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Natur brüllt! XCII

Tagesmail vom 28.06.2024

Natur brüllt! XCII,

die Amerikaner scheuten sich nicht, heute Nacht ihr Narrenfest, ihre Vermählung aus Sünde und Erlösung, aus Welt und Überwelt, aus Irdischem und Göttlichem, aus schnöder Rede und heiligem Wort zu feiern.

Es war ein Wagnis, doch das Wagnis brachte die Erleuchtung, wenngleich nicht das erhoffte Licht des triumphalen Erfolges, sondern im Gegenteil, das Wagnis der in aller Welt sichtbaren Niederlage Amerikas. Wer nur in verwüsteten Worten schwimmt, schwimmt in der Kloake.

Amerika, das Land der Verheißung, der Erfüllung vieler Prophetien, das neue Land Kanaans, verlor alle utopischen Masken und versank im irdischen Schlamm. Wer soll jetzt noch kommen, um die langjährige Vorzeigedemokratie aus dem Dreck zu ziehen?

Es war ein Duell in hässlichen Worten:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“

Vor 1000en von Jahren waren die Heiden so besessen vom Wort, dass sie alles Kostbare auf ihm erbauen wollten. Zum Kostbaren gehörte die Wahrheit des Seins, die Vernunft des humanen Zusammenlebens in der Polis und in der ganzen Welt.

Protagoras, ein berühmter Wanderlehrer, hatte die Kühnheit besessen, den Menschen zum Herrn der Welt zu erklären – mit dem unfasslichen Satz:

„Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind.“

Nicht Gott ist das Maß aller Dinge, sondern das winzige Wesen, das auf Erden sich anmaßt, das Geschöpf jenes Gottes zu sein – zumindest in der Religion, womit diese in Konkurrenz trat mit der Weisheit der Erde.

„Vom Mythos zum Logos“, so war der Verlauf, an dem der Mythos verlassen wurde und der menschliche Logos das Zepter übernahm.

Erkühnte sich der Mensch, kraft seines Denkens die Dinge erschaffen zu haben? Erkühnte er sich, persönlich Gott geworden zu sein?

Erleben wir hier die Parallele von heidnischem und religiösem Denken, diesseits und jenseits des damaligen Mittelmeeres?

Jenseits des Meeres wurde die Huldigungsschrift an einen allmächtigen Gott in vielen Kapiteln geschrieben. Hier im Diesseits wurde der Mensch ermächtigt, zwar nicht die Dinge zu erschaffen, aber sie kraft seiner eigenen Beschaffenheit zu prägen. „Sie sind bestimmt durch den Zustand seiner Gesundheit und Krankheit.“

Das war keine perfekte Schöpfung, sondern die Überlegenheit des Menschen über das Wahrgenommenwerden des Seins.

Protagoras war kein hemmungsloser Individualist, der die Dinge des Seins bestimmt, wie es ihm beliebt. Doch er war fähig, deren Erscheinungen zu bestimmen, wie es seiner eigenen psychischen Verfassung entsprach.

Der Mensch ist kein Besitzer des allmächtigen Wortes, aber durch seine Gesundheit durchaus in der Lage, zu bestimmen, wie er das Sein empfindet. Zu Gott wird er dadurch nicht, aber zum Bestimmer dessen, wie der Mensch die Welt empfindet und einordnet.

Des Menschen Empfindungen müssen sich ihm nicht unterordnen, das Angenehme muss er nicht mit dem Guten, das Widerwärtige nicht mit dem Übel gleichsetzen. Angenehmes kann auch übel, Unangenehmes auch gut sein.

Was hat der Mensch mit diesen Unterscheidungen erreicht? Auf keinen Fall die Allmacht des gottgleichen Wortes. Aber immerhin die Erhebung des Menschen über die Passivität alles irdischen Seins.

Worum geht es im beginnenden „Riesenkampf um das Sein“?

Nicht um die Fähigkeit, das Sein zu erschaffen, wie er will, aber um die Fähigkeit, durch eigene sittliche Bewertungen die Welt zu gestalten und zu formieren, wie er es für am besten hält.

Damit gewinnt er noch keine universellen moralischen Werte, aber immerhin solche, die die Nation zusammen halten können.

„Es ist die Reaktion des frisch pulsierenden wirklichen Lebens mit seiner Vielheit und Mannigfaltigkeit und seinen wechselnden Zuständen – auf die Behauptung eines unteilbaren und unveränderlichen Seins, die die Natur in Unnatur und Unwirklichkeit zu verwandeln drohte.“ (Nestle, Vom Mythos zum Logos)

Was hat das Ganze mit dem amerikanischen Rededuell zu tun? Wenn die beiden Duellanten Christen wären, müssten sie sich als Besitzer der Wahrheit einschätzen – kraft des allmächtigen Wortes ihres Gottes.

