Neubeginn VIII

Tagesmail - Montag, den 22. Mai 2017

Hello, Freunde des Neubeginns VIII,

zum weltpolitischen Dschungelcamp gehört der Tempel der Verlogenheiten – oder: wenn der Hofnarr den König spielen muss.

Die heimlichen Bewunderer des Präsidenten atmen auf. Ist ER doch ein Großer, herrlich in seiner Unberechenbarkeit. Wie seine Feinde und Gegner wieder ins Schwitzen kommen, um den Unfassbaren zu fassen. Solange er seinen Deutern und Analysten um eine Volte voraus ist, kann‘s nicht langweilig werden. Gefährlich für ihn wird’s erst, wenn er nicht mehr verblüffen und blenden kann.

„Versöhnlich, staatstragend, verantwortungsbewusst – so trat USPräsident Donald Trump gestern vor die Führer der islamischen Welt in Saudi-Arabien.“ (BILD.de)

Nach vielen Verfluchungen des Islam erfand sich der Hofnarr erwartbar neu. Ohne Ablesen vom Tele-Prompter wäre die Erleuchtung nicht möglich gewesen. Hatte jemand erwartet, er werde sein Muslime-Mobbing ausgerechnet im Zentrum des Wahhabismus fortsetzen? Dann dürfte er sich zu Hause nicht mehr blicken lassen. Die Schande über seine Dummheit hätten seine treuesten Anhänger nicht verwunden.

„Gemäß wahhabitischer Lehre ist nicht nur alles verboten, was nach dem Koran oder anderen Überlieferungen verboten ist, sondern auch jede Handlung oder Situation, die zu einer solchen verbotenen Tat führen könnte. Diese Einstellung entspricht einer wortwörtlichen Auslegung des Koran und der Sunna, den Überlieferungen über das Leben, die Handlungen und Aussagen des Propheten Muhammed. Kennzeichnend für den Einfluss der Wahhabiten sind unter anderem folgende ...

... Praktiken im öffentlichen Leben:

- Verbot des Autofahrens für Frauen

- Verbot für Frauen, sich in der Öffentlichkeit mit fremden Männern zu zeigen

- Öffentliche Scharia-Strafen wie Hinrichtungen und Auspeitschungen

- Verbot der freien Religionsausübung

- Lange Zeit waren Musik und Fernsehen uneingeschränkt verboten.“

Er brachte die Botschaft, die man von einem christlichen Führer des Westens erwarten darf. Trump imitierte Obamas Melodie, wenngleich mit ökonomischer Schlussdissonanz.

„Er bringe eine Botschaft „der Freundschaft, der Hoffnung und der Liebe“. (BILD.de)

Für BILD sind solche Begriffe nicht christlich genug. Besser wäre es, wenn er die Bibel zitieren und den rechten Glauben betonen würde:

„Trump ist einer der am wenigsten gottesfürchtigen Präsidenten der US-Geschichte. Er befindet sich damit im krassen Gegensatz zu fast allen anderen republikanischen Präsidenten und Kandidaten, die ihre Religiosität auch im Amt oft mit Inbrunst lebten. Trump wurde nicht wegen seiner Frömmigkeit Präsident, sondern trotz ihrer Abwesenheit.“

Vorsorgliche Äußerungen für den Fall, dass nach dem staatsmännischen Pathos wieder der irre Amokläufer die Regie übernehmen wird. Nur Gottlose sind zuständig für das Böse in der Welt.

Der Glaube seines Vorgängers zeigte sich daran, dass er die Opfer seiner Drohnenmorde unter Seufzen und Beten aussuchen konnte. Würde er zum Auftakt des Kirchentages mit Angela, seiner Schwester im Herrn, über Luther und die Reformation schwadronieren, wenn sein gnädiger Gott und Herr ihn kalt ließe?

Was waren die Kernpunkte der „Vision von einem friedvollen und toleranten Islam“, die Trump in Riad aller Welt mitzuteilen hatte?

