Neubeginn LXX

Tagesmail - Freitag, den 13. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXX,

Frankreich geht wieder in Führung. Macron, listiger Göttersohn, kam in napoleonischer Überlegenheit über die Frankfurter Buchmesse – und offenbarte, was er sich vorgenommen hatte. Mit Baudelaire und Walter Benjamin, dem Heiligen der gottlosen 68er, entlarvte er mit altfranzösischer Brillanz die deutsche Bildungskatastrophe, die sich in trostlosester Weise bis ins Kanzleramt erstreckt.

Wer Europa erneuern will, muss sich an die Spitze des Geistes setzen. Geist ist alles, was nicht Macht und Wirtschaft ist. Wie sich esprit allerdings mit paläoliberaler Arbeiterallergie verträgt – wie seine schärfsten intellektuellen Kritiker aus Frankreich ihm hinterherrufen – wird sich noch erweisen.

Neoliberalismus ist der falsche Begriff für eine alte Ausbeutungswirtschaft, wie der schärfste Kritiker Hayeks, der hierzulande totgeschwiegene Alexander Rüstow, bemerkte, weshalb er den neuen zum uralten Liberalismus (Paläoliberalismus) umdeklarierte. Ein neuer Liberalismus wäre das Gegenteil von Hayeks Anbetung eines erbarmungslosen, dem menschlichen Verstand unzugänglichen Markt-Egoismus.

Was Gegenteil ist? Kann auf Deutsch nicht erklärt werden. Hierzulande gibt es keine Gegenteile. Was Hegel nicht gelang, zur Maische zu schreddern, gelingt einer pastoralen Weltmeisterin in einschläfernd-alternativloser Dialektik.

Heißa, es wird spannend. Der alte Streit zwischen messerscharfer französischer Logik und nebelbildender deutscher Konfliktvertuschung – faule Kompromisse und Versöhnung genannt – erlebt seine Wiederauferstehung. Er will keinen Arzt, er will Visionen: mit einem einzigen Sätzchen wischte Macron den hiesigen Platzhirschen des Immerweiterso – einen gewissen Helmut Schmidt – vom Tisch. Das war eine Kampfansage an alle sozialdemokratische Post-Willy-Tristesse und christdemokratisch-visionslose Demutsprahlerei.

Macron, der mit Bildung brilliert und Poppers Warnung vor dem Gift der Brillanz in den Wind schlägt, hat eine Vorgängerin, der er das Wasser nicht ...

... reichen kann: Madame de Staël, die Deutschland in unnachahmlicher Weise kritisierte, indem sie es bewunderte, hatte den Deutschen den Stempel aufgedrückt: l’Allemagne, das Land der Unpolitischen. Die Zurückgebliebenen würden vor der Wirklichkeit ins Dichten und Denken flüchten.

Denken und Dichten können gefährlich sein, wenn sie schwärmen, anstatt wahrzunehmen, seltsame Fragen stellen, anstatt ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Fragen wie diese: Warum gibt es überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Antwort: Darum. Wer hierzulande in die Philosophie einführt, überfällt die Erstsemester aus der schwäbischen Alb mit der Frage: bist du dir sicher, dass es dich gibt, du Wurm? Dass alles, was du für real hältst, tatsächlich real ist? Umwerfende Frage mit umwerfender Wirkung. Die Jungtotterer wurden seitdem nicht mehr gesehen. Sie sattelten um auf BWL. Da konnten sie wenigstens berechnen – was nicht real war, aber die Welt beherrscht.

Goethe ergriff die Flucht vor der starken Frau, als sie in Weimar erschien, um die von aller Wirklichkeit entfernten, um sich selbst kreisenden Provinz-Machos aufzumischen. Eine selbstbewusste Französin hielt den Deutschen den Spiegel vor, um sie indirekt aufzufordern, endlich erwachsen zu werden. Wie sieht es heute aus?

