Weltdorf XCVI

Tagesmail - Freitag, den 21. April 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs XCVI,

es geschehen Zeichen und Wunder: die Wissenschaft verlässt ihre Elfenbein-Labore, geht auf die Straße und mischt sich unter das ominöse Volk, vom dem sie schon oft munkeln hörte. Was will sie denn, die Wissenschaft? Sie will den Geist der Aufklärung verbreiten.

Weiß denn die Wissenschaft noch, was Aufklärung ist? Musste erst ein Wissenschaftsverächter zum mächtigsten Mann der Welt werden, bevor die strengen Erforscher der Natur geruhen, den Verfall des Denkens in der globalen Polis zu bemerken?

Denken? Da hapert‘s schon. Von selbstbestimmtem Denken spricht niemand, die Rede ist einzig von Fakten und Wissen. Wissen ist nicht Denken. Die Feststellung wahrer Fakten ist nur der Anfang des Anfangs. Was soll mit den Fakten geschehen? Wie sollen sie gewichtet und bewertet werden? Sollen sie in ihrem Bestand garantiert oder dem Verschleiß übergeben werden?

Fakten gehören zum Reich des Seins, politische Entscheidungen zum Reich des Sollens. Wissenschaft kann nur feststellen, was ist. Was sein soll, bestimmen nachdenkliche, mündige Bürger, die ihr Schicksal gestalten.

Die gesamte Wissenschaft des Westens ist längst zu einem fakten-allergischen Machtereignis verkommen. Denn das Urfaktum aller Fakten ist die Natur – und die wird seit Jahrhunderten mit allen Methoden szientivischen Scharfsinns ausradiert.

„Wissensbasierte“ Politik ist kein Begriff der Aufklärung. Die beginnt erst mit der Frage: was soll mit dem Wissen geschehen? Soll jedes Wissen in Tun, jedes Laborereignis in eine politische Tat verwandelt werden? Muss die Menschheit auf den Mars fliegen, wenn sie auf den Mars fliegen kann? Muss die Menschheit die Erde mit vollautomatischen Maschinen bevölkern, deren vorprogrammierte Geistlosigkeit von ihren Erfindern als Geist gefeiert wird? Hat jedes Wissen den internen Imperativ, sich in Realität zu transformieren? Wenn wissenschaftliche Entdeckungen automatisch ...

... die Welt verändern, übertreffen sie an Macht alle Politiker der Erde.

Wissen ist Macht wurde zur Losung des christlichen Westens. Als es der neuen Wissenschaft – einer Wiederaufnahme der antiken – gelang, biblische Glaubenssätze zu zertrümmern, verhalf sie der Aufklärung, zur dominierenden Denkart Europas zu werden.

Doch die Selbstbestimmung des Denkens konnte sich nicht aller religiösen Fremdbestimmung mit einem Schlag entledigen. Das Selbstdenken verwandelte die Gegenwart der Völker, doch die Zukunft blieb unter dem Joch einer messianischen Verheißung. Nicht der Mensch gestaltete sein Los auf Erden, sondern eine Geschichte, die ihre Abkunft von einer göttlichen Heilsgeschichte nicht verleugnen konnte.

Selbst die schärfsten Kritiker des christlichen Dogmas blieben, ohne es zu bemerken, unter der Gewalt einer übermenschlichen Vision – die sie nicht als Gewalt, sondern als enthusiastische Motivation erlebten. Noch heute gibt es keine einzige politische Philosophie ohne das eiserne Gebäude einer metaphysischen, den Menschen zu einem Nichts verurteilenden, linearen Geschichte. Kaum wird Vergangenheit zur Gegenwart, wird sie negiert und nach hinten abgespalten zugunsten eines heiligen Blicks nach vorne.

Die futurische Leidenschaft der Christen steht in paradoxem Kontrast zu ihrer Prädestination durch eine vorprogrammierte Geschichte. Im Dienste einer vorherbestimmten Zukunft zu stehen, scheint die stärksten Antriebskräfte der Abendländer zu entfesseln. Sodass die grundlegende Frage der Geschichtsgehorsamen lauten müsste: wie lassen sich Freiheit und Determiniertheit vereinbaren? Gar nicht. Niemand kann frei sein, der übermächtigen Direktiven folgen muss.

