Neubeginn LXXXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 15. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXIV,

wie alt ist die Menschheit, wie lange existiert die Armut? Wie lange benötigt die Menschheit, um die Ursachen der Armut festzustellen – und abzuschaffen? Oder gehört sie zum unausrottbaren Erbe des sündigen, des bösen, des erbärmlichen, des herrsch- und eigensüchtigen, des lernunfähigen Menschen?

Lernen? Das Wort existiert heute nur noch in der Formel des lebenslangen Lernens, die das ursprüngliche Lernen ins Gegenteil verkehrt und Unterwerfung unter Mächte bedeutet, die durch Versuch und Irrtum nicht angezweifelt werden dürfen. Aus Versuch und Irrtum seine Schlussfolgerungen ziehen: das war einst Lernen.

Heute gibt es moderne Götter, die durch keinen Versuch und Irrtum in Zweifel gezogen werden dürfen. Als da sind: grenzenlose Unterwerfung der Natur, unbegrenzter Fortschritt, unermesslicher Reichtum und unendliche Macht auf Erden. Das Gemeinsame dieser Formeln ist die Entgrenzung des begrenzten Menschen in ein gottähnliches Wesen mit den Zielen: unsterblich zu werden und das endlose Universum zu erobern. Von Sternensehnsucht sprach Jesco von Puttkamer, Raketenexperte von Cape Canaveral.

In Wahrheit ist Lernen kein Sammeln von Informationen, kein Einüben von Fertigkeiten, um in wechselnden Berufen zu bestehen, kein Anhäufen von Wissen, um in endlosen Quizshows Konkurrenten zu besiegen.

Lernen ist Denken, Erkennen, Kritik üben, sich auf sich selbst besinnen, um ...

... ein geglücktes Leben zu führen. Alles prüfet, das Beste behaltet.

Alles: auch die Götzen und Mächte der Gegenwart, die sich der Überprüfung entziehen.

Das Beste: ist Ausschluss des Schlechten, Misslungenen und Menschenfeindlichen. Nicht des Bösen, das eine Erfindung der Priester ist.

Ein geglücktes Leben: alle herrschenden Faktoren der Zeit müssen unter die Lupe genommen werden, ob sie Freude am Leben, Einvernehmen mit der Natur und Freundschaft mit dem Menschen gutheißen und anstreben.

Lernfähigkeit des Menschen ist seine Veränderungsfähigkeit. Sich verändern heißt nicht, sich täglich neu erfinden. Sich neu erfinden, ist Töten des Alten und Auferstehen in einem gänzlich Neuen. Das wäre Taufen. In der Taufe wird der alte Adam ersäuft, ein neuer entsteigt dem Quell des Lebens. Das Alte wird unterschiedslos vernichtet, der neue Mensch hat keine Gemeinsamkeiten mehr mit ihm. Eine völlig neue Kreatur ist aus Nichts entstanden, jenem Nichts, aus dem ein allmächtiges Wesen Alles erschaffen hat.

Vernichten des Alten ist Vernichten des Vergangenen. Der Neue muss nach vorne blicken, weil hinter ihm seine Erfahrungen liegen, die zunichte gemacht werden müssen. Im Zwang zur Zukunft werden alle Erfahrungen getilgt.

Wahres Lernen hingegen heißt, aus Erfahrungen lernen. Das Beste des Alten soll bewahrt, nur Irrtümer und Fehlgriffe ad acta gelegt werden. Der lernende Mensch bleibt biographisch der, der er ist, auch wenn er seine missglückten Seiten aufgab, um sich rundzuerneuern. Indem er wird, was er ist, bewahrt er seine Identität im stetigen Akt der Selbsterneuerung. Wie könnte er ein Selbst sein, wenn er es täglich auslöschen müsste? Altes, das sich stets erneuert: das ist die Formel des gelingenden Lebens.

Die nach vorne starrende Menschheit hat das Lernen vernichtet. Sie erfindet sich nicht täglich neu, sondern verewigt das Alte, dem sie durch Machtzuwachs den betrügerischen Nimbus des Neuen verleiht. Fortschritt des Alten ist kein Neues, sondern Steigerung des Alten ins Unerträgliche und Lebensunfähige.