Bis gestern war es eine deutsche Frau, die ihren europäischen Nachbarn den Takt vorgab. Von Bildung und Gelehrsamkeit allerdings ist sie so weit entfernt, wie Newtons Physik von Goethes Naturlehre. Früher hatten die Deutschen wenigstens Gedanken und Poesie, heute besitzt die deutsche Königin nur gedankenfreie Macht und poesie-lose Ökonomie.

Madame de Staël wollte durch den Vergleich zwischen beiden Nationen „der geistigen Dürre, die zu jener Zeit in Frankreich herrschte, den Reichtum an neuen lebendigen Gedanken im politisch ungeeinten unterjochten Deutschland gegenüberstellen und den Franzosen auf diese Weise nicht nur die Augen für das Nachbarland, sondern für die eigene Situation öffnen und liberalem Denken den Weg bahnen.“

Liberales Denken aus Deutschland? Da gibt es nur den Adligen Wilhelm von Humboldt – und danach nichts. Alle anderen Geistesriesen waren unpolitisch oder strebten zurück ins theokratische Mittelalter. Nicht einmal die deutschen Aufklärer waren Freunde der reinen Demokratie. Kant hatte zum Pöbel kein Vertrauen und propagierte einen monarchischen Rechtsstaat. Nach Humboldt sollte der Staat „weder direkt in die Vermögensverhältnisse und Versorgungslage der einzelnen Individuen eingreifen, noch versuchen, einen indirekten Wohlstandsschub für die gesamte Gesellschaft zu erwirken, um auf diesem Weg das Wohlergehen der Menschen zu befördern. Überhaupt soll der Staat sich jedes positiven Handelns nach Möglichkeit enthalten.“

Mit der Französischen Revolution, einem Menschheitsereignis, wurde Frankreich zur Avantgarde aller freiheitlichen Kräfte in Europa. Damals war das zerrissene Deutschland ein politisches Fast-Nichts. Heute ist es zur führenden Macht in Europa geworden. Auch in geistiger Hinsicht?

Merkel beging den Fehler, in Macrons Falle zu tappen und ebenfalls in Frankfurt zu erscheinen. Wie immer, konnte sie sich auf ihre medialen Paladine verlassen, die nicht wahrnehmen wollten, dass Muttern im Schatten des auftrumpfenden Franzosen nichts zu bieten hatte.

Je reicher Deutschland wird, umso mehr werden die neugermanischen Fluren von letzten Resten urdemokratischer Methoden gereinigt. Wenn Demokratie die Frucht scharfen Denkens und einer humanen Moral ist – sie ist es –, versinkt Deutschland allmählich im Morast wirrer, sich widersprechender Gedanken und einem zunehmenden Hass auf Moral. Wer es nie zur autonomen Gründung einer Demokratie brachte, dem sind die Urquellen ihrer Regeneration schnuppe.

Gottlob gelang es der Pastorentochter, den Namen Goethe unfallfrei zu buchstabieren. Doch zu welchem Zweck? Von der Literatur erhoffe sie sich Hilfe zur „Verwurzelung“ des Gemeinwesens.

War das eine ungewollte Selbstkritik? Klang es bisher nicht aus all ihren Äußerungen, den Deutschen ginge es wirtschaftlich gut, geradezu paradiesisch? Sollte ihnen trotz allen Wohlstands dennoch etwas fehlen? Ist es möglich, dass einer der reichsten Nationen der Welt etwas Grundsätzliches abginge? Verbirgt sich hinter den Kulissen des Luxus ein prinzipieller Mangel? Sollten die Deutschen ohne Bodenhaftung jeder Zeitenströmung hilflos ausgesetzt sein? Sind sie nicht fest verwurzelt im völkischen, europäischen Boden? Ist Verwurzelung ein anderer Begriff für Heimat, den man aus bestimmten Gründen vermeiden sollte?

Wo ist die Heimat der Freunde der Selbstbestimmung? Überall, wo Freiheitsfreunde zu Hause sind. Die Wurzeln selbstbestimmter Menschen liegen in der geistigen Verfassung freier Völker. Auch in der Natur, die überall auf Erden präsent ist.