Nicht die Untertänigkeit und abendliche Bierseligkeit eines Luther setzten sich durch, sondern der Calvinismus, der alle Menschen einem vorzeitlichen Beschluss Gottes unterwarf und eben dadurch seine Willenskräfte in Bewegung setzte. Der Glaube an die vorprogrammierte Geschichte wird komplettiert durch den Glauben an die vorprogrammierte Maschine. Es scheint den modernen Menschen zu beflügeln, wenn er anhand festgelegter Mächte die Unbestimmtheit der Zukunft scheinbar überlisten kann.

Selbst Glaubenskritiker stehen immer noch unter der Gewalt der Heilsgeschichte, ob sie es wahrhaben oder nicht. Man muss theoretisch nicht für wahr halten, was man als alltägliche Fortschrittsreligion mit voller Überzeugung für richtig hält. Man muss kein Glaubensbekenntnis ablegen, um einer Religion zu folgen, die mit den Strukturen der Moderne verschmolzen ist.

Die Freiheiten der Aufklärung beziehen sich vor allem auf scheinbare Freiheiten. In Wirklichkeit hat sich der futurische Gigant den Mächten unabänderlicher Gewalten unterworfen. Keinem „nüchternen“ Menschen käme es in den Sinn, die Revolutionierung der Arbeitswelt durch prädestinierte Maschinen in Frage zu stellen. Selbsterkorene Intelligenz-Zentralen der Welt bestimmen mit ihren Kreationen den Lauf der Welt. Wer sich gegen sie zur Wehr setzen wollte, wird als ewiggestriger Maschinenstürmer beiseite gefegt.

Die Herren der Welt bestimmen nicht mehr im eigenen Namen, sie präsentieren sich als strebsame Untertanen eines unabwendbaren Geschicks. Die Mächtigsten aller Zeiten kommen daher im Gewande von Seinsfrommen. Ihr Sein ist die Zeit einer linearen Unaufhaltsamkeit – für Wenige ins Licht, für die massa perditionis in die ewige Finsternis.

Die Freiheit der Moderne wurde zur Knechtschaft unter der Knute einer linearen Geschichte, die den Menschen zu Gott machen wird, ja bereits zu Gott gemacht hat. Oder zu einer teuflischen Gestalt, deren Bosheiten er nicht widerstehen kann. Gerade die List der Vernunft, sich demütig dem Diktat einer göttlichen Geschichte zu beugen, erhebt den Gläubigen zum Herrscher der Welt.

Doch der Mensch ist ein freies Wesen und keiner Geschichte untertan. Die Zwiegesichtigkeit der Aufklärung muss überwunden werden, wenn der Mensch – unabhängig von aller heilsgeschichtlichen Gängelei – sich all seiner Begabungen und Kräfte bewusst werden will. Die Autonomie des Menschen ist unvereinbar mit einer totalitären Geschichte.

Es gibt keine Geschichte außer der, die der Mensch zu verantworten hat. Sollte die Natur eine Geschichte haben, hat sie dem Menschen bislang eine ökologische Nische gewährt. Sollte sie seiner überdrüssig werden, werden seine Tage gezählt sein.

Die Aufklärung muss über sich selbst aufgeklärt werden. Nicht, wie deutsche Romantiker meinten, durch Rückkehr zum Glauben, sondern durch radikales Abschütteln aller eschatologischen Eierschalen. Vollendete Aufklärung ist die Rehabilitierung des Menschen zum alleinverantwortlichen Gestalter seiner Geschichte im Rahmen natürlicher Bedingungen.

Die aufgewachte Wissenschaft protestiert gegen die beliebige Herstellung falscher Fakten. Doch dies im Rahmen einer Religion, die ihre Glaubenssätze als historische Tatsachen deklariert.

Fast kein deutsches Medium, das die heiligen Vorgänge an Ostern nicht wie unverrückbare Fakten präsentiert hätte. Gott habe sich dem Menschen im Hier und Jetzt offenbart. Die Stationen des leidenden und auferstehenden Gottessohnes sind zu touristisch begehbaren Orten geworden. Doch sollte die Fleischwerdung Gottes bezweifelt werden, auch kein Problem: dann muss sie eben geglaubt werden. Eine doppelte Absicherung religiöser Fake News.