Doch auf dieser Denkebene wären sie noch mittelalterliche Theologen gewesen, die ihre Erleuchtungskompetenz im WORT beweisen müssten. Dazu waren sie nicht in der Lage. Sie plapperten auf der Ebene des Protagoras: was sie subjektiv empfinden, halten sie objektiv für wahr.

Damit erheben sich die beiden Politiker auf die nächste Stufe der Erkenntnis: auf die objektive Stufe Platons, der Gott zum höchsten Grad an Wahrheit erhoben hatte:

„Und so wäre denn Gott für uns im höchsten Grade der Maßstab aller geltenden Werte, in viel Höherem als, wie man wohl sagt, irgendwie ein Mensch.“

Platon sprang auf die höchste Stufe der Erkenntnis, die unfehlbare Wahrheit der Philosophie, womit er die Unfehlbarkeit der religiösen Offenbarung vorwegnahm.

Was nicht bedeutet, dass Platon ein Anhänger der von Oben gesteuerten Erleuchtung gewesen wäre. Der Mensch war selbst imstande, das Ideal des Erkennens zu erreichen.

Protagoras blieb bescheidener als Platon: eine Erkenntnis des Absoluten hielt er für unmöglich:

„Von den Göttern vermag ich nicht zu wissen, weder dass sie sind noch dass sie nicht sind, noch von welcher Art ihre Gestalt ist. Denn vieles steht dem im Wege: sowohl die Dunkelheit der Sache als auch die Kürze des menschlichen Lebens.“

Worüber stritten die beiden Präsidentenanwärter? Wer die beste Wahrheit über die amerikanischen Verhältnisse nachweisen konnte! Das wäre ein Riesendienst am amerikanischen Volk gewesen.

Wie lautete das Echo der Nation auf den TV-Kampf?

Selbst Bidens Anhänger waren entsetzt über die Unfähigkeit ihres Kandidaten und forderten seinen Rücktritt.

„Demokraten reagierten nach dem Auftritt ihres Präsidenten panisch und warfen Trump Lügen vor.“

„Joe Bidens Auftritt beim ersten Fernsehduell war eine Katastrophe. Die Demokraten müssen sich nach einer Alternative umsehen. Sonst ebnen sie Donald Trump den Weg ins Oval Office.“

Waren beide Kandidaten unfähig, die Wahrheit der politischen Lage zu erkennen?

Geht es denn in der Politik um Fragen subjektiver Erkenntnis oder um Erkenntnis objektiver Wahrheit?

Zumindest wird behauptet, dass Trump gelogen hat – und Lügen sind bekanntlich das Gegenteil der Wahrheit.

Oder sind beide Kontrahenten Anhänger der Postmoderne, die der Lehre des Protagoras ähnlich scheint?

Würde man sie nach ihrer Philosophie befragen, erhielte man sicher ein zynisches Gelächter als Antwort von Trump oder ein erschöpftes Schulterzucken von Biden.

Demokratie ist eine Gesellschaft, in der Streiten das beste Mittel sein sollte, die Wahrheit des Seienden zu erfassen, derjenigen, die ist und derjenigen, die zukünftig sein sollte.

Medien beschränken sich auf „Ist“, Historiker auf das „War“, Silicon-Valley-Futurologen auf das, was sein könnte – mit dem Untersatz: was sein könnte, werde das schlechte „Ist“ von selbst beiseite räumen.

Alles ist besser, was sie erfinden. Zukunft ist die stetige Vervollkommnung des jetzigen Ist. Eine Debatte, was besser sein wird, können wir uns ersparen. Zukunft ist die determinierte Vervollkommnung des Jetzigen und Gewesenen.

Haben die Griechen dieselben Schlussfolgerungen gezogen wie die heutige Moderne?

Die griechische Philosophie hatte viele Selbstzweifel. Platons Ideen waren für sie mehr als fragwürdig.

Selbst Sokrates, Platons Lehrer, hatte viele offene Fragen. Seinen skeptischen Satz: von der Natur kann ich nichts lernen, kennt heute fast niemand. Sokrates soll ein Zweifler an den objektivsten Erkenntnissen gewesen sein, die wir heute kennen: an den strengen Einsichten der Naturwissenschaften?

Damit hat er möglicherweise vorausgeahnt, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse zwar sicher sein können – auf dem Gebiet der Natur, nicht aber, wenn man moralische Schlussfolgerungen aus Naturgesetzen zieht, um menschliches Verhalten zu regulieren.

Sein Satz: ich weiß, dass ich nichts weiß, ist kein Gelöbnis zur Dummheit, sondern die Ermahnung zur Skepsis in Dingen, die uns unbekannt sind.

