Philosophische Tagesmails

Umwälzung XLIV

Tagesmail - Freitag, den 06. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLIV,

fast alle TV-Berichte über die Friedensmärsche an Ostern glichen Nachrufen am offenen Grab: vor 60 Jahren, da begann dieses merkwürdige Phänomen, seitdem schmolz die Zahl der TeilnehmerInnen von Jahr zu Jahr. Dann einige Nahaufnahmen wackerer Altrecken mit immer den gleichen Träumer-Plattitüden – das war‘s. Die subkutane Botschaft an das Publikum: Kann man vergessen.

The american dream hingegen galt bis kurz vor Trump noch als Inbegriff einer neuen Welt. Martin Luther Kings Donnerrede: Ich habe einen Traum, galt als Vision einer besseren Menschheit. Merke: Träumen dürfen nur andere. Zu Hause wird geschafft.

An den Pranger stellen bedeutete ursprünglich: jemanden öffentlich vorführen. Bei Plasberg wurde vor kurzem ein Mensch an den Pranger gestellt, entblößt und inquisitiert (inquisitio = Untersuchung). Nicht irgendein Mensch, sondern ein anonymes, in der Öffentlichkeit unsichtbares Wesen, von dem man rätseln konnte: gibt es das überhaupt – oder ist es ein Phantom, die Erfindung linker Revoluzzer? Es war nicht irgendein armes Wesen: es war – eine Hartz4-Existenz.

„Außer Ihnen“, erklärte der Moderator, „sitzt hier niemand, der mit dem Groschen rechnen muss. Können Sie beweisen, dass Sie mit der staatlich gewährten STÜTZE (obligates Ekelwort, um weitere STÜTZEN-Parasiten abzuschrecken) tatsächlich nicht über die Runden kommen? Ach, es geht nur um besondere Ausgaben? Seit wann ist STÜTZE für besondere Ausgaben zuständig?“

Zugleich wurde eine komplementäre Ausgabe dieser merkwürdigen Hartz4-Spezies in den Medien herumgereicht: Eine Mutter mit Kindern, die – unglaublich, aber wahr – pro Monat einiges zurücklegen konnte, um sich den unfasslichen Luxus eines Urlaubs zu leisten.

Subkutane Botschaft: Minister Spahn, der neue Ritter ohne Furcht und Tadel, hatte Recht. Die Armen im Lande sind mehr als gut bedient. Ja, sie werden „von unseren schwer erwirtschafteten Steuergeldern“ geradezu verwöhnt. Wer ...

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Umwälzung XLIII

Tagesmail - Mittwoch, den 04. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLIII,

„Russland hat weder die staatliche Ordnung im Irak noch in Libyen zerstört, noch den arabischen Scheinfrühling in Syrien, Tunesien oder Ägypten gefördert. Es gibt Gründe, um mit der russischen Regierung heftig zu streiten. Aber im Fall Syrien hetzen westliche Staaten und Medien gegen Russland, um von den eigenen schweren Fehlern abzulenken.“ (Berliner-Zeitung.de)

Götz Alys einsame, notwendige und überfällige Stimme geißelt die westliche, besonders die deutsche Doppelmoral:

„Während die türkische Armee mit deutschen Panzern in den unzerstörten Norden Syriens einmarschierte und sich die verschossene Munition mit Genehmigung der Bundesregierung nachliefern ließ, betete die heimische Christenheit für den Frieden. Während der Westen jahrelang die angeblich „gemäßigte“ Freie Syrische Armee mit Waffen versorgte und propagandistisch hochjubelte, marschierte selbige Truppe an der Seite der türkischen Soldateska in Afrin ein. In dieser Provinz werden derzeit Kurden vertrieben und Türkei-genehme Syrier angesiedelt. Die Bundesregierung schweigt zu diesem Verbrechen.“

Womit letzte Zweifel beseitigt wären: die GROKO ist eine Koalition der Doppelmoral. Ein Großteil ihrer Politik der sympathetischen Nächstenliebe besteht aus Heuchelei. Da die Regierung von den Deutschen gewollt und gewählt wurde, muss die BRD als Land der flächengreifenden Bigotterie gebrandmarkt werden.

