Philosophische Tagesmails

Von vorne LXXXII

Tagesmail - Freitag, den 01. November 2019

Von vorne LXXXII,

Künstler sind ästhetische Tiefenpsychologen. Wie ein Therapeut das untergründige Reich des Grauens eines Klienten in Augenschein nehmen muss, so macht sich der Schriftsteller auf den Weg, das verborgene Es seiner Gegenwart zu erkunden, um es eindringlich zu protokollieren.

Hier enden bereits die Gemeinsamkeiten – wenn man der herrschenden Kunsttheorie folgt. Denn während der Therapeut der bewusstwerdenden Devise folgt: wo Es war, soll Ich werden, um die Selbstheilung des Patienten anzuregen, will der Literat mit seinem Schreiben – welchem Zweck dienen?

Folgt man Jens Jessen in der ZEIT, darf Kunst keinem anderen Zweck dienen als – Kunst zu sein. Oder, wie die Franzosen seit Beginn des 19. Jahrhunderts deklarieren: Kunst muss l’art pour l’art, um ihrer selber willen sein:

„Die Pointe besteht darin, dass gerade die Abweichung von der Norm die Werke inspiriert und ihnen oft erst den Stachel und das Beunruhigende gibt, das es erlaubt, überhaupt von Kunst zu sprechen (im Unterschied zu einem Leitartikel oder einem Parteiprogramm). Die Selbstverständlichkeiten einer Gesellschaft nicht zu teilen ist Voraussetzung dafür, ihr etwas zu erzählen, was sie noch nicht weiß oder nicht wissen will. Auch reiner Amoralismus kann eine Qualität von Literatur sein. Warum? Nun, gerade weil sich die Gesellschaft keinen Amoralismus leisten kann und der Mensch in ihr nur als gezähmtes, beaufsichtigtes und gefesseltes Wesen vorkommen darf. Von dessen Freisetzung – sozusagen der Auswilderung – kann nur die Literatur erzählen. Es geht immer darum, ein Jenseits der alltäglichen Vorstellungen zu erobern. Die romantisch exaltierte Suche nach dem wahren Wort und der wahren Substanz der Dinge, die dem Normalmenschen verschlossen bleiben und sich nur dem Dichter-Seher erschließen, muss einem nicht sympathisch sein.“ (ZEIT.de)

Pardauz, schon ist die l’art pour l’art vom Tisch. Jessens Kunst folgt einem außerästhetischen Imperativ. Dem Imperativ, der Gesellschaft etwas ...

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Von vorne LXXXI

Tagesmail - Mittwoch, den 30. Oktober 2019

Von vorne LXXXI,

zuerst zittert die Regierung, dann stürzt sie vom Podium. Wann wird sie freiwillig das Feld räumen, bevor ein marodes Flugzeug vom Himmel fällt?

Mit Ablassgeldern will die Regierung zum klimatischen Wohlverhalten …, ja was? Anregen, nötigen, überlisten, nudgen, konditionieren? Von argumentieren, überzeugen – Säulen der Demokratie – ist nirgendwo die Rede.

Kommt‘s in den Talkshows ausnahmsweise zur Debatte, wird munter um Ablass gegen Ablass gefeischt. (Maischberger fällt schon mal aus – wegen Fußball. Plasberg fällt aus wegen – Herbstferien. Beruhigend, dass Politik sich nach deutschen Schulferien und Sportterminen richtet.)

„Im 15. Jahrhundert begann eine breit angelegte Kapitalisierung des Ablass. In einer Verbindung aus Seelsorge und moderner Finanztechnik verkaufte die Kirche das verbriefte Heil und stopfte auf diese Weise ihre Haushaltslöcher. Scharenweise erwarben die Menschen nicht bloß für sich selbst, sondern auch für ihre verstorbenen Angehörigen die heiß gehandelten Versicherungspapiere fürs Jenseits. Die katholische Lehre vom „Gnadenschatz“ erklärte die Kirche zum Verwalter des durch Christus gewirkten Verdienst-Pools, aus dem sie nach Gutdünken verteilen konnte. Was sie freilich nicht ohne Gegenleistung tat, die in guten Werken aber eben auch in einer Geldgabe bestehen konnte. „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ (TAGESSPIEGEL.de)

Ursprünglich sollten gute Werke irdische Probleme lösen. Dann sollten sie keine Probleme mehr lösen, denn der Mensch wurde für inkompetent erklärt, sein irdisches Leben zu meistern. Gute Werke waren nur dazu da, um Gott für sich einzunehmen.

