Neubeginn LXXXVI

Tagesmail - Montag, den 20. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXVI,

fast sogar ein historischer Tag. Es ist ein Tag mindestens des tiefen Nachdenkens.“

Fast, mindestens, ein Stück weit, ein bisschen.

Mindestens ein tiefes Nachdenken? Und höchstens – ein abgrundtiefes Nachdenken? Wird bei Kanzlers nur an fasthistorischen Tagen tief nachgedacht? Wird überhaupt nachgedacht – oder werden Geschäfte routinemäßig abgewickelt?

Ohnehin ist sie nur noch ein Stück weit im Amt. Streng genommen ist sie jetzt, was sie im Grunde schon immer war: geschäftsführende Bundeskanzlerin. Geschäftsführer führen nicht das Geschäft, sondern werden vom Geschäft geführt. Auch der Führer war nur Geschäftsführer der Vorsehung. In Deutschland haben Geschäftsführer des Weltgeistes mindestens eine tiefe Tradition:

„Große Menschen haben gewollt, um sich, nicht um andere zu befriedigen. Was sie von anderen erfahren hätten an wohlgemeinten Absichten und Ratschlägen, das wäre vielmehr das Borniertere und Schiefere gewesen, denn sie sind die, die es am besten verstanden haben und von denen es dann vielmehr alle gelernt und gut gefunden oder sich wenigstens darein gefügt haben. Denn der weitergeschrittene Geist ist die innerliche Seele aller Individuen, aber die bewußtlose Innerlichkeit, welche ihnen die großen Männer zum Bewußtsein bringen. Deshalb folgen die anderen diesen Seelenführern, denn sie fühlen die unwiderstehliche Gewalt ihres eigenen inneren Geistes, der ihnen entgegentritt. Werfen wir weiter einen Blick auf das Schicksal dieser welthistorischen Individuen, welche den Beruf hatten, die Geschäftsführer des Weltgeistes zu sein, so ist es kein glückliches gewesen. Zum ruhigen Genusse kamen sie nicht, ihr ganzes Leben war Arbeit und Mühe, ihre ganze Natur war nur ihre Leidenschaft. Ist der Zweck erreicht, so fallen sie, die leeren Hülsen des Kernes, ab.“ (Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie)

Bei Hegel gab es Geschäftsführer des Weltgeistes, bei seinem Schüler Marx ...

... Geschäftsführer der Weltmaterie, die nichts anderes war als Geist aus Fleisch und Knochen. Ihre Leidenschaft war ihr Gehorsam, zu tun, was Geist und Materie ohnedies getan hätten. Ihre Leidenschaft ist, sich höheren Mächten bedingungslos zu unterwerfen.

Mut zeigt auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen, des Ausbeuters und des Proleten Schmuck. Was die Geschichte des Bewusstseins oder des Seins anordnet, haben Geschäftsführer der Geschichte wortlos auszuführen. Von ordinären Zeitgenossen können sie nichts lernen (nur „das Borniertere und Schiefere“). Sie gehorchen nur Direktiven von Oben.

Was der Weltgeist will, ist seinen Geschäftsführern bewusst. Normale Zeitgenossen erahnen ihn in bewusstloser Innerlichkeit, die sich vom Bewusstsein ihrer Geschäftsführer leiten lässt. Vertraute höheren Wissens und unwiderstehlicher Mächte nennt man heute Populisten.

Alle Propheten der Zukunft, die über uns kommen wird, sind Populisten. Populisten des Fortschritts und der digitalen Allmacht. Ihrer Allmacht folgt man in hündischem Gehorsam. Politische Populisten hingegen diffamiert man als Volksverführer. Weltgeistführer wissen, was kommen wird und was zu tun ist. Sie brauchen keine Belehrungen von Krethi und Plethi, um als Empfänger höherer Offenbarungen immer recht zu behalten.

Die deutsche Demokratie ist Fassade eines geistigen oder materiellen Weltprinzips. Vor der Bühne demokratisch, hinter ihr gehorsam gegen das Unabwendbare, das da kommen soll. Fast alle westlichen Nationen spielen Demokratie, insgeheim aber glauben sie an ein gottgegebenes Geschick, das alle Menschen hinter sich her schleift.

