Philosophische Tagesmails

Neubeginn XCIII

Tagesmail - Mittwoch, den 06. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCIII,

"Die Welt", schreibt SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, "ist nicht mehr die, die wir kannten."

Das ist der endgültige Abgesang auf den Versuch, standhaft für Demokratie einzutreten. Aust, Broder, Brinkbäumer: die Medienmatadore der Nation verstehen die Welt nicht mehr. Sie kapitulieren vor der Gegenwart, flüchten in Verklärung der Vergangenheit und fühlen sich als Erwählte der deutschen Geschichte, die die kommenden Generationen nur bemitleiden können. Viel Empathie im Grabenkampf der Generationen.

Aust: Wir sind, das kann man vielleicht in diesem fortgeschrittenen Alter schon sagen, wahrscheinlich die glücklichste Generation, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Im Frieden gezeugt, im Frieden geboren. Dann haben wir den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg dieses Landes miterlebt, das ist schon ein ziemliches Privileg.“ (WELT.de)

Was jetzt geschieht, ist nichts Überraschendes, sondern das Erbe einer Vergangenheit, die den „Firnis der Zivilisation“ demontiert und der Gegenwart vor die Füße erbricht. Der Firnis war die Über-Ich-Kontrolle dessen, was nicht vereinbar schien mit dem weltweiten moralischen Aufbruch der Nachkriegszeit.

Das Ich kann nur mündig werden, wenn es kein Über-Ich mehr benötigt, um die „Dämonen des Unbewussten“ an die Kette zu legen. Es ist ein epochaler Fortschritt, wenn Menschen ihre autoritär-verinnerlichte Selbstkontrolle abwerfen und sich geben, wie sie sind. Gleichwohl kann es hoch gefährlich werden, wenn der innere Kerker seine bisherigen Gefangenen entlässt, welche Freiheit mit gesetzloser Anarchie verwechseln.

Doch da müssen wir durch. Es ist die Begegnung mit uns selbst. Mit uns, die wir nur sehen wollten, wie wir sein sollten, aber nicht, wie wir wirklich sind. Der Weg ins ...

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Neubeginn XCII

Tagesmail - Montag, den 04. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCII,

stellt euch nicht so an, ihr Deutschen. Europa braucht eine starke Führungsmacht – und keine Demokratie, die zur Regierungsbildung unfähig ist;

stellt euch nicht so an, ihr Deutschen, andere Länder haben auch schon Minderheitenregierungen gehabt und Zeit benötigt, um sich zusammenzuraufen. Dennoch haben sie ihre Hausaufgaben erledigt

sprach Viviane Reding aus Luxemburg, ehemalige Vizepräsidentin der EU-Kommission, bei Anne Will. Es war nur ein absoluter Widerspruch. Nichts Relevantes für ein öffentlich-rechtliches TV-Palaver.

Europäische Machteliten sind nur am reibungslosen Erhalt ihrer Politik interessiert, die von der deutschen Kanzlerin exemplarisch repräsentiert wird. Würde Merkel auf nationaler Ebene schwächeln, wäre dies zugleich eine Misstrauenserklärung an die gesamte europäische Politik.

Warum Merkel innenpolitisch abschirrt, das wollte ihre Gesinnungsgenossin Reding partout nicht wissen. Im ewigen Kampf der Nationen und Kontinente muss Europa wettbewerbsfähig bleiben. Sonst wird es abgehängt. Die Vormacht Amerikas ist bereits dahin und seine europäischen Musterschüler, eben noch Vorbilder an übernationaler Zusammenarbeit, folgen flugs der Selbstdestruktion ihres bisherigen Rudelführers.

Erneut wurde bei Anne Will nur über Merkel schwadroniert. Nicht über die Nation, die Merkel zu ihrem politischen Symbol erwählt hat. Als ob ein Mensch den Charakter eines ganzen Volkes prägen könnte, nicht das Volk seine Symbolfiguren aus dem Inneren seiner Befindlichkeit gebären würde.

Wer macht Geschichte? Große Männer – oder Frauen, die große Männer imitieren. Über Ursachen der vermeintlichen Krise der Herzenskönigin sprach fast ...