„All diese vortrefflichen Menschen, zu denen Sie nun ein angenehmes Verhältnis haben, das ist es, was ich Heimat nenne“. (Goethe)

Das ist ein kosmopolitischer Grundsatz: wo du dir Freunde geschaffen hast, wo es dir gut geht, da ist deine Heimat. Die Verwurzelung des Menschen ist der Mensch. Das Nest. Die Gruppe deines Vertrauens. Eine menschenfreundliche Welt schaffen, hieße, überall unter Freunden zu sein.

Urvertrauen in Menschen ist all das, was heute durch ökonomische Raserei vernichtet wird. Wo man dir Arbeit zuweist, wo du Profit machst, das ist deine erzwungene Heimat auf Widerruf. Alles, was dir nicht zuarbeitet, was du zu deinen Zwecken nicht übers Ohr hauen kannst, ist dein Konkurrent, dein Gegner, dein Feind.

Die Erde ist die Heimat des Menschen – überall, wo er sein Haupt hinlegen kann. Wer das Irdische hasst und seine Wurzeln im Drüben sucht, ist ein Denunziant der heimatlichen Erde.

Doch Goethe ist kein demokratischer Kosmopolit. Verbunden fühlte er sich nur mit den geistigen Eliten Europas, das niedere Volk verachtete er. Deutschland war nur der zufällige Ort seiner Geburt. In Wirklichkeit sehnte er sich in das Land seiner jugendlichen Träume:

„Und an dem Ufer steh ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend“ (Iphigenie auf Tauris)

In Hellas war er nie. Italien sollte sein Ersatz sein für Griechenland. Kein Zufall, dass die Deutschen, das Land der Griechen mit der Seele suchend, es fast nie in das Land ihrer Sehnsucht schafften. Hölderlin kam nur bis Bordeaux, Schiller war weder in Holland, noch in der Schweiz oder in Spanien, wo seine wichtigsten Helden spielten.

Im Mittelalter suchten die Deutschen ihre Heimat in der Heimat ihres Erlösers. Aus der Suche wurden schreckliche Kreuzzüge. Später suchten sie ihre Heimat im Osten oder in den Tiefen Asiens. Raum im Osten war für sie nicht nur ein kriegerisches Ziel. Der Westen war für sie kontaminiert durch die Herrschaft einer naturfeindlichen Technik und eines unmenschlichen Beutemachens.

Das einfache Leben, in der Scholle verwurzelt, war der Gegentraum gegen Amerika, das keinen Respekt vor der Natur kannte und den Menschen zum Profitjäger degradierte. In seinem Roman „Das einfache Leben“, beschrieb Ernst Wiechert die Träume der Deutschen vom überschaubaren und schlichten Leben am Busen der Natur:

„Protagonist ist der Kapitän und Kriegsveteran Thomas von Orla, der der Zivilisation den Rücken kehrt und seine Lebenskrise mit dem Trauma des Ersten Weltkriegs in einem naturnahen, entsagungsreichen Leben in der masurischen Seenplatte in Ostpreußen überwindet. Von Orla erscheint zurückhaltend, tolerant, ernst, vornehm, kunstsinnig, nachdenklich, naturverbunden, genügsam, arbeitsam und keineswegs hochmütig.“

Das war eine Absage an den warenproduzierenden, nimmersatten Kapitalismus des Westens. So unverfänglich die Beschreibung des einfachen Lebens auf den ersten Blick wirkt: das Schreckliche ist, dass auch die Schergen des Dritten Reiches sich in dieser Charakterisierung wiedererkennen konnten. Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen: in der Wandervogelbewegung hatten sie das einfache Leben mit der Jurte kennengelernt.

Anständig zu sein zu Kameraden, zu den Volksgenossen: das verstand sich von selbst. Hochmütig? So empfanden sie sich nicht. Ihre Überlegenheit über andere Rassen war für sie selbstverständlich, eine Gabe der Natur. Ihre Völkerverbrechen waren für sie schlichter Gehorsam. Ein Akt der Dankbarkeit gegen Gott und die Natur, die sie retten wollten vor naturunverträglichen Elementen.

