Philosophische Tagesmails

Von vorne VIII

Tagesmail - Montag, den 06. Mai 2019

Von vorne VIII,

doch, Frau Baerbock, wir brauchen philosophische Proseminare. Die Zeit drängt? Eben deshalb.

Ein Schlachtfeld, eine Wüstenei der Begriffe. Die Deutschen schlagen aufeinander ein, als wären sie von Sinnen. Das Gute daran: der Kampfgeist erwacht. Das Verheerende: niemand sagt, wovon er redet.

Noch herrscht autistischer Individualismus: jeder schurigelt die Sprache, als sei sie ein persönliches Eigentum. Solange Sprache nicht kommunistisch, das Eigentum aller, ist, sprechen wir von Postmoderne. Da der Streit um die Wahrheit jetzt beginnt und das Privatistische sich dem Getümmel der Agora stellt, ist das Ende der Postmoderne abzusehen.

Vertreter des Neoliberalismus verwechseln autistischen Individualismus mit dem demokratischen. Unter Autisten sind Porschefahrer signifikant hoch vertreten. Individualismus ist für sie die Umkehrung des völkischen Prinzips: das Volk ist alles, du bist nichts. Ergo: du bist alles, das Volk ist nichts.

Da das Völkische in der jüngsten Geschichte unmenschlich wütete, ist die Reaktionsdefinition verständlich – aber falsch. Das Volk der Völkischen war nicht der demos der Demokratie.

Das Gegenteil des Missbrauchten ist nicht das Wahre. Sprache ist unschuldig, von Menschheitsverbrechern darf sie nicht ewig geschändet bleiben. Die Sprache muss von den Spuren der Unmenschen befreit werden.

Warum wird der Begriff Volksherrschaft gemieden wie die Pest? Weil Volk und völkisch voneinander abhängen. Fürsprecher des Volkes werden unterschiedslos als Populisten diffamiert.

Wer es wagt, die Dinge des Volkes anzusprechen, zu deuten, zu vertreten, wird als gefährlicher Populist bekämpft. Dabei wäre es die Pflicht jedes Demokraten, nicht nur seine eigenen Interessen zu verfolgen, sondern die Vorstellungen des ganzen ...

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Von vorne VII

Tagesmail - Freitag, den 03. Mai 2019

Von vorne VII,

„Schatz, das brauchen wir auch: ein irrsinniges Anwesen etwas südlich vom Starnberger See kurz vor den Alpen mit etwa 4000 Quadratmetern Wohnfläche, erweiterbar auf bis zu etwa 24.000 Quadratmeter, Helikopter-Landeplatz, 360-Grad-Natur- und Alpen-Panorama – einer der schönsten Plätze Bayerns.“

Nein, Schatz doch nicht, ich habe mir sagen lassen, in der Umgebung wohnen Deutsche. Im Winter soll es sogar schneien. Grässlich.

„Da habe ich mir den Polizisten geben lassen und gesagt: Sie, der Mann steht auf der Forbes-Liste und ist einer der reichsten Menschen dieser Erde. Der ist sicherlich alles, aber kein Medikamentenschmuggler. Dann haben sie ihn nach ein paar Stunden weiterfahren lassen mit seinem Pagani-Supersportwagen.“ (SPIEGEL.de)

„Ja, stehen denn Kollektiv-Billionäre über den Gesetzen?“: fragte der SPIEGEL-Interviewer nicht. Zu Billionärs-Gesellschaften gehört eine neutrale Presse. Merkt‘s euch, ihr Kreativen, wenn ihr mal wieder die Schöpfung neu erfindet.

„Wir wollen eine Meinungsseite haben, die verschiedenste Ansichten präsentiert, und unsere Leser sind es gewohnt, dass ihr Standpunkt herausgefordert wird.“ Sagt wer? Der Chef der New York Times. (ZEIT.de)

Für deutsche Verhältnisse wäre es ein Fortschritt, wenn es grundlegend konträre Kommentare gäbe. In vielen Zeitungen gibt’s zu den wichtigsten Themen überhaupt keinen Kommentar mehr. Alles alternativlos, vom Starnberger See bis zum Leben auf Pump der Natur. Was war das für ein Gezeter, als die Kanzlerin vor Jahren versehentlich ausplauderte, wie es in Deutschland zuzugehen hat: keine Alternative zu ihrem gottgesegneten Tun!

Dennoch: auch wenn es gelegentlich diametrale Meinungen der Lohnschreiber gibt, ersetzt das noch lange nicht die Meinung der Chefetagen. Hinter ihren ...

