Philosophische Tagesmails

Weltdorf LXIV

Tagesmail - Freitag, den 03. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXIV,

"Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit".

Die Mängel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sind die Mängel des christlichen Westens. Die jetzige Krise der Demokratien offenbart die Defizite ihrer Grundlagen. Wie eine lebendige Aufklärung den Prozess der Selbstaufklärung ständig vorantreibt, müssen vitale Demokratien ununterbrochen ihre Wurzeln überprüfen, wenn sie nicht verrotten wollen.

Es gibt kein Zurück? Es gibt kein Vorwärts ohne Zurück. Wenn wir unsere Vergangenheit nicht zur begriffenen Gegenwart machen, wird es keine Zukunft geben. „Wir schauen nicht zurück, wir schauen nur nach vorne“ ist das Motto der herrschenden Selbstzerstörer.

Auch der neue SPD-Kandidat weigert sich, die Partei-Sünden der Vergangenheit aufzuarbeiten und gibt sich just in dem Moment amerikanisch, als die amerikanische Selbstdestruktion der ganzen Welt um die Ohren fliegt. Es genügt nicht, aus einer dumpfen Provinz zu kommen, Loser gewesen zu sein und unelegante Anzüge zu tragen, um zum neuen Bergprediger der Schwachen und Armen zu werden.

Streng genommen gibt es kein Vorwärts oder Zurück, solange die unbearbeitete Vergangenheit die Geißel der Gegenwart ist. Keine Vergangenheit will vergehen, solange sie durch Erkennen nicht ad acta gelegt wurde.

Ein Generalübel der Zeit ist die verheerende Arbeitsteilung – oder Arbeitsverweigerungs-Teilung – zwischen Historikern, die sich nicht dem Verstehen des Tages und Tagesbeobachtern (Jour-nalisten), die sich nicht der Erhellung der Geschichte verpflichtet fühlen.

Historiker wollen keine Lehren aus der Geschichte ziehen, weil jede Epoche unvergleichlich sei. Die Tyrannei der Unvergleichlichkeit verurteilt sie zur ...

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Weltdorf LXIII

Tagesmail - Mittwoch, den 01. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXIII,

wie lange schwärmten sie vom Heros der Moderne! Nun haben sie ein prächtiges Exemplar zum mächtigsten Mann der Welt gekürt – und verdammen ihn in die unterste Hölle. Heroen und Erlöser müssen erst hinunter fahren, um gekreuzigt zu werden, bevor sie zu Masters of Universe aufsteigen können.

Wie sollte er denn sein, der Übermensch Nietzsches im amerikanischen Champion-Design? Er sollte unberechenbarer Abenteurer sein, ein Roulettespieler, süchtig nach jedem Risiko, ein Grenzgänger, der auf der Suche nach dem Unmöglichen alle Grenzen überschreitet, ein Chamäleon, das sich täglich neu erfindet, ein Haudrauf, bedenkenlos alles niedertrampelnd, was sich ihm entgegen stellt, ein schwatzhaft aus der Hüfte formulierender Rastelli, der über Wahrheit und Lüge täglich neu entscheidet, ein machiavellistischer Gaukler, der jenseits von Gut und Böse auf die Menschheit herunterblickt, ein Mann der Zukunft, der alles, was ihm nützt, für gut und alles, was ihm schadet, für böse hält, ein homo triumphans, der alle Loser in den Staub tritt – kurz: ein Darling des Himmels, der Big Money und success als Bestätigung seiner Erwählung betrachtet.

Ein deutscher Pastorensohn hat den Übermenschen vorausgeahnt, in glühenden Lettern beschrieben und herbeigesehnt:

„Das Wort »Übermensch« zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgeratenheit, im Gegensatz zu »guten« Menschen, zu Christen und andren Nihilisten – ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, will sagen der »idealistische« Typus einer höheren Art Mensch, halb »Heiliger«, halb »Genie«.