Unausgesprochenes Ziel des alten-tötenden Neuen ist die Selbstauslöschung der Gattung, die ihr Vorhandensein nicht mehr erträgt, weil es die Stetigkeit des gelungenen Lebens als verbotene Lust verabscheut. Gelingendes Leben kennt keine Sensationen. Die Exzesse des Neuen sind nicht geerdet. Ihr Reich ist nicht von dieser Welt.

Ein Lernfähiger war früher ein Weiser. Seine Selbstüberprüfung war identisch mit der Überprüfung seiner Mitmenschen. Kein Ich kann sich überprüfen ohne geistigen Kampf mit anderen Ichs. Der Wettstreit im Lernen und Erkennen ist der einzige, der allen Wettkämpfern Vorteile bringt. Alles, was ich als Irrtum ausscheiden kann, erhöht meine Lebensfreude, meine Verbundenheit und Sympathie mit den Menschen.

Ein Weiser „hat den Zweck, seine Zeitgenossen zur Selbstbesinnung zu bringen, zum Nachdenken über Sinn und Ziel ihres Lebens. Seine Tätigkeit nennt er „Sorge für die Seele“, damit sie so gut wie möglich werde. All dies versucht er durch Nachdenken zu erreichen. Dass der Mensch die Kraft zu diesem Nachdenken besitzt: davon ist er felsenfest überzeugt. Den Akt der Selbstbesinnung in anderen anzuregen, hält er für seine Lebensaufgabe. Er spürt die Fähigkeit in sich, sie in ihrer Lebensgestaltung besser zu machen. Das Unrechttun der Menschen, davon ist er überzeugt, resultiert aus dem Trachten nach Reichtum, Macht und Ehre, Güter, die die Welt für wertvoll hält. Wer aber für seine Seele sorgt, der strebt nach Wahrheit und Besonnenheit. Wer die falschen von richtigen Gütern zu unterscheiden weiß, der ist der „wissende Mensch“. Dieser kann gar nicht anders, als seinem Wissen zu folgen. Handeln ist abhängig von der Erkenntnis, nicht von äußerlichem Wissen, sondern vom Grad der Einsicht in das Wesen des Guten.“

Töne aus einer fernen versunkenen Welt. Moral, Wissen und Tun des Guten, wird heute selbst von jenen verpönt, die sich als Freunde der Weisheit bezeichnen. Selbst leidenschaftliche Ökologen halten Moral für unzuständig, wenn es um Verbesserung der Welt geht.

Soll der Einzelne weniger fliegen, wenn er einen Beitrag zur Rettung des Klimas leisten will? Soll er privat tun, was er politisch fordert? Nein, hier ginge es nicht um Moral, hier ginge es um – Politik. Um sachgerechte Politik. Sachgemäßes Tun scheint von Moral frei zu sein.

Ist es kein kategorischer Imperativ, das Sachgemäße zu tun? Das politisch Richtige auch für das privat Richtige zu halten? Ist Privates nicht politisch?

Darf der Staat den Menschen vorschreiben, welches Auto er zu kaufen hat: das umweltverträgliche oder das naturschädliche – fragt ein Lobbyist der Autoindustrie? Gegenfrage: hat das Fahren eines Autos keine Wirkungen auf das Klima, das alle betrifft?

Will nicht jede Handlung sorgfältig überlegt sein? Ist Durchdenken einer Handlung unter dem Aspekt ihrer Wirkung auf andere keine Frage der Moral? Entspringt bessere Politik keinem moralischen Entschluss? Entstand Demokratie nicht als komplexes Gebilde unendlich vieler moralischer Handlungen, vom Sturz adliger Macht bis zur Freiheit und Autonomie des Einzelnen – die letztlich zur Gleichheit aller Menschen, zur Emanzipation der Frau und der Abschaffung der Sklaverei führten?

