Philosophische Tagesmails

Umwälzung XCII

Tagesmail - Freitag, den 27. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XCII,

„Was ist eigentlich los“… mit den Seelenerforschern, Psychologen und Psychotherapeuten? Müssten sie nicht wissen, was in der Gegenwart gespielt wird, wenn sie die Tiefenseelen der Einzelnen kennen wie die Schwaben ihren Blautopf? Wem das Individuum transparent ist, wenn die Gesellschaft aus Individuen besteht: müsste die Gemeinschaft aller Individuen den psychischen Tiefenforschern nicht offen zutage liegen?

(Um die Psychologen aus ihrem Job rauszuhalten, haben Soziologen die Gesellschaft, das Objekt ihrer Erkenntnisbegierde, zu einem Ding an sich erklärt, das mit „Küchenpsychologie“ nicht zu erfassen sei.)

Haben sie in früheren Gefahrenzeiten das drohende Verhängnis prophezeit? Nein, nicht prophezeit; das ist Sache der Offenbarungsempfänger. Aber gesehen, vorausgesehen, prognostiziert?

„Machen wir uns also auf die Spurensuche“ oder beginnen wir eine „Zeitreise“, schauen wir – pardonnez moi – nicht nach vorne, sondern, jaja, zurück! Zurück ins Dritte Reich.

„1933 protestierte Wolfgang Köhler als einziger deutscher Hochschulprofessor der Psychologie öffentlich in einem Zeitungsartikel gegen die Entlassung jüdischer Professoren durch die Nationalsozialisten. Nachdem sein Institut 1934/35 mehrfach zur Zielscheibe nationalsozialistischer Angriffe und Eingriffe geworden war, beantragte Köhler im August 1935 seine Emeritierung. Ende September wurde er daraufhin entpflichtet. Noch im selben Jahr verließ er Deutschland endgültig.“

Über Wolfgang Köhler schreibt Fritz Stern:

„Köhler verließ Deutschland, desillusioniert von den Psychologen und Therapeuten, die sich schnell als Konformisten erwiesen. „Analytiker ohne Widerstand“ wäre ein guter Titel für einen Essay über selbstauferlegten Konformismus.“

Freud und seine jüdischen Schüler und Kollegen wurden verjagt, im Reich ergriffen ...

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Umwälzung XCI

Tagesmail - Mittwoch, den 25. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XCI,

Flächendeckende Mahnwachenpolitik in Deutschland. In Berlin werden Obdachlose angezündet. Wie reagiert die Politik? Mit einer Mahnwache. Wer wird ermahnt, worüber wird gewacht? Wer mahnt, wer wacht?

"Etwa 200 Menschen hatten sich insgesamt versammelt, um ihrem Entsetzen über den Mordversuch Ausdruck zu verleihen. Anwesend waren auch der Sozialstadtrat des Bezirks Gernot Klemm und die Sozialsenatorin Elke Breitenbach (beide Linke). Gesundheitssenatorin Dilek Kolat und Lars Düsterhoft, Mitglied des Abgeordnetenhauses für den Wahlkreis (beide SPD), besuchten am Dienstag die beiden Opfer im Unfallkrankenhaus Marzahn.“ (TAZ.de)

Kein Bürgermeister, kein gewähltes Bezirksparlament, keine politische Aussagen. Nur sprachlose Samariteraktionen.

Was ist eine Mahnwache?

„Es handelt sich dabei um in der Regel längerfristige, meist schweigende Vorhaben von Gruppen. Mahnwachen erinnern häufig an traurige Ereignisse und finden in stiller Atmosphäre statt. Dennoch sind sie politisch motiviert oder wenden sich an die Öffentlichkeit, wodurch sie sich von einer Trauerveranstaltung unterscheiden.“ (Wiki)

Dennoch? Oder deshalb? Weil sie in stiller Atmosphäre verlaufen, gelten sie in Deutschland als politisch. In Deutschland hält man die Klappe, wenn man politisch agiert. Traurig, Trauerveranstaltung? Nicht skandalös, unerhört? Keine Empörungsveranstaltung? Man betet und hält eine Kerze: das ist der Widerstand einer wachen Gesellschaft, die kein menschengemachtes Leid in ihren Reihen duldet.