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Von vorne VI,

Tagesmail - Montag, den 29. April 2019

Von vorne VI,

nach vorne bringen. Jeder Politiker will sein Land voran bringen. Wo liegt voran? Voran liegt nicht auf der Erde. Es ist ein Chamäleonwort, ein in allen Farben schillerndes Suizidalwort. Vorne ist der Beginn vom Ende. Vorne ist alles, was Hier und Jetzt vernichtet.

Vorne ist zurzeit: die atemberaubende Militarisierung der Welt.

„Die weltweiten Militärausgaben stiegen im vergangenen Jahr um 2,6 Prozent auf schätzungsweise rund 1,82 Billionen Dollar (umgerechnet etwa 1,64 Billionen Euro) und damit zum zweiten Mal in Folge.“ (SPIEGEL.de)

Bei Sozialkosten kommt die stereotype Frage: wer soll das erwirtschaften? Bei Militärkosten wird nicht gefragt. Schwachsinn und Idiotie – die Realwörter für Fortschritt und Militarismus – erwirtschaften sich von selbst.

Zur Militarisierung gehört die Mechanisierung der Gesellschaft oder ihre Digitalisierung, Roboterisierung. Die gesamte Nation ein smart home, das von Mächtigen mit leichtem Druck der Finger dirigiert werden kann.

Wenn soziale Kontakte überflüssig oder unmöglich werden, droht partielle Erleichterung umzuschlagen in ein despotisches Regiment über Monaden.

Monaden? Sind Menschen als „isolierte Substanzen, die vom Schöpfer, der göttlichen Monade, aufeinander abgestimmt sind.“ Woraus sich eine „prästabilierte Harmonie“ ergibt, auf Deutsch: eine vorprogrammierte Gesellschaftsmaschine. An die Stelle Gottes tritt eine totalitäre Macht oder eine durchprogrammierte völkische Einheit. Monaden auf der Straße erkennt man am abwesenden Blick nach unten und an der Verkabelung der Ohren, ihrer zuverlässigen Reiz- und Reaktionsverbindung zur Obrigkeit.

Estland klingt in vieler Hinsicht verlockend, doch direkt hinter Estland liegt – auf der neuen Weltkarte des Fortschritts – China. Wäre die neue Seidenstraße ein ...

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Von vorne V

Tagesmail - Freitag, den 26. April 2019

Von vorne V,

ginge die Demokratie verloren, wäre die Moderne unfähig, sie wieder zum Leben zu erwecken. Gegenwärtig ist sie dabei, die letzten demokratischen Reste mit jedem Tag, an dem das Alte guillotiniert wird, zu verscherbeln.

Das Neue muss her, gleich, ob es gut oder schlecht ist. Es muss gut sein, weil es neu ist. Das Alte schlecht sein, weil es alt ist. So beginnt die Sprachverderbnis. Das Schlechte ist nicht mehr schlecht, sondern alt, das Gute nicht mehr gut, sondern neu. Das ist die erste Stufe.

Auf der nächsten Stufe wird neu durch modern oder fortschrittlich ersetzt. War neu eine himmlische Offenbarung, wird modern zur Errungenschaft des Menschen. Das Gute schillert zwischen passiver Erleuchtung und autonomer Erkenntnis.

Was aber ist autonome Erkenntnis? Für die Alten war Erkenntnis die Wahrnehmung der Natur, die ihre Gesetze und Geheimnisse den Menschen preisgibt. Für moderne Ohren klingt das wie überhebliches Belehren der Natur und gehorsames Nachplappern des Menschen. Nicht für alte Ohren: Erkennen ist die Aktivität des Menschen, der sich erarbeiten muss, was die Natur ihm preisgibt. Erkennen ist eine erotische Begegnung zwischen Mensch und Natur.

Die unklare Verquickung von menschlicher und natürlicher Leistung ist die Ideologie des Abendlandes: stolz sein auf eigene Fündlein, wenn sie erfolgreich sind; in demütigem Leid alles aus der Hand des Himmels empfangend, wenn sie zum Desaster werden. Der moderne Mensch hat die Schuld abgeschafft. Es gibt nur noch Erfolge und moralfreies Versagen. Die Erfolgreichen gewinnen alles (the winner takes it all), die Versager verschwinden im Dunklen Loch der Geschichte.