Haben die Nazi-Ideologen die Ökologie erfunden – weshalb die heutigen Grünen sich in christliche Bewahrung der Schöpfung flüchten mussten, um dem verhängnisvollen Eindruck zu entgehen, verspätete Nazi-Sprösslinge zu sein?

Niemals. Jede agrarische Gesellschaft, die sich durch Arbeit in der Natur ernährt, ist Hüterin einer uralten Verbundenheit mit der Natur. Alle Völker der Welt, die keinen Fortschritt, keine lineare Heilsgeschichte kennen, sind ökologische Gesellschaften. Die griechische Philosophie des Kosmos und der zirkulären Zeit haben jene Gedanken entwickelt, aus deren Schoß die moderne Ökologie kroch.

Wie viele naturphilosophische Bücher wurden in der Zeit der Entstehung der Grünen Bewegung geschrieben? Kaum ertönte die erste infame Kritik an der angeblich faschistischen Idolisierung der Natur, bekamen die Grünen weiche Knie und flüchteten in die weit geöffneten Arme der Theologen, die – listig und erfahren, wie sie sind – schon ein passendes Zitat parat hielten, um die neue Partei unbemerkt ihres Weges zum Altar zu führen.

Es war wie mit den Stürmern und Drängern, die in germanischer Wildheit begannen und in lammfrommer romantischer Frömmigkeit endeten. Als unzivilisierte, berserkerhafte Germanenhorden versetzten sie einst selbst kampferprobte und siegesgewohnte Römer in Angst und Schrecken – denen sie sich aber, als jene die Kutte der Mönche überzogen, in unverständlicher Widerstandslosigkeit ergaben. Da genügte es, dass ein fanatischer Missionar eine heilige Eiche erlegte – und sie waren von der Überlegenheit der naturlästerlichen Tat überzeugt.

Hinter der Wildheit verbarg sich eine scheue, ja ängstliche Seele, die gehorchen wollte. Konnte jemand seine Überlegenheit in einem Akt der Gewalt demonstrieren, waren sie zum Knien und Dienen bereit.

Dienen war für sie nichts anderes als verkappte Erringung der Überlegenheit über den Herrn, der langfristig mit dem Leben nicht zurecht käme, wenn er sich nicht auf die Intelligenzarbeit des Knechts verlassen könnte. In Hegels Knecht und Herr steckt die Demut-Strategie der Magd Gottes, die durch Leiden, Ducken und Gehorchen ihre Herrn in die Knie zwingt. Spätestens in einem nächsten Leben.

Welche deutschen Literaten könnte Merkel gemeint haben, auf deren Unterstützung für gegenwärtige Politzwecke sie hoffen könnte? Es gibt keine, denn es gibt keine Demokraten unter den Denkern und Dichtern. „Ich sage nur Anna Amalia“. Geht’s noch trostloser in der Berufung auf deutsche Leitkultur als sich auf adlige Gönnerinnen zu beziehen, die unter Geist jene Kunst verstanden, mit der sie ihre Langweile in gepflegte Kurzweil zu verwandeln hofften?

Goethe hätte lieber Verbrechen am Volk begangen als sich von den Privilegien eines höheren Schranzen zu trennen. Sein Faust war Urbild eines paläoliberalen Karrieristen und Aufsteigers, der sich des Bösen bedient und über Leichen geht, um an Geld, Frauen und Macht zu kommen. Er verflucht das irdische Glück und bevorzugt die ewig unzufriedene Hatz nach Erfolg und Ansehen, um am Ende seiner Tage als patriarchalischer Zwangsbeglücker des Volkes zu enden. Bildung, Humanität? Nichts als Werbegirlanden eines Bedenkenlosen. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut: jugendliche Sünden.

Das Böse wird nicht bekämpft, in seiner Entstehung nicht verstanden. Nur wer die Genese des Bösen vor Augen hat, kann es wirksam ad acta legen. Die bedenkenlosesten SS-Verbrecher waren hochgebildete Liebhaber von Bach über Mozart bis Wagner. Das Böse ist die notwendige Bedenkenlosigkeit, um ein Gutes zu bewirken. Wie aber kann etwas gut sein, wenn es alle Eigenschaften des Bösen aufsaugen und verinnerlichen muss?

