Neubeginn LXXIV

Tagesmail - Montag, den 23. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXIV,

hat der Kapitalismus den Sozialismus besiegt? Nein.

Hat der Westen den Osten besiegt? Nein.

Ist Amerika noch immer die führende Großmacht der Welt?

Schon jetzt nicht mehr. À la longue überhaupt nicht. China wird die absolute Weltmacht Nr. 1 werden.

Was bedeutet das für die Welt?

Dass die Völker der Welt sich immer mehr an China orientieren werden. Der Drang des westlichen Neoliberalismus nach Abstreifen demokratischer Fesseln wird zu einem postdemokratischen Neoliberalismus führen, der dem sozialistischen Kapitalismus zum Verwechseln ähnlich sein wird.

China hat sich den Kapitalismus komplett einverleibt und dem Sozialismus unterworfen. Den einstigen Systemfeind hat es zum knechtischen Inhalt degradiert, den es der totalitären Herrschaftsform des Marxismus-Maoismus untergeordnet hat.

Sind Marxismus auf der einen Seite, Leninismus, Stalinismus und Maoismus auf der anderen nicht völlig unverträgliche Systeme?

Nein. Belanglose Unterschiede gib es, doch das Hauptmerkmal ist bei allen gleich: Marx verabscheute demokratische Methoden und Moral. Alles aber, was nicht demokratisch ist, ist totalitär.

Marxens Reich der Freiheit: ist das nicht demokratisch?

Das Absterben des Staates ist kein Absterben von Mächten, die nicht mehr gewillt wären, anderen Menschen ihren Willen aufzuzwingen. Selbst, wenn das Reich der Freiheit demokratisch wäre: das Anstreben eines guten Ziels mit bösen Mitteln kann niemals gut sein. Platons gerechter Staat war totalitär, weil das ...

... moralische Ziel mit Zwangsmethoden erzwungen werden sollte. Ein theokratisch, politisch oder wirtschaftlich dominierter Staat mit Beglückungszwängen kann niemals demokratisch sein.

Der Mensch muss seine Ziele in ungehinderter Freiheit und dialogischer Verständigung realisieren können. Knechtschaft kann keine Freiheit gebären. Die Französische Revolution war nur möglich, weil der Geist der Freiheit die königliche Despotie schon lange unterminiert hatte. Ein demokratischer Staat muss nicht absterben, er muss den Willen eines Volkes in Politik verwandeln.

China zeigt, dass der Sozialismus so flexibel ist, dass er sich den Kapitalismus einverleiben kann – ohne aus den Nähten zu krachen. Wie lange diese Konvergenz zweier konträr scheinender Systeme überleben wird, bleibt abzuwarten. Solange Menschen noch einen Funken Selbstbestimmung in sich spüren, wird die Synthese bedroht bleiben.

Eine machtgierige Ökonomie und politikverdrossene Demokraten liebäugeln im Westen immer mehr mit dem totalitären System Chinas, in welchem eine kleine Elite das Schicksal der Massen durch digitale Allround-Überwachung bestimmt.

Nur dem Scheine nach war die Übereinstimmung von Sozialismus und Kapitalismus ein unüberwindbares Problem. Denn die Demokratie war von Anfang an von automatischen Elementen wie Fortschritt und Geschichte durchzogen, die die Selbstbestimmung des Menschen auf die Wahlmöglichkeit von Konsumartikeln eingeschränkt hatte.

Und Marx war so erfüllt von Bewunderung für den naturüberwältigenden Kapitalismus, dass er der Freiheit des Menschen nur eine winzige Rolle am futurischen Sankt Nimmerleinstag zubilligte. Die staunenswerten Kapazitäten des Kapitalismus mussten erst die maschinenmäßigen Grundlagen des Reichs der Freiheit schaffen, bevor die Proleten geruhten, die Herrschaft über das gemachte Nest zu übernehmen. Eine ominöse „Gesellschaft“ war es, die die Voraussetzungen dafür schaffte, dass eine lebenslang fixierte Arbeitsteilung von beliebigen Tätigkeiten abgelöst werden konnte:

„… während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

Wer ist die Gesellschaft? Ein Ensemble der Maschinen? Eine allesbestimmende Partei, von der die Freien noch immer abhängig sind? Von Arbeit kann keine Rede sein. Es werden Hobbys gepflegt. Wie kann man abends Viehzucht treiben und den nächsten Tag etwas ganz anderes? Das hungrige Vieh wird sich bedanken.

