Philosophische Tagesmails

Sonntag, 29. Januar 2012 - Der dumme Hitler

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Über-Flieger,

die Schreiber schreiben nur noch – über. Über alles in der Welt. Ohne irgendeine Sache zu penetrieren, es auch nur zu versuchen. Sexologen würden von Ejaculatio präcox reden.

Doch welche Sachen? Es gibt nur Phänomene, die auf dem Laufsteg mit einer Rankingnote am Hals durchgewunken werden. Schirrmacher, kafkaesker Sensibilissimus, erwähnt die „berühmte“ Weizsäcker-Rede, nennt sie „bedeutsam, historisch“. Oberlehrernoten, sonst nichts.

Die Edelfedern müssen in der Penne schwer gelitten haben. Nun rächen sie sich, verteilen selbst nur herausgewürfelte Noten. Was hat denn der adlige Charakterdarsteller gesagt? Fehlanzeige. Gut, dass wir über die Chose oder drüber hinweg gesprochen haben.

Hieß „über“ in anständigen Zeiten nicht „meta“, woher Meta-physik? Meta war vor Jahren nicht zufällig ein Lieblingswort der Intellektuellen. Metageschichte, Metatheorie, Metasprache. Was nicht metamäßig war, war nicht satisfaktionsfähig. Dass die Griechen den Dingen nicht bis in die Gedärme geschlupft wären, kann man nicht grade behaupten.

Der sich stets erneuernde SPIEGEL rühmt ein ganz neues Meta-Magazin in höchsten Tönen, das – wieder einmal – „die Welt ein wenig anders aussehen lässt“. Aussehen nannte man noch vor kurzem Schein. Nicht Vor-Schein des Seins, sondern ...

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Samstag, 28. Januar 2012 - Nutt und Schirrmacher

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Reden,

Marcel Reich-Ranicki kann nichts dafür, dass Eliten seine Rede nutzen, um folgenlos davonzukommen. Eine „bewegende Rede“ ist das Codewort der schreibenden Priesterkaste, um nichts zu bewegen und sich mit emotionaler Ergriffenheit aus dem Staub zu machen.

Es gibt Ergriffenheiten abnehmender Authentizität. Den sekundär-ergriffenen Gesichtern der ZDF-Moderatorinnen Gerster und Slomka war anzusehen, dass sie schwer tragen an der angemessenen Übermittlung der Rede: mindestens einsdreißig lang. Spätestens beim Sport entspannten und erheiterten sich die Gesichter. Zu jeder Nachricht das authentische Gesicht. Das war die visuelle Variante.

Die schreibende Kaste entsandte ihre Besten, um einzufangen, was als Zeitzeugenschaft schon im Begriff missbraucht wird. Zeugen sind zumeist zufällige Beobachter eines Geschehens, die aus Distanz berichten, was sie gesehen und gehört haben. Reich-Ranicki war nicht zufällig im Warschauer Getto, seine Erinnerungen sind Berichte eines Opfers, das – zusammen mit seiner Frau Teofila – zufällig den Schergen entkam.

Wenn die medialen Beobachter des Zeitzeugens geschwiegen hätten, hätte ich sie für authentisch gehalten. Doch sie folgen Vorurteilen, die sie zu Grunddogmen ihres Mittlerjobs gemacht haben: nichts auf der Welt hat sich ereignet, was nicht ...

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Freitag, 27. Januar 2012 - Richard von Weizsäcker

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Ureinwohner,

Aborigines sind Menschen, die ab Ursprung in jenem Lande leben, in dem sie bis heute an den Rand gedrängt, noch immer ausgegrenzt, gedemütigt und patriarchalisch bevormundet werden.

War Australien nicht jener Kontinent, der als bessere Ausgabe des lädierten Amerika galt? Kein Abiturient, dessen Weltreise heute nicht durch das riesige Land der Kängurus führte. Hat uns Blacky Fuchsberger nicht vor wenigen Jahren ein „faszinierendes“ Bild des ungeheuer großen und leeren Erdteiles ins Haus geflimmert?

In diesem Land werden die Ureinwohner nach wie vor wie unmündige Kinder behandelt. Doch sie setzen sich zur Wehr, wollen souverän sein und bei Regierungsentscheidungen mitbestimmen. Mit ausgebauten staatlichen Diensten in Gesundheit und Bildung verheißt ihnen die Regierung eine bessere Zukunft, doch gleichzeitig will sie den Empfängern staatlicher Wohltaten Alkohol und Pornografie verbieten.

