Philosophische Tagesmails

Samstag, 16. Juni 2012 - Götz Aly

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Ukraine,

die mutigste Widerstandsgruppe der Ukraine heißt Femen und ist weiblich. Durch ihre Strategie der körperlichen Entblößung haben sie weltweites Aufsehen erregt. Die Frauen kämpfen gegen obrigkeitliche Schikanen und Foltermethoden, aber auch gegen die UEFA, die keinerlei politische Kritik am Regime während der Europameisterschaft zulässt.

Michel Platini hat den deutschen Fußballer Philipp Lahm rüde abgekanzelt, weil er das ukrainische Regime angriff. In den ausufernden Fußballsendungen der Sender wird jede taktische Kleinigkeit wie ein Kriegsgeschehen kommentiert, doch Politik bleibt ein Tabu. Man will sich die Stimmung nicht verderben lassen.

Im Vorfeld gab es Stimmen, dass Sportler und Touristen an Ort und Stelle Position beziehen sollten. Davon kann keine Rede sein. Der Rummel wird vorüberziehen, die Ukrainer werden mit ihren Peinigern allein gelassen werden.


Am Sonntag wählen die Griechen, ganz Europa schaut nach Athen. Doch das Schicksal des Euro wird nicht bei den Hellenen entschieden, sondern in der mächtigsten Wirtschaftsnation und das ist Deutschland, meint Ullrike Herrmann. Es könne nicht sein, dass unsre Exportpower immer stärker wird, ohne ...

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Freitag, 15. Juni 2012 - Inszenierung

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Gesprächs,

wann hatten Sie das letzte Gespräch, von dem Sie, wenn Sie Hölderlin-Deutsch könnten, gesagt hätten: gut ist ein Gespräch und zu sagen des Herzens Meinung?

Oh, das kann anstrengend sein, wenn Herzens Meinung auf Herzens Meinung trifft. Das kann ein Ringkampf sein, kann dich zur Wut reizen, da kämpfen im Innern zwei Seelen in deiner Brust: du willst erkennen, verstehen, fremde Einsichten hören, und du willst deine Meinung verteidigen und – oje – Recht haben.

Das Herz ist kein Ort der Idylle, sondern das Forum deiner kleinen internen Republik, wo all deine Meinungen zusammenströmen, deine Ichs sich aneineinander messen und sich gegenseitig aufs Kreuz legen. Und du musst moderieren, jedem deiner Ichs gerecht werden, nachfragen, Missverständnisse klären, ausgleichen, überprüfen.

Nach echten Gesprächen sind schon Freundschaften zerbrochen. Weil es zur Sache geht und die Leidenschaften toben. Popper behauptete, in einem temperamentvollen Gespräch in Oxford wollte Wittgenstein mit dem Schürhaken auf ihn losgehen. Da können Mordsgelüste hochkommen, wenn der fremde Rechthaber deine simpelsten Wahrheiten nicht einsehen will.

Solche vulkanischen Ausbrüche sind eine Reverenz an die Wahrheit, an die Suche nach der Wahrheit. Wer um der Wahrheit willen tobt, dem kann sie nicht gleichgültig sein.

Die Postmoderne hat den edlen Wettstreit um die Wahrheit abgesetzt, sie kennt keine Wahrheit. Heute bleibt jeder cool, alles andere macht ihn lächerlich. Vor allem gilt der Wahrheitssucher als intolerant, obgleich er ...

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Donnerstag, 14. Juni 2012 - Die Unfähigkeit zu trauern

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Psychiater,

der Veitstanz der norwegischen Psychiater, die nicht wissen, im welchem Land, auf welchem Kontinent, in welcher Geschichte sie leben, ist vorüber. Man kann Hitler & Co für wahnhaft und psychotisch erklären und sich das Hemd zerreißen vor Empörung. Wenn man aber nicht gleichzeitig die europäische Historie und einen Großteil der Europäer für krank und wahnhaft erklärt, dann sollte man die Finger von Breivik & Co lassen.

Mit einer dämlichen Kunstsprache, die ihre Abkunft von der Realität längst abgestreift hat, kann man dieselbe nicht beschreiben, nicht verstehen und nicht erklären. Der Fall Breivik ist ein Waterloo für die Psychiatrie. Das Theoriegebäude der Psychiater ähnelt einem Beinhaus, errichtet aus verknöcherten Resten längst abgestorbener Wahrnehmungen, die ihren letzten Realitätstest schon längst vergessen haben.