Es gibt keinen Staat, kein wirtschaftliches System, das nicht ein komplexes Gebilde aus moralischen Handlungen wäre. Einer sachlichen Richtigkeit zu folgen, ist eine moralische Entscheidung. Keine Demokratie, kein Kapitalismus, die als Maschinen vom Himmel gefallen wären. Habe ich politische oder ökonomische Macht, ist jede Handlung rechtfertigungsbedürftig.

Rechtfertigen kann man nur, was man für richtig hält. Die Entscheidung für das Richtige ist eine moralische Entscheidung. Entscheide ich nicht bewusst moralisch, habe ich mich automatisch für amoralisches Handeln entschieden. Jede Entscheidung ist eine Frage der Moral. Alles muss auf den Prüfstand der Moral. Alles menschliche Tun ist eine Sache der Moral. Auch amoralisches Tun ist ein Akt der Moral – einer amoralischen Moral. Aus der Moral gibt es kein Entrinnen.

Die Gegenwart reduziert Moral auf privaten Anstand. Das gehört sich nicht, das ziemt sich nicht, das ist unanständig, so klingen die Floskeln, die moralisch sein, aber moralisch nicht heißen dürfen. Die führenden Klassen, die reichen Nationen, lehnen Moral ab, weil sie nicht überprüft und bewertet werden wollen. Sie geben sich als Funktionäre des Fortschritts, einer grenzenlosen Zukunft, einer menschengebietenden Geschichte. Sie drehen nur an Knöpfen, hantieren nur mit sachgerechten Interessen. Als ob Interessen nicht moralisch oder amoralisch sein könnten.

Wer heutzutage seine Interessen vertritt, ist jenseits aller Moral. Interessegeleitetes Tun ist wie päpstliche Unfehlbarkeit ex cathedra. Der Flug zum Mars – einer winzigen Clique vorbehalten – hat keinerlei moralische Qualitäten, obgleich die Mehrheit der Menschen dem Tod geweiht wäre. Das ungeheure Geld der Forschung darf von keiner moralischen Frage behelligt werden. Wissenschaftliches Erkennen wollen ist jenseits aller philisterhaften Klügelei.

Wenn Industriegiganten fast keine Steuern bezahlen, muss das moralisch sein – denn es ist legal. Ob legal auch moralisch ist, diese Frage eines Königsberger Aufklärers kann heute nicht mehr beantwortet werden, denn sie ist verschollen. Man müsste die kollektive Biografie der Menschheit in Erinnerung rufen, um überhaupt zu wissen, was die Altvordern besser gewusst und durchdacht haben als die Gegenwart.

Eben dies, dass wir uns als Zwerge vor Giganten entlarven könnten, wollen wir unter allen Umständen vermeiden. Unsere moderne Grandiosität könnte Schaden nehmen. In allen Dingen wollen wir die Avantgarde aller Avantgarden sein. Die Spitze des Weltgeistes, die Krone der Schöpfung, das Alpha-und-Omega-Wesen, der homo deus der Evolution.

Gottähnliche Wesen stehen jenseits aller moralischen Quacksalberei. „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht akzeptieren“? Das ist der geheime Wahlspruch der modernen Weltführer. Sollen sie sich um niedere Moral kümmern, wenn sie der Welt eine faszinierende Zukunft verheißen? Sollen sie sich um politische Korrektheit kümmern, wenn sie die ganze Welt überwachen können? Darf die Faszination des Futurischen durch lästige Menschenrechte getrübt werden?

Bill Gates will mitten in der Wüste eine volldigitalisierte Wunderstadt errichten. Aus Nichts soll eine neue Schöpfung entstehen. Sollte er sich da noch mit Völkerrechtsexperten und Frauenbeauftragten herumquälen?

Weg mit allen moralischen Bedenkenträgern. Freie Fahrt den Tüchtigen, Genialen, den Menschenbeglückern und Fortschrittspropheten. Seit im Sturm und Drang das deutsche Genie erfunden wurde, hat es alle moralischen Klügeleien über Bord geworfen. Die Moderne ist zum Regiment der Genies, Tüchtigen, Risikobereiten, der Wagemutigen und Zukunftsvisionäre geworden.