Das scheint ein allgemeiner Trend zu sein: westliche Demokratien setzen zunehmend auf Verbote und polizeilich gestützte Erziehungsmaßnahmen. Immer weniger auf „Faszination“ der Freiheit und Selbstbestimmung.

Wen der Staat unterstützen muss, den will er kujonieren. Es muss für ihn eine große Kränkung sein, wenn er seiner Pflicht nachkommen muss. Würde es nach seinen Priestern gehen, sollte es ihn ...

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Donnerstag, 26. Januar 2012 - Zahl und Herrschaft

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Angie,

er habe keine Angst, dass Deutschland führe, er habe Angst, dass Deutschland nicht führe, sagte der polnische Außenminister. Kein Zeichen übertriebenen Misstrauens gegenüber der rundrum beargwöhnten Wirtschaftslokomotive Europas. Vielleicht liegt das daran, dass Polen zu einem wirtschaftlichen Erfolgsland gediehen ist und sich in derselben Liga sieht wie der frühere ungeliebte Nachbar. Ganz anders in den mediterranen Ländern, deren Lebensqualitäten wir schätzen, nicht aber deren Arbeitsqualitäten.

Der Sinn der Bewegung ist Ruhe, der Sinn der Arbeit Muße, sagte – ein mediterraner Müßiggängerphilosoph namens Aristoteles, der sich sein ganzes Leben der Muße widmete. Wie konnte der nur eines der gewaltigsten Werke der Gelehrsamkeit aller Zeiten zustande bringen, wenn er den ganzen Tag in den Hafenkneipen von Piräus bei griechischem Wein herumlungerte?

So lange ist es noch nicht her, dass „Kopfarbeiter“ sich Arbeiter nennen, sie lasen, dachten, schrieben, unterrichteten. „Was machst du“, fragte der kleine Freund. „Das siehst du doch, ich arbeite“. „Aber du liest ja nur“. Tja, richtige Maloche erkennt man daran, dass man am Abend die Stückzahl seiner hergestellten Produkte und Artikel abzählen kann.

Gedanken sieht und zählt man nicht, also müssen sie ...

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Mittwoch, 25. Januar 2012 - Rankings allerwege

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Weltwirtschaft,

schon die geographische Symbolik: Davos, Festival der Habenden in europäischer Kälte, Eis und Schnee, mehr Polizisten und Bodyguards als Teilnehmer; Porto Alegre, Gegenfestival der Nichtshaber und Aufholenden in südbrasilianischer Sonne, buntes Leben, Arbeit und Tanz, freie Bürger denken über Alternativen nach.

Doch Vorsprung und Macht der Habenden schrumpfen, ihre Hoch-Zeit scheint vorbei, sie ersticken an ihrem Überfluss, den sie lebensunlustig produzieren und zur Hälfte wegwerfen, dennoch wollen sie wachsen und wachsen. Und wenn sie bald gestorben sind, wachsen sie noch im grünen Ökosarg.

Die nichtwestliche Welt beginnt den Westen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Eine schmerzliche Tragik, ein scheinbar unvermeidliches Nadelöhr der Entwicklung, denn alle wissen, dass der Weg des Westens in die Irre führt. China beginnt die Umweltproblematik ernst zu nehmen, doch erst muss sie verschärft werden, um die Konkurrenz mit dem Westen zu bestehen und das Gefühl der Unterlegenheit zu besiegen. Die Deutschen sind nicht mehr wiederzuerkennen, haben ...

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Dienstag, 24. Januar 2012 - Täter und Opfer

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Klischees,

sind Franzosen und Deutsche nicht seltsame Freunde? Sie wissen nichts voneinander, haben aber gute Meinungen übereinander. Vielleicht, weil sie nichts wissen? Da lässt sich’s trefflich projizieren.

Welcher Franzose macht schon in Deutschland Urlaub? Ja, Freiburg ist natürlich eine Ausnahme, weil die Stadt von französischen Truppen besetzt war und noch viele französische Elemente aufweist. Wir haben sogar ein – ziemlich elitäres – deutsch-französisches Gymnasium.

Franzosen sehen die Deutschen fleißig, ernst, diszipliniert bei der Arbeit und rechtschaffen. Da merkt man, dass sie schon lange nicht mehr persönlich vor Ort waren, nicht regelmäßig BILD lesen und noch nie von Henkel und SPD-Schröder gehört haben, die rechtsrheinisch immer mehr faule Hartz4-Säcke, verwahrloste Jugendliche und egoistische Rentnerbands erkennen wollen.