„Es gehe nicht um eine Schlacht zwischen verschiedenen Religionen oder Zivilisationen, sondern um „eine Schlacht zwischen gut und böse“: „Das ist eine Schlacht zwischen barbarischen Kriminellen, die das menschliche Leben auslöschen wollen, und anständigen Menschen aller Religionen, die es beschützen wollen.“

Trump eröffnet eine neue Deutungsepoche der Übel dieser Welt: Gut und Böse wurden von aller Religion befreit und flottieren ab jetzt freischwebend im Dunst des Nationalen; die konkurrierenden Erlöserreligionen wurden von jeglicher Schuld dispensiert. Ab jetzt sind Gut und Böse Erfindungen einer winzigen Terroristentruppe, deren Wirkungen allerdings, verglichen mit den Standard-Opfern einer modernen Zivilisation, kaum wahrnehmbar sind. Erhielten die Terroristen keine maßlosen Schlagzeilen, man würde sie kaum bemerken.

Religion wird ab jetzt zu einem folgenlosen privaten Fürwahrhalten. Anständige und Kriminelle werden religionsunabhängig. Warum sagt Trump dies alles ausgerechnet bei fundamentalistischen Saudis?

„Aber der Weg zum Frieden beginnt hier, auf diesem uralten Boden, diesem heiligen Land. Die Staaten des Nahen Ostens können nicht darauf warten, dass die Macht Amerikas diesen Feind für sie zermalmt."

Wird ein Übel nicht da erzeugt, wo es beginnt? Bedroht fundamentalistischer Terrorismus selbst die Fundamentalisten? Erbrachte Trump eine suggestive Vertrauensvorleistung, um den Übeltätern eine Wende ohne Gesichtsverlust zu ermöglichen? Stillschweigend hatte er seine früheren Attacken von einem „radikalen islamischen Terrorismus“ entsorgt. Eine glaubwürdige Wende des Denkens sieht anders aus.

Da landete er mit einem silbernen Vogel in einem fremden Land und verkündete „vielleicht der ganzen Welt“ die Frohe Botschaft vom Frieden. Garantiert ohne moralischen Zeigefinger. Kann denn in einer friedelosen Welt der Frieden ausbrechen, ohne dass die Menschen eine friedfertige Moral anstreben?

Unter Dabbelju Bush exportierten die USA Frieden und Demokratie mit Feuer und Schwert. Besser als die Bösewichter der Welt wussten sie, wie man Menschen mit Gewalt zu wahren Menschen erzieht. Doch nun die Kehre: „Wir sind nicht hier, um gute Ratschläge zu erteilen. Wir sind nicht hier, um den Menschen zu erzählen, wie sie zu leben, was sie zu tun, wer sie zu sein oder wie sie ihren Glauben auszuüben haben."

Kein Wörtchen zu den Menschenrechtsverletzungen seiner Gastgeber. Entweder sind Amerikaner Zwangsbeglücker – oder sie enthalten sich aller moralischen Bewertungen. In Deutschland, dem Land der Feinde moralischer Gutmenschen, muss man hinzufügen: auch Politik ist nichts anderes als nationale Moral. Mentale Isolation – oder militante Expansion: das ist das schroffe Entweder-Oder der amerikanischen Außenpolitik.

Es soll aussehen wie Demut, doch es ist nur eine andere Version der Dominanz: wenn ihr nicht unserer moralfreien Moral folgt, gibt’s Saures. Wenn Religion mit Terrorismus nichts zu tun haben soll: warum wäscht Trump die sunnitischen Saudis von aller Schuld frei, die schiitischen Iraner aber stellt er an den Pranger?