Urlaubszeit! Feuerbrände, Hitzewellen. Eliten sind abwesend. Nicht mal Sondersendungen über die griechische Tragödie. Und wenn, nur Filme über ...

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Umwälzung XC

Tagesmail - Montag, den 23. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XC,

"Bedrohen Sie niemals wieder die USA, oder Sie werden Konsequenzen zu spüren bekommen, die nur wenige in der Geschichte jemals zu spüren bekommen haben.“

Trumps wüste Drohrede wider die Ungläubigen. Je diabolischer er die Welt in Angst und Schrecken versetzt, je höher steigen seine Beliebtheitswerte. Amerikas einstige demokratische Vorzeigekultur zerfällt.

Alternativen? Keine. Zeig‘s ihnen, Donald! Der Menschheit müssen wir beweisen, wer die Herren der Welt sind. Und wenn sie nicht parieren, sollen sie ihr atomares Wunder erleben. Der Durcheinanderwerfer wird der Welt noch eine zweite Amtsperiode erhalten bleiben.

„Es gibt eine neue Umfrage des "Wall Street Journal" und von NBC News, die zeigt, dass Trumps Beliebtheitswerte um einen Prozentpunkt auf 45 Prozent angestiegen sind. Unter Anhängern der Republikaner bekommt Trump demnach von 88 Prozent der Befragten Zustimmung für seine Arbeit. Das ist einer der höchsten Werte für einen republikanischen Präsidenten seit Jahrzehnten.“ (SPIEGEL.de)

Sommerzeit, Klimazeit. Temperaturen glühen, Kreatur leidet, Fieber steigt, Boden verdörrt. Politikerklasse im Urlaub. Kanzlerin: alles gut.

«Glühende Landschaften»: Der Grünen-Chef sieht die Hitzewelle als desaströs für Landwirte. Die Experten rechnen damit, dass die Erderwärmung bis 2050 weitergehen wird. Und wenn die Politik bis dahin nicht bessere Vorkehrungen in Form drastischer CO2-Reduzierungen getroffen hat, geht es dann noch weiter. Bislang versagt die ...

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Umwälzung LXXXIX

Tagesmail - Freitag, den 20. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXIX,

„Unter denjenigen, die die Autorin Mariam Lau lautstark in die rechte Ecke zu schieben versuchten, befand sich natürlich ein Gutteil der Kernleserschaft der „Zeit“: mehr oder minder wohlhabende Bürger, die linksliberal empfinden, überzeugt sind, auf der guten Seite zu stehen, die auf Andersmeinende gerne herabblicken und jeden Zweifel am abgeschliffenen linksliberalen Konsens schnell als ungehörig definieren."

Schrieb ein Angehöriger der WELT-Redaktion aus der saturierten Bourgeoisie, überzeugt, nicht auf der guten, sondern der besseren Seite zu stehen, gern auf Andersmeinende herabblickend und jeden Zweifel am moralfeindlichen deutschen Erbe als hochnäsig verurteilend. (WELT.de)

„Not kennt kein Gebot – so einfach ist das für sie. Aber so einfach ist es nicht. Das Ertrinken im Mittelmeer ist ein Problem aus der Hölle, ein politisches Problem, zu dessen Lösung die private Seenotrettung null und nichts beizutragen hat. Denn Politik besteht eben nicht darin, das vermeintlich Gute einfach mal zu machen, sondern darin, die Dinge im Zusammenhang zu betrachten und auch die Nebenwirkungen gut gemeinten Handelns. Die Retter sind längst Teil des Geschäftsmodells der Schlepper. Wer in Not ist, muss gerettet werden, das schreibt das Recht vor und die Humanität. Beide schreiben allerdings nicht vor, dass Private übernehmen, was die Aufgabe von Staaten sein sollte. Leider wirken die Aktivisten aber auch an der Vergiftung des politischen Klimas in Europa mit. In ihren Augen gibt es nur Retter und Abschotter; sie kennen kein moralisches Zwischenreich. In diesem Denken gibt es keinen Unterschied zwischen Angela Merkel und Viktor Orbán. Stellen wir uns für zwei Minuten vor, wo Europa jetzt stünde, wenn man dem Drängen der Menschenrechtsorganisationen nach Legalisation aller Wanderungsbewegungen, ob Flucht oder Armutsmigration, nachgegeben hätte. Nach einem Europa ohne ...