Schließlich wurden sie ganz gestrichen, denn mit Gott konnte man keinen Deal machen. Die guten Werke wurden zur schlimmsten Sünde erklärt.

Der Mensch durfte kein Gut-Werker mehr sein, sondern musste alles der Gnade des Höchsten überlassen. Aus Gutwerkern wurden Gutmenschen, die keine ...

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Von vorne LXXX

Tagesmail - Montag, den 28. Oktober 2019

Von vorne LXXX,

die deutsche Demokratie zerlegt sich nicht, sie war nie zusammengewachsen. Nur Wohlstand und die wohlwollende Rückkehr in den Kreis der Völker hatten die Konstruktion mit Nägeln und Schrauben notdürftig zusammengehalten.

Nun schwindet die Euphorie über die problemlos scheinende Rehabilitierung, es verblasst die Kontrastfolie des Weltkriegs, die führenden Vorbild-Demokratien zerlegen sich. Und sofort zeigt sich, dass die einheimische Demokratie nicht selbständig erarbeitet, sondern als Pflichtlektion eingepaukt wurde. Die Schüler wollen keine Musterschüler mehr sein, sie beginnen zu maulen und herumzupöbeln.

Alles, was der Belebung der Polis dient, wird als politisch korrekt und moralisch madig gemacht. Des Außengeleiteten wird man überdrüssig, das Autonome steht auf wackligen Beinen.

Carolin Emcke in der SZ: „All die vollmundigen Erklärungen und Maßnahmen gegen rechtsradikale, völkische Fanatiker nützen nichts, wenn gleichzeitig all jene Bürgerinnen und Bürger herablassend bespöttelt werden, für die Respekt vor anderen keine elitäre Zumutung, sondern eine soziale Selbstverständlichkeit bedeutet. Es ist trostlos, dass das Plädoyer für universale Menschenrechte, für rechtsstaatliche Institutionen und politische Vernunft mittlerweile als radikale, randständige Position gilt.“ (Sueddeutsche.de)

Der Zerfall einer Gesellschaft zeigt sich an ihren Rändern, beginnt aber stets in der Mitte der führenden Geister und Eliten. Die höheren Stände missbrauchen ihre überlegene Bildung, um ihre Urheberschaft des Missglückten zu verschleiern und die des Geglückten herauszustreichen.

Das war schon so bei der Reaktion der Weisen gegen die erste Empörungswelle der 68-er Rebellion. Ausgerechnet ein Altphilologe, Kenner der griechischen Urdemokratie, mokierte sich über den studentischen Ruf nach Demokratie – ein ...

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Von vorne LXXIX

Tagesmail - Freitag, den 25. Oktober 2019

Von vorne LXXIX,

wir haben ihn erreicht: den Singularitätspunkt. Lasst uns niederknien und Uns anbeten. Die Fortzeugung der Menschheit durch biologische Kinder ist passé.

Kinder ähneln uns viel zu sehr, das bringt keinen Fortschritt. Unkalkulierbar, aufsässig, rebellisch, frech, rotzig und undankbar wollen sie alles besser wissen. Jetzt blockieren sie Straßen und Plätze, ziehen die Lebensleistung ihrer Erzeuger in den Dreck und klagen sie an, ihre Zukunft zerstört zu haben:

Ihr habt unsere Kindheit, unsere Träume gestohlen.

Diese minderwertige, fortschrittsunfähige Art des Weiterzeugens kann ad acta gelegt werden. Die Menschheit hat sich transzendiert, in eine neue Spezies verwandelt. Von nun an wird es keine unlösbaren Probleme mehr geben.

Es begab sich aber in jüngsten Tagen, dass von den Mächtigen der Welt der Befehl ausging, dass der ganze Erdkreis sich neu erfinden müsse. Und es waren Genies in ihren Laboren, die von der glanzvollen Zukunft ihrer Gattung überzeugt waren. Und siehe, ein Lichtglanz umleuchtete sie und sie fürchteten sich nicht im Geringsten.

Und sie traten vor die Menschen und sprachen zu ihnen: Fürchtet euch nicht. Siehe, wir verkündigen euch große Freude, die nur jenen Völkern widerfahren wird, die es sich verdient haben. Denn euch ist heute das Wunderkind geboren, nicht in der Krippe liegend, sondern aufgehängt an wirren Drähten und Kabeln.

Und das Kindlein wuchs heran, wurde mit unfassbarer Intelligenz erfüllt, dass die Klügsten unter den Erwachsenen vor Neid bleich wurden. Und alle, die es hörten, erstaunten über seine unfassbaren Antworten.