Deutschlands Demokratie ist blockiert. Für Merkels Untertanen sind demokratische Rituale zu einem Spiel geworden, das von zukunftsträchtigen Kräften gelenkt wird. Merkels nervenschonende Wirkung beruht auf ihrer Kunst, sich als Magd der Geschichte darzustellen. Sie muss nichts wollen, was misslingen könnte. Was immer sie will, ist erfolgreich, denn es entspricht einem höheren Willen.

Zu handeln, was im Einklang mit der Geschichte steht, war Stimulans der Marxisten und Frommen, ist heute Elixier der Futuristen. Merkel vereinigt in sich den sozialistischen und christlichen Glauben an die allmächtige Geschichte. Sie ist die Synthese aus Ost und West, aus Marx und Christus.

Wenn es zu Neuwahlen käme, würden die Deutschen exakt dasselbe wählen, was sie vor zwei Monaten gewählt haben. Sie wollen kein Parteigetümmel mehr, keine Auseinandersetzungen, keine starke Opposition. Sie wollen Hüter des Seins oder Hirten des Wohlstands, die man heute Ökonomen und Digitalisten nennt. Habt Vertrauen in eure Führerklassen, fleht Marc Beise in der SZ. Geht es euch denn nicht gut? Ging es euch irgendwann besser? Also!

Die Deutschen wollen sich nicht mehr entscheiden. Sie stecken den Kopf in den Sand, werfen irgendeinen Wahlschein in die Urne – und hoffen, dass die Mächtigen alles weitere unter sich ausmachen. Sie vertrauen ihrer Geschäftsführerin des Weltgeistes, die die „nächste Stufe der Welt“ zu wissen vorgibt, diese „sich zu ihrem Zwecke macht und all ihre Energie in dieselbe legt.“ Merkel hat Einsicht in das, „was not und was an der Zeit ist. Dies ist eben die Wahrheit ihrer Zeit und ihrer Welt, sozusagen die nächste Gattung, die im Innern bereits vorhanden war. Große Menschen haben gewollt, um sich, nicht um andere zu befriedigen.“

Das ist ihr welthistorischer Egoismus, der ihren Einsichten folgen muss, um das Bestmögliche der Menschen im Einklang mit dem Kommenden zu erreichen. Bei den Engländern ist es der ökonomische Egoismus, der das Wohl der Nation bewirkt, bei Hegel der egoistische Wille, das Allgemeine zu wollen, welches die allmächtige Geschichte will.

Nun beginnt das Blame Game, die Zeit der Schuldzuweisungen, prophezeien die Medien. Wer war schuld am Scheitern der Sondierungen?

Nein, es wird keine Schuldzuweisungen geben. Es gehe nicht um Schuld, sagte Jürgen Trittin. Denn es gehe nicht um Moral. Die Führer des Geschicks agieren jenseits von Moral und Schuldfähigkeit in einer kristallinen Sphäre der Unschuld. Wenn sie von Verantwortung reden, bedeutet das weder Einsicht in ein mögliches Versagen noch Folgerungen aus einem Fehlverhalten. Schuldlos übernehmen sie alle Verantwortung – und belassen alles, wie es ist.

Im privaten Leben achten sie auf das Anständige, in der Politik haben sie die Ebene des Immoralismus erreicht. Gut und Böse, Schuld und Unschuld – sind Begriffe aus der Kinderstube, die in der großen Welt nichts zu suchen haben. Die Kunst des Erwachsenwerdens besteht in der Trennung dieser beiden Welten. Der reife Mensch bewundert die Ausnahmestellung der großen Menschen. Er ist „nicht neidisch, sondern anerkennt das gern, was groß und erhaben ist, und freut sich, dass es ist.“