Die Vernunft musste sich gegen diese durch Angst und Schrecken abgesicherte Botschaft Gottes in einem mühseligen Kampf durchsetzen. Dennoch gelang es vernunftfeindlichen Kräften des Glaubens, ihre Fiktionen als Realität in Raum und Zeit durchzusetzen. Seit 200 Jahren wird die Weisheit der Welt mit der Torheit Gottes in ein Prokrustesbett gezwängt.

Diese Zwangskohabitation muss aufgelöst werden. Wer seinen Glauben empirisch beweisen will, muss Beweise vorlegen. Oder er gründet seinen Glauben auf erfundenen Fakten. „Das könnte DNA von Jesu sein“: lautete eine Schlagzeile im SPIEGEL, weil man zwei verrottete Nägel auf heiligem Gelände fand. Bodenlose Vermutungen werden zu potentiell wissenschaftlichen Beweisen für die Existenz eines Erlösers.

Krimi-Leser wissen, dass man ein zweifelsfreies Partikelchen von einem Menschen benötigt, um das fragliche Objekt durch Vergleich zu identifizieren. Deutsche Journalisten, die Wert legen auf mehrfach abgesicherte Fakten, spekulieren haltlos wie fundamentalistische Creationisten. Diese ewige GROKO aus Vernunft und Glauben ist so fahrlässig wie die politische in Berlin.

Nicht erst seit Trump hat sich die Wissenschaft externen Mächten untergeordnet. Spätestens seit der Fabrikation der Atombombe hat sie sich dem Staat, spätestens seit dem neoliberalen Wettbewerb der Wirtschaft, spätestens seit dem digitalen Fieber einem blinden Futurismus ausgeliefert. Anstatt diese wissenschaftlich verbrämten Glaubensbewegungen penibel zu überprüfen, sind die Medien zu kostenlosen, oft begeisterten Werbe-Fanfaren der Zukunftspropheten verkommen. Wer zu spät auf den Zug der Begeisterung aufspringt, hat sein Renommee verloren. Wer als erster den Propheten entdeckt, wird selbst einer.

Wissenschaft besteht aus zwei Urelementen. Aus empirisch überprüfbaren Fakten und aus dem kritischen Dialog. Der erste Faktor ist längst zugunsten sensationeller Meldungen geschwächt worden. Der zweite ist seit dem Ausfall des öffentlichen Debattierens spurlos verschwunden. Wer ins Rampenlicht will, muss die Klappe halten. Wer aufsteigen will, muss Vermutungen über Oben und Unten unterlassen. Wer Reibach mit billigen T-Shirts machen will, muss auf Gerechtigkeit pfeifen – und wenn er noch so viel Mitgefühl mit den Schwachen hätte:

Gehrig: Ich habe viel Mitgefühl. Besonders wenn ich mich von Mitarbeitern trennen muss. Aber es gibt Grenzen. Man kann so einen Job nicht machen, wenn man alle Probleme dieser Welt lösen will. Wir agieren in einem harten Wettbewerbsumfeld, da kann ich nur sagen: Entweder wir behaupten uns, oder wir sind weg vom Markt. Und glauben Sie mir, ich will ja auch, dass die Näherinnen in Bangladesch mehr verdienen. … Wenn ich ein schlechtes Gewissen hätte, könnte ich diesen Job nicht machen. Wir können nur bedingt zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt beitragen.

SPIEGEL: Aber wir in Deutschland leben dadurch auf Kosten anderer.

Gehrig: Das stimmt± Allerdings sind wir Deutschen vielleicht ein bisschen fleißiger unterwegs als andere. Sie können nicht aus jedem Menschen einen Schwaben machen.“ (SPIEGEL.de)

Das ist ein Bespiel logisch missglückter Rede im kapitalistischen Alltag. Ungerecht? Ja – aber auf keinen Fall ein schlechtes Gewissen. Und: haben die anderen nicht ihr schlimmes Los verdient, weil sie nicht so fleißig sind wie die Schwaben? An diesen akkumulierten Widersprüchen, die von keinem Moderatoren, keinem Interviewer aufgedeckt werden, erkennt man das Stimmengewirr postwissenschaftlicher Beliebigkeiten.