Knallharte Realisten, Abgrunddenker und Schlechtmenschen amüsieren sich ob solchen Moralisierens der Politik. Glauben sie doch zu wissen, dass Machtinteressen die Regeln der Eliten bestimmen, kein Eiapopeia der Schäfcheneinfalt. Doch es sind dieselben Amoralisten, die überschwappen vor Empörung über ...

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Umwälzung XLII

Tagesmail - Montag, den 02. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLII,

Nächstenliebe und Abgrund. Das Land, in dem Milch und Honig fließt, erklärt sich zum Land der Nächstenliebe – das sich dem Abgrund öffnen muss. Die Verschärfung der Verhältnisse entlarvt die gespaltene deutsche Seele. Die Krise bringt es an den Tag.

„Und die Erde war wüst und leer, und es war finster im Abgrund“ (Tehom, Abyssos)

„Und ich sah einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund (Abyssos) und eine große Kette in seiner Hand.

a) Milch und Honig stehen für Utopie – die sonst bei uns zerfetzt wird.

b) Nächstenliebe steht für Moral – die sonst bei uns zerrissen wird.

a) und b) ergeben zusammen das galoppierende Irresein der deutschen Psyche.

Nächstenliebe wird von BILD-Blome gepredigt: „Ostern ist das höchste Fest einer Religion, die Nächstenliebe predigt.“

Abgrund wird von WELT-Poschardt propagiert: „Wir brauchen einen Hauch von Abgrund“.

Nächstenliebe und Abgrund – die beiden Engelsflügel des abendländischen SPRINGER-Verlags. Nur mit zwei Flügeln kann man sich in die Lüfte heben, die Szenerie überblicken und beherrschen. Nächstenliebe und Abgrund sind Synonyme für den offenbaren und verborgenen, den liebenden und teuflischen Gott.

BILD, ein Blatt, das seine Gegner und Feinde liebt wie sich selbst, rüstet sich, mit der christlichen Dampfwalze das Land geistlich zu planieren. Walzenführer ist ein Psychiater in vatikanischen Diensten, eine wahre rheinische Frohnatur, Konsultor der Kongregation für den Klerus, der mit päpstlicher Unfehlbarkeit alle ...

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Umwälzung XLI

Tagesmail - Freitag, den 30. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLI,

Siehe, mein Knecht wird Glück haben, wird hochragend und erhaben sein. Er hatte kein Ansehen, dass er uns gefallen hätte. Verachtet war er, so verachtet, dass er uns nichts galt. Wie sich viele über ihn entsetzten, so wird er viele Völker in Erstaunen versetzen und Herrscher werden vor ihm ihren Mund verschliessen.

Die Kreuzigung des Unterschätzten und Missratenen dauerte länger als drei Tage. Die Auferstehung wartete nicht auf den Karfreitag.

Er wird gehasst, verlacht, beschimpft – und mischt doch die Welt auf, wo die Fronten seit Jahren verhärtet sind. Mit Gepolter und Gesprächsbereitschaft hat US-Präsident Donald Trump den Korea-Konflikt offenbar so weit aufgebrochen, dass es erstmals seit Jahrzehnten zu wirklichen Abrüstungsgesprächen kommen könnte.“ (BILD.de)

BILD ernennt Trump zum Retter der Welt. Bislang hatte er nur Spott und Hohn auf sich gezogen. Doch jetzt zeigt er es seinen Verleumdern. Ungewöhnliche Menschen müssen ungewöhnliche Pfade beschreiten, um Fronten aufzubrechen und törichte Völker aufzumischen. Die Spottfigur aus Dreck und Feuer wurde von einem deutschen Prophetenblatt zum Friedensstifter und Pantokrator ernannt.

Die Deutschen, unfähig geworden, eigene Söhne der Vorsehung zu produzieren, sind noch immer fähig, sie unter befreundeten und bewunderten Brudernationen auszumachen und vorbehaltlos zu preisen. Auch ihr Erlöser hatte einst als lächerlicher Aufschneider begonnen, als Versager und Möchtegern-Künstler, als einer, der eine Zeitlang in der Gosse lebte, weder Bildung noch Benimm hatte, nicht mal korrekt schreiben konnte und seine närrischen Posen vor dem Spiegel einstudieren musste.

Heilande sind keine Lichtgestalten. Ihre Anonymität und abschreckende Niedrigkeit wollen durchschaut werden. Was glaubt ihr, wer ich sei? Nicht alle sollen ...