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Neubeginn XCI

Tagesmail - Freitag, den 01. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCI,

Gespräche in Bellevue? Es gibt keine Gespräche in Bellevue. Demokratische Gespräche sind öffentlich. Sind sie es nicht, handelt es sich um geheime Vorgänge – mit öffentlichem Blendwerk. Ungeprüft übernimmt die Presse die Nomenklatur derer, die sie kritisch zu kommentieren hätte.

Geheime Vorgänge, zum Ritual geworden, gehören zur Disziplin des Heiligen. Das Heilige, das Allerheiligste, sind Zentren einer Religion, die die Welt in zwei Teile spalten: in das Weltliche oder Profane, dem täglichen Revier der Massen – und dem abgeriegelten Ort, wo Gott wohnt, zugänglich nur für wenige männliche Stellvertreter.

Hinter ausgezehrten demokratischen Fassaden hat sich die BRD zur Hierokratie entwickelt, in der Politiker und Priester, ordinäre Welt und heilige Überwelt zur Einheit verschmolzen.

Das hat sich schon lange abgezeichnet. Ihre politischen Feste feiern sie wie Gottesdienste, sie schreiten wie Priester, ihre getragenen Ansprachen gleichen Kanzelreden, Beginn und Ende ihrer Amtsperioden werden von ökumenischen Gottesdiensten umrahmt. Ohne klerikale Magie können herausragende Ereignisse nicht zelebriert werden. Die profane Welt ist fest im Griff des Heiligen.

Politische Feste auf Marktplätzen, voller Lebensfreude und Stolz auf das gemeinsam erkämpfte Demokratische und Humane, sucht man vergebens. Mündigkeit, Würde, Autonomie des Menschen: nichts davon darf der demokratische Mensch ausgelassen feiern. Wenn ihm Gutes widerfährt, hat er sich bei höheren Mächten zu bedanken, wenn Schlechtes, muss er seine Sünden vor Altären bereuen und sich ...

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Neubeginn XC

Tagesmail - Mittwoch, den 29. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XC,

„zuhause brennt die Hütte“ (BILD) – und die geschäftsführende Mutter der Nation treibt sich in der Welt herum, tut, als wolle sie Probleme lösen, die – nach eigener Rede – gar nicht lösbar sind.

Der Mensch an sich ist schlecht, der weiße Mensch aber tüchtig, um den Folgen der Schlechtigkeit gewitzt zu entgehen und in Saus und Braus zu leben, während andere minderglückliche Völker – leider, leider – das Schlamassel des homo sapiens ausbaden müssen.

Glück, ihr Völker, ist mit den Tüchtigen, besagt ein deutsches Sprichwort. Und deutsche Sprichwörter irren selten. Doch Johannes Baptist (der Getaufte) Kerner lässt Muttern nicht im Regen stehen, schaut dem Elend unverwandt ins Auge und bewirkt Wunder vor Ort: für einen Almosen pro Tag. (BILD)

„Diese Armut hier ist nur schwer vorstellbar“, sagt Johannes B. Kerner (51), Moderator der großen TV-Gala „Ein Herz für Kinder“. Er kann kaum glauben, was er sieht – zum Beispiel in Gamkalle, einem Elendsviertel von Niamey, wo sich 150 Familien Hütten gebaut haben – aus Plastikplanen von der nahen Müllkippe, zerlöcherten Bambusmatten oder einfach ein paar verdorrten Zweigen. Sie schützen weder vor der mörderischen Hitze (45 Grad im Schatten), noch vor dem Regen, der – wenn er denn kommt – sintflutartig ist.“ Kerner ist „sichtlich geschockt. Es ist ein Teufelskreis.“

BILD fasst zusammen: „So ist das in Niger. Du lebst in der Hölle und dann gerätst du auch noch an den Teufel.“ (BILD.de)

So ist das in der Welt. Generell lebst du in der Hölle, triffst den Gottseibeiuns und seine Teufelskreise, doch wenn du Glück hast und Deutscher bist, lebst du im Garten Eden. Jammere also nicht rum, wenn du siehst, dass es anderen weitaus schlechter geht. Greife zum Scherflein – und rette die Welt, denn die Politik, die sündige und ...

