Christliches Patriarchat und Magna Mater

Religionskritik - Sonntag, den 25. September 2011

Magna Mater und Patriarchat

den Anfang hat der Mann erfunden, um sich als Ursache zu setzen und die große Mutter zu vertreiben. Seitdem versucht er, die Frau überflüssig zu machen und Leben aus Kopf und Retorte hervor zu zaubern. Natur (von nasci = geboren werden) bedeutet, Leben hervorbringen, gebären, die Gattung durch Fortpflanzen erhalten.

Am Anfang war kein Mann, der die Welt erschaffen hat. Das wäre, als hätte das Kind die Mutter geboren: ein infantiler Allmachtstraum. Aus dem Reichtum des Vorhandenen schöpft der Mann nur den Schaum ab, variiert ihn in Winzigkeiten und erhebt seine gewaltige Creation zur zweiten, besseren Schöpfung. Die Erschleichung nennt der Schaumschläger: Erlösungsreligion. Erlösung ist eine zweite Schöpfung, die den Makel der ersten beheben soll. Allmacht, Anfang und Werk missglückt. ...

...  Zweiter Anfang, resignierte Absegnung des missglückten Schöpfungswerkes: ER kann's nicht besser. Der erste Blick auf das Schöpfungswerk war Rausch und Selbstvergötzung: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31) Erst der zweite Blick bequemt sich zur Wahrheit: „Da reute es den Herrn, dass er den Menschen geschaffen hatte und es bekümmerte ihn tief und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, die Menschen sowohl als das Vieh…, denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.“ (1. Mose 6,6)

Hinfort muss sich Schöpferlein mit seinem Pfusch begnügen, den er eines unbestimmten Tages perfektionieren will. Die Zeit des reparierenden Aufschubs nennt er Heilsgeschichte. Wie das Kind träumt, eines Tages als reicher Mann aus der Fremde zurückzukommen und seine Eltern von Not und Elend zu erlösen, so der infantile Gott. Am Ende aller Tage, am Sankt Nimmerleinstag, wird er seinen Pfusch repariert und zur Vollendung gebracht haben.

Bis dahin müssen die Menschen glauben, dass Er das Kranke und Verdorbene heilen werde. Ohne Glauben werde er das nicht schaffen. Da ER den Menschen misstraut, nicht glauben kann, dass sie an ihn glauben, zwingt und nötigt ER sie zum Glauben. „Wer da glaubet und getauft ist, wird gerettet werden. Wer aber nicht glaubet, wird verurteilt werden.“(Mk 16,16)

Um diesen Satz zu ermessen, stelle man sich ein Gesetz vor, das da lauten müsste: Eltern, die ihre Kinder nicht akzeptieren, ihnen nichts zutrauen und nicht an sie glauben, sollen in alle Ewigkeit gerädert und gepfählt werden.

Nicht der Vater glaubt an seine Kinder, die Kinder müssen an den Vater glauben, dass er der Größte von allen sei, eines unbestimmten Tages seinen Schlamassel beiseite räumen und alles ganz neu machen werde. Das verspricht er, seinem Versprechen muss man glauben. „Ich versprechs dir“, lautet ein Standardsatz amerikanischer Standardfilme, die ohne Kenntnis biblischer Unterströmungen nicht zu verstehen sind.

Ohne Glauben der Kinder an den Vater kann Vater nicht an die Kinder glauben. Nach einer Gnadenfrist muss er sie als missglückte Creationen aus dem Weg räumen. Alles steht auf Verzug und Aufschub. Das Halten des väterlichen Versprechens, das Glück der Kinder, deren Bedürfnisse dermaleinst befriedigt werden. Aber auch die angedrohten fürchterlichen Strafen. Manjana, wie Mallorciner zu sagen pflegen: morgen, irgendwann, wahrscheinlich nie.

In mesopotamischen Urzeiten enthüllte die Männerreligion ihr Geheimnis: Die Götter haben die Menschen erschaffen, damit sie schwach seien, ihren Schöpfern dienen und hart für sie arbeiten sollen, damit die Gewaltigen sich ihres Lebens in Müßiggang erfreuen. Die über den Wolken residierenden Luxuswesen ernähren sich von Düften fetter Opfertiere und der Anbetung ihrer Untertanen.

So ehrlich ist die Jahwe-Religion nicht. Sie verklärt den Erschaffer Himmels und der Erden zum uneigennützigen, seine Geschöpfe bis zum burnout seines Sohnes liebenden Vaters. Von Anfang an ist Vater eine Missgeburt, eine väterliche Attrappe, ein Maulheld und Scharlatan. Nachdem er bei seinen Kindern Israels erneut versagt, schickt er ein weiteres Familienmitglied, um die Ehre des Clanchefs zu retten. Auch der Sohn versagt und stirbt am Kreuz. Erneute Umfälschung aller Tatsachen ins Gegenteil. Der jämmerliche Tod wird rehabilitiert und in Auferstehung umgemünzt – an die man wieder zu glauben hat.

