkeit.“

Welch frappante Ähnlichkeit der Bismarck‘schen Epoche mit der unsrigen. Die Geschichte hält sich nicht an das deutsche Gebot, sie habe sich nicht zu wiederholen.

Die Deutschen können das Glück und die Größe nicht vertragen, ihre Art Idealität beruht auf Sehnsucht, wenn sie es einmal haben und nichts mehr zu sehen ist, so werden sie frivol werden, die Hände reiben und sagen: Unsere Heere haben es ja besorgt, seien wir jetzt recht gemeine Genuss- und Geldhunde mit ausgestreckter Zunge“, schrieb der Zeitgenosse Bismarcks, der Philosoph Friedrich Theodor Vischer.

Sie sehnen sich nach einem glücklichen Leben. Doch wehe, ein solches könnte zur Tür hereintreten. Es ist das alte Gesetz von der verziehenden Parusie, der Verheißung ohne Erfüllung, die die Deutschen zur Sehnsucht treibt, die nicht erfüllt werden darf. Freud sprach von Lustangst. Leiden-schaft ist im Deutschen kein Furor überschäumender Lebensenergie, sondern Masochismus als nationale Wut. Da, wo du nicht bist, da ist das Glück.

Glück: das Wort gibt es nicht im Neuen Testament. Seligkeit ist Glück im Jenseits, das durch irdisches Leiden verdient werden muss. Die Psychologie des Neuen Testaments ist zur Psychologie der Deutschen geworden. Lustangst ist Paradiesangst, Utopieverbot. Den Menschen darf es nicht gut gehen, das wäre ein blasphemischer Akt gegen das Seligkeitsmonopol des himmlischen Herrn.

Hier verläuft die Kluft zwischen amerikanischem und deutschem Christentum. Die Eroberer des neuen Landes Kanaan haben den zweiten Garten Eden bereits unter Kontrolle. Nicht ganz, aber im Prinzip. Gott beschenkt die Seinen schon hienieden. Der unendliche Reichtum, der die Frommen erwartet, wird bereits auf Erden verteilt.

Das haben die Deutschen, seit Jahrhunderten im Jammertal zuhause, nie verstanden. Doch als sie selbst reich und mächtig wurden, spaltete sich ihr Bewusstsein. Vordergründig wurden sie amerikanisch, im kollektiven Unbewussten aber blieben sie ihrem Evangelium der Armen treu.

Diese Spaltung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum nationalen Charakter. Während sie zu den reichsten Nationen der Welt aufschlossen, vertraten ihre Herz-Jesu-Marxisten noch immer das Evangelium der Armut.

In heilloser Schizophrenie sind sie Befürworter all dessen, was erfolgreich und mächtig macht, gleichzeitig halten sie armuts-glorifizierende Kanzelreden noch immer für das Nonplusultra einer weltbesten Ethik. Was sie englischen Krämern vorwarfen, war bewusstseinslose Selbstkritik: auch sie sagen Christus und meinen Kattun.

Die Schizophrenie begann mit dem Bismarck‘schen Aufstieg der Deutschen zu einem mächtigen Kapitalistenstaat. Vischer konnte sich die heraufkommende Sinnkrise der Deutschen nur aus dem steigenden Einfluss der amerikanischen Unkultur erklären: „Die Gefahr, die uns droht, ist der amerikanische Materialismus.“

Sein Kollege, der Historiker Treitschke, ergänzte diese Analyse mit den Worten: „Wir haben die einfache Genügsamkeit und den stillen Fleiß alter Tage verloren. Unser Bürgertum hat den lockenden Versuchungen einer Epoche fieberischer Spekulationen wenig standgehalten. Viele neue Vermögen sind entstanden, von unsauberen Händen durch verwerfliche Mittel angesammelt.“

In dieser Luft gedieh der Pessimismus, vertiefte und verbreitete sich mit wachsender Macht. Ihren deutschen Idealismus hielten sie für den Inbegriff des Optimismus. Da er aber gegen das Heraufkommen des „modernen“ Pessimismus nichts ausrichten konnte, hieß das: der deutsche Weltherrschaftsgedanke wurde am Boden zerstört. Die Deutschen mussten sich den paradiesischen Amerikanern geschlagen geben. Trotz aller äußerlichen Erfolge spürten sie, dass sie das Spiel verloren hatten.