„Für Instabilität im Nahen Osten machte Trump Iran verantwortlich. Die iranische Regierung spreche offen über Massenmord, die Vernichtung Israels und den Tod für Amerika, so Trump. Zu den "tragischsten Interventionen Irans" gehöre der Bürgerkrieg in Syrien.“

Nun ist die Katze aus dem Sack. Am ach so komplexen Konflikt in Syrien sind allein die Iraner schuld. Der Westen darf seine Hände in Unschuld waschen.

Nachdem die Religion vom Bösen befreit wurde, kann es nicht mehr verwundern, dass der Liebesapostel einen Rüstungsdeal im Wert von 98 Milliarden Euro ankündigt. Der wird Jobs, Jobs, Jobs bringen.

Der neue Weltfriede wird abhängig gemacht von einer gigantischen Aufrüstung, die wiederum als Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme rechtfertigt wird. Der kapitalistische Freihandel beruht gewöhnlich auf friedlichen Beziehungen – mit Ausnahme jener Fälle, wo Kriege den Profit der überlegenen Wirtschaftsmächte retten müssen. Mit Waffen „Made in USA“ sollen die arabischen Potentaten für Ordnung sorgen. Die klaffenden Widersprüche der Rede des Friedensapostels sind für BILD gleichgültig:

„Seine Rede? Selbstsicher und staatsmännisch – trotz aller Widersprüche zu seinen Aussagen aus der Vergangenheit.“

Brinkbäumer, Chef des SPIEGELs, wollte schon letzte Woche den Chef der Amerikaner fristlos entlassen. Jetzt müssen sich die überheblichen Deutschen in Geduld üben. Eine gute Tragödie zeichnet sich durch retardierende Momente aus. Höhepunkt des Dramas und Fall des Schurken können erst kurz vor dem Ende stattfinden.

Ist Trump der Held eines klassischen Dramas mit innerer Läuterung? Davon kann keine Rede sein. Trump spielt diverse Rollen, doch hinter wechselnden Maskierungen bleibt er unverändert. Auch im Falle Saudi-Arabien hat er sich nicht eines Besseren besonnen: „Deshalb schreiben ihm seine Berater die Reden genau vor und Trump liest sie eins zu eins ab. Er denkt sich nichts aus und überlegt sich keine neuen Worte“, sagt USA-Experte Prof. Thomas Jäger“. Mit anderen Worten: Trump ist die Sprechpuppe seiner Umgebung. Nicht ausgeschlossen allerdings, dass er sich diese Rolle vorsätzlich auf den Leib schreiben ließ.

Indem der Friedensfürst den Iran zum Hauptschuldigen des Syrienkriegs erklärt, verschärft er den Konflikt mit Russland. Die internationale Lage wird keineswegs entspannter. Alles deutet auf ihre Verschärfung hin. Selbst Israel, das gegen den Iran geschützt werden soll, fühlt sich durch die Waffenlieferung an Riad nicht entspannter. Im Gegenteil – immer vorausgesetzt, wir haben es nicht mit vorinszenierten Sprechblasen zu tun.

„Nach Einschätzung der „New York Times“ haben Trump und sein Team klargemacht, dass sie bereit seien, Unterdrückung in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten öffentlich zu übersehen, solange diese Staaten Verbündete seien – auf Gebieten, die für Trump besonders zählten wie Sicherheit und Wirtschaft. Aus Sicht des Trump-Teams werde Handel mit Jobs und Wohlstand gleichgesetzt, während Bedenken wegen Menschenrechten einem zu oft auf die Füße fielen“, schriebt die NYT. Deutsche Gazetten sind unfähig, den Präsidenten unserer Schutzmacht derart scharf zu kritisieren.

Trumps erste Auslandsreise geht in die Zentren der drei großen Erlösungsreligionen. Doch mit Religion darf das Hollywood-Spektakel nichts zu tun haben. Was sind die Gründe des Terrorismus? Mit solchen Bagatellen gibt sich ein Chefstratege nicht ab. Das Ergründen von Ursachen eines Problems ist im ganzen Westen ohnehin abgesagt. Schuld wird strategisch zugesprochen, um nützliche Feinde nicht aus dem Fadenkreuz zu verlieren.