Nachdem die Heilige Familie in toto den Löffel geschmissen hat, muss die Kreatur selbst an die Front und die Schwächen seiner Erfinder in selbsterfüllender Prophezeiung auswetzen. Die Kinder und Geschöpfe haben die verleugneten Fehlleistungen ihrer Erzeuger und Herren ungeschehen zu machen. Himmel und Hölle, die magischen Endpunkte aller Zeiten, müssen hier auf Erden in Eigenregie installiert werden. Der Sinn der Heilsgeschichte wird zur Rettung des bankrottierenden schwulen Patriarchats durch die bösen Kinder. Die alle Schuld der oberen Ränge auf sich nehmen und in unfreiwilliger Entsühnungsarbeit realisieren müssen, was die lächerlichen und furchterregenden Autoritäten verbockt haben.

Theodicee wird zumeist mit Rechtfertigung Gottes übersetzt. Die gesamte Geschichte wird zur Strafarbeit des Menschen, Gottes Unfähigkeit auszubügeln, indem er dessen Schuld auf sich nimmt und die Versprechungen des Vaters stellvertretend einzulösen versucht.

Im Buche Genesis wird zum ersten und letzten Mal die Seele des Vaters aufgedeckt, bevor die Tarn- und Verdrängungsmanöver beginnen: es reute ihn, dass er sein Schöpfungswerk begann. Am liebsten hätte er alles in den Orkus verbannt. Wenn Eltern bereuen, ihre Kinder gezeugt zu haben, ist das die schlimmste Kränkung, die man seinen Sprösslingen antun kann. Rastlos werden die Unerwünschten ihre garstigen Eltern vom Gegenteil zu überzeugen versuchen, indem sie ihnen glamouröse Erfolge ins Haus liefern.

Bei Jesaja verrät sich der Selbsthass des Schöpfers, indem er die kreativen Bemühungen seiner Geschöpfe in Grund und Boden stampft: „Wer formt auch einen Gott und giesst ein Bild, dass es nichts nütze? Sie erkennen und sehens nicht, denn ihre Augen sind verklebt und ihr Herz verstockt, dass sie nicht klug werden. Man überlegt sichs nicht und hat weder Einsicht noch Verstand, dass man dächte: die Hälfte hab ich im Feuer verbrannt und auf den Kohlen Brot gebacken, Fleisch gebraten und gegessen; und den Rest sollte ich zu einem Greuel (= Götzen) machen, vor einem Holzklotz sollte ich knien?“ (Jes 44, 9 ff)

Just so kam sich Gott bei seinem Schöpfungsakt vor, als er aus Lehm den Menschen formte – und einen Rohrkrepierer schuf. Nun muss Er verhindern, dass sein trostloses Geschöpf in allen Dingen besser werden könnte. Obwohl der Mensch gottähnlich sein soll, darf er kein Bildnis noch Gleichnis machen, keine Nachahmung und Imitation des Irdischen und Göttlichen. (2. Mose 20,4)

Der Vater hat Angst, seine Zöglinge könnten ihn einholen und überflügeln. Nur auf niederster Ebene, im Schweiße ihres Angesichts sollen sie sich mühsam über Wasser halten. (1. Mose 3,19) Was in völligem Widerspruch steht zum Urbefehl: macht euch die Erde untertan und beherrscht alle Tiere und Lebewesen. (1. Mose 1,28)

Was entsteht aus diesem Double Bind des verwirrten Vaters? Der Mensch will die erste Schöpfung durch eine zweite bessere ersetzen – in Angst und Zittern, in Empörung und Widerstand, in Schuldgefühlen und Verblendung. Der Mensch der technischen Moderne ist trotzig und gehorsam, devot und überheblich. Der Sündenfall war jene Urstrafe, die der wiedergeborene homo novus für immer überwunden hat. Die Neuzeit seit Francis Bacon steht unter dem Imperativ, das verlorene Paradies durch sündenbereinigte Technik zurückzugewinnen.

Wer reinen Herzens ist, der hat Sünd und Schuld hinter sich gebracht. Die Grenzen der irdischen Wirksamkeit öffnen sich ins Unabsehbare und Unendliche. „Der Mensch ist worden wie Unsereiner“. (1. Mode 3,22) Er hat seine Gottähnlichkeit bei Wort genommen, seine Miserabilität durch Glauben und Getauftwerden abgeworfen. Bühne frei für den Titanen, der sich die Welt unterwirft.

Der Mann erkühnt sich, Leben zu schaffen, und auf mütterliche Natur nicht mehr angewiesen zu sein. Das Jüngste Gericht soll den Triumph des muttermordenden Patriarchen perfekt machen. Die Väter werden siegen, wenn sie Mater magna zerstört haben. Das wird ihr Tod sein.

Folgt die wahre Geschichte der Mutter Natur: „Das Urweib pflanzt nicht nur sich selber fort, es hat ganz allein das Männliche hervorgebracht; das Männchen dagegen nie etwas ohne das Weib. Auch die Bienenkönigin ist noch der Parthenogenese (= Jungfrauengeburt) fähig.“ Selbst dies wird vom Patriarchen imitiert. Das macht ihn vollends lächerlich.