Zwar wird es keine Ausbeuter mehr geben, aber die Paradiesgesellschaft wird keineswegs eine Gesellschaft der Gleichen sein. Jedem nach seinen Bedürfnissen, jedem nach seinen Fähigkeiten. Das liberale Motto: Leistung muss sich wieder lohnen, ist ausgerechnet ein Kernelement der Marx‘schen Utopie. Von einem zoon politicon ist nirgendwo die Rede.

Solange die Gesellschaft sich im Stadium der Vorgeschichte befindet, sind demokratische Methoden verachtenswerte bürgerliche Rituale. Im Endstadium werden sie überflüssig – obgleich es noch immer ärgerliche Dinge geben muss, die kritikwürdig sind, sonst gäbe es keine kritischen Kritiker. Der utopische Mensch bei Marx muss ein isolierter Herumtreiber sein, der das Leben auf der Agora weder benötigt noch vermisst. Er blieb ein asozialer Bourgeois – nur losgelöst von den Freuden einer nachhaltigen Arbeit, in der er seine Fähigkeiten erkennen und sozial sinnvoll einsetzen kann.

Nur Anhänger der Sündenfallgeschichte betrachten Arbeit als Strafe. Nicht Arbeiten ist die Strafe, sondern eine fremdbestimmte Maloche, die man erledigen muss, um nicht zu verhungern. Bewohner des Reiches der Freiheit langweilen sich beim Suchen nach einer hastig wechselnden Lust – ein typisches Phänomen für jene im Luxus prassenden Kapitalisten oder eines müßigen Adels, die ständig nach neuen Amüsements Ausschau hielten, um der Öde eines monadischen Müßiggangs zu entgehen.

Heutige Kapitalisten bringen das Kunststück fertig, sich den Anschein einer zeitverschlingenden Beschäftigung zu geben, nur um ihren Reichtum als Produkt ihrer Arbeit zu rechtfertigen. Dabei haben ihre unermesslichen Besitztümer mit Arbeit nichts mehr zu tun. Sie sind das Ergebnis von Spekulationen, mit denen der Glückliche sein Vermögen wunderbarerweise vervielfältigen kann.

Apologeten des Kapitalismus betonen immer wieder, Reiche würden anderen Menschen keinen Cent unrechtmäßig wegnehmen. Dabei haben Kapitalisten jene Regeln seit Jahrhunderten selbst erfunden und durchgesetzt, mit denen sie sich den von der Menschheit erarbeiteten Reichtum unter dem Schein der Legalität unter den Nagel reißen.

Was ist schlimmer als Raub? Ein Raub, der sich den Schein gesetzmäßiger Legitimität verschaffen kann. Wenn legale Gesetze den Raum einer verbindlichen Moral verlassen, unterminieren sie jede Demokratie, verschaffen den stärksten Raubrittern den Mantel des Gesetzmäßigen, überlassen die Betrogenen dem Elend der Versager. Während in den ersten Arbeitskämpfen ehrbare, aber betrogene Proleten unmoralischen, aber erfolgreichen Ausbeutern gegenüberstanden, hat die Weiterentwicklung des Kapitalismus die Front auf den Kopf gestellt.

Die Schwachen sind an ihrer Armut nicht nur selbst schuldig, sie sind auch amoralische Versager, die von den Eliten für ihr Parasitentum mit Ehr-Entzug bestraft werden. Hartz4 ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine moralische Demütigung. Bill Gates und andere gnädige Almosengeber hingegen sind nicht nur die Reichsten, sondern auch die Moralischsten, ja die Nächstenliebendsten.