Klar, dass deutsche Religionsfreunde die unausgesprochene Entschuldungsorgie des Präsidenten begrüßen. Unter ihnen Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen:

„Gut, dass Trump den Kampf der Religionen absagen will. Glaubwürdig kann er dies allerdings nur tun, wenn er das auch in den USA vorlebt. Handlungen wie der Muslim-Ban passen nicht zu dieser Rede“.

Im fundamentalistischen Amerika kann er den Kampf der Religionen auf keinen Fall absagen. Die Frömmsten der Frommen würden ihn aus dem Amt tragen.

Hat es denn je einen Kampf der Religionen gegeben? Und wenn ja, wie kann man ihn mit einer läppischen Rede leugnen? Was soll sich im Verhältnis der Religionen geändert haben, wenn die Ursachen der Religionsfeindschaft nicht grundsätzlich ausgeräumt wurden?

Der Westen hat das Denken mit dem eigenen Kopf abgesagt. Mit einer einzigen Machtgeste soll alles bereinigt sein. Sehnsüchtig warten sie auf ihre überintelligenten Computer, die ihnen lästige Fragen vom Halse schaffen werden.

Die neueste amerikanische Diagnose, der Präsident sei ein verhaltensauffälliges Kind, hat bei deutschen Edelschreibern eingeschlagen. Doch welch Zufall, dass die Rede vom friedensstiftenden Kind in der Heiligen Schrift zu finden ist. Ein Kind soll der Welt den Frieden bringen. Gott musste als Kind geboren werden, um als fleischgewordener, dennoch sündeloser Mensch die Menschen aus ihrem sündigen Fleisch zu befreien. Jesus, der kindliche Erlöser, wurde von Jesaja vorhergesagt:

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; er heißt Wunderbar, Rat, Held, Ewig-Vater Friedefürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und in seinem Königreich, daß er's zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“

Menschgewordene Erlöser gab es wie Sand am Meer. Die Menschen, ohnehin die Erfinder aller Religionen, wollten ihren weit entfernten Göttern nahe kommen, nicht nur blind glauben, sondern den Wundermann als leibhaftigen Menschen sehen und hören. Sie wollten selbst Götter sein. Äußerlich zeigt Trump das rebellische Trotzverhalten eines Kindes. Wer aber unverrückbar an seine Mission glaubt, wird hinter irritierenden Phänomenen das Wunder des ganz Anderen erleben.

Auch hier erkennen wir das Vorbild des hässlichen Sokrates, der seine innere Schönheit nur jenen offenbarte, die seine mäeutischen Qualitäten erkannten. Äußerlich einer abstoßenden Silenenfigur vergleichbar, „an das Niedere und Gewöhnliche streifend“, doch innerlich voll wunderbarer Weisheit.

Trump als Erlöserkind, zumal mit deutschen Wurzeln, leuchtet eingeborenen Schreibern sofort ein. Sein äußerliches Betragen stößt ab, doch eines Tages wird er seine wahre Qualität aller Welt zeigen. Es scheint, als ob christliche Glaubensbereitschaft diesseits und jenseits des Ozeans einen solch „hässlichen“ Erlöser schon lange erwartet hätte. Diejenigen, die nicht zu seiner Herde gehören, werden ihn mit Hohn ablehnen, die aber an ihn glauben, werden ihre Wunder erleben.

„Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. Viele haben sich über ihn entsetzt, so hässlich sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt.“

Der Messias ist nicht gekommen, um alle Menschen zu erlösen, sondern nur die Vorherbestimmten. Erlöser erwählen nach Kriterien, die nur sie kennen.

„Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, welche du mir gegeben hast.“

Hass gegen Andersgläubige ist in allen drei Erlöserreligionen obligat. „Wer nicht an mich glaubt, wird verworfen werden.“ „Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er weggeworfen wie das Schoss und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.“

Dem Buchstaben nach sind Erlöserreligionen die intolerantesten Hassgebilde unter allen Religionen. Und nur der Buchstabe zählt, der Geist führt ins Lügenhafte und Willkürliche. Deutungen des Textes, die das Schreckliche verharmlosen und in humanitäre Vernunftgedanken verzaubern, sind eigenmächtige Entfernungen vom ursprünglichen Buchstaben – die sich ihrer Kritik nicht bewusst werden dürfen.

Die riesigen Mehrheiten der Religionen hassen sich nicht mehr, den Zwang zur Verwerfung Andersgläubiger haben sie überwunden. Hier haben die Menschen einen schier unglaublichen Fortschritt gemacht. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, nicht in Zeiten blutiger Religionskriege. Das Bedürfnis der Völker, andere Völker als gleichberechtigte Wesen anzuerkennen, ist überall auf der Welt spürbar.

Und dennoch gibt es ein erhebliches Defizit derer, die sich zu einer Buchreligion bekennen: ihre unvollkommene Kritik an heiligen Büchern, ihre Unfähigkeit, sich komplett von ihnen zu erlösen, erlaubt es Fundamentalisten noch immer, ihren terroristischen Hass gegen Feinde mit heiligen Worten zu glorifizieren.

Es gibt keine heiligen Bücher, die anders zu lesen und zu deuten wären als säkulare. Willkürliche Deutungen entspringen dem gottähnlichen Bewusstsein mancher Frommer, sich dem Buchstaben überlegen zu fühlen und sich für kompetent zu halten, neue Offenbarungen nach Belieben zu kreieren. Sie wähnen, die Bibel überwunden zu haben und mit dem Heiligen Geist schon hienieden unzertrennlich verbunden zu sein.

So entstehen viele Deutungen, die sich am jeweiligen Zeitgeist orientieren. Wenn Margot Käßmann biblische Sätze zitiert, um die Vortrefflichkeit der Religion zu unterstreichen, so verfälscht sie die Botschaft der Schrift. Denn kontradiktorische Sätze unterschlägt sie.

„Den Fremdling sollt ihr nicht bedrücken, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen“: solche Gebote werden ins Feld geführt, um rechtsradikale Rassisten abzulehnen. Man stelle sich vor, dieser Satz stünde nicht in den Büchern – würde Käßmann dann den Rassenhass billigen? Benötigen „aufgeklärte“ Zeitgenossen noch immer einen autoritären Spruch, um ihr marodes moralisches Bewusstsein zu stützen?

Um Frieden zu stiften, zitiert sie den jesuanischen Satz: „Selig sind, die Frieden stiften. Bittet für die, die euch verfolgen." Den entgegengesetzten Satz unterschlägt sie: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (SPIEGEL.de)

Dies alles ist Blendwerk und geistige Fälschungsarbeit. Bedenkenlos macht die Ex-Bischöfin Luther zum Wegbereiter Kants und der Aufklärung.

„Aber es bleibt das Konzept der Freiheit des Gewissens und des Glaubens. Luther hat den Gedanken in die Welt gesetzt, der zum Nährboden für die Aufklärung und die Proklamation des Menschenrechts auf Religions- und Gewissensfreiheit wurde. Das Individuum ist frei zu denken und zu glauben.“

Davon kann keine Rede sein. Luther war von der beginnenden Freiheitsatmosphäre der Renaissance und des Humanismus wohl angesteckt. Doch die Freiheit, die er schnupperte, empfand er als Gefahr und legte sie in göttliche Ketten: ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Freies Denken war Ketzerei für ihn. Wohl hatte er den Papst überwunden, doch nur, um den schriftlichen Papst, die Bibel, einzuführen:

„Wir zerstören damit die Anschläge und alle Höhe, die sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alle Vernunft unter den Gehorsam Christi und sind bereit, zu rächen allen Ungehorsam, wenn euer Gehorsam erfüllt ist.“

Man kann „die Religionsfrage“ nicht mit Machtgesten entsorgen. Nur diejenigen, die sich an die inhumanen Gebote der Schrift nicht mehr gebunden fühlen und alles, was sie lesen, mit dem eigenen Kopf überprüfen, sind berechtigt, Andersdenkenden ohne Verfluchungen und Verdammungen die Hand zu reichen.