Warum sind politische Kampagnen zur Stärkung der Gerechtigkeit ein Flop? Weil Gerechtigkeit eine Frage der Moral wäre, Wirtschaft aber immun sein will gegen alle schwammigen Fragen der Ethik. Sie wollen unangreifbar sein, ergo müssen sie Moral verwerfen. Moral ist Zudringlichkeit kleiner Geister, die die Genialität der Begnadeten beneiden.

Moral ist die letzte Waffe des demokratischen Pöbels, der sich anmaßt, die großen Lenker der Geschichte von unten zu behelligen. In allen anderen Kategorien sind die Oberklassen bereits unfalsifizierbar. Sie sind reicher, mächtiger, intelligenter, vorausschauender, tüchtiger, erfolgreicher, mittlerweilen caritativer und menschheitsbeglückender. Bleibt nur noch eine kleine Lücke im System: Demokratie ist Überprüfen jeglicher Macht. Also muss sie angezählt werden. Genieherrschaft und Volksherrschaft – das ist inkompatibel.

Armut ist das Produkt moralischer Entscheidungen. Wenn Mächtige es für richtig halten, dass nur sie die Geschicke ihres Volkes bestimmen, dann ist ihnen erlaubt, die weniger Mächtigen ins Elend zu stürzen. Erfüllen die Tüchtigen und Mächtigen doch nur die Gesetze der Evolution, die nichts anderes sind als die Scheidung der Menschen in Tüchtige und Untüchtige.

Wie viele Erklärungen gab es schon, um die Reichen vom Vorwurf zu entlasten, ihre amoralische Raffgier sei die Ursache von Armut? Sie lassen geniale Theorien aushecken, die den Armen die Schuld an ihrer Armut geben. Schwache seien zu wenig intelligent, zu träge, zu sicherheitsorientiert, zu antriebslos, um dem Verhängnis der Armut zu entgehen.

Darwins Naturerkenntnisse wurden von Sozialdarwinisten auf die Gesellschaft übertragen. Francis Galton, ein Verwandter Darwins und begnadeter Statistiker, machte die mangelnde Intelligenz der Unterklassen für ihre Armut verantwortlich.

Für Prediger Malthus waren die Armen selbst an ihrem Elend schuld. Sie seien zu triebhaft, würden zu viele Kinder in die Welt setzen, die sie nicht ernähren könnten. Das mag heute in solcher dreisten Deutlichkeit seltsam klingen und spielt dennoch noch immer eine Rolle im Kampf der Klassen. Wenn superreiche Dynastien viele Kinder zeugen, haben sie dazu ein volles Recht, denn sie können diese Kinder problemlos ernähren. Warum kriegen Überflüssige überhaupt noch Kinder, wenn sie nicht in der Lage sind, sie sorglos aufwachsen zu lassen?

Malthus hielt nichts von Armenunterstützung: „Es mag unwahrscheinlich klingen, dass man mit Geld die Lage der Armen nicht verbessern kann, ohne die der Gesellschaft zu verschlechtern. So unwahrscheinlich das auch klingt, so glaube ich doch, dass es die Wahrheit ist. Da die Unterstützung kein einziges Gut erzeugt, kann sie keinen einzigen Armen erhalten.“

Der Pastor verurteilte nicht nur jedes Geldalmosen, sondern auch jede soziale Sach- und Arbeitsleistung. Er verlangte die Abschaffung aller Armengesetze und jeder systematischen Unterstützung der Armen. Warum sind sie arm geworden? Das Elend hätten sie nur selbst zu verantworten. Sie hätten keine Voraussicht geübt und zu viele Kinder gezeugt. Von den Armen fordert er, Hunger zu leiden mit vielen Kindern – oder auf ihre sinnlichen Bedürfnisse zu verzichten.