Die deutsche Weltenretterin ist seltsamerweise von der TIME-Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt verschwunden. Wie kommt diese Liste zustande?

„Wie die Auswahl für die „Time“-Liste im Magazin zustande kommt, ist nicht im Detail bekannt.“ (BILD.de)

Natürlich ist bekannt, wie solche Ranking-Listen zustande kommen: durch das Bauchgefühl überkandidelter, sich für den Weltgeist haltender Schreibtisch-Helden. Die reinste Subjektivität von Journalisten einer Nation, die sich noch immer für den Nabel der Welt hält, fühlt sich ausreichend kompetent, globale Reputationslisten zu erstellen. Solche Eitelkeiten sollte man verspotten, aber nicht so tun, als seien sie wissenschaftlich überprüfbar. Nationale Narzissmen geben sich als seriöse Fakten. Ebenso gut könnte man im Kaffeesatz rühren oder mit tierischen Gedärmen prophetische Aussagen machen.

Wie wissenschaftlich es in WELT und BILD zugeht, zeigen Kommentare von Ulf Poschardt und Kai Weise. Je schärfer die Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik wird, umso mehr hat der deutsche Finanzminister Recht:

„Die Attacken kommen aus einem wirtschaftlich schwachen Frankreich, aus einem hochverschuldeten Italien, einem reformunfähigen Griechenland. Brexit, Frankreich-Wahl und endlose Euro-Krise – gerade jetzt braucht Europa eine starke deutsche Regierung, die führt. Die auf die Einhaltung europäischer Regeln drängt! Das macht Schäuble. Nur wenige Politiker sind in weiten Teilen Europas so verhasst wie er. Aber nur wenige sind so europäisch.“ (BILD.de)

Ulf Poschardt legt noch einen drauf. Deutschland soll seine Spitzenstellung noch ausbauen. Je mehr die abgehängten Freunde jaulen, je heller strahlt unsere Glorie:

„Die Deutschen gelten als Streber. Und Streber sind unsympathisch. Das Streben des innovativen deutschen Mittelstands, auch abseits der großen und lauten Dax-Riesen Weltmarktführer zu sein, bleibt richtig und muss im Zweifel verschärft werden. Die Deutschen sind Globalisierungsgewinner. Mehr als alle anderen Länder profitiert der Exportchampion vom Freihandel. Deshalb müssen die Deutschen auch bei ihrer listigen Demut bleiben und sich nicht zu jener Großmäuligkeit aufschwingen, die schon in kleinsten Dosen wie Volker Kauders „Europa spricht deutsch“ für verheerendes Echo sorgt. Spätestens an diesem Punkt taucht ein sehr protestantischer Schuldstolz auf, der auch eine paternalisierende Geste aufweist. Die Eigenverantwortung der Schuldigen wird eingebremst zugunsten der Schuldfähigkeit der mächtigen Deutschen. Diese Selbstbeschuldigungen sind nur auf den ersten Blick demütig, sie sind vor allem hochmütig den vermeintlichen Opfern gegenüber. Dass der Rest der Welt den Deutschen an so vielen Dingen die Schuld gibt, könnte ein Hinweis sein, dass dem Land mehr gelingt, als es selbst wahrnehmen will.“ (WELT.de)

Mit anderen Worten: die unterlegenen Nationen wollen die historischen Schuldgefühle der Deutschen aktivieren, nur um sie zu nötigen, ihre ökonomische Angeberei aufzugeben. Doch umgekehrt werde ein Schuh draus: je mehr uns die anderen beschuldigen, desto rechter hätten wir.

Mit selbstkritischer Besinnung und strenger Streitkunst hat dies nichts zu tun. WELT und BILD immunisieren sich zur päpstlichen Unfehlbarkeit. Je mehr uns die anderen attackieren, desto mehr sollten wir an unserer Auserwähltheit festhalten. Auserwählte fühlen sich umso mehr bestätigt, je mehr sie von der Welt attackiert werden. Viel Feind, viel Ehr.

Liest man die Selbstanpreisungen von BILD und WELT, kommt man nicht umhin, die erstaunlichen Parallelen der deutschen Geschichte auszukramen.