Trumps Rede war eine Meisterleistung demagogischer Ghostwriter, um die Welt in die Irre zu führen.

„Er verlor kein Wort darüber, dass jahrzehntelange Kolonialherrschaft, Militärinterventionen der USA und die vom Westen unterstützten Diktatoren im Nahen Osten den Aufstieg islamistischer Terroristen maßgeblich begünstigt oder gar aktiv gefördert haben. Kein Wort der Selbstkritik auch darüber, dass seine antiislamische Rhetorik und das von ihm verhängte Einreiseverbot gegen die Bürger mehrerer muslimischer Staaten islamistischen Terroristen in die Hände spielten.“ Schreibt Christoph Sydow in SPIEGEL.de.

An früheren Höfen gab es den Hofnarren, dem viele Freiheiten eingeräumt wurden, um den König und seine Leute zu belustigen und zu unterhalten. Trump spielt am liebsten den Narren, nur von seltenen Augenblicken unterbrochen, in denen er sich als seriösen König gibt. Die Beschreibung des Hofnarren ist eine treffliche Darstellung des Präsidenten:

„Der Heilige Narr hält sich an keine Regeln oder festen Muster. Er nimmt die Rolle außerhalb der Konventionen und Normen ein. Im Leben der Menschen und der Gesellschaft ist er durch die Jahrhunderte unter vielen Namen präsent, egal ob als Hofnarr oder Dorftrottel. Heutzutage bezeichnet der Narr in der westlichen Welt ausnahmslos den Dummen, der nichts weiß, oder den, den man nicht ernst nehmen kann – kurz: den Bedauernswerten. Das war nicht immer so. Die Narren früherer Tage waren vielerorts an Fürstenhöfen als Hofnarr ansässig und genossen ein besonderes Privileg: die Narrenfreiheit. Diese umfasste das straflose Sich-lustig-machen und Parodieren von Adeligen als auch die freie Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Der Hofnarr war weder an gesellschaftliche noch politische Normen gebunden, noch gehörte er irgendeiner Partei, Loge oder Gilde an, und konnte sich so frei auf allen Gebieten der Kritik bewegen. Während die Hofgesellschaft über seine frechen Scherze lachte, legte man im Stillen jedes seiner Worte auf die Goldwaage. Der Narr nimmt damit eine Rolle außerhalb der Normen und Konventionen ein. Er kennt die Schlupflöcher, die Schleichwege, die richtigen Worte, er ist schamlos, wagemutig und tollkühn genug, um alle Regeln zu brechen.“ (Tattva.de)

Würde Trump diese Rollen mit Bewusstsein und Kalkül spielen, wäre er ein Genie. Vermutlich ist er aber nur ein Narr, der aus machiavellistischem Instinkt gelegentlich andere Rollen übernimmt. Solche Verblüffungstechniken konnte er im amerikanischen Trash-TV in allen Variationen einüben.

In seinen Dionysos-Dithyramben poetisiert Nietzsche das Motiv des Narren in philosophischen Hymnen. Trump, dessen Aufmerksamkeitsspanne kaum vier Minuten übersteigt, wird Nietzsche kaum dem Namen nach kennen.

Nur Narr! nur Dichter!

Nur Buntes redend,

aus Narrenlarven bunt herausredend,

herumsteigend auf lügnerischen Wortbrücken

auf Lügen-Regenbogen

zwischen falschen Himmeln

herumschweifend, herumschleichend –

nur Narr! nur Dichter!...

 


Fortsetzung folgt.