Philosophische Tagesmails

Sonntag, 08. April 2012 - Pilatusfrage

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Wahrheit,

den Besitz von Nuklearwaffen sieht er als schwere Sünde an und glaubt, dass die Verbreitung dieser Waffen „sinnlos, destruktiv und gefährlich ist“. Im Februar hatte Chamenei, der religiöse Führer des Irans, in einer Fernsehansprache erklärt, dass der Iran keine Atomwaffen anstrebe.

Darauf reagierte Obama und teilte Chamenei mit, ein ziviles Atomprogramm könne der Westen akzeptieren, sofern die Aussage eindeutig bewiesen werde.

Diese zwei Botschaften, geeignet, der binnendeutschen Hysterie den Boden zu entziehen, dringen nicht in die allgemeine Debatte ein.

Die Wahrheit spielt in der Grass-Affäre keine Rolle. Affektiv und leidenschaftlich wird hierzulande ein Streitgespräch um die ultimative Wahrheit geführt, obgleich die Philosophie der Gegenwart den Begriff der Wahrheit ignoriert, ablehnt, schmäht oder für nichtexistent erklärt.

Worüber wird überhaupt gestritten, wenn alles so oder ganz anders sein könnte und niemand der Debattanten – mit Ausnahme des angegriffenen Dichters – Recht haben will, dies aber in der unduldsamsten Art?

Heute feiert der christliche Westen die Auferstehung eines Mannes, der von sich behauptete: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. In Erlösungsreligionen ist die Verknüpfung eines Mannes (nie einer Frau) mit der Wahrheit die Substanz der Religion.

In der Philosophie wurde diese Verknüpfung gelöst. „Sokrates ist mir lieb, aber die Wahrheit am allerliebsten“, erklärt ein antiker Denker. Wer sich der Wahrheit verschließt, ...

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Samstag, 07. April 2012 - Inkubus und Sukkubus

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Inkubus,

an Ostern, dem lieblichen Fest, erkennt man die größte Kulturfälschung in der Geschichte der Menschheit am deutlichsten. Aus Natur wurde Übernatur.

Die Übernatur legt sich wie ein Inkubus auf die Erde, saugt ihr die Energie aus, eignet sich alles an, was ihr dienlich scheint, schmückt sich mit den Fähigkeiten der Natur, der man zum Dank alles in die Schuhe schieben kann, was man für schädlich hält.

Der Inkubus ist ein männlicher Dämon, ein Alb (woher Albtraum oder schwäbische Alb kommt) oder Waldgeist, der des Nachts über eine Frau kommt, um sie ungefragt zu penetrieren. Er bevorzugt die missionarische Stellung, woher sein Name kommt: der, der oben liegt und zwangsbeglückt, also ein veritabler Missionar. Liegt der Lügengeist unten und mimt das Weib, ist er ein Sukkubus.

Ostern ist das Fest der Fruchtbarkeit, einst legten sich die Menschen in die Ackerfurche und begatteten sich, um die Natur zu gleichem Tun anzuregen, fruchtbar zu werden und eine gute Ernte zu bringen.

Das orgiastische Naturfest wurde überlagert, verfälscht in ein wunderhaftes Spektakel aus Tod und Auferstehung. Wunder sind tödliche Attacken auf die Natur, Interventionen von oben, die das natürliche Gesetz angreifen und eliminieren, um etwas Unvergleichliches an seine Stelle zu setzen.

Dann geht das Spiel so: gibt’s gute Früchte, sind sie dem übernatürlichen Wunder entsprossen, gibt’s missratene, sind sie ...

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Freitag, 06. April 2012 - Enttabuisierung und Günter Grass (II)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Klage,

Karfreitag ist Tag der Klage. Wir sind entlastet vom Zwang zum Erfolgreichsein, zum falschen Triumph, zum aufgesetzten Siegergrinsen, vom Zwang zum Optimismus der ruchlosen Denkungsart.

Aus tiefstem Herzen dürfen wir schwarzsehen. Wir dürften uns sogar bemitleiden, wenn, ja wenn es keinen Karfreitag gäbe. Denn heute müssen wir einen andern beklagen und betrauern: Ecce Homo, den Mann am Kreuz. Sehet den Menschen, der ein Gott war, womit gesagt ist, wir müssen gottgleich werden, um Menschen zu sein.

Die Deutschen bemitleiden sich selbst, das wird ihnen an Karfreitag verboten. Selbstmitleid ist Verrat am Mitleid mit dem leidenden Erlöser. Wir sollen mit dem Anderen leiden, mit jenem, der uns durch sein Leiden aus unserem Leiden befreit hat.