Für Robert von Puttkamer, dem einstigen Innenminister Bismarcks, waren die Völker nur unbewusste Vollstrecker eines göttlichen Willens: „…dann kann ich mich nie von dem Gedanken trennen, dass Preußen doch der ganz besondere Liebling des lieben Gottes ist, der vielleicht noch große Dinge mit ihm vor hat und seinen Stern vor dem Erbleichen bewahren wird.“ „Dieser Mythos wurde von fast allen Deutschen akzeptiert. Nach vielen Jahrhunderten der Demütigung waren die Deutschen über Nacht zur führenden Macht Europas geworden.“  

Was Fichte und viele Romantiker von der Zukunft erwartet hatten, war durch Bismarcks Politik wahr geworden: der Weltgeist war zwar vom Philosophen zum machtbewussten Ökonomen geschrumpft. Doch wichtig war allein, dass er in Deutschland angekommen war. Nicht länger waren es nur schöne Gedichte und dialektische Spekulationen, die die Weltgeltung Berlins unterstrichen.

Der Kampf um die wahre auserwählte Nation in Europa war die Ursache des Ersten und Zweiten Weltkrieges.

Worin sehen die Wissenschaftler selbst ihre Funktion für eine freie Gesellschaft? In der BLZ gibt eine Psychologin die Antwort:

„Die Stärke der Wissenschaft ist es, die Gesellschaft und das Denken voranzutreiben. Sie funktioniert nur, wenn Forscher die Möglichkeit haben, sich mit Fragen zu beschäftigen, die aus wissenschaftlicher Sicht bedeutsam sind“. (Berliner-Zeitung.de)

Hohler können Antworten nicht sein. Wissenschaft will die Gesellschaft vorantreiben? Wohin? Wovon weg? Ist alles, was „vorn“ ist, identisch mit der Wahrheit? Ist alles, was dahinten ist, pure Augenwischerei? Dann müssten wir nur den Kalender hernehmen, um den Wahrheitsgehalt der Forschungen mit der Stechuhr anzugeben. Das Alte, siehe, ist vergangen: es muss satanisch gewesen sein.

Mit welchen Fragen muss sich Wissenschaft beschäftigen, um bedeutsam zu sein? Antwort: mit bedeutsamen! Das ist wissenschaftliche Legasthenie.

Ranga Yogeshwar endlich, die Stimme der Vernunft bei der ARD, will die „Logik der Aufklärung verteidigen“. Was versteht er darunter?

„Aufklärung heißt zu argumentieren, auf der Basis von Fakten Dinge zu verifizieren, transparent zu sein, aber dann auch die Erkenntnisse einfließen zu lassen in die nächsten Entscheidungsschritte.“

Wie aber kommt man von Fakten zu Entscheidungen über Noch-nicht-Fakten? Haben denn die Wissenschaftler sich jeher bei politischen Prozessen beteiligt?

„Es gab viele Momente, in denen ich mir gewünscht hätte, dass Wissenschaftler aufstehen und sich einmischen. Es gab etliche Fernsehdebatten, etwa über Flüchtlinge, Integration, Asylbewerber, in denen viel von Gefühlen gesprochen wurde, aber der wissenschaftliche Sachverstand, gesicherte Erkenntnisse, Statistiken kamen nicht vor. Es geht nicht darum, dass Wissenschaftler das Zepter übernehmen und die Politik ersetzen. Aber sie sollten sich einbringen in gesellschaftliche Dialoge. Und es sollte Konsens sein, dass Entscheidungen wissensbasiert getroffen werden müssen.“ (Berliner-Zeitung.de)

Warum haben sich die Wissenschaftler an den politischen Entscheidungsprozessen nicht beteiligt? Weil ihr Wissen vielleicht ausreicht, um den Ist-Zustand zu beschreiben, aber nicht, um den Soll-Zustand philosophisch zu begründen.

Gerade die nicht-faktische Philosophie wurde von den positivistischen Disziplinen wegen angeblicher Nutzlosigkeit seit Jahrzehnten geschmäht. Jetzt merken die Fakten-Huber, dass sie von politischem Denken keine Ahnung haben. Wissen kann man viel, ohne zu wissen, was man denken soll.