Nach kleinlichen subjektiven Ursachen großer Handlungen fragt der reife Mensch nicht. Er verachtet die Ableitung der Größe aus psychischen Elementen, die allen Menschen gemeinsam sind. Die historischen Personen, „von solchen psychologischen Kammerdienern in der Geschichtsschreibung bedient, kommen schlecht weg; sie werden von diesen Kammerdienern nivelliert auf gleiche Linie oder vielmehr ein paar Stufen unter die Moralität solcher feinen Menschenkenner gestellt.“

Geschichtsheroen haben keine Biografie, die mit „Küchenpsychologie“ erfassbar wäre. Ihre Einzigartigkeit ist überkomplex, von psychologischen Kammerdienern nicht erfassbar. Sie entzieht sich dem seelischen und moralischen Erkennen. Denn: „solch große Gestalt muss manche unschuldige Blume zertreten, manches zertrümmern auf ihrem Wege. Das Partikuläre ist meistens zu gering gegen das Allgemeine, die Individuen werden aufgeopfert und preisgegeben.“

Nietzsches Immoralismus und Machtanbetung sind schon vollständig bei Hegel vorbereitet. Merkels samaritanische Tat war nur ein kontrastreiches Ornament ihrer von moralischen und rechtlichen Bedenken unerfassbaren welthistorischen Persönlichkeit. Da Geschichte von großen Persönlichkeiten gemacht wird, die eingeweiht sind in die verborgene Logik des Fatums, kann es auch keine Erkenntnis der Geschichte geben, die das menschliche Handeln aus trivialen Bedürfnissen ableiten könnte.

Wäre Geschichte erkennbar, könnte sie nicht einmalig sein. Denn erkennen heißt, Wirkungen aus Gesetzen ableiten. Das große Individuum aber unterliegt keinen Gesetzmäßigkeiten. Es ist einmalig und unvergleichlich.

Im SPIEGEL behauptet Christiane Hoffmann, Geschichte wiederhole sich nicht. Berlin sei nicht Weimar, die BRD würde in Geld schwimmen. Im Sinn einer Duplizität der Ereignisse wiederholt sich Geschichte in der Tat nicht. Aber im Sinn der Wiederholung von Kernelementen. Warum fallen besonders die europäischen Oststaaten ins Antidemokratische zurück? Weil sie in einer Generation die psychischen Schäden ihrer langen Unterdrückung unmöglich verarbeiten konnten. Nach anfänglichem Jubel über die Befreiung, befördert durch die „Ungerechtigkeiten des neuen West-Kapitalismus“, kam die Ernüchterung, die in jene Repression zurück wollte, die man kannte und die man jetzt zu idealisieren beginnt – aus Aggression gegen den unerwarteten Amoralismus der Freiheit.

Würde Geschichte sich nicht wiederholen, wäre dies der Beweis ihrer übermenschlichen Qualität. Da sie aber das Produkt des Menschen ist, bleibt ihr nichts anders übrig als sich zu wiederholen. Der Mensch selbst steht unter Wiederholungszwang. Er steht unter Gesetzen seiner Erziehung, die ihm nur zum geringsten Teil bekannt sind. Auch wenn er unter ihnen leidet, ist er dennoch so von ihnen geprägt, dass er auf das Leiden nicht verzichten mag. Das vertraute Leiden ist ihm lieber als eine unvertraute Leidensfreiheit, an die er nicht glauben kann – und vor der er Angst hat.

Angst wovor? Vor der Lust, der Freude der Freiheit. Vor der Freiheit selbst. Denn als freier Mensch muss er über sein Leben selbst entscheiden. Mit allen Konsequenzen. Eben davor ängstigt sich der Mensch, dem Unfreiheit zur zweiten Natur geworden ist. Als Unfreier musste er nicht selber denken, sich nicht selbst entscheiden. Alles wurde ihm abgenommen. Wogegen er sich als Kind wehrte, daran hat er sich als unfreier Erwachsener gewöhnt. In seiner inneren Gefängniszelle kennt er sich aus. Die große weite Welt überfordert ihn. Moralische Autonomie jagt ihm Angst ein. Sein Bewusstsein ist gering, der Großteil seiner Taten wird von Gesetzen seines Unbewussten diktiert, die sich gleich bleiben und unter Wiederholungszwang stehen.