Man könnte auch von selbstentzündbaren Begriffen sprechen, die ein hübsches Feuerwerk entflammen, wenn man sie en gros übereinander türmt und mit jener Gesinnung entfacht, die sich selbst am meisten beweisen muss, dass sie den Übeltäter niemals verstehen wird. Aus Angst, die öffentliche Meinung könnte Verstehen als klammheimliche Kumpanei auffassen.

Nicht, dass es das nicht schon gegeben hätte. Die gerade in biblischem Alter verstorbene Margarete Mitscherlich wollte einst die psychische Motivation der RAF-Leute in Erfahrung bringen. Da war es die FAZ, die sie der Rechtfertigung des Terrors beschuldigte. Seitdem ist Verstehen in der christlichen Republik ein subkutanes Delikt, das mindestens mit Rufmord bestraft wird.

In Oslo scheinen endlich Fachleute zu Worte zu kommen, die den Fall Breivik politisch und historisch einordnen können. Hier müsste ...

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Mittwoch, 13. Juni 2012 - Kunst und Romantik

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Glücks,

Bundespräsident Gauck hat die ersten Schritte in seinem Amt gemeistert. Das nimmt er als Lizenz, sich seinen Herzensthemen zuzuwenden. Warum ist die Freiheit dieser Gesellschaft so verantwortungslos?

Weil sie glückssüchtig und hedonistisch ist. Glück und Lust machen gleichgültig gegen die Bereitschaft, das Äußerste für seine Gesellschaft einzusetzen, das eigene Leben zu riskieren. Der Begriff „glücksüchtige Gesellschaft“ steht nicht im Redemanuskript. Er hat ihn spontan – oder beabsichtigt spontan – eingefügt. „Dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen“.

Gauck spricht vom Demokratiewunder, wohl wissend, dass seine disziplinierten Zuhörer Wunder schon richtig assoziieren werden. Wunder sind Geschenke von oben. Also sollten wir dem Himmel für das Geschenk der Demokratie dankbar sein.

Gestern erlebten wir einen Amoklauf gegen die Vernunft, heute eine Probe-Attacke gegen das Glück. In der Wiederholung unserer unbearbeiteten Geschichte sind wir im Wilhelminismus angekommen.

Die deutsche Philosophie um 1900 wütete gegen die niedere Glücksideologie der Engländer, identisch mit Kapitalismus, und gegen die kalte Vernunft der Franzosen, die als Gottlosigkeit galt.

Das heroische Leiden, das Heldenhafte, der Wille zur Aufopferung, die Todesbereitschaft, der Wille zur Erlösung der Welt – wenn nicht anders mit der Waffe –, das war die glücksverachtende Kultur der Deutschen gegen ...

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Dienstag, 12. Juni 2012 - Sklaven

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Kinder,

nur noch 13% aller Deutschen glauben, dass es ihren Kindern besser gehen wird als ihnen selbst.

In den meisten anderen Ländern sind die Eltern optimistischer. In China sind 80% der Eltern davon überzeugt, dass ihre Kinder eine bessere Zukunft haben werden. Allerdings ging es nur um Arbeitsplätze und wirtschaftliche Aussichten.

In manchen Ländern liegt die Arbeitslosigkeit der Jugend fast bei 50%. Wie die Eltern die Zukunft ihrer Kinder inklusive Klimaveränderung sehen, wurde vorsichtshalber nicht erfragt.

Die entscheidende Frage wurde nicht gestellt: Glauben Sie, dass Sie an den trüben Zukunftsperspektiven Ihrer Kinder etwas ändern können? Die Eltern sollen Kinder für eine Zukunft erziehen, von der sie überzeugt sind, dass sie immer schlimmer wird – und woran sie nichts ändern können.

Warum hassen die Deutschen ihren Nachwuchs? Weil sie durch das bloße Vorhandensein der Kinder in ihrer Jämmerlichkeit entlarvt werden, sie versprechen eine Zukunft, von der sie wissen, dass es sie nie geben wird. Sie fühlen sich ...

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Montag, 11. Juni 2012 - Religion ist nicht Religion

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Berlins,

in der linken TAZ wird der städtischen SPD Berlins tatsächlich empfohlen, vor ihrem Dompteur Wowi zu kuschen. „Wowereit aber lässt sich nichts vorschreiben. Nach zehn Jahren Zusammenarbeit sollte man seinen Chef kennen.“ Wenn der Prolet zum Dandy wird, kann es zu gelegentlichen Anfällen von Wowikratie kommen. Dass die Berliner mitmachen, zeigt, dass sie schon weltstädtisches Format erklommen haben: sie verwechseln Politik mit dem Circus Maximus.