Christen wollen keiner weltlichen Moral folgen, sondern den Geboten jenes Gottes, der sie für ihren Glauben mit Überfluss segnet. Warren Buffett gilt als Inbegriff des freigebigen Gentlemans, obgleich er – in ungewohnter Klarheit – vom Krieg der Reichen gegen die Armen spricht, den die Reichen gewinnen werden. Ein echter Beglücker der Menschheit.

Wie weit der deutsche Elitenzwang gehen kann, um die Modernitätsverlierer aller Rechtschaffenheit zu entkleiden, zeigt die schier unglaubliche Tatsache, dass mehr als 6 Millionen Deutsche bedroht sind, ohne Strom zu leben – weil sie die Stromkosten nicht mehr bezahlen können. Die verantwortlichen Politiker, unter ihnen verdächtig viele SPDler, wissen, dass Hartz4-Sätze die wachsenden Stromkosten nicht abdecken. Doch ohne Treten der Schwächsten können sie ihre Aufsteigerqualitäten nicht genießen:

„Während fast jeder Industriebetrieb eine Vergünstigung geschenkt bekam, hatte der SPD-Wirtschaftsminister für arme Menschen nicht mal einen Vorschlag übrig“, sagte Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer am Sonntag. Vorschläge für Modellprojekte würden ignoriert. Sowohl der frühere Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel als auch Umweltministerin Barbara Hendricks und die bisherige Sozialministerin Andrea Nahles (alle SPD) seien „offensichtlich nicht interessiert“ gewesen.“ (BILD.de)

Die Schriftstellerin Zadie Smith gehört zu den wenigen Intellektuellen, die begriffen haben, dass der Reichtum der EINPROZENT nicht nur mit legaler List zusammengerafft wurde. Sondern dass er auch die Ehre und Würde der Betrogenen verletzt und vernichtet.

„Die Reichen und die Armen wird es immer geben, aber die Lücke zwischen ihnen macht das Leben unerträglich – selbst für die Reichen. Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen, erschrecken mich. Wir wachsen in einer Welt auf, in der uns die Gesellschaft suggeriert, dass wir alles sein können und alles haben können. Das ist ein gefährlicher Gedanke. Es geht immer darum, zum Supermenschen zu werden. Aber in der Zwischenzeit sind wir nur Menschen. Eingegrenzt, leicht durch Kugeln zu töten, leicht durch Krebs zu beschneiden. Aber viele Dinge werden derzeit entweder als Naturkatastrophe oder als gottgegeben präsentiert. Und alles, was einem als Schicksal verkauft wird, ist meistens Ideologie.“ (SPIEGEL.de)

Besitzen Menschen, die stromlos hausen und am Leben der Gesellschaft nicht teilnehmen können, noch Würde? Soziale Sätze werden nach einem Überlebensminimum bestimmt, nicht nach einem Würdeminimum, sofern Würde überhaupt zu quantifizieren ist. Eine Gesellschaft, die sechs Millionen die Würdelosigkeit androht, hat nicht nur das Grundgesetz, sondern alle Humanität mit Füßen getreten.

Würde ist das einzige Kriterium aller Gerechtigkeit. Dies wird von jenen ignoriert, die die Frage nach Gerechtigkeit für sinnlos halten. Ach wissen Sie, unter Gerechtigkeit versteht doch jeder etwas anderes. Spätestens an dieser Stelle sollte das Grundgesetz ins Feuer geworfen werden. Indem sie die Schwachen aller Würde berauben, berauben sich die Reichen ihrer eigenen Würde.