Ursachenerforschung dient allein dem Narzissmus der Nobilitierung, nicht der Feststellung von Schuld und Versagen. Auf die Liste der Weltsieger gelangen nur Genies, Milliardäre ...

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Von vorne IV

Tagesmail - Mittwoch, den 24. April 2019

Von vorne IV,

Roboter werden die Natur endgültig in einen kalten, menschenfeindlichen Planeten verwandeln. Was seinem Erfinder trotz verzweifelter Bemühungen noch immer nicht gelang, soll seine Erfindung in geistloser Mechanisierung zustande bringen: die Planierung der Erde.

Es gibt keine künstliche Intelligenz. Es gibt nur eine natürliche, die in künstliche Behälter verpflanzt wird, um in einem finalen Akt zu vollstrecken, wovor die natürliche Intelligenz sich noch scheut. Indem der Mensch seine Beherrschungs- und Vernichtungswut, die er Intelligenz nennt, an Maschinen delegiert, will er jede Schuld an seiner Selbstauslöschung verleugnen. 

Die Übertragung von Schuld geschieht nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit. Der Mensch erschuf GOTT, der die Natur erschaffen haben soll, um sie nach kurzer Probezeit wegen Untauglichkeit zu vernichten – und dessen SOHN, der alle Menschenschuld auf seine Schultern nahm, um die missglückte Kreatur von ihrer „Sünde und Bosheit“ zu befreien. Gott & Sohn waren die ersten Erfindungen des Menschen, um seine Verantwortung auf andere zu übertragen. "Die auf Ihn trauen, werden keine Schuld tragen."

Was der Mensch nicht kann, aber können will: dazu erschafft er sich eine imaginäre Überwelt mit VATER und SOHN, die den Träumer von aller Ohnmacht erlösen sollen: er ist Vater, er ist Sohn. Vater & Sohn sind Subjekte der Weltgeschichte, die alles Weibliche & Natürliche als Irrtümer des Universums ausschalten.

Indem der Mensch seine Schöpfer erschafft, die ihn als Geschöpf erlösen, erlöst er sich selbst – mit Hilfe einer projektiven allmächtigen Erfindung. Als Schöpfer Gottes ist er allmächtig, als Geschöpf seiner Schöpfung ohnmächtig. Allmächtig ist er, damit er stolz sein kann auf sein Ingenium, ohnmächtig, weil er, aus Angst vor ...

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Von vorne III

Tagesmail - Montag, den 22. April 2019

Von vorne III,

wie lautet – in Kurzform – das politische Programm einer toten Regierung?

„Wir befinden uns auf gutem Wege.“

Warum lieben die Deutschen ihre Kanzlerin? Sie ist Geist von ihrem Geist.

Solange Angela besonnen am Steuer des Schiffleins steht, keine hektischen Reden hält, kann die Titanic nicht untergehen. Solange sie keine planetarischen Unwetter ankündigt, nicht vor dräuenden Gefahren warnt, wird es keine geben. Ruhig, bleibe ruhig, mein Kind, in dürren Blättern säuselt der Wind. Ihr seherischer Blick ist über das Irdische hinaus gerichtet. Von Oben sind die Ereignisse der Welt nichts als winzige Possenspiele.

Die von nationalen Katastrophen geschüttelten Deutschen wollen die Frohe Botschaft hören: nach Leid und Kummer wird das Leben siegen. Leid, Schmerzen, Ängste: das ist Karfreitag. Leben: das ist österliche Auferstehung. Das Leben muss mit Leid und Tod bestraft werden. Sonst hat es keinen heroischen Tiefgang.

Die Botschaft muss von Oben kommen. Es muss eine göttliche Garantie geben, damit die Deutschen aufatmen können: nein, an ihnen liegt es nicht, rettende Maßnahmen zu ergreifen. Die Hand Gottes ist unsichtbar, aber wirksam und allzeit bereit.

Alles geht seinen vorherbestimmten Gang. Die Zukunft wird so unausweichlich über uns kommen wie die Wiederkunft des Herrn. Sollten die törichten Jungfrauen schlafen, wenn der Herr an die Pforte klopft, wird es kluge Alexas geben, die sie aufwecken: aufwachen, ihr Schläferinnen, euer männlicher Erlöser steht vor der Tür.

Dann werden sie sich erwartungsvoll in Reih und Glied stellen, der heilige Bachelor wird vor sie treten mit einem Strauß Rosen in der Hand. Doch die Blumen sind nicht für alle. Der göttliche Charmeur sieht das Herz an, er sieht nicht, was vor Augen ist. Heulen und Zähneklappern bei den Verworfenen, endloser Jubel bei den Erwählten, die die Heilige Hochzeit mit dem Einzigartigen feiern dürfen. Ist es nicht tröstlich, dass selbst profane Sender dem Volk neutestamentliche Gleichnisse zur abendlichen ...