Damals war Amerika noch eine ferne fremde Macht. Heute ist der „amerikanische Materialismus“ längst zur neoliberalen Struktur des gesamten Westens, ja der ganzen Welt geworden. Was sie in der Endzeit des 19. Jahrhunderts noch als amerikanische Dekadenz ablehnen konnten, ist heute zur Ideologie ihres verinnerlichten Amerikanismus geworden. Sie halten es für Undankbarkeit – und für Hinterwäldlerei –, sich aus der globalen Hatz um die fetteste Beute zu verabschieden.

Unser Lebensmodell stehe auf dem Spiel, wird jede ökologische Kritik am Kapitalismus verworfen. Nicht Überleben hat absolute Priorität, sondern die Konjunkturzahlen einer Nation, die lieber reich ins Grab sinkt als bei naturverträglich-reduziertem Wohlstand zu überleben. Einen positiven Zusammenhang zwischen Wohlstandsindex und Glück gibt es ohnehin nicht. Weniger wäre mehr, wenn alles gerecht verteilt wäre.

Das sind die Streitlinien zwischen Merkels „amerikanischem“ Neoliberalismus und dem naturverträglichen Credo der Grünen, das an Konturlosigkeit und Blässe nicht mehr zu überbieten ist. Offiziell gibt es in Deutschland nur wenige Klimaskeptiker. Faktisch sind die meisten Medien von den ewigen Vorhaltungen der Grünen genervt. Ihre polit-privaten Forderungen zur Rettung der Natur werden als faschistische Zwangsbeglückungen verflucht.

Da es keine begrifflichen Definitionsfähigkeiten mehr gibt, kennen die Fortschrittsanbeter nicht den Unterschied zwischen demokratischen Gesetzen und totalitären Gewaltmaßnahmen. Sie wissen nicht, was Faschismus ist, obgleich sie ihre Vergangenheit bewältigt haben wollen.

Trump und seine biblizistischen Truppen kennen keine Hemmungen, den gottlosen Ökologie-Kram in Bausch und Bogen zu verteufeln. Deutsche Naturfeinde bevorzugen hingegen die eleganten Methoden à la Bernays. Sie greifen nicht direkt an, sondern polemisieren indirekt gegen die Folgen ökologischer Korrekturen. Wird unser Lebensmodell nicht gefährdet? Wird unsere Konsumfreiheit nicht eingeschränkt? Will hier jemand unser Privatleben dominieren? Welches Privatleben? Die Summe aller Privatleben ergibt die Gesamtgesellschaft.

Da die Deutschen noch immer Musterschüler ihrer Befreier sein wollen, wird die amerikanische Krise schleichend aber sicher zur deutschen. In Amerika liegt der Konflikt zwischen „gottlosem“ Demokratismus und biblischem Erwählungs-Chauvinismus offen zutage. Da Deutschland seinen Biblizismus mit Aufklärungsprisen längst in ein modernitäts-kompatibles Wünsch-dir-was verwandelt hat, sind die Frontenbildungen verschwommen und unscharf.

Seit Trumps Deformation der amerikanischen Demokratie beginnen sich die Deutschen von ihrem großen Vorbild zu lösen. Doch wohin? Da sie an nationaler Total-Amnesie leiden, stehen sie komplett im Nebel. Das Desaster des Wahlergebnisses ist eine erste Warnung vor weiteren Desastern, wenn die politische Öffentlichkeit nicht das Niveau der Plattitüden verlässt und sich den Wurzeln der Probleme nähert. Eine solche politische Anamnese aber zeigt sich weit und breit nicht. Die Gründe:

a) Die Deutschen leugnen, tiefere Probleme zu haben.

b) Sie leugnen, dass ihre Probleme mit der Vergangenheit zu tun hätten. Ihre Vergangenheit glauben sie ausreichend bewältigt zu haben.

c) Geschichte wiederhole sich nicht. Die Kenntnis der Geschichte trage nichts zur Erhellung der Gegenwart bei. Wie Menschen unvergleichliche Individuen, seien Geschichtsepochen nicht miteinander vergleichbar – sagen selbst Historiker (Historismus).