Marx kennt keine Würde des Menschen – außer in fernen Fata-Morgana-Zeiten. Der Kapitalist ist für ihn auch kein Amoralist, sondern nur der Schlaue, der weiß, „dass er, indem er die Arbeitskraft kauft, ein gutes Geschäft macht, weil sie die einzige Ware, das einzige Instrument ist, das die mysteriöse Kraft besitzt, mehr Wert zu erzeugen, als sie in sich selbst besitzt. Nach Marx bestiehlt der Kapitalist nicht den Arbeiter, der sehr wohl erhält, was ihm zusteht. Und dennoch soll dieser ausgebeutet werden.“ (Gide, Rist)

Wie kann man diese mysteriösen Sätze verstehen? Nur dadurch, dass man Marxens Verklärung aller Tauschbeziehungen zu Naturgesetzen versteht. Löhne, Gehälter, Preise und Profite, Angebot und Nachfrage sind keine subjektiven Machenschaften von Mächtigen, sondern objektive Naturgesetze. Der Kapitalist hat die ökonomischen Naturgesetze einfach besser verstanden als der dumme Prolet und zieht ihn legal über den Tisch, indem er die Naturgesetze zu seinen Gunsten anwendet. Was kann er dafür, dass es einen objektiven Mehrwert gibt, den er abschöpft, ohne den Abhängigen betrogen zu haben? Er folgt nur dem Grundsatz aller Moderne: Wissen ist Macht. Wer etwas besser weiß, kann jeden Toren und Unwissenden legitim um seine Würde betrügen.

Nur an einer versteckten Stelle offenbart sich die moralische Verdrängung Marxens, wo er das Kapital als „aus allen Poren blut- und schmutztriefend“ beschreibt. Marx hat nicht nur demokratische Autonomie, sondern jede humane Moral als Einbildung verworfen. Der marxistische Klassenkampf musste sich nicht mehr mit ethischen Diskursen herumplagen, er befand sich auf der sicheren Seite der Wissenden und Eingeweihten. Naturgesetze waren so unveränderlich wie Gottes Gebote (die allerdings sehr wohl veränderlich sind). Zadie Smith hat den Schwindel angeblich natürlicher Unveränderlichkeiten durchschaut und spricht von menschengemachter Ideologie.

Alle menschlichen Einschätzungen unterliegen beliebigen Bewertungen und sind keine natürlichen Invarianten. An dieser Stelle ist der Marxismus identisch mit dem Kapitalismus: beide erkühnen sich, die Gesetze der Natur erkannt und zur Anwendung gebracht zu haben. Moral? Überflüssig und gefährlich.

Der postmoderne Skeptizismus, der alle Wahrheit und Moral subjektiviert und jede Politik aus moralischen Gründen verwirft, überlässt die Realität den Herren der Macht. Deren Machenschaften wollen sie nicht durchschauen, deren amoralische Wirklichkeit nicht verbessern. Erneut ein Beweis für den ideologischen Bestandsschutz des Bestehenden durch skeptische Verleugnung aller Maßstäbe. Jeder Skeptizismus leugnet die Möglichkeit einer objektiven Veränderungsmoral, indem er die Realität zur eisenharten und unveränderlichen Wirklichkeit erklärt.

Es ist erstaunlich, wie deutsche Intellektuelle ihren Marx verehren, obgleich sie nicht im Traum dran denken, dessen – vermutete – Moral in linke Politik umzusetzen. Oft handelt es sich um ehemalige 68er, die ihren „Verrat der Revolution“ mit der Seligpreisung des Allwissenden kompensieren – und alle Sozialismen als Abfall von Marx denunzieren müssen.

Es ist wie bei kirchenfernen Namenschristen, die ihren Jesus als Lichtgestalt rühmen, alle christlichen Sünden aber als Verfehlungen der Kirchen anprangern, die sich fälschlich auf den Herrn und Erlöser berufen.

Es ist wie bei Luther: zurück zum Original, der Ursprung des Heiligen muss rein sein. Alle Verbiegungen und Verfälschungen sind das Werk degenerierter Nachkommen. Die konstantinische Erhebung der Kirche zur Staatskirche gilt für die meisten Christen als Sündenfall. Je weniger sie mit der Kirche zu tun haben, umso gläubiger fühlen sie sich.