Warum geht es den Amerikanern so schlecht? „Wir haben derzeit schlicht und ergreifend die falsche Bevölkerung, um mit der Welt umgehen zu können. Deutschland ist da besser dran. Dort hat man weiterhin in Nischen der industriellen Produktion investiert.“ Sagt David P. Goldman, ein von Leon de Winter hochbewundertes Finanzgenie.

Vor 15 Jahren hätte er noch Ökonomen sagen hören, Amerika müsse sich nicht mehr die Finger schmutzig machen mit Produzieren von Dingen. Diese Drecksarbeit könne man auch woanders leisten. Amerika müsse sich zum Wissenszentrum entwickeln und Patente verkaufen.

Die Deutschen hätten es besser gemacht, sie hatten keine Angst vor dem Schmutz. Alle hochwertigen Maschinen stammten mittlerweilen aus Deutschland. Ohne Wissenspatente wird das nicht möglich gewesen sein.

In Amerika hat der Kapitalismus eine Höhe erreicht, von der Deutsche nicht mal wissen, dass es sie gibt. Es ist die ...

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Sonntag, 10. Juni 2012 - Der Mensch ist das Maß aller Dinge

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Mütter,

Mütter sind gut genug, ihre eigenen Kinder zu Hause zu erziehen, aber nicht gut genug, um fremde Kinder in Kitas zu erziehen. Das nennt sich Vereinbarkeit von Beruf und Erziehung: wer schon zu Hause versagt, kann auch bei Schlecker einem beschissenen – pardon, entfremdeten – Job nachkommen. Unfähigkeit ist mit Unfähigkeit immer vereinbar.

Im Ernst. Welche Mutter beides schultert, zu Hause und im Kapitalismus ihre Frau steht, ist noch lange nicht fähig, professionell mit Kindern umzugehen. Hat frau beim Kindererziehen nicht praktische Psychologie, im Beruf nicht Selbstbewusstsein in der Realität erlernt? Kann sie Kindern nicht vermitteln, wie es in der Welt zugeht? Strahlt sie nicht eine doppelte Kompetenz aus, wenn Beruf und Familie wirklich vereinbar wären?

Vergessen wir mal die alerte Frau von der Leyen. Wie konnte der Eindruck entstehen, die entlassenen Schleckerfrauen sollen in Kitas abgeschoben werden? Ist die Beschäftigung mit Kindern inzwischen das Allerletzte in dieser Gesellschaft? Das ist die eine Seite.

Die andere ist der „Schlag in die Magengrube“, den professionelle Erzieherinnen bei diesem Vorschlag empfinden. Nun müssen sie umgekehrt ihre „Berufsanforderungskompetenzen“ – gelobt sei die deutsche Sprache – in den Himmel heben, um sich der Zumutung zu erwehren, gestandene Mütter & Malocherinnen als zukünftige Kolleginnen zu begrüßen. Nun hören wir mal, wie ...

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Samstag, 09.06.2012 - Fußballspielen

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Fußballs,

warum ist Fußball so beliebt? Weil er das letzte heidnische Relikt in einer heilsindividualistisch verseuchten Kultur ist. Ein Proletensport. Das wüste geordnete Treiben der Kinder aus dem Slum. Die letzten, kaum noch erkennbaren Reste der Gruppe, des zoon politicon, des Teams, der symbolisierten und konzentrierten Polis - gegen die Schnösel, die allein in den Himmel kommen wollen.

Inzwischen durch Geld fast bis zur Unkenntlichkeit verschlammt, ist er die letzte Bastion gegen den trickreichen und brutalen Slalom der Tycoons, die unvergleichlich sein wollen. Nicht das atomisierte Individuum ist unvergleichlich, sondern: Team est ineffabile, der Mensch, der sich mit dem Menschen verbündet. Der Einzelne ist nur unvergleichlich, wenn er im Team vergleichbar und kenntlich wird.

Erst in der Gruppe, der solidarischen Menschheit wird der Mensch zum unvergleichbaren und einmaligen Wesen. Weil Einmaligkeit das Signum der Gattung ist. Der Gattung Lebewesen. Auch Tiere sind keine Klone einer uniformierten Natur.

Das andere Team ist nicht der Feind, sondern der freundschaftliche Widerstand, den ich benötige, um mich anzuspornen, meine Kräfte kennen zu lernen und zu entwickeln. Agon, der Wettstreit der Edlen, der kritische Fight, das Messen der Muskeln und Gehirne ist Dienst der Freundschaft am Freund. Mensch, du kannst, also sollst du.

Ein Agon, der nicht ermuntert, nicht lockt und reizt, ist eine Demütigung, ein ...

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