Im deutschen TV wird pausenlos Wissen abgefragt. Müsste der Kult-Charakter dieser Quizsendungen nicht die politische Kompetenz der Deutschen eindrücklich unter Beweis stellen? Warum ist das Gegenteil der Fall?

„Wenn diese Entwicklungen weitergehen und es zu einem Negieren von Fakten und wissenschaftlicher Erkenntnis kommt, leben wir ganz schnell in einer sehr verzerrten Gesellschaft, die einen Schritt zurückgeht vor die Aufklärung. Und das ist eine Gesellschaft, die ich nicht will. Sie basiert auf Vorurteilen und wird gefährlich.“

Kein Wort Yogeshwars zu den Leugnern wissenschaftlicher Einsichten: den Fanatikern der Erlösungsreligion. Kein Wort zu den Feinden der Aufklärung: den fundamentalistischen Gläubigen, die ihre Wahrheiten aus Offenbarungen beziehen. Kein Wort zum unüberbrückbaren Konflikt zwischen Vernunft und Glauben. Man will ja nicht anecken. Oder gar intolerant erscheinen, weil man Toleranz für die Duldung von Lügen und menschenfeindlichen Tiraden hält.

Jeder Glaube ist zu tolerieren, der nicht Natur und Mensch so abgrundtief hasst, dass er die Welt zertrümmern muss – um wenige Auserwählte zu retten. Aufklärung will jedem Menschen ein sinnvolles Leben ermöglichen. Erlöser wollen nur die Ihren retten. Der Universalismus der Vernunft ist inkompatibel mit einer messianischen Erlösungslehre.

Selbst Habermas, der erste Aufklärer der Deutschen, will in der Zeit der Not nicht schweigen. Wo sieht er die Ursachen der französischen Misere?

„Aus dem schwülen und zerflatternden Defätismus von Michel Houllebecqs Roman Unterwerfung kann man wohl kaum Trost schöpfen. Ebenso wenig aus dem makabren Schauspiel von Intellektuellen, die auf ihrer Wanderung von links nach rechts den Kompass verloren haben. Frankreich hat dem modernen Europa mit den Meistern der Aufklärung, den philosophes von Voltaire bis Rousseau, nicht nur großartige intellektuelle Gestalten beschert. Ihre Texte haben eine unabhängige und selbstkritische Denkungsart hervorgebracht, die damals auch Kant, unseren bedeutendsten und politisch unbeirrbarsten Philosophen, von Grund auf geprägt hat.“ (ZEIT.de)

Habermas bevorzugt patriarchalisch-weitschweifige Gesten, ohne Ross und Reiter zu nennen. Wer wanderte von links nach rechts? Was ist mit Derrida und Foucault, deren lächerliche Kunstsprachen vor allem für Verwirrung sorgten? Haben sie sich nun für oder gegen Humanität, für oder gegen Demokratie ausgesprochen? Habermas klärt und begründet nichts. Er begnügt sich mit jovialer Altersweisheit. Rousseau war wohl ein epochaler Denker. Doch bei ihm begann jene verhängnisvolle Wendung der Aufklärer, die in einem totalitären Messianismus enden sollte. Sein Vorbild war das unfreie Sparta, nicht die demokratische Polis in Athen.

Allgemeine Phrasen über Aufklärung genügen nicht mehr. Minutiös müsste unterschieden werden zwischen den oft wunderbaren politischen Absichten der Aufklärer – und den schrecklichen Zwangsmaßnahmen, mit denen sie ihre Absichten in die Tat umzusetzen gedachten.

„Mit dem Begriff des allgemeinen Willens machte Rousseau den Weg frei für die totalitäre Demokratie.“ (Talmon)

Habermas führt keinen herrschaftsfreien Diskurs. Er debattiert und argumentiert überhaupt nicht.

Es ist nicht nur die Naturwissenschaft, die ihre demokratische Potenz in der Vergangenheit selten zeigte und seit Trump vor allem um ihre Pfründe besorgt ist. Auch die akademische Philosophie hat sich in Deutschland fast immer als Kaste der platonischen Weisen dargestellt, die das Regiment über die vernunftlosen Horden für sich beanspruchte.

Die Weisheit der Philosophen ist zur Torheit in der Welt verkommen. Wir müssen von vorne beginnen.

 

Fortsetzung folgt.