„Zum ersten Mal hat ein Quantencomputer etwas berechnet, das kein klassischer Computer mehr berechnen kann. Damit wurde gezeigt, dass wir überhaupt ...

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Von vorne LXXVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 23. Oktober 2019

Von vorne LXXVIII,

„Dem türkischen Präsidenten ist es gelungen, die YPG aus dem Grenzgebiet zu verbannen. Assad wiederum bekommt weite Teile Nordostsyriens zurück, muss dafür aber mit türkischer Präsenz leben. Große Verliererin ist die YPG. Nach dem Rückzug der USA rief die Kurdenmiliz Assad zu Hilfe. Nun aber hat auch Putin die YPG zugunsten der Türkei fallen lassen.“ (SPIEGEL.de)

Verlierer sind nicht nur Kurden, sondern der gesamte Westen, der bislang unter Führung Amerikas die Welt beherrschte. Die Führung geht nun an den Osten: an Russland. Im Wettbewerb der Systeme hat die Demokratie verloren, die Autokratie der Starken Männer (Strong Men) hat die Spitze der Welt erobert.

In vorsichtiger Distanz unterstützt vom Sonderfall China, das keine Diktatur eines einzelnen Mannes sein will, sondern ein digital überwachtes, geschlossenes System, eine merkwürdige Mischung aus Sozialismus und Kapitalismus, das sich zudem auf konfuzianische Traditionen beruft. Ob diese Elemente langfristig zusammenpassen oder nur unter purer Gewaltanwendung beisammen bleiben, wird sich erweisen, wenn der Westen immer bedeutungsloser, Moskau immer einflussreicher wird.

Werden Moskau und Peking sich die Führung der Welt teilen – oder werden sie gegeneinander antreten, um die endgültige Nummer Eins zu küren?

Ob Trump abgesetzt wird oder nicht: seine Macht stürzt ab. Macht beruht nicht nur auf Waffen, sondern auf Widerspruchslosigkeit. Wer Widersprüchliches will, zersplittert seine Kräfte und führt sie widereinander, anstatt sie konzentriert einem geballten Ziel entgegenzuführen.

Trump will Widersprüchliches. Seine heilsegoistische Kampfparole „Amerika zuerst“ will sich von der Welt abgrenzen, außenpolitischen Ballast abwerfen, sich auf seinen nationalen Reichtum konzentrieren – und gleichzeitig die Führung der Welt ...

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Von vorne LXXVII

Tagesmail - Montag, den 21. Oktober 2019

Von vorne LXXVII,

wenn die Deutschen keine Politik machen – was treiben sie dann den ganzen Tag?

Wenn die Deutschen nicht handeln: schlagen sie ihre Zeit tot, indem sie tun, als täten sie etwas? Dabei haben sie nicht mal Zeit, beim Benutzen des Bürgersteigs eine Sekunde lang von ihren Maschinen aufzuschauen, um wahrzunehmen, dass ihnen ein Kind vor die Füße gelaufen ist.

„Was muss noch passieren, bis die Nato-Regierungen, speziell die führungslose Führungsmacht in Berlin, den Ernst der Lage begreifen – und entsprechend handeln?“ (WELT.de)

Michael Stürmer sieht mit Erschrecken, dass die NATO zur „Spielzeugarmee“ degradiert wird. Müsste die Menschheit denn nicht jubeln, wenn ihre globalen Vernichtungsinstrumente in harmlose Konsolenspiele verwandelt werden? Jagewissschonaber: abrüsten müssten alle gleichzeitig, sonst wären die Friedenswilligen den Waffenbesitzern ausgeliefert. Die Friedlichen wären die Dummen.

Wenn aber alle im gleichen Wahnsinnsrhythmus aufrüsten, welche Chance hätte noch der Frieden? Die Einen müssen nun mal vorangehen und den anderen signalisieren: wir vertrauen euch, missbraucht unseren Friedenswillen nicht. Wir rüsten ab, damit ihr sehen könnt, wir meinen es ernst.

Stürmer spricht nie von Abrüsten, Deeskalieren, friedlich vorangehen. Ist er denn kein Christ, war er nicht des katholischen Oggersheimers historischer Berater?

„Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Söhne Gottes heißen.“

Erstens, wo bleiben die Töchter Gottes, zweitens, kann man solche traumtänzerischen Idealismen heute noch ernst nehmen?

„Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen!“ Bismarck soll das ...