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Umwälzung XL

Tagesmail - Mittwoch, den 28. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XL,

"Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations."

Spricht wer über wen? Ein historisch gebildeter, breitbeinig auf dem Boden der abendländischen Werte stehender Menschen- und Familljenfreund aus Oggersheim über einen Russen aus dem Bereich des Bösen, der die infame Idee hatte, den Kalten Krieg zu beenden und der Welt einen umfassenden Abrüstungs- und Friedensvorschlag zu unterbreiten. (SPIEGEL.de)

Genscher, der FDP-Außenminister, war es, der durch hartnäckigen Widerstand gegen Kohl den Mächten des Friedens zum Durchbruch verhalf. Kohl war mehr von nationaler Eitelkeit getrieben, als Kanzler der Wiedervereinigung in die Geschichtsbücher einzugehen – als einer globalen Utopie eine Chance zu geben. Erich Ramstetter, sein priesterlicher Freund und Vertrauter, hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn Kohl die erbsündige Gattung plötzlich für friedensfähig gehalten hätte.

Nicht zuletzt die Friedensbewegung war es, jene Ansammlung dubioser Gutmenschen und Moralphantasten, auf die Genscher sich berief, um Gorbatschows kühne Friedenspläne zu unterstützen und durchzusetzen.

„Der FDP-Mann hatte allerdings zwei mächtige Verbündete: US-Präsident Ronald Reagan, der vor dem Ende seiner Amtszeit stand, von einer nuklearfreien Welt träumte und den Deal mit Moskau unbedingt wollte. Und zudem die Friedensbewegung, vielfach dafür kritisiert, dass sie der sowjetischen Propaganda zu leicht folgte.“ (SPIEGEL.de)

Erst nach vielen Kämpfen gelang es, den sturen Pfälzer umzustimmen und ...

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Umwälzung XXXIX

Tagesmail - Montag, den 26. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XXXIX,

Amerika ist noch nicht verloren. Es hängt nicht davon ab, ob es den wunderbaren   Jugendlichen gelingt, die Erwachsenen zu überzeugen. Es hängt davon ab, ob es versteinerten Erwachsenen gelingt, sich von den Jugendlichen überzeugen zu lassen – nein, sich selbst zu überzeugen, dass eine andere Welt möglich ist.

Erneut setzen die Medien auf die messianischen Effekte einer „Bewegung“. Was wird das für eine tintenklecksende Betroffenheit sein, mit der sie das Ableben des ach so hoffnungsvoll gestarteten Aufbruchs wieder begraben können!

Noch immer sind evangelikale Holy-Storms nötig, um Menschen zu erwecken, zu erleuchten, um sie mit Heiligem Geist zu fluten. Noch immer ist Selberdenken, Überzeugen, den eigenen Kopf benutzen, ein Fossil heidnischer Epochen.

Was wäre, wenn die Beobachter eine Kampagne starten würden: wir müssen uns verändern, wir können die Welt humanisieren. Wir müssen unvoreingenommen berichten, aber unmissverständlich Partei ergreifen. Partei für den leidenden, unterdrückten Menschen – und gegen die hochmütigen Herren der Welt, die sich anmaßen, die Menschheit vorzuführen, sie lächerlich und verächtlich zu machen und eigenmächtig ihr Schicksal zu bestimmen?

Die objektiven Voyeure, sie schauen zu, als ob sie nicht zur Welt gehörten. Sie halten sich raus, als ginge es um das Bungee-Jumping einer interessanten, aber belanglosen Alien-Gattung. Das Geschick der Menschen ist für sie ein Spiel. Ein kosmisches Spiel, das interessant sein muss. Es ist nur interessant, wenn der Ausgang des Spiels unbestimmt ist. Das Schauspiel muss gefährlich und riskant sein. Nichts darf ausgeschlossen werden. Nichts darf sicher sein.

Die Gamer, Zocker und Hasardeure spielen um Alles oder Nichts: eine neue Welt muss möglich sein, wenn … alles aufs Spiel gesetzt wird. Also wird gewettet und ...