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Neubeginn LXXXIX

Tagesmail - Montag, den 27. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXIX,

der letzte Akt. Im selben Jahr, als die Franzosen die Tugenden einer aufgeklärten Republik wiederentdecken, schicken sich ihre deutschen Nachbarn an, die letzten Reste ihrer Aufrichtigkeit zu beerdigen.

Die Verlässlichkeit des Wortes, schon lange dem Spott preisgegeben, wird öffentlich begraben. Die doppelte Rede, die Unaufrichtigkeit, das gebrochene Wort, wird zur Staatsraison. Reden, versprechen, beteuern, kategorisch versichern: was interessiert sie ihre Phrasen von gestern? Ein neuer Tag, eine neue Wahrheit, die Umstände haben sich verändert, das Vaterland ruft und fordert das sacrificium intellectus.

Sacrificium intellectus bedeutet Opfer des Verstandes. Allgemein versteht man darunter, dass man sein eigenes Denken unter einem Machtanspruch zurückstellt.“

"Ich strebe keine Große Koalition an, ich strebe auch keine Minderheitsregierung an. Ich strebe auch keine Neuwahlen an. Ich streb gar nix an. Was ich anstrebe: dass wir die Wege diskutieren, die die besten sind, um das Leben der Menschen jeden Tag ein Stück besser zu machen." (SPIEGEL.de)

Das ist die Guillotinierung des Denkens, die Verstümmelung der Logik, der Verrat an demokratischen Urtugenden, auf offener Szenerie, gefordert und beklatscht von allen Führungsklassen. Angeführt vom edlen Bundespräsidenten, der erwachsene Politiker wie dumme Jungen zu sich lädt und sie ultimativ zum Wortbruch auffordert. Zum Wortbruch als Rettungsakt der Nation.

Dies alles hinter verschlossenen Türen. Das überfahrene, betrogene Publikum darf raten, was im Allerheiligsten geschieht. Ausgerechnet der oberste Genosse, der sein Parteibuch zusammen mit seinem Verstand stillgelegt hat, fordert von seiner Partei den Gang nach Canossa. Eben dieser oberste Repräsentant des Landes wird von ...

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Neubeginn LXXXVIII

Tagesmail - Freitag, den 24. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXVIII,

alle Wege führen nach Rom. Sie wollen Einheit. Die offene Gesellschaft will eine geschlossene sein. Vorweihnachtszeit. Die heilige Familie darf nicht zerrissen werden. Keine Experimente, las man in SPIEGEL und BILD. Alle Alternativen heißen Angela.

„Wo sollen wir hin gehen vor deinem Geist, und wo sollen wir hin fliehen vor deinem Angesicht? Führen wir gen Himmel, so bist du da. Betteten wir uns in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähmen wir Flügel der Morgenröte und blieben am äußersten Meer, so würde deine Hand uns daselbst führen und deine Rechte uns halten.“

Wirtschaftsbosse sind entsetzt über schwankende Mehrheiten. Lobbyisten benötigen vertraute Gesichter, verlässliche Verhältnisse. Medien, Juroren der circenses, atmen auf. Ihr Circus Maximus muss überschaubar bleiben: die Matadore sollen tun, als ob sie kämpften, am Stammtisch und bei Illner aber muss wieder gefrotzelt werden. Pack schlägt sich und verträgt sich. Wer es ernst meint, ist ein Spielverderber.

Die Lutherfestspiele sind vorbei. Dort standen sie – gestern. Heute – können sie wieder ganz anders. Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun. Charakter haben und deutsch sein, ist gleichbedeutend. Wie verträglich sind Demokratie und Deutschsein? Solange sie echte Deutsche sind, können sie keine kompromisslerischen Demokraten, solange sie kompromisslerische Demokraten sind, können sie keine Deutschen sein.

Doch halt, das war old school. Der Deutsche an sich ist Vergangenheit. Er ist an und für sich geworden. An sich war Luther: Nehmen sie Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn. An und für sich: das ist Merkel-Schulz-Schäuble-Steinmeier. Was schert sie Ehr, was schert sie Charakter: sie ...