Habe Mut, dein eigenes Leiden zu beklagen und zu betrauern, Mitleid mit dir selbst zu haben. Erst dann wirst du Mut bekommen, dich deines eigenen Kopfes zu bedienen. Das wäre die Ablösung von Fremdtrauer und Fremdklage.

Im Sog des Karfreitagsgeschehens dürfen wir keine Gefühle für uns selbst entwickeln. Wir trauern um den Herrn, freuen uns im Herrn. Was immer wir fühlen, es geht um den Herrn.

Die stellvertretenden Gefühle für den Heiligen haben die Gefühle für uns so in Mitleidenschaft gezogen, dass wir ...

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Donnerstag, 05. April 2012 - Günter Grass (I)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der alternativen Ökonomie,

wie viele Deutsche glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes? Nicht mal ein Drittel: 28%.

Was sich selbst heilt, ist à la longue unverwundbar, es ist göttlich. Jesus war das Haupt voll Blut und Wunden. Dank bester Beziehungen hatte er keine Chancen zu sterben, sein (Schein-)Tod war Beginn seiner Auferstehung.

Der Markt kann aus allen Poren bluten, er steht immer auf, von Grund auf regeneriert und fit für einen neuen Aufschwung. Fruchtbare Zerstörung ist die theologisch-ökonomische Metapher für den nicht sterben könnenden Markt.

Der Markt ist unzerstörbar, unaufhaltsam, unwiderstehlich in seinem Siegeszug. Seine Niederlagen sind nur Zwischenstationen seines unbedingten Siegeslaufs, seine Wunden hinterlassen keine Narben, denn er zerstört radikal das Alte und beginnt unaufhörlich von neuem. Das Alte ist das Kranke, das ausgebrannt, ausgeschabt und spurenlos beseitigt wird.

Jesus ist Phönix, der sich vom altägyptischen benu ableitet: der wiedergeborene Sohn. Oft in Form eines Reihers dargestellt, eines mythischen Vogels, der sich verbrennt, um aus seiner Asche neu zu erstehen.

Die Neoliberalen sind Phönix-Jesus-Gläubige, die im Markt ein unsterbliches Lebewesen sehen und es anbeten. Ein bisschen ...

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Mittwoch. 04. April 2012 - Gekaufter Geist

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Frauen,

15 Millionen Tonnen Treibhausgase und 60 000 Tonnen Ammoniak würden die Deutschen weniger in die Luft jagen, wenn Männer sich wie Frauen ernährten. Männer brauchen Fleisch, um groß und stark zu werden. Kann man sich ein männliches Firmenessen mit Brokkoli und Kopfsalat vorstellen?

Sollte es etwa damit zusammenhängen, dass Frauen der Natur näher stehen und Männer die weibliche Natur gern in Form von verinnerlichten Steaks und Salami idolisieren?

Eine Finanztransaktionssteuer wird es in Europa nicht geben. Auch nicht in Form einer Börsenumsatzsteuer. Irgendjemand ist in der EU immer dagegen. Diejenigen, die dafür sind, wollen keinen Alleingang, weil sie Abwanderung der großen Gelder fürchten. Die Spekulanten haben sich durchgesetzt, die Politik gibt sich geschlagen.

Was ist Spekulation? „Das spekulative Denken besteht nur darin, dass das Denken den Widerspruch festhält. Das Spekulative ist das Vernünftige, das gedacht wird. Eine Erkenntnis der spekulativen Philosophie ist, dass die Freiheit das einzig wahrhafte des Geistes sei. Das spekulative Wissen ist das Wissen der offenbaren Religion.“

Wenn die Spekulanten sich durchsetzen, hat sich die Freiheit des einzig wahren Geistes durchgesetzt, die ...

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Dienstag, 03. April 2012 - Kita gegen Eltern

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Eltern,

wer kann besser Kinder erziehen: die Eltern oder der Staat? Die CSU setzt auf Eltern, der Rest der Republik auf den Staat.

Unter Staat muss man Kitas verstehen, Erzieherinnen, die gelernt haben, mit Kindern sinnvoll, vielleicht sogar liebevoll umzugehen. Würde man sie als Staatsorgane ansprechen, vergleichbar mit Polizisten und Gefängnisbeamten, würden sie protestieren. In Deutschland gibt’s nur Familien und Staat, dazwischen nichts und beide gelten als unverträglich.