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Von vorne LXXVI

Tagesmail - Freitag, den 18. Oktober 2019

Von vorne LXXVI,

„Dann sprach er vom "Schluchzen eines Kindes", das sei für ihn ein Wert. "Die Augen der Menschen sind ein Wert, die Blicke, die Augen. Und nicht die europäischen Werte." Pause. "Arschlöcher."“ (WELT.de)

„"Niemand darf überleben." Seine Einheit habe das Dorf mit einer Kanone beschossen, Häuser durchkämmt und in Brand gesetzt und 15 unbewaffnete Zivilisten in einem Bauernhof zusammengetrieben, schilderte er. Die Frauen, Kinder und älteren Männer hätten jede Verbindung zur sogenannten Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) lebhaft bestritten. Dennoch habe sein Feldwebel ihm und etwa zehn anderen Soldaten befohlen, die Leute auf der Stelle zu erschießen. Dies hätten sie getan, räumte der Zeuge ein. "Ich erinnere mich noch lebhaft des Babys. Es wurde von drei Kugeln getroffen und schrie unglaublich laut".“ (SPIEGEL.de)

Kindliches Schluchzen allein genügt nicht, um die Empfindsamkeit des Dichters zu erregen. (Pardon, die „Neoempfindsamkeit“. Ohne Neo… dürfen Begriffe heute nicht mehr verwendet werden, wenn sie nicht alt aussehen wollen.) Das Kind muss vom Kairos der richtigen Volkszugehörigkeit geküsst sein.

Rechten Kairos kann man nicht definieren, man muss ihn ahnen und empfinden. Ach geh, an der Hautfarbe liegt es nicht. Selbst Kinder von Zulukaffern können wahre Empfindungen auslösen:

„Ich glaube, auch bei den Zulu-Kaffern, entschuldigen Sie das Wort, da machen die Kinder ein herrliches Geräusch, wenn sie Hüpfschritte machen, sogar auf dem Asphalt, vielleicht sogar besser auf Asphalt. Oder was auch immer.“

Sollte das Kind jedoch zur falschen Seite gehören, kann es – wenn es füsiliert wird – so laut brüllen, wie es will: es wird dem Schreihals nichts nützen. Der Quälgeist muss weg.

Wundersame Jagdszenen aus der Befreiung des Abendlands von ...

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Von vorne LXXV

Tagesmail - Mittwoch, den 16. Oktober 2019

Von vorne LXXV,

kann man am Aufkommen der FFF- und XR-Bewegungen das Versagen der Grünen konstatieren? Würden die Grünen eine plausible Ökopolitik anbieten: hätte es ihnen nicht gelingen müssen, auch die nachfolgenden Generationen anzusprechen und zu überzeugen? So war die Jugend gezwungen, ihr kollektives Erwachen allein und unabhängig zu erarbeiten und der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Das Dilemma der Grünen ist das Dilemma der SPD und aller Korrekturparteien. Sie bringen ihre Biografie nicht in Ordnung, verdrängen die Probleme ihres Anfangs, weshalb sie nicht wissen, wohin des Weges. CDU und FDP sind keine Korrektur-, sondern Weiter-so-Parteien. Man könnte auch von erblindeten Fortschrittsparteien sprechen.

Ihr Kurs ist klar: vorwärts durch die Tundra jagen die Tscherkessen. Nie zurückschauen, nie die Überprüfungstaste drücken. Was erfolgreich war, muss erfolgreich bleiben. Ziel ist die Zukunft, die lineare Verlängerung alles Tüchtigen und Naturbeherrschenden. Vergangenheit ist perdu, Gegenwart muss in rasender Geschwindigkeit durchfahren und geopfert werden, um die Zukunft, die sich stets verzieht, mit Hurra zu gewinnen.

Was die Zukunft betrifft, unterscheiden sich CDU und FDP.

Die (Neo-)Liberalen folgen dem Kurs der unbarmherzigen Evolution, die den schädlichen Impuls des Altruismus überwinden und einem Kurs amoralischer Mitleidlosigkeit folgen müsse:

„Was uns zu Menschen gemacht hat, war, dass wir jene angeborenen Gefühle, die die kleine Gruppe zusammenhielten und die wir noch gerne die „menschlichen“ nennen, durch abstrakte Verhaltensregeln ersetzten, die uns von der Verpflichtung befreiten, zunächst für den Nachbarn zu sorgen, bevor wir der Welt Leistungen anboten.“ (Hayek)

Das ist die ideologische Grundlage der allgemein geltenden Lösungs-Imperative. Vom erlebten Sinnvollen muss man sich losreißen, um zur emotionslosen Kälte ...

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