d) Mit Marx, den sie als Kapitalisten wie eine exotische Heiligenfigur anbeten, glauben sie nicht, dass philosophische und religiöse Gedanken die Wirklichkeit prägen. Obgleich sie sich rühmen, den Sozialismus besiegt zu haben, denken sie vollständig materialistisch: das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Erneut zeigt sich, dass Verlierer einer Schlacht ihre Besieger besiegen können – nicht anders, als die Griechen ihre römischen Eroberer mit ihrer Philosophie infizierten. Mit anderen Worten: das derzeitige Dilemma ist nicht zu lösen. Es zeichnet sich nur eine Verlängerung der gegenwärtigen Stagnation ins Grenzenlose ab.

Das zeigt bereits die oberflächlichste Analyse des momentanen Berliner Knotens. Gibt es Neuwahlen, wird sich nichts ändern. Kommt es wider Erwarten doch noch zur Jamaika-Version: dito. Wird die SPD sich selbst zerfleischen, damit Merkels Wonneproppen Gabriel doch wieder zu Muttern darf: dito hoch zwei.

Eine Minderheitenregierung wird erst recht nichts ändern. Eine solche wird von fast allen Kommentatoren in Grund und Boden geschrieben. Die grüne Frontfrau Göring-Eckardt lehnt sie ab, weil es einen solchen Präzedenzfall noch nie gegeben habe. Da preisen sie ständig das Neue, wollen sich regelmäßig neu erfinden – und haften unlösbar am Alten und Verkrusteten.

Der grüne EU-Abgeordnete Giegold ermahnt Steinmeier, strenger die Parteien zum sofortigen Regieren zu verpflichten und alle Hoffnungen auf Neuwahlen zurückzuweisen. Giegold vergisst nur die Petitesse des Grundgesetzes. Dort sind Minderheitenregierungen durchaus vorgesehen.

In skandinavischen Ländern sind solche Regierungen seit Jahren an der Tagesordnung. Ihre Erfolgsbilanz muss sich hinter denen der Mehrheitsregierungen nicht verstecken. Dass alle Parteien – mit Ausnahme der AfD – miteinander kompatibel sind, zeigt überdies das Abstimmungsverhalten im Bundesrat, wo es keine Koalition gibt, die es nicht gibt. Von absoluten Blockaden ist nichts bekannt geworden.

Schäuble, neuer elder statesman im Bundestag, verstärkt bereits die höhere Nebelbildung: „«Demokratie verlangt Mehrheiten», sagte der Parlamentspräsident. «Mit der Wahl hat das Volk entschieden und damit müssen wir als Gewählte auch umgehen. Es braucht also Verständnis für die schwierige Gratwanderung, die es für alle bedeutet, die politische Verantwortung tragen, für mehrheitsfähige Kompromisse auch in Teilen vom eigenen Wahlprogramm abzurücken», so Schäuble. «Das ist kein Umfallen, auch keine Profilschwäche.» Einigung durch Nachgeben erfordere Mut.“ (FAZ.NET)

Eben feierten sie den Mut Luthers, seine Wahrheit dem Kaiser und der Welt kompromisslos ins Gesicht zu schleudern. Nun soll es mutig sein, das Gegenteil zu tun?

Könnte es nicht Feigheit sein, seine Meinung gegen Machtgewinn zu verkaufen? Was unterscheidet einen faulen von einem vertretbaren Kompromiss? Bei macht-verheißenden Verhandlungen soll es keine Gefahr geben, aus Profilschwäche umzufallen? Das ist aberwitzig. Nicht die geringsten Grundfragen werden gestellt, geschweige beantwortet.

Wie konnte Merkel eine gute Moderatorin sein, wenn sie gar keine profilscharfen Positionen vertrat? Wie konnte sie überhaupt eine Moderatorin sein, da sie doch parteiisch war? Sie habe viel von den Gesprächen gelernt, erklärte sie. Doch was sie lernte, verrät sie keinem Publikum, das sich nicht mal traut, notwendige Fragen zu stellen.

Parteien wissen nicht einmal, was eine gruppendynamische Verständigung auf Kompromissbasis bedeutet. Wenn man sich psychologisch fair begegnet, hat man noch lange keine theoretischen Streitgespräche geführt. Solche setzen auf Argumente – und auf die Fähigkeit, einen Dialog mit besseren Informationen und überzeugender Logik zu führen.