Im Moralischen aber blieb er felsenfest: Der Sinn des Lebens besteht im sozialen Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen. Für diese Humanität starb er ohne den geringsten Zweifel.

Der Kampf um die Macht in der jungen Demokratie ließ die Weisheit nicht ungerupft. Je mehr Schulen es gab, desto mehr Zweifel an erkenntnismäßiger Einsicht in der Politik kamen auf.

Karrieristen hatten immer weniger Lust, sich auf seriöse und zeitraubende Debatten einzulassen und verlegten sich immer mehr auf eine wirksame Disziplin, um die Menschen für sich zu gewinnen: auf die Rhetorik.

Die Kunst der Werbung mit sprachlichen Mitteln wurde zum Hauptgeschäft der sich schnell vermehrenden Machtgierigen. Rhetorik wurde zur Werbemethode derer, die sich keine Zeit nahmen, um präzis und sorgfältig zu argumentieren.

Je mehr sie sich mit äußeren Werbekünsten abgaben, je mehr verachteten sie die sachliche Überzeugungskraft ihrer Reden. Je mehr sie die Werbung handhabten, je oberflächlicher wurde ihr Verhalten eingeschätzt.

Aus seriösen Politikern wurden Werbespezialisten, die immer mehr auf äußeren Tand setzten.

Gorgias etwa entsagte der Philosophie und „entschloss sich, die Kunst der Rede zu erlernen, deren gewaltige Wirkung er schon an seinem Meister Empedokles bewundern konnte. In den Schulen der Rhetorik lernte er, »die Wahrscheinlichkeit höher zu schätzen als die Wahrheit und durch die Kraft des Wortes das Kleine groß und das Große klein erscheinen zu lassen.«“

Wer die Blendekunst der Rhetorik wählte, nahm Abschied von der ernsten Philosophie. Die gerichtliche Rhetorik etwa sah – ohne sich um die Feststellung eines Tatbestandes zu kümmern – ihre Aufgabe nur darin, aus der gegebenen Situation das psychologisch Wahrscheinliche herauszuholen und damit die Bewertungen ihrer Zwecke zu bearbeiten.

Rhetorik wurde immer mehr zur „Meisterin der Überredung“. Heute ist sie ein Bestandteil der kapitalistischen Werbekunst, niemand hält sie für eine Disziplin, die Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben kann.

Welche Bedeutung die moderne Rhetorik hat, zeigt der folgende Artikel:

„Der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache hat sich Deutschlands Top-Manager angeschaut. Wer ist der beste Rhetoriker, wer überzeugt durch Mimik und Gestik?“ (Sueddeutsche.de)

Beispiel: „So wie bei BASF-Chef Martin Brudermüller, der nach Meinung der Redenschreiber den besten Auftritt hingelegt habe. Besonders „Gestik, Mimik, Tonalität und Stimmführung“ seien mitreißend, so die Jury.“

Brudermüllers Geschäftsprinzip jedoch lautet: „ Wir machen weiter, komme, was da wolle.“

Dieser Satz wird philosophisch nicht untersucht, sondern bleibt ein werbemäßiges Attribut.

Der Redner muss ein Seelenkenner werden, um die verschiedenen Charaktere wirksam zu beeinflussen. So wird der Zweck der Redekunst immer mehr zur Kunst, die Menschen psychisch zu beherrschen.

Die Vertreter des Kapitalismus sind heute keine tiefsinnigen Philosophen, sondern gut gestylte glatte Werbeheinis, deren Geschwätz man im Prinzip vernachlässigen kann.

Welche Bedeutung spielt die Rhetorik in der heutigen Politik?

„Dann war es die Aufgabe von zwei Stunden, zwei- bis dreitausend Menschen aus ihrer bisherigen Überzeugung herauszuheben, Schlag um Schlag das Fundament ihrer bisherigen Einsichten zu zertrümmern und sie schließlich hinüberzuleiten auf den Boden unserer Überzeugung und unserer Weltanschauung. Ich habe schon ausgeführt, dass alle gewaltigen, weltumwälzenden Ereignisse nicht durch Geschriebenes, sondern durch das gesprochene Wort herbeigeführt werden. Die Schranke instinktiver Abneigung, gefühlsmäßigen Hasses, voreingenommener Ablehnung zu überwinden, ist tausendmal schwieriger als die Richtigstellung einer fehlerhaften wissenschaftlichen Meinung. Das kann kaum ein Schriftsteller, sondern fast einzig nur der Redner.“ (Woher? Aus „Mein Kampf“)

Das Wort ist zum Werbevehikel der Macht verkommen.

Fortsetzung folgt.