In seinem exzellenten Werk „Der Übermensch“ (aus dem Jahre 1961) beschreibt Theologe Ernst Benz die christliche Herkunft des Übermenschen, voller Bewunderung für die grenzenlose Zukunft der Moderne, der nichts mehr unmöglich ...

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Weltdorf LXII

Tagesmail - Montag, den 30. Januar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXII,

das Weltdorf wird liquidiert. Grenzzäune werden gezogen, unendliche Mauern errichtet.

Wir zuerst. Vor allem Wir. Wir allein. Wir sind die Maßgebenden, die Besonderen, die Wichtigen, die Rechtwinkligen an Leib und Seele. Die Anderen? Müssen unseren Interessen dienen. Dualismus, die Spaltung der Welt in Relevante und Irrelevante, ist der Triumph der Ungleichheit über die Ebenbürtigkeit.

In der Demokratie sind alle Menschen gleich; in der Meritokratie – der Arena der Tüchtigsten und Besten – geht die Ungleichheit ins Endlose. Würde ist der Tod jeder Meritokratie, Meritokratie der Tod jeder Demokratie.

Das allpräsente Ranking, die Dominanz der Eliten, das unaufhörliche Ermitteln der Rangordnung, die unendlichen Stufen des Seins, die Hierarchie der Besonderen, der Drang zum Aufstieg, der Zwang zur Brillanz, die Abscheu vor gleichem Wert: die Sucht nach Unvergleichlichkeit bestimmt alle Nuancen des Daseins. Individualismus, das Geschenk der unerschöpflichen Natur, wurde zum Synonym für Erwählung, die die Geschöpfe der Natur aufspaltet in Selige und Verfluchte.

Menschen sind unvergleichlich – in gleicher Wertigkeit und Würde. Würde ist unverträglich mit neoliberaler Hackordnung, Unterschiedlichkeit des Besitzes und kreativer Brillanz. Brillieren in der Kunst des Reichwerdens, im Erfinden von Maschinen trägt nichts bei zur demokratischen Reife und Mündigkeit.

Vollmundig begann das Grundgesetz mit der Hymne an die Würde, kleinlaut ging es in die Knie vor dem Eigentum, das zu Nichts verpflichtet. Würden die Deutschen nur einen Tag lang die Würde des Menschen unangetastet lassen, weder ökonomisch begrapschen noch durch elitäre Anmaßung schänden, wäre die BRD am nächsten Tag nicht mehr wiederzuerkennen. Es wird Zeit, dass Deutschland seine Grundlagen ...

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Weltdorf LXI

Tagesmail - Freitag, den 27. Januar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXI,

ins Guiness-Buch der Rekorde kommt DDT (Donald Trump) mit seiner Schandmauer nicht. Schon vor Jahrtausenden beherrschten die Chinesen die Kunst der architektonischen Separierung weitaus besser.

Möglichkeiten des Übertrumpens aber gäbe es noch viele. Gegen atlantische Monsterwellen müssten die Riesenstädte im Osten mit Mauern aus Stahl und Beton in Wolkenkratzerhöhe geschützt werden. Gegen fluchtartiges Auswandern in den liberalen Norden hülfe ein 9000 Kilometer langer kanadisch-amerikanischer Grenzwall. Klimaschäden von Oben könnten mit einer atmenden Digitalmembrane – durchlässig nur für Sonne und Regen – der exzeptionellen Art abgewehrt werden. Neu-Kanaan, das verheißene Land, wird seinem Vorbild, dem Goldenen Jerusalem, immer ähnlicher:

„Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem, herniederfahren aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes. Und ihr Licht war gleich dem alleredelsten Stein, einem hellen Jaspis. Und sie hatte eine große und hohe Mauer. Und der Bau ihrer Mauer war von Jaspis und die Stadt von lauterm Golde gleich dem reinen Glase.“

Donald & Bibi, zwei Verehrer des Ewigen Jerusalems, verbünden sich gegen den unheiligen Rest der Welt – gegen Heiden und Loser der Moderne. Vor wenigen Tagen erklärte Claus Kleber mit grauem Gesicht, sie – die Journalisten und Auslandskorrespondenten – hätten sich über Gottes eigenes Land geirrt. Mit keinem Wörtchen verriet er, warum und worüber sie irrten.