Steinmeier, blasser Apparatschik mit weißem Haupthaar, wird in den Medien über Nacht zum deutschen Heros erhoben, um nicht zu sagen: zum neuen Hindenburg, der den regierungs-scheuen Parteien die Meinung geigen soll: „Wer sich in Wahlen um politische Verantwortung bewirbt, der darf sich nicht drücken, wenn man sie in den Händen hält“, sagte Steinmeier. (FAZ.NET)

Verantwortung der Gewählten ist kein Zwang zum Regieren. Abgeordnete werden gewählt, um politische Entscheidungen durch glasklare Debatten überhaupt erst vorzubereiten – und die Exekutive kompromisslos unter die Lupe zu nehmen.

Die Unerlässlichkeit der Opposition ist spurlos verschwunden. Münteferings rotzige Invektive, jede Opposition sei Mist, scheint zum Mainstream der Legislative geworden zu sein. Alles wird aufs Regieren reduziert, als hätten sie Angst, das Schifflein könnte im Sturm seinen letzten Mann verlieren und orientierungslos im Meer treiben. Alles scheint vom Zwang zur nationalen Einigkeit bestimmt. Vor kurzem hätte man noch von völkischer Geschlossenheit gesprochen.

Ein Mannheimer Historiker warnt vor schnellen Neuwahlen. Obgleich Geschichte sich nicht wiederhole, fürchten alle ihre platte Wiederholung:

„Warum das Grundgesetz von vorgezogenen Neuwahlen nichts hält, ist historisch erklärbar: Es reagiert auf die Zerstörung der Weimarer Demokratie nach dem 27. März 1930, als die letzte parlamentarisch legitimierte Regierung scheiterte. Vorgezogene Neuwahlen am 14. September ließen die bisherige Splitterpartei NSDAP zu einem erstrangigen Machtfaktor der deutschen Politik werden. Ihre Mandatszahl schnellte auf 107 Reichstagssitze hoch, gleichzeitig verbesserten sich die Kommunisten.“ (ZEIT.de)

Die NS-Schergen haben wegen vorgezogener Neuwahlen gewonnen? Und nicht, weil es eine NSDAP gegeben hat, ein Volk, das sich von den westlichen Demokratien betrogen fühlte, das seit Jahrhunderten auf Obrigkeit und nationale Grandiosität konditioniert, von Kirchen mit hasserfülltem Antisemitismus kontaminiert worden war? Ein bloßer Wahlmechanismus soll das Malheur der Deutschen erklären? Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr wähnt, eure Vergangenheit bewältigt zu haben. Das ist komplette historische Seinsvergessenheit.

Doch das Verheerendste kommt erst. Die deutsche Demokratie ist zu einem Arkanum verkommen. Statt auf der Agora dem Volk exemplarische Streitgespräche vorzuführen, mit besten Argumenten zu brillieren, die Kompetenz zu zeigen, zu überzeugen und sich überzeugen zu lassen, sich durch schärfste Kritik gegenseitig Akzeptanz zu erweisen – geschieht was?

Die Matadore machen in Geheimdiplomatie, verhandeln über das zukünftige Schicksal der Deutschen hinter verschlossenen Türen. Ein Balkon war das Pro-Fanum, der weltliche Bereich vor dem Allerheiligsten, in dem die HohenpriesterInnen ihre Ressentiments austauschten. Wie sie mit ihrer Macht imponierten, wenn sie das Profanum verließen und ins Zentrum der Macht wechselten, dem elitären Credo des Horaz gemäß:

„Ich hasse das gemeine Volk und halte es fern.“

Die deutsche Demokratie ist auf einem Tiefpunkt angekommen. Politeliten kennen nicht mehr das Einmaleins der agonalen Debatte, der Transparenz aller Entscheidungen, der Stringenz ihrer Begründungen, der historischen Erinnerung, um Probleme der Gegenwart zu verstehen und im Geist der Humanität zu lösen.

Was aber bleibet, stiftet dennoch – das Volk. Du souveräner Citoyen, du anonyme Masse, du Großer Rüpel: Worauf wartest du? Du bist dran.

 

Fortsetzung folgt.