Wenn die meisten Menschen die Gesetze ihres Unbewussten nicht kennen, von denen sie regiert werden, wie könnte Geschichte vom Diktat der Wiederholung frei sein, zumal Geschichte das Produkt vieler Menschen ist? Wenn alle Menschen ihr Es zum Ich gemacht, ihre Dunkelheiten ans Licht gebracht hätten, dann erst wäre Geschichte, die Summe aller menschlichen Taten, vom Wiederholungszwang befreit.

Der Mensch macht seine Geschichte selbst? Nur der selbst-bewusste, sich selbst erkennende Mensch ist fähig, seine Taten im Lichte des Bewusstseins zu bedenken. In dem Maße, in dem er Getriebener seiner Biografie bleibt, wird er wiederholen, was die Mächte seines Unbewussten von ihm fordern.

Würde Geschichte sich nicht wiederholen, woher käme das Neue, wenn der Mensch immer der gleiche bliebe? Das Neue wäre die Leistung von Wundermännern und Erlösern. Solange die Menschheit ihre Fehler wiederholt, solange wird sie daran erinnert, dass sie sich noch nicht ausreichend kennt.

Die Menschheit wiederholt nicht alles, sonst gäbe es keinen erkenntnismäßigen und moralischen Fortschritt. Wenn auch vieles nur auf dem Papier steht: die internationale Öffentlichkeit hat sich der Pflicht untergeordnet, die Menschenrechte allen Menschen dieser Welt zuteil werden zu lassen. Ökologische Konferenzen wie in Bonn, wo fast alle Völker der Welt sich zur Rettung des Klimas verpflichtet haben, wären vor wenigen Dezennien unmöglich gewesen.

Das Bewusstsein der Menschheit stagniert nicht. Wer nicht pessimistisch werden will, muss anerkennen, was die Menschheit sich bereits erkämpft hat. Es fördert das Selbstbewusstsein, wenn man stolz sein kann auf die Entwicklung seiner Gattung. Jede Kritik an der Menschheit wäre Selbstvernichtung, wenn sie nur deren Unfähigkeiten anprangern würde.

Nur: wie will man den Lernprozess der Menschheit erkennen, wenn man moralisches Lernen für Unfug hält? Pessimisten glauben nicht an die Lernfähigkeiten des Menschen. Für sie ist der Mensch unveränderlich in seiner Bösartigkeit.

Verächter der Menschheit gelten unter Intellektuellen als weitaus genialer denn törichte Idealisten, die nicht sehen wollen, wie der Mensch wirklich ist. Deutsche Intellektuelle bevorzugen die Pose der Zyniker und Menschenverächter, die dem Grauen unverwandt ins Angesicht blicken. Blauäugige Gutmenschen hingegen gelten als zu feige, den Übeln dieser Welt standzuhalten. Lieber flüchten sie in eine rosarote Utopie. Seltsam allerdings, dass dieselben, die eine moralische Utopie verhöhnen, technische Utopien enthusiastisch begrüßen.

Wenn Parteien zu wenig streiten, werden sie gescholten; wenn sie – wie in den Koalitionsverhandlungen – intensiv miteinander ins Gericht gehen, werden sie erneut gescholten, konstatierte Dirk Kurbjuweit im SPIEGEL.

Haben sie denn gestritten? Oder haben sie sich mit gruppendynamischen Tricks ausgetrickst? Wir wissen es nicht. Warum gibt es keine Protokolle des Streitens? Warum disputieren sie nicht coram publico, damit jeder sich ein Bild machen kann über die Qualität der benutzten Argumente? Kompromisse müssen sein. Wer aber war wirklich kompromissfähig, wer forderte faule Kompromisse?

Unterschieden sich die Streitgespräche von den Disputen der Talkshows, die das Publikum durch sophistische Mätzchen beeindrucken sollen? Beherrschen Politiker die Kunst des Dialogs? Die Fähigkeiten logischer Schlussfolgerungen, die Verwendung scharfer Begrifflichkeiten?