Solche klaren Worte sind heute verpönt (außer von einem amerikanischen Präsidenten, aber selbst der kann es mit der göttlichen Unverfrorenheit des Popen nicht aufnehmen). Und dennoch liegt der Ungeist des Puritaners noch immer auf allen Sozialdiensten der Gegenwart. Im Zweifelsfall sind die Armen schuld. Wenn Deutschlands Wirtschaft schwächelt: wer muss büßen? Die „Sozialknete-Empfänger“, die Väterchen Staat auf der Tasche liegen. Die sorglos in den Tag hineinleben. Die keine Verantwortung übernehmen für eine zukunftsfeste Wirtschaft. Die Schwächsten müssen getreten werden, damit die Starken ihre Schwächephase überwinden können.

Die Verachtung der Armen durchdringt die ganze Gesellschaft. Schmarotzer seien sie, Profiteure des staatlichen Leichtsinns. Noch immer gilt staatliche Unterstützung als Gnadenakt. Und Gnade ist nie verdient. Dieselben, die die lutherische Gnadenlehre propagieren, grollen gegen die leichtsinnigen Empfänger der „billigen Gnade“. Noch nicht lange her, da gab es kaum einen Artikel über Gerechtigkeit, der diese Tugend nicht als Neid der Modernitätsverlierer abqualifiziert hätte.

Wer verliert, kann nie Recht, wer gewinnt, nie Unrecht haben. Vollendeter Calvinismus mitten im medialen Kanonendonner gegen alle Menschen, die keine Leistung bringen. Ein Mensch hat kein Recht auf ein erfülltes Leben, wenn er es nicht durch Leistung erkauft. In dieser Gesellschaft gibt es keine leistungslose Würde. Wer nicht bringt, was führende Klassen als Normen festgelegt haben, dessen Würde steht nur auf dem Papier.

Der Verachtung der nationalen Armen entspricht die Verachtung jener Völker, die im Niemandsland allen Fortschritt und Reichtum ablehnen. Besonders den Reichtum, der die Natur ruiniert. Bislang unternahmen die Industriestaaten alles, um die indigenen Völker zu ihrem eigenen Lebensstil zu überreden, zu verlocken und zu verführen – oder zu zwingen, indem man sie von ihrem Grund und Boden vertrieb. Endlich fordert eine einsame Stimme: Lasst sie leben, wie sie leben wollen, die indigenen Völker.

„Weltweit gibt es über 100 indigene, unkontaktierte Völker. Die meisten leben im Amazonasregenwald. Sie wollen unsere Zivilisation nicht. Sie haben sich für Freiheit statt Fortschritt entschieden“. (WELT.de)

Welch eine Provokation seitens oft gescholtener „geschlossener Gesellschaften“, die die Segnungen der Industriestaaten kaltblütig ablehnen. Wer aber ist hier die wahre offene Gesellschaft? Diejenige, die getrieben wird zur Produktion unendlichen Elends, zur Selbstvernichtung durch Naturschändung – oder diejenige, die endlos lange ihr Leben mitten in der Natur zur vollen Zufriedenheit führen konnte? Die "offenen" Gesellschaften erdreisten sich, die "geschlossenen" mit List und Gewalt zu ihrem "offenen" Modell zu zwingen – oder zu zerstören. Wahrlich, eine unübertreffliche Offenheit.

Sind indigene Völker arm, wie es herablassend konstatiert wird? Da indigene Völker keine Klassen haben, würden sie gar nicht verstehen, was Arme sind. Da sie seit Millionen Jahren überlebt haben, wissen sie nicht, wo ihre Defizite sein sollen, zumal im Vergleich mit jenen Staaten, die die Existenz der gesamten Gattung in Gefahr bringen.

Nachdem die Aufklärer die Überlegenheit der „Wilden“ über die christliche Verkommenheit der Abendländer feststellten, wurde ihre Aufwertung der Heiden mit dem Spott vom „edlen Wilden“ ad absurdum geführt. Seitdem hört man nichts mehr von den Wilden – außer regelmäßigen Meldungen, wie man sie mit List und Tücke von ihrem Terrain verjagt, missioniert, geheimen medizinischen Experimenten unterwirft.