Schillers revolutionärste Figur fordert von seinem König: Sire, geben Sie Gedankenfreiheit. Das war alles? Gedanken sind frei, denn mit leeren Gedanken kann man die Welt nicht verändern. Wenn nur Gedanken frei sind, sind sie in kürzester Zeit auch nicht mehr frei.

Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen: war das die Stimme eines Demokraten? Schiller begann wie viele jugendliche Deutsche: als begeisterter Parteigänger der Französischen Revolution. Als die Kunde von den Robespierre‘schen Gräueltaten über den Rhein drang, war‘s aus mit revolutionärer Leidenschaft.

Der Mensch, wie er nun mal ist, sei unfähig, ein neuer Mensch zu werden. Erst müsse er durch Kunst erzogen werden, bevor er auf die Menschheit losgelassen werden kann. Das war der Beginn der ästhetischen deutschen Religion, die sich an die Stelle der Politik setzte. Die Schaubühne wurde zur moralischen Anstalt – bis sie schnell ihre Unwirksamkeit feststellte und aus der moralischen Anstalt ein amoralisches Amüsement machte. Das Böse sollte gezeigt werden, aber nicht zur Belehrung und Ermahnung, sondern als Abwechslung im tristen Leben der Untertanen, die sich einbilden durften, als fiktive Helden des Stückes alle Herausforderungen des Bösen mit Bravour zu bestehen.

Der ursprüngliche Gedanke ist nicht falsch. Nur wer die List des Bösen durchschaut, wie es gute Absichten unmerklich ins Gegenteil wendet, kann es erfolgreich überwinden. Das war der Sinn des Theaters in der Tradition griechischer Tragiker. Selbst Spötter Aristophanes lässt keinen Zweifel am Zweck seiner Stücke: „Um der Bildung und Belehrung willen, weil wir die Menschen in den Städten besser machen.“ Warum zeigte Euripides die hinterlistigen Taten der Götter? Um die Frage aufzuwerfen: was sind das für Götter, die solches zulassen oder sogar veranlassen?

Das Theater war ein Zentrum der antiken Polis. Bildung war Vergnügen und Ernst des Volkes, sich mit seinen Problemen zu konfrontieren. Eine Theateraufführung war ein kollektives Ereignis, mit dem sich die Athener mit ihren Taten und Untaten auseinandersetzten. Solch eine pädagogische Selbsterziehung kann nur in einer freien Gesellschaft funktionieren, die an die Kraft wirklichkeitsgetreuer Darstellung und besserer Argumente glaubt.

Eine solche Situation gab es nie in der Geschichte der Deutschen. Ein Theater mit aufklärendem Anspruch mitten in einer Gesellschaft unrettbarer Sündenkreaturen, die an die Kraft ihrer Vernunft nicht glauben durften: das war ein hybrider gottloser Akt. Also wurde der Zweck der Aufklärung gestrichen. Übrig blieb die alte christliche Botschaft von der Vergeblichkeit allen Tuns – ohne Mitwirkung des Heiligen Geistes. Die Popen erkannten schnell die verhängnisvolle Wirkung einer eindrucksvollen Widerspiegelung der Realität, verbunden mit dem Anspruch der Aufklärung und Belehrung. Aus allen Kanonen schossen sie gegen die verführerische Macht der weltlichen Kunst. Nachdem die Epoche der Aufklärung vorbei war, kehrte die Lehre von der Weisheit der Welt, die vor Gott eine Torheit ist, zurück und machte den kleinsten Versuch der Kunst zur moralischen Kompetenz zunichte.

Heute überschlagen sich die Stimmen des Feuilletons beim leisesten Versuch eines Künstlers, die Menschen zur Verbesserung ihrer Lage aufzufordern: ihr könnt es, denn ihr sollt es. So erleben wir das ständige Gegeneinander eines kalten und warmen Golfstroms: Bösewichter wie Trump werden von deutschen Kommentatoren zum Gottseibeiuns erklärt. Gleichzeitig würde jeder Schriftsteller, der Trump als literarische Vorlage benutzte, um seine Leser zu demokratischer Leidenschaft anzuregen, wegen moralisierender Besserwisserei an den Pranger gestellt.

