Philosophische Tagesmails

Sonntag, 26. Februar 2012 - Ist Gauck Antisemit?

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Gestalter,

er werde ein Apostel sein, kein Gestalter, schreibt die Süddeutsche Zeitung über den neuen CDU-Liebling Gauck, als ob Apostel nicht schon viel zu viel in dieser Welt gestaltet hätten.

Gauck habe einen religiös-existentialistischen Begriff von Freiheit als „unpolitische innere Selbstverantwortung“. Den Urchristen gemäß, die in feindlich römischer Umwelt nur die Wahl hatten, „ihr Bekenntnis und ihr Martyrium vor Gott und sich selbst zu verantworten, mit den römischen Gesetzen und Organen aber nichts gemein zu haben“. Für einen Lehrer der Demokratie sei das zu dürftig.

Die deutsche Innerlichkeit entstammt tatsächlich dem Urchristentum, ein Apostel ist tatsächlich ein Gesandter Gottes und kein Gesandter des Volkes.

Doch was ist Innerlichkeit? Absage und Verzicht auf die Welt? Gegenbegriff zur Äußerlichkeit? „Gehe nicht nach draußen, kehre in dir selbst ein, im inneren Menschen wohnt die Wahrheit“, schreibt Augustin, ein Begründer und Legitimator des katholischen Kirchenstaates und der Inquisition.

Wie passen Innerlichkeit und Weltbeherrschung zusammen? Sie sind identisch, denn Gott wohnt nicht nur im intimsten verborgenen Seelenbezirk, er ist Schöpfer und Beherrscher der Welt und somit omnipräsent. Es ist auch nicht so, dass ...

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Samstag, 25. Februar 2012 - Hitler und Stalin

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Stanislaw Petrow,

den kennen Sie nicht? Er war Oberstleutnant der Sowjetarmee, der am 26. September 1983 einen von seinen Computern gemeldeten Raketenangriff der USA auf die UDSSR als Fehlalarm einstufte und damit den Beginn eines Atomkrieges, des Dritten Weltkrieges, verhinderte. Das wurde erst 1998 bekannt. Nun wird er dafür geehrt.

Erinnern wir uns, Petrow kommt aus einem Land, das von Ronald Reagan als Reich des Bösen bezeichnet wurde. Eine ähnlich brenzlige Situation gab es in der Kubakrise, als ebenfalls ein sowjetischer Offizier einlenkte und mit seiner Flotte nach Hause fuhr. Kennedy war wild entschlossen, einen Weltkrieg zu führen, wenn die russischen Schiffe, beladen mit Raketen für Kuba, ihren Kurs fortgesetzt hätten.

Ein gewisser Gorbatschow legte den Kalten Krieg endgültig ad acta, auch er ein Sprössling des Bösen.

Putin macht inzwischen Wahlkampf mit dem Slogan, Russen seien geborene Sieger. Das liege in ihren Genen. Rein zufällig haben amerikanische Wissenschaftler nichts weniger als Gott in den Genen der Bewohner von Gods own country gefunden.

Und was haben Deutsche in ihren Genen? Weder Gott noch Siegermentalität, sondern die Erkenntnis: der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus. Er ist ferngelenkt von – seinem Gehirn. Von wem ...

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Freitag, 24. Februar 2012 - Ich und Wir

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Montis,

der schlichte, sachorientierte Professor Monti rettet Italien. Während sein Vorgänger am Samstag möglicherweise von einem Gericht verurteilt wird, hat Monti effiziente „neutrale“ Experten in seine Übergangsregierung aufgenommen, die binnen dreier Monate das Land auf eine Hoffnungsspur setzten.

Sie scheinen zu schaffen, was den Griechen schwer zu gelingen scheint. Doch Montis Regierung ist nicht gewählt, sie ist vom italienischen Staatspräsidenten Napolitano eingesetzt und ernannt. Noch haben die Parteien die Krallen eingefahren und lassen Monti gewähren.

Doch zu welchem Preis? „Das demokratische Vakuum, in dem sich Monti bewegt, wird täglich größer“, schreibt die BZ/FR. Das Vakuum sollten die desolaten Parteien nutzen, um sich „umfassend zu erneuern“. Doch das Gegenteil geschehe: Italiens Parteien versänken in völliger Bedeutungslosigkeit.