Die Qualität echter Kompromisse kann man nur erkennen, wenn man die kompromisslosen Ausgangspositionen der Streitenden erkennt. Warum sind die Parteien zu feige, um – wie in Athen – auf dem Marktplatz ihre Disputationsqualitäten zu demonstrieren? Überall Heimlichkeiten und trickreiche Berichte über das Geheimgeschehen, die es der Öffentlichkeit unmöglich machen, sich eine eigene Meinung über die Denkfähigkeiten der Politiker zu bilden.

BILD-Blome sieht bereits den Untergang der Republik, wenn die Parteien in der Stunde der Not keine Staatsraison kennen – und sich Merkel unterordnen.

„Wenn auch das zu nichts führt, dann Gnade allen Parteien. Der Wähler will eine Regierung. Bekommen hat er noch nichts. Seine berechtigte Wut kann jeden treffen. Zu Recht.“ (BILD.de)

Gnade allen Parteien: das ist der nahe Untergang. Blome gibt nicht zu erkennen, dass er die Ursachen des Wahldebakels verstehen will. Gibt es aber keine Ursachen, kann man auch nichts verändern. Auch Blome will, wie seine Kanzlerin, das blinde Weiter-So.

Die Wähler werden geschont. Das Volk wird derart verachtet, dass dessen Unfähigkeiten gar nicht wahrgenommen werden dürfen. Einerseits wird das Volk nicht wahrgenommen, andererseits ist es immer an allem schuld. Weshalb? Weil Eliten, die sich nicht zum Volk zählen, a priori unschuldig sind. Ein schreckliches Verachtungsspiel, das BILD, die größte Volksgazette, sich mit dem Volk erlaubt.

Außerdem: wer zu oft vom Volke spricht, macht sich verdächtig, ein Volksfreund oder Populist zu sein, die man stets auf der rechten Seite ansiedelt. Ginge es nach den Eliten, dürfte Demokratie nicht Herrschaft des Volkes heißen, sondern Herrschaft der Volks-Bezwinger. Gnade und Wut: das sind die angedrohten Strafen Blomes, wenn die Parteien in der Stunde der vaterländischen Not die Reihen nicht schließen.

Woher die Untergangsstimmung derer, die das Paradies der Deutschen nicht genug preisen können? Besonders Ökonomen rühmen die wirtschaftliche Verfassung der BRD und verstehen nicht, warum es Gründe der Wehklage und des Zorns gibt. Selbst Privilegierte seien nicht frei vom „Jammern auf hohem Niveau“.

Der Grund ist einfach: die Ökonomen nehmen weder die sozialen Verwerfungen noch die Gefahren der Klimaveränderung zur Kenntnis. Ihre Welt besteht nur aus Zahlen und Figuren. Wessen Kontostand eine satte Zahl aufweist, der kann durch keinen apokalyptischen Tornado in Bedrängnis kommen. Dass die Deutschen sich vor Zukunftsgefahren ängstigen, auch wenn es ihnen jetzt noch gut geht, verstehen bornierte Pfennigfuchser nicht. Von Kopf bis Fuß sind sie auf Mammon eingestellt, ja, das ist ihre Welt – und sonst gar nichts.

Inzwischen schwimmt Deutschland in Geld. Es gibt Überflussprobleme. Was machen wir mit dem vielen Zaster? Henryk Müller beschwört bereits das Gespenst der Überhitzung. Was soll denn das sein? Kann es Menschen so gut gehen, dass es ihnen automatisch schlecht gehen wird? Oder geht es ihnen gar nicht so gut und der Überfluss ist nur ein Scheinphänomen, das die Defekte der Gesellschaft überdecken will?

Wie kann es unverständliche Konjunkturwellen geben, wenn Ökonomie eine berechenbare Wissenschaft wäre? Warum müssen guten Zeiten immer schlechte folgen? Könnte es damit zusammenhängen, dass es gar nicht allen gut ginge, sondern nur dem oberen Schaum der Gesellschaft?