So bei den marxistischen Intellektuellen: Marx war deutsch, hehr und rein. Lenin, Stalin, Mao und sonstige Massenverbrecher im Namen des Marxismus waren pure Verräter der ursprünglich reinen Lehre. Retour à l’origine. Da diese Rückkehr schlechterdings unmöglich ist, ist jede Verbesserung der Doktrin, jede Korrektur der Wirklichkeit in ihrem Namen aussichtslos. Jedes Utopieverbot wird damit erklärt, dass es einen idealen Zustand am Anfang aller Dinge nie gegeben habe – ergo sei der Versuch widersinnig, ihn als futurische Utopie zu realisieren.

Antje Vollmer, die zur Gründergeneration der Grünen gehört, beschreibt die Misere der SPD als Spaltung der einstmals pazifistischen Proletenbewegung in Kriegsgegner und Kriegsbefürworter.

„Wie vor hundert Jahren müssen die Parteien der Linken ihre Daseinsberechtigung zuallererst dadurch beweisen, dass sie aus den Kriegen und Sanktionen endlich aussteigen, selbst aus denen, die angeblich aus Menschenrechtsgründen geführt werden. Es gibt keine größere weltweite Fluchtursache und auch keine nachhaltigere Verletzung der Menschenrechte als den Krieg – diese einfache Wahrheit muss am Anfang aller Bemühungen um ein gemeinsames Agieren aller europäischen Linken stehen. Ja, es war ein großer und tragischer Fehler der SPD, die deutsche Arbeiterbewegung 1914 mit in den Krieg zu führen. Ja, es war ein Fehler der Kommunisten, deswegen den parlamentarischen und gewaltfreien Weg ganz zu verlassen. Ja, der Bolschewismus war antidemokratisch und ein Völkergefängnis.“ (Berliner-Zeitung.de)

Marx und Engels bleiben demokratische und pazifistische Lichtgestalten. Der Sündenfall des Marxismus beginnt mit den kaisertreuen Abweichlern von der ursprünglich reinen Friedenslehre. Genau genommen erst mit dem russischen Bolschewismus. Die ökonomische Lehre des Marx als unfehlbare Doktrin wird nicht einmal erwähnt. Sein Glaube an einen heilsgeschichtlichen Automatismus, seine Verhöhnung aller Moral und Demokratie, seine Entmündigung des Menschen zur Marionette des Seins wird von der Theologin Vollmer nicht zur Kenntnis genommen.

Die Verklärung des heiligen Ursprungs hat sich mittlerweilen in eine völlige Ignorierung des Originals verkehrt. Wieder mal ist in Deutschland etwas dialektisch ins Gegenteil gekippt. Inzwischen schaut man nach vorne. Der Blick zurück wird mit Verwandlung in eine Salzsäule bestraft.

Auch der Historiker Gerd Koenen hat in einem neuen Buch die marxistischen Originalgenies mit dem trügerischen Glanz der Unfehlbarkeit versehen. Besserwisserei, in niederen Kreisen ein Majestätsverbrechen, wird bei deutschen Geistesheroen zum Heiligenschein.

„1917, mitten im Ersten Weltkrieg, ergriffen die Bolschewiki die Macht, und Lenin verwandelte die Marxsche Theorie in eine traumlose, totalitäre Herrschaftspraxis.“ (ZEIT.de)

Marx, so Lenin, habe nicht den leisesten Versuch unternommen, eine Utopie zu konstruieren.

"»Marx stellt die Frage des Kommunismus so, wie der Naturforscher die Frage der Entwicklung einer neuen, sagen wir, biologischen Abart stellen würde.« Worauf es Lenin ankam, war, den fälligen Entwicklungssprung zu beschleunigen und zu steuern. Anders als die geläufige Interpretation es will, schöpfte der Kommunismus dabei nur zu geringem Teil aus seinem Pathos der Brüderlichkeit oder seinen berauschenden Fortschrittsprospekten. Zugleich ist klar, dass dieser "Kommunismus" mit seiner Unterordnung aller individuellen Lebensziele unter das oberste Staatsziel, "China reich und mächtig zu machen", das exakte Gegenteil dessen darstellt, was Marx und Engels 1848 im Kommunistischen Manifest als Ziel formuliert haben: eine "Association, worin die freie Entfaltung eines Jeden die Bedingung der freien Entfaltung Aller" ist.