Für Aristoteles war die Polis nichts als eine erweiterte Familie, anders hätte sich eine Demokratie kaum entwickeln können. Erst Augustin stempelte den Staat zur Räuberbande, um ihn als verkommenes, leider notwendiges Gegenstück zum himmlisch-vollkommenen Staat zu diskriminieren. Der Neoliberalismus hat diesen Staatsbegriff übernommen, um ihn nach Belieben zu dämonisieren und sich selbst als Erben der civitas dei hochzupreisen.

Weshalb es in einer Demokratie eine Einrichtung gibt, gegen welche Demokraten allergisch sein müssen, obwohl sie von diesem obskuren Ding auch betüttelt werden wollen, wenn es ihnen schlecht geht, ist schon nicht einfach zu verstehen. Familie gegen Staat, Freiheit gegen Staat, Individualität gegen Staat, Autonomie gegen Staat.

Gleichzeitig rufen Linke nach dem Staat, um der Wirtschaft die Tatzen zu beschneiden; rufen Rechte nach dem Staat, um Diebe und Terroristen dingfest zu machen.

Klar, es ist Vater Staat, den man braucht, wenn’s einem schlecht geht, den man aber nicht liebt, da er ...

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Montag, 02. April 2012 - Fritz Kuhn

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Richter,

schon gehört, dass Banken und Versicherungen in unserem Land die Macht besitzen, Grundsatzurteile zu verhindern, sodass „Rechtsschutzlücken“ entstehen und Hunderte oder Tausende auf ein BGH-Urteil warten müssen?

Da gibt es Richter, nicht irgendwelche, sondern die höchsten, die haben ein Urteil schon in der Schublade, doch Sparkassen und Geldinstitute ziehen ihre Revision zurück, zahlen der Gegenseite satte Abfindungen – und die Richter gucken ohnmächtig in die Röhre.

Da liegt es in den Händen von Beklagten, dass das Recht keine Binde um die Augen, sondern ein Klebestreifen um den Mund verpasst kriegt und niemand schreitet ein?

Die Bundesregierung könnte sehr wohl etwas dagegen unternehmen, indem sie das Recht änderte. Warum tut sie es nicht, schützt durch Passivität die Macht des Geldes und schwächt die Macht des Rechts? Da kann es nur ein klassenkämpferisches Vorurteil sein, dass Macht auf der Seite des Geldes steht.

Wenn es keine Grundsatzurteile gibt, können Banken und Sparkassen ihren Kunden die miesesten Papiere andrehen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. „Kundenfeindliche Vertragsklauseln“ werden durch solche (Un-)Rechtsklauseln weiterhin geschützt.

Was müsste geändert werden, damit kleine Anleger, die sich betrogen fühlen, zu ihrem Recht kommen? Das Prozessrecht müsste „Initiativ-Urteile“ zulassen, die nicht mehr abhängig sind vom Willen der Prozessteilnehmer.

Zurzeit gibt es nämlich eine „Dispositionsmaxime“ (was für Großkotzbegriffe, um Unrecht zu kaschieren), der zufolge ...

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Sonntag, 01. April 2012 - Stille und Dunkelheit

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Dunkelheit,

Neuseeland und Australien knipsen die Lichter aus, um ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen. Viele Städte folgen dem Beispiel der beiden Länder. Auch in Berlin, Köln und in Dresden wurde für Stunden die Dominanz des künstlichen Lichtes gebrochen.

Aus der Sicht von Weltraumfahrern wird die Erde auch in der Nacht nicht dunkel. Wie eine überdimensionale Leuchtkugel dreht sich der Planet durch den Weltenraum. Die Nacht wird zum Tag. Die Dunkelheit soll besiegt, sie soll ausgerottet werden.

Der Weg in die Hochkulturen, der Weg der männlichen Machtübernahme über das Mütterliche, ist der Weg aus dem Dunklen ins Licht. Die gleißende Sonne wird zum höchsten männlichen Symbol des Guten, der schattige, dunkle Mond bleibt Göttin der Mutter.

Heilige Plätze der Hindus waren Höhlen, die die Yoni der Großen Mutter darstellten. Das Dunkle, die Höhle, ist der Schoß der Mutter, aus dem die Kinder ins Licht kriechen, um Männern in die Hände zu fallen: Frauenärzten, Kinderärzten, die grelle Lampen benötigen, um fehlendes Sonnenlicht zu ersetzen, damit sie Skalpelle und Maschinen bedienen können.

Schon im Sonnengesang des Echnaton wird das Helle zum Heilen, das Dunkle zum Tödlich-Verderblichen. In Ägypten, der ersten Hochkultur neben dem Zweistromland, beginnt die Ur-Kluft, die Spaltung der Natur, in der sich ...

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