2015 wurde von dem französischen Skandalschriftsteller Houellebecq ein Buch veröffentlicht über eine fiktive Umwandlung Frankreichs in eine Herrschaft der Muslime. Volker Weidermann war vor Entzücken außer sich. Er nennt „Houellebecq anlässlich des Erscheinens von Unterwerfung den „radikalsten Schriftsteller unserer Zeit“. Der berufsmäßige „Skandalautor“ sei „eine ikonische Figur der westlichen Kultur“, die deren Irrsinn literarisch notiere: „Einsamkeit und das Leiden unter den Zumutungen der Freiheit ist das Thema seiner Bücher von Anfang an. Sein Stil ist schonungslos und mitleidvoll zugleich. Totale Freiheit ist großartig nur für die Helden der Geschichte, die Verlierer gehen an den Möglichkeiten der Welt, die sie nicht nutzen können, zugrunde.“

Will Houellebecq seine Landsleute vor einer muslimischen Theokratie warnen? Dann wäre sein Buch ein pädagogischer Aufruf zur Stärkung der demokratischen Kräfte. Wird der Irrsinn geschildert, um ihn besser zu durchschauen und zu überwinden? Offensichtlich nicht. In Frankfurt wurde Houellebecq die Frage gestellt, ob sein Buch eine gewollt-ungewollte Unterstützung von Marine le Pen gewesen sei? Schweigen.

Totale Freiheit? Das ist der Traum von Wahnwitzigen, die sich für allmächtig halten. Eine totale Freiheit der Starken auf Kosten der Schwachen ist – Paläoliberalismus. Weidermann bewundert den literarischen Propagandisten einer rücksichtslosen Gesetzlosigkeit. Und wer sich in die Riege dieser totalitären Hemänner nicht aufschwingen kann, der soll untergehen. Das ist Nietzsches Wille zur Macht, die Ideologie selbsternannter Herren der Welt.

Eine komplettere Schizophrenie als diese beiden sich widersprechenden Elemente der Moderne kann es nicht geben. Eine Gesellschaft, die bis auf die Knochen gespalten ist, permanent demokratisch blinkt und antidemokratisch agiert, kann keinen folgerichtigen Willen zur Selbstrettung entwickeln.

Frankreich besitzt eine großartige Tradition und politische Praxis, auf die das Land sich besinnen kann, um gefährliche Abweichungen von dieser Tradition in den Griff zu kriegen.

Deutschland Bildungstradition ist von lutherischem Marionettengehorsam so verseucht, dass seine besten Denker und Dichter den Mangel an Mut und Selbstbestimmung nie überwinden konnten. Der Blick der Deutschen auf ihre Bildungstradition ist ein Blick verklärender Selbstverblendung. Es ist bitter, aus der langen Geschichte seines Volkes fast nichts Sinnvolles übernehmen zu können.

Das einzig vertretbare Resumee wäre die Einsicht: wie es unsere Vorfahren trieben, dachten und dichteten: davon darf kein Stein auf dem andern bleiben.

Die Kanzlerin weiß nichts von der Geistesgeschichte ihres Volkes. Ihr Horizont begnügt sich mit Macht, Fortschritt, Wirtschaft – und frommer Unterwerfung unter Gottes Willen. Solange der allmächtige Vater die Geschichte bestimmt, muss seine Magd von gottlosem Geist nichts wissen.

Ob Macron seine Bildung wirklich benutzt, um Frankreich und Europa ins Denken zu bringen, die gefährdeten Demokratien aus dem Geist ihres Ursprungs wiederzubeleben, muss abgewartet werden.

Dass seine Konkurrentin Merkel aber unfähig ist, die Grundlagen der Freiheit, Gleichheit und Verbundenheit aller Menschen historisch zu verstehen und philosophisch zu erläutern: das, mit Verlaub, steht fest.

 

Fortsetzung folgt.