Lange Zeit galt in Deutschland die kleinste Kritik an Amerika als sekundärer Antisemitismus. Verständlich, ja notwendig, dass Nachkommen einer Verbrechernation wegen Wiederholungsgefahr scharf unter die Lupe genommen ...

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Weltdorf LX

Tagesmail - Mittwoch, den 25. Januar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LX,

Onan war nicht der Begründer der Onanie: er ließ es auf die Erde fallen. Kirchenlateiner, die versiertesten Sexologen der Welt, sprechen von coitus interruptus. Indem der Mann der Frau ekstatische Lust und Besamen verweigerte, wurde er zum Begründer des individuellen Eigentums oder zum Vorläufer des Kapitalismus.

Die gezeugten Kinder wären nicht die seinen, sondern die seines Bruders, begründete Onan seine Zeugungsverweigerung. Der Mann wollte, nachdem er das Weib bereits besaß, auch seine selbst produzierten Kinder besitzen. Creo, ergo sum; was ich kreiere und produziere, ist mein Eigentum. Was ich besitze, bin ich.

Erfinden, Produzieren ist extrauterines Besamen. Kreativität und Produktivität sind männliche Potenzen. Je mehr sie es auf die Erde fallen lassen, je mehr Dinge und Profit entwachsen dem Boden und werden zu ihrem Eigentum. (Nein, wir reden jetzt nicht über Gabriels beruflichen coitus interruptus kurz vor dem Orgasmus seiner Karriere.)

„Er, der Erstgeborene Judas, missfiel dem HERRN; darum tötete ihn der HERR. Da sprach Juda zu Onan: Gehe zu deines Bruders Weib und nimm sie zur Ehe, daß du deinem Bruder Samen erweckest. Aber da Onan wußte, daß der Same nicht sein eigen sein sollte, wenn er einging zu seines Bruders Weib, ließ er's auf die Erde fallen und verderbte es, auf daß er seinem Bruder nicht Samen gäbe. Dem HERRN missfiel, was er tat, und er tötete ihn auch.“

Sieben weise Frauen, unter ihnen keine einzige Pastorentochter, beschlossen in Washington drakonische Strafen für Männer, die den Frauen ...

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Weltdorf LIX

Tagesmail - Montag, den 23. Januar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LIX,

wunderbar, wie die Welt in Wallung gerät. Es sind Frauen (inklusive 3,5 Alibimännlein), die weltweit die Männershow bekämpfen. Der weiße Mann steht vor dem Absturz. Noch einmal bläht er seine Nüstern und erigiert ins Unbegrenzte. Alle Zeichen seiner Unfähigkeit ignoriert er, lernen hat er nicht nötig, selbstverblendet hält er sich für vollkommen. Der schneidige BILD-Mann Blome schrieb bereits den Nachruf auf den Gottgleichen als Heldenepos: Allein gegen alle:

„Donald Trump will den Beweis antreten, was ein Mann allein leisten kann. Donald Trump hat seine Kandidatur und danach seinen Wahlkampf weitgehend allein durchgefochten. Er allein gegen alle. So sieht er sich, so sahen ihn die anderen. Es passt in sein Selbstbild vom „deal maker“, der in immer neuen Zweikämpfen seine Interessen durchzusetzen sucht. Und der gemeinsame Nenner dieser Zweikämpfe heißt: Donald Trump gegen die Globalisierung, Donald Trump gegen den Lauf der Welt der Wirtschaft, wie wir ihn bislang kannten.“ (BILD.de)

Trump steht für sich. Mit Amerika hat er nichts zu tun. Er ist Solitär. Er repräsentiert niemanden. Mit niemandem ist er verbündet, mit niemandem solidarisch. Allein durch Donald, allein durch Mammon, allein durch Macht: das ist die neue Dreieinigkeit, identisch mit der alten.