Es fehle an jungen Gesichtern, an überzeugenden Programmen. „La casta“, eine Klasse von Politgreisen, dächte nicht daran, von ihren Privilegien zu lassen und sich zu reformieren. Spätestens ...

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Donnerstag, 23. Februar 2012 - Klerikale Solotrompete

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Überstunden,

wer sich von seinem Lohn nicht ernähren kann – „Niedriglohn“ erhält –, soll wenigstens keine Überstunden machen, die nicht bezahlt werden müssen. Ein Mann hatte fast 1000 Überstunden angesammelt und geklagt. Das Bundesarbeitsgericht höchstselbst hat entschieden: dem Mann kann geholfen werden. Klingt beruhigend, dass man in dieser Gesellschaft nicht umsonst schaffen muss, wenn man sich schon nicht von seiner „Hände Arbeit“ über Wasser halten kann.

Solche Leute müssen nicht verhungern, sie müssten sich nur – spät abends nach einem langen Überstundentag – bei diversen Ämtern anstellen, auf dass der Staat ihnen per Hartz4 draufsattele, sodass sie bequem Freiheit-in-Verantwortung als auch Freiheit-ohne-Verantwortung ausagieren dürfen.

Sollen das etwa Widersprüche sein? Bei uns doch nicht. Auch junge Frauen sind hierzulande zu dialektischen Meisterinnen geworden, indem sie Muttersein und Beruf problemlos unter einen Hut kriegen – ohne zu klagen. Ja, sie rühmen sich noch ihrer hegelianischen Synthesequalitäten. Ja, bei uns wird gschafft, s'ischt a wahre Pracht.

Hätte das Bundesarbeitsgericht anders entschieden – kein Problem. Man hätte den unbezahlten Niedriglöhnern eine Urkunde des Bundespräsidenten verleihen können, dass sie Ehrenamtslöhner sind, jenen braven Untertanen gleich, die ...

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Mittwoch, 22. Februar 2012 - Gleichheit und ihr Gegenteil

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Amerikanisierung,

wie viele Wohnungslose gibt es heute? Fast 250 000. Wie viele leben obdachlos auf der Straße? 22 000. Die Zahl der abgestürzten Mittelschichtler steigt.

Während Arbeitslöhne für Unternehmer immer billiger werden, werden Mieten immer teurer. Städtische Wohnungsbaugesellschaften werden privatisiert, Blackstone, Cerberus oder Fortress kaufen massenhaft kommunale Wohnungen. Ganze Stadtviertel werden nach oben saniert und nach unten dicht gemacht – gentrifiziert.

Wieder so ein Idiotenwort, das die Sache verfremdet und nix anderes bedeutet als: geadelt und gesäubert. Günstige Mietwohnungen werden verkommen lassen, saniert und als teure Eigentumswohnungen angeboten. Der Immobilienmarkt, „das Betongold“, wird im Sog der Bankenkrisen immer interessanter, wachsende Nachfrage sorgt für wachsende Preise. Klassenkampf auf dem Wohnungsmarkt.

Die Amerikanisierung, die Spaltung der Gesellschaft, schreitet munter voran. Die Cities spalten sich in „Stadtviertel mit besonderem Entwicklungsbedarf“ und Reichenghettos. Pardon: Armenghettos und voll entwickelte Reichenviertel. Was denn nun? Sind die Armen ghettoisiert oder die Reichen? Wenn sie sich voneinander abschotten, verbarrikadieren sie sich beide. Einen kleinen Unterschied gibt’s. ...

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Dienstag, 21. Februar 2012 - Augsteins Garten

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Amerikaner,

die jungen Amerikaner seien viel liberaler als die republikanischen Kandidatengreise, die Schwulenehen, Abtreibungen und am liebsten das Böse an sich verbieten wollten. 70% aller Jüngeren befürworteten die Homoehe. Auch die Evangelikalen, die bislang bedingungslos die Republikaner unterstützten, sollen deren Reichenkurs allmählich kritischer sehen. 15% der Bevölkerung gebe an, keiner Glaubensgemeinschaft zuzugehören. Doppelt so viel als noch 1990.