Als nach der globalen Finanzkrise die Queen Spitzenökonomen ihres Landes befragte: Wie konnte dieses Debakel geschehen? Warum haben Sie die Krise nicht vorausgesehen? erhielt sie die Antwort: Jeder Ökonom ist ein Könner auf einem beschränkten Spezialfach. Was uns jedoch fehlt, ist das Zusammenschauen der verschiedenen Spezialerkenntnisse. Es fehlt die Synopse, die alle Einzelerkenntnisse zur Synthese brächte.

Das war das Geständnis der Fachidiotie. Wenn eine Wissenschaft vor lauter Bäumen nicht mehr den Wald sieht, ist sie keine Wissenschaft mehr. Wie kann Ökonomie eine seriöse Wissenschaft sein, wenn sie weder die ökologischen Gefahren des Wohlstands noch die Irrelevanz ihrer mathematischen Belanglosigkeiten kennt?

Ökonomie ist weder eine Natur- noch eine Geschichtswissenschaft. Von Geschichte kann es keine berechenbare Wissenschaft geben. Geschichte beruht auf moralischen und unmoralischen Handlungen der Menschen – die versteh- und erklärbar, aber niemals berechenbar sind. Es wird Zeit, dass die ökonomischen Formeln wieder zurückübersetzt werden in jene ethischen Bestandteile, aus denen sie im Verlauf der Jahrhunderte zusammengesetzt wurden.

Die Ökonomie benutzt Begriffe, die sie selbst nicht versteht. Vergleichbar der mittelalterlichen Theologie, die seltsame Probleme zu lösen versuchte, wie etwa die Frage: wie viele Engel haben Platz auf einer Nadelspitze?

Die deutschen Parteien sind am Ende ihres Lateins. Weshalb sie gescheitert sind. Sie fürchten sich vor dem Regieren. Ihre abgeschliffenen Begriffe sind nicht mehr in der Lage, die Welt zu erfassen, die seelische Verfassung der Menschen zu verstehen, die äußerlich im Wohlstand, tatsächlich aber in apokalyptischen Ängsten leben. Die Ängste werden mit allen Mitteln des Konsums und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit unter den Teppich gekehrt. Doch solche Ablenkungsmanöver gelingen immer seltener.

Warum wählen die Deutschen, als ob sie nicht gewählt hätten? Weil sie nicht schuld sein wollen, einer unfähigen Regierung in den Sattel geholfen zu haben. Macht euern Dreck alleene: das ist die emotionale Botschaft derer, die, von den Führerklassen nicht ernst genommen, sich auf diese Weise rächen.

’s ist Krieg! ’s ist Krieg!
- und ich begehre
nicht schuld daran zu sein!

Wie müsste Matthias Claudius heute dichten, um die Ängste der Moderne einzufangen?

S‘ ist Klimaveränderung, unendliche Not der Menschen, Hungersnöte und Gefahren eines atomaren Weltuntergangs – und alle Machthaber wollen unschuldig sein. Sie leben in Saus und Braus und verleugnen alle Gefahren.

Alle deutschen Parteien wollen unisono den Prozess der Modernisierung. Modernisierung ist ein Begriff ohne alle Bedeutung. Von allen bestehenden Übeln will er mehr: mehr Reichtum, mehr Maschinen, mehr Ausbeutung der Natur, mehr erbarmungslosen Wettkampf zwischen den Klassen, mehr Rivalitäten zwischen den Nationen.

Weder Modernisierung, noch Digitalisierung, weder grenzenloses Wachsen der Wirtschaft, noch das Schaffen künstlicher Intelligenzen werden unsere Probleme lösen.

Merkel sagte das Zauberwort, an das sie selbst nicht glaubt: Nur tiefes Nachdenken über die Gründe unserer Blockade kann uns helfen, die Ursachen unseres Elends zu erkennen.

„Aber kommt, wie der Strahl aus dem Gewölke kommt, aus Gedanken vielleicht, geistig und reif die Tat?“

Ja.            

 

Fortsetzung folgt.