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Umwälzung XXXVIII

Tagesmail - Freitag, den 23. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XXXVIII,

wahrnehmen, ansprechen und alarmieren, verstehen und erklären, debattieren und sich verständigen, zusammen anpacken und lösen: das wäre die rationale Problemlösungs-Reihe.

Wirklichkeit, insofern sie defizitär, gefährlich, krank, suizidal, unmenschlich, veränderungs-bedürftig und humanisierungs-notwendig ist – müsste durch Sprache eins zu eins erfasst, faktisch widergespiegelt und utopisch überstiegen werden.

Sein, insofern es problematisch, entwürdigend und inhuman ist, müsste erkannt und durch Sollen, welches das Sein diagnostiziert, in einen lebenswürdigen Zustand verwandelt und therapiert werden: das wäre der Sinn vernünftiger Politik.

Links die bedrohlichen Symptome und Alarmsignale – rechts die Analysen und Lösungsvorschläge: das wäre die Korrelation zwischen täglichen Nachrichten (Fragen) und politischen Antworten.

Links die geforderten, rechts die erledigten Hausaufgaben – das wäre Soll und Haben seriöser Medien.

Jeder ehrbare Kaufmann notiert penibel Einkommen und Ausgaben, Gewinn und Schulden – und was unterm Strich übrig bleibt (was hinten herauskommt).

Jeder Mensch, der mitdenkt und sich verantwortlich fühlt, müsste die Soll-und-Haben-Liste der weltpolitischen Probleme verinnerlicht haben – um Lösungsvorschläge und Taten der Politiker zu überprüfen, um nachzufragen, warum sie den realen Anforderungen hinterherhinken, um sie zu ermahnen, ihrer Pflicht nachzukommen, ihre Versprechen einzuhalten, ihre Irrtümer einzugestehen und bessere Versuche vorzuschlagen. Um sie endlich aufzufordern, ihre Posten zu verlassen, wenn sie ...

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Umwälzung XXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 21. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XXXVII,

da hat einer den christlich geprägten Neugermanen den Spiegel vorgehalten:

„Dieses Schweifwedeln um Gunst und Sonnenschein von oben, diese kriechende, hündische Gesinnung, dieser gegenseitige eifersüchtige Kampf mit den gehässigsten niedrigsten Mitteln um den bevorzugten Platz; dabei Unterdrückung der wahren Überzeugung, Verschleierung der guten Eigenschaften, die missfallen könnten, Kastrierung des Charakters, Erheuchelung von Gesinnungen und Gefühlen – diese Eigenschaften, die man kurz mit Feigheit und Charakterlosigkeit bezeichnen könnte, treten täglich widerlicher hervor. Was den Menschen erhebt und adelt. Selbstgefühl, Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit der Gesinnung und eigene Überzeugung, freies Herausgehen aus sich selbst, wird unter den heutigen Verhältnissen meist zu Fehlern und Gebrechen. Viele fühlen ihre Erniedrigung nicht einmal, weil sie daran gewöhnt sind. Der Hund findet es selbstverständlich, dass er seinen Herrn hat, der bei schlechter Laune ihm die Peitsche zu kosten gibt. In den oberen Klassen ist jedes Streben nach höheren Zielen erstickt, sie haben keine Ideale mehr. Man könnte die gegenwärtige Periode das Reserveoffizierszeitalter nennen. Seine Eigentümlichkeit ist, viel nationale Gesinnung, aber keinen Charakter und wenig Wissen. Man ist servil nach oben, hochmütig und brutal nach unten. Etwas Geistloseren und Oberflächlicheres als der größte Teil unserer Zeitungsliteratur existiert nicht.“ (Die Frau und der Sozialismus)

Man sieht, der deutsche Kampf gegen Gutmenschen und Moral ist nicht von gestern. Der Autor der Zeilen heißt August Bebel. Nicht mal ESSPEDEEler werden seinen Namen kennen, geschweige seine „hohen Ideale“ – über die sie heute nur wiehern würden. Wollten sie ihre Partei wirklich renovieren, müssten sie nur Bebels Texte zur Basis ihrer Debatten machen.

Doch Parteien sind über seminaristische Grundlagenarbeit erhaben. Das Terrain mühsamen Denkens haben sie bereits hinter sich gebracht und die schillernden Höhen der Grob- und Feinschliff-Rhetorik erklommen. Dort handhaben sie die Sprache wie ...

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