Der religiös verengte Wahlkampf der Obamagegner würde die Realität „längst nicht mehr abbilden“, schreibt ein deutscher Journalist, der schon lange in den USA lebt.

Zweimal hat Israel erfolgreich die Atomanlagen ihrer Gegner durch einen gezielten Luftschlag zerstört. Einmal im Irak, einmal in Syrien. Doch im Iran könnten sie scheitern, weil dort die Fabrikationshallen tief unter Granitschichten versteckt sind.

Das könnte die militaristischen Kapazitäten der israelischen Luftwaffe bei weitem überfordern. Behaupten amerikanische Experten. Ohnehin scheint es einen ziemlichen Dissens zwischen Jerusalem und Washington über die Notwendigkeit und Gefährlichkeit eines solchen Schlages zu geben. Sollte Ehud Barak dennoch den Angriff befehlen, wird er ...

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Montag, 20. Februar 2012 - Gauck

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Hindenburgs,

den kennen Sie nicht mehr? Die Lage im Osten sah ziemlich trostlos aus. Da kam er und rettete uns im Ersten Weltkrieg vor den Russen bei Tannenberg. Genau genommen war es das taktische Geschick eines Ludendorffs, Hindenburg erzählte selbst, er habe bei der Schlacht gut geschlafen.

Als Deutschland in der Zeit der Weimarer Republik wieder in Not geriet, wurde er zum ersten und letzten vom Volk gewählten Staatsoberhaupt, rettete uns erneut von dem Übel, indem er dem Erzübel persönlich Türen und Tore öffnete und einen Gefreiten zum Retter Deutschlands ernannte.

Nun, die erste positive Botschaft des Tages: erneut ist die russische Gefahr für Deutschland und ganz Europa gebannt. Dank den Letten, die Russisch als Amtssprache in einem Volksentscheid ablehnten. Unausdenkbar, dass in Zentraleuropa Russisch als gleichberechtigte Sprache hätte gelten müssen.

Die zweite überragende, ja historische Tagesmeldung: wir haben einen zweiten Hindenburg, der ebenfalls im Osten die Russen mit ihrem asiatischen Sozialismus persönlich in die Flucht schlug.

Zwei Ossis aus protestantischen Pfarrhäusern stehen nun an der Spitze des Staates. Beruhigend zu wissen, dass in einem säkular-zweckrationalen Land der Bezug nach oben unbeschädigt bleibt. Für den Fall aller Fälle. Wie pflegt man in ...

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Sonntag, 19. Februar 2012 - Philosophie und Religion

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Frankreichs,

die deutsch-französische Verständigung stehe auf wackliger Grundlage, sagt der französische Historiker Pierre Nora in der FAZ. Es gebe keinerlei Annäherungen zwischen den kulturellen Eliten.

Die Franzosen lernten immer weniger deutsch, die Deutschen weniger französisch. Die Nachkriegszeit mit viel gutem Willen sei vorbei, die Bildungssysteme drifteten auseinander, in Frankreich kenne man keine deutschen Intellektuellen, in Deutschland keine französischen.

Es habe in ganz Europa eine Renationalisierung stattgefunden, eine gesamteuropäische Öffentlichkeit existiere nicht. Die gemeinsame Zivilisation befinde sich in einer Krise. Die hochgradigen Spezialisten seien immer weniger in der Lage, ihre Erkenntnisse (welche Erkenntnisse?) dem Volk zu vermitteln. (Wenn man etwas verstanden hat, kann man es auch vermitteln.)

Es fehle eine „echte, von der Mehrheit der Europäer geteilte Wertegemeinschaft“. Die humanistische Kultur – Latein, Griechisch, Geschichte, Philosophie, Sprachen – sei am Ende.

Klingt pessimistisch. Doch Humanismus ist eine Haltung, kein Bildungsgehabe. Bei dieser Definition wären die Griechen humanismus-frei gewesen. Sie kannten keine Sprachen, es gab keine ...

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