Viele dieser Stämme haben mittlerweilen Bekanntschaft mit dem Westen gemacht. Und siehe: alle Vorzüge der Sternenstürmer, Meeresverseucher und Urwaldvernichter prallen an ihnen ab. Im Vergleich mit arroganten Zivilisationen haben die Urmenschen alle Trümpfe in der Hand. Sie kennen keine sozialen Klüfte, keinen Smog, keine Arbeitslosigkeit, keine Gefängnisse und Polizei, keine Erziehungsprobleme mit ihrer Jugend.

Welche Gesellschaft ist hier die geschlossene, wer die offene? Die unfreie, die ihrem Größenwahn unterworfen ist, jeden Fortschritt mit einem Preis bezahlen muss – oder die freie, die wirklich wählen kann, und siehe, sie wählt ihr altbewährtes Modell, das kein Neues benötigt, weil das Alte zur Zufriedenheit aller ist?

Wie entsteht Armut? Nicht durch Mechanismen einer komplizierten Maschine, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Marx wirft dem Kapitalismus vor, die Armut geschaffen zu haben. Gleichzeitig bewunderte er dessen Glanzleistungen, auf die auch das Proletariat nicht verzichten könnte. Er entlastete nicht nur die Ausbeuter von allen moralischen Fehlentscheidungen, auch das Proletariat sollte von moralischen Anstrengungen verschont bleiben. Alles geht automatisch, Freunde. Dafür sorgt die Vorsehung der Geschichte. Leidet und wacht, bis die messianische Revolution vor der Tür steht und Einlass begehrt. Ihr seid nur Voyeure der Geschichte. Solange euer Maß des Leidens nicht erfüllt ist, habt ihr die wundersame Kippbewegung der Geschichte nicht verdient. Marx redet den Schwachen paulinischen Gehorsam ein:

„Daher habe ich Gefallen an Schwachheiten, an Misshandlungen, an Nöten, an Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Marx glaubte nicht an die moralische Kraft der Proleten, sondern unterwarf sie dem Maß des Leidens, das ihnen die Geschichte zudachte und dem sie nicht entkommen werden – bis die Geschichte anders entscheidet. Streng genommen waren es nicht die Ausbeuter, die ihre Abhängigen in die Armut stürzten, sondern das materielle Sein. Ausbeuter und Ausgebeutete: beide sind sie die Marionetten der Geschichte.

Mitnichten will das Christentum die Armut auf Erden abschaffen. Die Armen habt ihr allezeit, wehrt Jesus die Gerechtigkeitsbedenken der Jünger ab, die kein Geld für kostbare Salben ausgeben, sondern den Armen spenden wollten. Und Paulus brilliert mit der Aussage, er könne in Armut so gut leben wie im Reichtum:

„Ich weiß, in Niedrigkeit zu leben, ich weiß in Luxus zu leben, in alles und jedes bin ich eingeweiht, sowohl satt zu sein als zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als Mangel zu leiden.“

Ein revolutionärer Ruf zur Abschaffung der Armut klingt anders. Klingt er wie der Appell des Herrn an den reichen Jüngling: „Willst du vollkommen sein, so geh hin und verkauf alles, was du hast und gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben?“

Armut ist nicht das finale Ziel der Gläubigen, sondern unermesslicher Reichtum – im Himmel. Was würde geschehen, wenn alle Reichen ihr Hab und Gut den Armen übergäben? Die Armen würden reich, die Reichen arm. Was wäre gewonnen?

Armut ist kein Glanz von innen, eine arme Gesellschaft keine moralische Utopie. Der materielle Kern der Armut ist Ausschluss aus der Gesellschaft, der psychische der Verlust der Menschenwürde.

Jede Gesellschaft könnte so reich sein, wie es ein pfleglicher Umgang mit der Natur zuließe und ihre Vernunft es für angemessen hielte. Was bedeuten würde: der Reichtum wird gerecht geteilt, eine Kluftbildung zwischen Reichen und Armen verhindert.

Das wäre der globale Imperativ einer solidarischen Moral.

 

 

Fortsetzung folgt.