Vielleicht ist es nur ein Wunschbild der Franzosen, dass die Deutschen so arbeitsam sein mögen, weil sie solche Freunde und Verbündete zur eigenen Nervenberuhigung benötigen? Immer gut für den leichtlebigen älteren Bruder, wenn der biedere Kleine nicht so leichtsinnig durch die Boudoirs zieht und die Groschen für die europäische Familie zusammenhält, oddr? Vorsichtshalber ...

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Montag, 23. Januar 2012 - Brennende Liebe

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Ägyptens,

die von Mubarak verbotenen, im Westen dämonisierten, Islamisten haben die Wahl überragend gewonnen. Die westlich-liberale Tahrirgruppe kam nur auf zwei Prozent.

Das islamische Gegenstück zu den Ultra-Orthodoxen in Jerusalem sind die Salafisten, die gen Saudi-Arabien ausgerichtet sind. Die Islamisten wollen eine Demokratie mit religiösen Elementen, die Scharia ist für sie eine Verpflichtung zur Gerechtigkeit, kein mittelalterliches Hackebeilchenprogramm. Eine Koalition mit den salafistischen Hardlinern kommt für sie nicht in Frage, ihr Vorbild ist die Türkei. Insgesamt wohl eine Art islamische CDU. Nun müssen sie – unter Beobachtung – liefern.

Sarko in Nöten. Der sozialistische Kandidat Hollande hat Chancen, den ausgelaugten Bruni-Gatten abzulösen. Er will die verlorene Würde Frankreichs retten: „Jede Nation hat eine Seele, die Seele Frankreichs ist die Gleichheit. Für die Gleichheit hat das Volk mit der Revolution von 1789 die Privilegien abgeschafft.“ (Kleine Fehlleistung der WELT: im Text steht "angeschafft".)

Mit gutem Beispiel will er vorangehen und die Bezüge des Präsidenten und aller Regierungsmitglieder um 30% kürzen. Doch den französischen Traum eines von Generation zu Generation wachsenden Wohlstands will er nicht aufgeben. Unendliches Wachstum oder was? „Es ist dieser Traum, den ich mit neuem Zauber beleben will“.

Und wachstumskritisches Ökodenken gibt’s auch nicht bei den französischen Sozis? Das wird ein fauler Zauber, der auch den Gedanken der Gleichheit in Mitleidenschaft ziehen wird. Gleichheit muss für Menschen und Natur gelten, der reduzierte Blick auf die Franzosen ist nationalistischer Unsinn.

300. Geburtstag eines Philosophen auf dem Thron. Nach Stoiker Mark Aurel, seinem römischen Vorbild, erst der zweite und bislang letzte, zumal nach Ministrant Wulff sich schon ...

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Sonntag, 22. Januar 2012 - Egal-Demokratie

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Gleichheit,

man könnte die politische Geschichte als Kampf zwischen Gleichen und Ungleichen schreiben. Gewannen die Gleichen, kam's zu Demokratien, gewannen die Ungleichen, kam's zu Tyranneien, Diktaturen und Erlösungsreligionen.

Die Ersten werden die Letzten sein, die Letzten die Ersten, wer unter euch der Größte sein will, sei euer aller Knecht, stellet euch nicht gleich dieser Welt: Himmel und Hölle sind die finalen Worte über Erwählte und Verdammte.

Religiöse Dualismen sind der Feind aller Demokratien, in denen der Kampf um Gleichberechtigung allerdings auch nie aufhört, denn jeder will besser, leistungsfähiger und würdiger als der andere sein. Die Dominanz eines wirtschaftlichen Leistungssystems untergräbt permanent die erhebende Parole von der Brüderlichkeit und Gleichheit im Namen einer sogenannten Freiheit, die nichts anderes will, als von Brüderlichkeit und Gleichheit frei zu sein.

Hayek und die Neoliberalen schrieben reihenweise scharfsinnige Bücher gegen „Egalitarismus, Gleichschaltung, Nivellierung und Uniformität“ der „Massendemokratie“ und plädierten für absolute Ungleichheit der „Leistungseliten“. Leistung muss sich wieder lohnen, heißt, wer mehr Kohle macht, ist bei Gott, Bankern und Politikern angesehener, als wer Väterchen Staat auf der Tasche liegt.

Die deutschen Geistesriesen von Kant über Goethe, Schiller bis Nietzsche verachteten alle die „durchschnittliche Fabrikware“ des homo spießbürgeriensis, die Philister, das Mittelmaß der Satten, Zufriedenen. Sie waren ...

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