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Umwälzung LXXXVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 18. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVIII,

„Ich bin für niemanden,“ sagte der mächtigste Mann der Welt, der mächtigste Herrscher über abendländische Werte – sofern Amerika noch zum Abendland gehört. Was, bitte, sind abendländische Werte? Lügen, Beleidigen, Demütigen?

„Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muß sie als Einheit sehen.“

Sprach in jovialem schwäbischem Ton der erste Bundespräsident der Nachkriegsrepublik. Wirkungen? Ja. Einheit? Absurd! Auf dieser Absurdität beruht die Einheit des Abendlandes, die ein Scharmützel der Gegensätze ist.

Max Weber hat dieses Scharmützel nicht bei Namen nennen können – aber an ihm gelitten:

„Es handelt sich nämlich zwischen den Werten letztlich überall und immer wieder nicht nur um Alternativen, sondern um unüberbrückbar tödlichen Kampf, so wie zwischen »Gott« und »Teufel«. Zwischen diesen gibt es keine Relativierungen und Kompromisse. Wohlgemerkt: dem Sinn nach nicht. Denn es gibt sie, wie jedermann im Leben erfährt, der Tatsache und folglich dem äußeren Schein nach, und zwar auf Schritt und Tritt. In fast jeder einzelnen wichtigen Stellungnahme realer Menschen kreuzen und verschlingen sich ja die Wertsphären. Das Verflachende des »Alltags« in diesem eigentlichsten Sinn des Wortes besteht ja gerade darin: daß der in ihm dahinlebende Mensch sich dieser teils psychologisch, teils pragmatisch bedingten Vermengung todfeindlicher Werte nicht bewußt wird und vor allem: auch gar nicht bewußt werden will, daß er sich vielmehr der Wahl zwischen »Gott« und »Teufel« und der eigenen letzten Entscheidung darüber: welcher der kollidierenden Werte von dem Einen und welcher von dem Andern regiert werde, entzieht.“ (Max Weber, Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften)

Golgatha steht für Entwertung und Vernichtung der Welt, für Verheißung einer ...

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Umwälzung LXXXVII

Tagesmail - Montag, den 16. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVII,

Europa ist Amerikas Feind geworden – sagt der mächtigste Amerikaner. Die Sonne brachte es an den Tag – und ein Moneymaker aus New York, der den Kern der modernen Gesellschaft offenlegte: Demokratie ist Geldmachen und Machtanhäufen im Kampf des Individuums gegen alle Individuen, der einzelnen Nation gegen alle Nationen.

Im Kampf gibt es wechselnde Verbündete, aber keine Freunde. Der westliche Block war ein Kampfbündnis gleicher Interessen gegen östliche Feinde, keine Gemeinschaft universeller Menschenrechte.

Aus östlichen Feinden wurden potentielle Geschäftspartner, aus westlichen Freunden Trittbrettfahrer, die die Freundschaft hinterlistig zum eigenen Vorteil ausnutzten. Wer solche europäischen Freunde hat wie Trump, braucht keine Feinde mehr. Da ist es vorteilhafter, mit ehemaligen Feinden zu kungeln, als sich von sogenannten Freunden über den Tisch ziehen zu lassen.