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Von vorne II

Tagesmail - Freitag, den 19. April 2019

Von vorne II,

an Karfreitag, dem höchsten Fest des leidenden Erlösers, der sich in drei Tagen zum Herrn des Universums erheben, die Menschheit richten, die Welt vernichten, die Massen ewig peinigen, foltern und die Seinen für immer selig machen wird, werden Natur, mündiger Mensch und seine universellen Rechte ans Kreuz genagelt.

Regelmäßig an Karfreitag wird der Westen mit pia fraus, einem frommen Betrug, zum christlichen Abendland verfälscht.

Demokratie und Menschenrechte entstammen nicht dem Christentum, sondern der griechischen Philosophie. Jahrhundertelang unterdrückte die Kirche alle Bestrebungen, die Autonomie des Menschen zur politischen Realität werden zu lassen.

Inzwischen haben sich die Kleriker mit dem Geist der selbstbestimmten Würde eingelassen. Sie folgen ihrem uralten Herrschaftsinstinkt: was wir nicht unterdrücken können, verfälschen wir zur eigenen Erfindung und setzen uns an die Spitze der Bewegung. Seitdem sollen Freiheit, Gleichheit und Humanität auf dem Boden der Gottebenbildlichkeit des Menschen gewachsen sein.

Der Gott der Christen ist kein Demokrat, sondern ein allmächtiger Despot. Wer ihm ähnlich oder ebenbildlich sein will, muss von Allmachtswünschen besessen sein.

Demokratie beruht auf dem Prinzip der Gewaltenteilung und der Auseinandersetzung der Menschen auf gleicher Augenhöhe. Omnipotenz und Herrschaft des Volkes schließen sich aus.

In Erlöserreligionen ist der Mensch ein Nichts, der nur durch unverdiente Gnade zu einem Etwas werden kann. Wer sich nicht der Allmacht ergibt, erfährt keine grenzenlose Liebe, sondern endlose Pein.

Die überwiegende Zahl der Christen folgt nicht mehr dem Ungeist eines Rachegottes, sondern der irdischen Vernunft, die jeden Menschen auszeichnet – auch wenn ...

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Von vorne I

Tagesmail - Mittwoch, den 17. April 2019

Von vorne I,

brennt eure Gotteshäuser, Kathedralen und Dome nieder und eure Probleme werden sich in Rauch und Wohlgefallen auflösen.

Nach seiner demütigenden Pilgerreise durchs niedere Volk wird der französische Präsident auferstehen zum neugeborenen Helden der Nation. Er wird das prächtige Ungetüm in Rekordzeit wieder aufbauen und der geretteten Dornenkrone des Herrn einen unvergänglichen Anbetungsplatz zurückgeben.

Notre Dame ist nicht nur ein Symbol Frankreichs, das sich auf seine katholische Tradition besinnt und alles Revolutionäre und Gottlose hinter sich lässt – die Kathedrale ist zum Wahrzeichen des ganzen christlichen Abendlandes geworden, wie die deutsche Kollegin Emmanuel Macrons ergriffen erklärte.

Der Brand wird die Gelbwesten von der Straße fegen, die jugendlichen Demonstranten für das Überleben der Gattung in den Schatten stellen, die Heimkehr ins christliche Mittelalter befördern, den religiösen Stolz des Westens aufrichten, die zerstrittenen europäischen Nationen wieder zusammenführen und selbst die Milliardäre rehabilitieren.

Wie glänzend sie auf den Dächern von Paris stehen und auf die Welt hinabschauen: die Schönen, Schlanken, Leistungsfähigen – und Guten. Und sollte der ungläubige Rest der Welt dreister und aggressiver werden, wird selbst die deutsche Armee ihre Schlagkraft von einst zurückgewinnen und die westliche Verteidigungsgemeinschaft unüberwindlich machen.

„Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Wie heiter konnte jedermann sein irdisches Tagewerk vollbringen, da ihm durch diese heiligen Menschen eine sichere Zukunft bereitet, und jeder Fehltritt durch sie vergeben, jede missfarbige Stelle des Lebens durch sie ausgelöscht und geklärt wurde. Sie waren die erfahrnen Steuerleute auf dem ...

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