Auch Koenen verwechselt Ziel und Methode und erweckt den Eindruck, Marx sei ein überzeugter Demokrat und Befürworter einer Moral der Brüderlichkeit gewesen. Am Ende erst sollte es eine freie Entfaltung aller geben – natürlich mit Ausschluss aller Ausbeuter und Blutsauger. Menschen sind bei Marx keine Brüder, sondern zerfallen in unversöhnliche Klassen. Lenin wollte die Entwicklung der Geschichte beschleunigen. Ebendies formulierte Marx im Vorwort zur ersten Auflage des „Kapital“:

„Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist –, und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen – kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozess auffasst, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“

Geht’s noch deutlicher mit der moralischen Entmündigung des Einzelnen? Marx, der als Aufklärer begann, endete als Verächter der Moral. Wie der Fromme zur Marionette Gottes, wird der Prolet zur Marionette einer angeblichen Natur-Geschichte. Alle Brutalitäten späterer Sozialismen sollen mit Marx nichts zu tun haben. Wie Jesu die reine Nächstenliebe, lehrt Marx die reine Brüderlichkeit. Erst die Umwandlung der lichten Theorie in schmutzige Praxis weit ab in asiatischen Steppen hat den Verfall der Heilslehre in heillosen Totalitarismus gebracht. Lenin habe den Quietismus der Marx‘schen Naturmeditation nicht ertragen und die Passivität des Originals in verbrecherischen Aktivismus verwandelt. Koenen bejubelt den Original-Marxismus in höchsten Tönen:

„Er war die vielleicht größte Freiheitsbewegung seines Zeitalters, denn er nahm fast alle Fragen einer staatsbürgerlichen und sozialen, weiblichen, ethnischen oder religiösen Emanzipation auf – vollständiger, als Liberale, Klerikale oder Konservative das gekonnt hätten.“

Erst Lenins Bolschewismus habe den wundervollen Marxismus ins blutrünstige Gegenteil verkehrt. Wie immer sind die Deutschen schuldlos. Ausländische Epigonen haben seine Lehre missverstanden und in totalitäre Schreckensgebilde verwandelt. Der despotische Russe wollte dem Gesetz der Geschichte nicht meditativ folgen und hat es in einen aktivistischen Blutrausch beschleunigt. Ganz so, wie es Wladimir Majakowski in seinem Poem „Linker Marsch“ mit dem anschaulichen Bild beschrieb:

"Gaul Geschichte, du hinkst, woll’n den Schinder zuschanden reiten, links, links, links.

China, Sozialismus mit kapitalistischen Waffen, wird unvermeidlich zur künftigen Weltmacht Nummer 1 aufsteigen und viele Völker in den Bann ihres gigantischen Erfolgs ziehen. Ein Hauptgrund für die amerikanischen Verwerfungen unter Trump und den Rechtsruck des gesamten Westens. China wird zu einem digitalen Überwachungsstaat, wie selbst Orwell es sich nicht hätte vorstellen können.

„Wie umfassend Chinas Führung Big Data nutzen wird, muss sich noch zeigen. Doch der Weg ist geebnet – für einen totalen Überwachungsstaat China.“ (DasErste.de)

Wie Christen das ausbleibende Kommen ihres Herrn durch selbsterfüllende Prophezeiung apokalyptisch beschleunigen, konnte auch Lenin das Reich der Freiheit nicht in beschaulicher Muße abwarten und musste die Geschichte durch ungeduldige Agitation in ein Schlachtfeld verwandeln.

Wenn der Glaube an eine übermenschlich-göttliche Seligkeit sich nicht rechtzeitig erfüllt, verwandeln die Gläubigen den erhofften Himmel in eine reale Hölle.

Keinerlei Ähnlichkeiten mit einer rationalen Utopie aus der Kraft mündiger Autonomie.

 

Fortsetzung folgt.