Wer seinen Vorteil sucht, sucht ihn besser in der ganzen Welt als immer nur in denselben abgegrasten Heuchelbezirken. Freundschaftsbekundungen sind hinderlich im Ausnutzen individueller Vorteile. Trau, schau wem, muss die Devise eines globalisierten Interessenegoismus sein. Alle gegen alle, jeder gegen jeden: das ist die Fanfare der beginnenden Trump-Epoche.

Die Nachkriegszeit begann mit phänomenalen Versprechungen, um die ...

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Umwälzung LXXXVI

Tagesmail - Freitag, den 13. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVI,

die Epoche des Guten ist vorbei. Nichts Schlimmeres als das Gute: so tönt es im weiten Rund der Gutenhasser. Moral, der Glaube an das Gute, bringe uns ins Grab.

Müssten Gutenhasser aber nicht noch besser sein als die Guten, wenn sie deren Tun für ungut hielten? Wäre Böses das Gegenteil des Guten, müssten die Bösen die wahren Guten oder die Allerbesten sein. Im Namen des Besten hassen sie das Gute, das für sie das wahre oder entlarvte Böse wäre.

Wenn das bisherige Gute in den Verdacht kommt, das Gegenteil seiner selbst zu sein, wenn das bisherige Böse das bisherige Gute vom Thron stößt: wie nennen wir diesen Vorgang? Einen Epochenwandel.

Eine traditionelle Epoche geht zu Ende, eine neue beginnt. Alles muss auf den Tisch, alles muss neu verhandelt werden. Das kann gefährlich werden, denn bisherige Gemeinsamkeiten der Völker gehen verloren, es kündigen sich neue an, die aber die alten noch nicht ersetzen können.

Zwischen dem Alten, das verloren geht – und dem Neuen, das unsicher und noch nicht vorhanden ist, liegt das Nichts. Nichts heißt Nihil. Den Vorgang der Dekadenz ohne Wiederaufstieg in neue Verbindlichkeiten nannte das 19. Jahrhundert Nihilismus. Wenn die Epoche des traditionellen Guten sich verabschiedet und die gemeinsamen Werte schwinden, steht der Nihilismus vor der Tür.

„Was ist Nihilismus? Dass die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel, es fehlt die Antwort auf das «Warum».“ „Dass es keine Wahrheit giebt; dass es keine ...

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Umwälzung LXXXV

Tagesmail - Mittwoch, den 11. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXV,

„Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte, Amerika der Anfang. Dort ersteigt die innere Sonne des Selbstbewusstseins, die einen höheren Glanz verbreitet, nämlich den Glanz des absolut freien und darum auch kritischen Geistes.“

Hegels Satz ist überwältigend – aber gefälscht. Nicht Amerika ersteigt die innere Sonne des Selbstbewusstseins, sondern Asien. Zeitgenossen, die die Nase in den Wind halten, wenden sich ab von Europa und Amerika. Sie wenden sich ab vom Okzident und halten Ausschau nach dem Orient.

(Wenn der Amerikaner Fukuyama vom Ende der Geschichte schreibt, werden deutsche Augenblicksbeobachter zornig. Wenn der deutsche Hegel vom Ende der Weltgeschichte schreibt, nehmen sie es nicht zur Kenntnis – oder sie preisen es als tiefsinnige Erkenntnis. Tiefsinnige Erkenntnisse werden hierzulande im Museum eingesperrt.)

Die deutsche Sehnsucht nach Hellas währte nicht mal eine Epoche lang. Es war keine Sehnsucht nach einem selbstbewussten Volk, das frei über sich bestimmt. Es war Sehnsucht nach adligen homerischen Helden, denen das tumbe Volk zu gehorchen hat. Die schönen Helden verwandelten sich später in platonische Weise, die dem Volk in der Höhle den Dienst taten, es in Ketten zu halten. Sie taten es ungern, aber sie mussten. Ihre Weisheit verpflichtete sie, einen gerechten Staat zu errichten und das Volk zu seinem Glück zu zwingen.

Das Christentum machte aus Weisheit Erleuchtung, aus Zwangsbeglückung Erlösungszwang, aus staatlicher Gerechtigkeit zufällige Nächstenliebe, die an ...

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