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Neubeginn LXXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 22. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXVII,

das Volk in Not. Gestern noch „ennui der Mitte“ (Poschardt) – über Nacht brennt‘s an allen Ecken und Enden. Eben noch schwamm das Volk – pardon, seine Geschäftsführer – im Glück. Plötzlich werden Gnade und Wut beschworen, Reisläufer des Unheils, Vorboten des heiligen Zorns.

Macht Regieren, Lieblingsbeschäftigung bewährter Obrigkeitsanbeter, den Untertanen keinen Spaß mehr? Zeit für Einweisung in eine Reha-Klinik zur Bekämpfung national-psychischer Kippbewegungen, unter der Leitung zweier erwiesener Seelen-Experten. Des Bundespräsidenten und des Bundestagspräsidenten.

„Kann dieses deutsche Volk, das in der Not so bewundernswerte Tugenden entfaltet, Stunden des Glücks wirklich nicht ertragen? – Muß es deutsche geschichtliche Tragik bleiben, daß unsere Maßlosigkeit die Früchte ehrlicher Arbeit nicht heranreifen läßt, daß wir immer schon heute gewaltsam besitzen wollen, was uns die Gunst erst morgen? darbietet?“

Hatte Ludwig Erhard sein Volk am 23. August 1956 in sorgenvollem Ton befragt. Da waren die Deutschen erst seit zwei Jahren Fußballweltmeister und hatten die Alpen zum ersten Mal mit einem Volks-Wagen bezwungen.

In der Not erst zeigt sich der Mann. In der Not erst entfalten die Deutschen ihre bewundernswerten Tugenden. Und ohne Not? Zeigen sie nichts – außer gewaltsamer Maßlosigkeit. Ach, heilsame Not, komm über uns, auf dass wir wieder recht tugendhaft werden. Denn uns droht das Interregnum, eine grauenhaft-regierungslose Zeit. Wann wird es auf den politischen Marktplätzen landauf und ...

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Neubeginn LXXXVI

Tagesmail - Montag, den 20. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXVI,

fast sogar ein historischer Tag. Es ist ein Tag mindestens des tiefen Nachdenkens.“

Fast, mindestens, ein Stück weit, ein bisschen.

Mindestens ein tiefes Nachdenken? Und höchstens – ein abgrundtiefes Nachdenken? Wird bei Kanzlers nur an fasthistorischen Tagen tief nachgedacht? Wird überhaupt nachgedacht – oder werden Geschäfte routinemäßig abgewickelt?

Ohnehin ist sie nur noch ein Stück weit im Amt. Streng genommen ist sie jetzt, was sie im Grunde schon immer war: geschäftsführende Bundeskanzlerin. Geschäftsführer führen nicht das Geschäft, sondern werden vom Geschäft geführt. Auch der Führer war nur Geschäftsführer der Vorsehung. In Deutschland haben Geschäftsführer des Weltgeistes mindestens eine tiefe Tradition:

„Große Menschen haben gewollt, um sich, nicht um andere zu befriedigen. Was sie von anderen erfahren hätten an wohlgemeinten Absichten und Ratschlägen, das wäre vielmehr das Borniertere und Schiefere gewesen, denn sie sind die, die es am besten verstanden haben und von denen es dann vielmehr alle gelernt und gut gefunden oder sich wenigstens darein gefügt haben. Denn der weitergeschrittene Geist ist die innerliche Seele aller Individuen, aber die bewußtlose Innerlichkeit, welche ihnen die großen Männer zum Bewußtsein bringen. Deshalb folgen die anderen diesen Seelenführern, denn sie fühlen die unwiderstehliche Gewalt ihres eigenen inneren Geistes, der ihnen entgegentritt. Werfen wir weiter einen Blick auf das Schicksal dieser welthistorischen Individuen, welche den Beruf hatten, die Geschäftsführer des Weltgeistes zu sein, so ist es kein glückliches gewesen. Zum ruhigen Genusse kamen sie nicht, ihr ganzes Leben war Arbeit und Mühe, ihre ganze Natur war nur ihre Leidenschaft. Ist der Zweck erreicht, so fallen sie, die leeren Hülsen des Kernes, ab.“ (Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie)

Bei Hegel gab es Geschäftsführer des Weltgeistes, bei seinem Schüler Marx ...

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