„Aber eines wenigstens muss von Anfang an auch klar sein: Wenn Donald Trump mit seiner Politik scheitern sollte, dann ist er allein gescheitert, nicht die amerikanischen Demokratie, nicht die amerikanische Wirtschaft und schon gar nicht die Globalisierung.“

Wie bekämpfen die deutschen Medien den neuen Behemot aus dem goldenen Trump-Tower – ohne in den Verdacht antiamerikanischer Umtriebe zu ...

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Weltdorf LVIII

Tagesmail - Freitag, den 20. Januar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LVIII,

„die Auserwählten waren nicht nur die Glücklicheren, die sich in ihrem Streben nach langem Leben; Reichtum, Macht oder Schlachtensiegen der Hilfe Gottes erfreuten, sondern sie waren die Erneuerten, die ihren Sinn auf Höheres gerichtet hatten. Weltlicher Erfolg war nichts als ein Symptom der Heiligkeit. Göttliche Eigenschaften fördern natürliche und weltliche Güter. Gottes Gerechtigkeit bleibt unbarmherzig. Die Puritaner frohlocken über die Höllenstrafen für die Gottlosen und Heiden. Urheber der Höllenqualen ist Gott selbst. Der Zustand der Qual ist absichtsvoll angeordnet um der Gerechtigkeit Gottes willen. Die ewigen Flammen der Hölle können nicht heiß genug gedacht werden für die Ungläubigen. Gott ergötzt sich an ihrem Elend.“ (R.B. Perry, Amerikanische Ideale)

Das war die Kurzfassung der amerikanischen Gegenwart. Als Erfolgreicher ist Trump ein Erwählter, der das Reich des Bösen ausräuchern muss. Sein lutherischer Grobianismus – er schaut dem Volk nicht nur aufs Maul, sondern auch auf die Geschlechtsteile – ist von göttlicher Frische und Unbefangenheit. Er wird den Saustall der antiamerikanischen Umtriebe mit teuflischer Wonne ausmisten. Seine goldenen Haare werden ihn wie eine Gloriole umwehen, wenn er ...

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Weltdorf LVII

Tagesmail - Mittwoch, den 18. Januar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LVII,

wir verlangen ein Davos für die Vielzuvielen! Eine Bilderberg-Konferenz für die Abgehängten! Eine UN-Vollversammlung für die Armen und Schwachen! Einen IWF-Gipfel für die Verlierer. Ein Weltrettungs-Tribunal für die Abgehängten! Aber subito!

Wo treffen sich die Völker, um über ihr Schicksal zu beraten? Wo die Ohnmächtigen und Abhängigen, um den Planeten vor den Davoser Tycoons zu retten? Wo die Hälfte der Menschheit, die weniger besitzt als acht Giga-Mammonisten zusammen, um sich der scheingesetzlichen Blutsauger und Legal-Kriminellen zu entledigen? Wo die Milliarden Verachteten und Gedemütigten, über deren Schicksal Schnellschwätzer-Bürschchen mit prophetischen Gesten und visionärem Augenrollen bestimmen? Wo die 99PROZENT, die zugucken dürfen, welch technische Zukunftshölle mit Unsterblichkeits-Phantastereien man höheren Orts für sie ausbrütet? Ohne sie mit der einzig bedeutsamen Frage zu behelligen: wie stellt ihr euch selbst euer Leben vor?

EINPROZENT entscheidet über die Geschicke des Planeten und der Menschheit – und dies im Zeitalter der Volks-Herrschaft. Sprechen wir‘s aus: es hat sich eine Form des Totalitarismus entwickelt, von der Hannah Arendt nichts ahnen konnte. Ein weltweiter Totalitarismus hat sich etabliert – unter der Maske der Demokratie. Je mehr Völker an die Wahlurne gehen, je weniger bestimmen sie über ...

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