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nichts desto-TROTZ I

Tagesmail vom 07.04.2021

nichts desto-TROTZ I,

nichtsdestotrotz – für die Welt.

Hatten wir bereits unsere nationale Trotzphase? Trotz hat keinen guten Klang in deutschen Landen.

Trotzköpfe wälzen sich auf dem Boden, verweigern den Bückling, schmähen den Aufstieg, haben nicht die geringste Lust auf den Mars. Das Alte – die schöne Gewohnheit des Lebens – wollen sie nicht totschlagen, den Tod nicht überwinden. Allem Neuen misstrauen sie. Weder sind sie risikotauglich, noch suchen sie Freiheit und Glück dort, wo sie nicht sind. Sie hassen den Spruch: wir sind dann mal weg. Sie wiederholen sich ständig und ihre Rede ist simpel. Fortschritt? Das Neue? Ratlos schütteln sie den Kopf: kannitverstan. Eine offene Gesellschaft? Auf jeden Fall. Doch was offen ist, darüber bestimmen sie selbst.

Nach vorne schauen sie lediglich, um das Vertraute zu sichern, das Fehlerhafte zu verbessern – und an einer friedlichen Menschheit mitzuarbeiten, damit Demokrits Wort wahr werde:

„Dem weisen Menschen steht jedes Land offen; denn die Heimat einer edlen Seele ist die ganze Welt.“

Ein Trotzkopf scheint rückständig, oft schaut er nach hinten, um zu verstehen, wie er geworden ist. Er trotzt allen Zwängen, die schicksalhaft über ihn bestimmen wollen. Ob sich die Zwänge Gott, Geschichte oder sonstwie nennen, ist ihm schnuppe. Er und nur er allein – natürlich mit allen Schwestern und Brüdern zusammen – bestimmt über sein Leben, sonst nichts und niemand.

Ein Trotzkopf ist eigensinnig und neigt zu Überheblichkeit. Tatsächlich ist er davon überzeugt, dass er in Gemeinschaft mit Gutgesonnenen und Lebenswilligen die Probleme der Menschheit lösen kann. Weshalb er alle Erlöser ablehnt, die das Problemlösen sich allein vorbehalten, da sie die Fähigkeiten des Menschen verachten.

Trotzköpfe verachten Demut als Tarnung des Hochmuts, der sich als Krönung der Evolution ausgibt. So eigenwillig er ist, so eng verbunden fühlt sich der Trotzkopf mit Pflanzen und Tieren. Nein, er ist nicht der Gipfelpunkt der Entwicklung. Was der Hochmütige arrogant seinen Geist nennt, erreicht nicht mal das Niveau tierischer Instinkte oder die sozialen Fähigkeiten der Pflanzen.

Ja, der Mensch missbraucht seinen Geist, um den Tod der Natur herbeizuführen. Denn das Leben, dem er zustrebt, benötigt den Tod, um ein übernatürliches, naturfeindliches Leben herbeizuzwingen. Wie viel müsste sein Geist noch lernen, um die Solidarität der anderen Wesen zu erreichen.

 Der harte Überlebenskampf der Natur ist auf ein rationales Minimum beschränkt, die Regel ist das lautlose Zusammenwirken von allem mit allem. Nur der eifersüchtige Mensch erkannte Böses in der Natur, um sein eigenes Böses zu rechtfertigen.

Warum kämpfen die Menschen nicht gegen den Tod der Natur? Weil sie diesen benötigen, um sich an ein Leben jenseits der Natur zu klammern. Karfreitag und Ostern waren für sie Festtage des Daseins zum Tode, um die Auferstehung aus den Gräbern zu feiern. Die Lebensunwilligen merkten nicht, dass sie ihren eigenen Untergang feierten. Denn ein Dasein nach dem Tod ist eine lebenszerstörende Phantasmagorie. Ihr Glauben an ein jenseitiges Leben ist ein Glaube an den diesseitigen Tod.

Mitläufer der Auferstehung glauben alles, was nach naturfeindlichen Wundern riecht.

Trotzköpfe glauben an die Verlässlichkeit ihrer Sinnesorgane, ihres Denkvermögens und ihrer praktischen Vernunft.

Wir brauchen eine Partei entschlossener Trotzköpfe, die allen Verlockungen des Jenseits und aller Fremdbestimmung widerstehen:

„Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen.“

„Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“

„Wer da sucht, seine Seele zu erhalten, der wird sie verlieren; und wer sie verlieren wird, der wird ihr zum Leben helfen.“

„Wer sein Leben liebhat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt haßt, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.“

„Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“

„Wisst ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein.“

„Wehe euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet weinen und klagen. Wehe, wenn jedermann gut über euch redet.“

„Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel.“

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s bewahren zum ewigen Leben.“

„Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.“

„Ich sterbe täglich. Wenn Tote nicht auferweckt werden, so »lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.«“

Die frohe Botschaft der Trotzköpfe ist das Gegenteil der Botschaft lebensfeindlicher Frommen:

Wer sein Leben retten will, der wird es erretten, wer sein Leben verliert um einer Phantasmagorie willen, der wird es für immer verlieren.

Wer da sucht, seine Seele zu erhalten, der wird sie erhalten und wer sie verlieren wird, der wird sie an den Tod verlieren.

Wer sein Leben liebhat, der wird es retten und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, wird es für immer verlieren.

Habt die Welt lieb und alles, was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, kann er auf die Liebe zu einem ominösen Vater verzichten. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust, der Augen Lust und ein befriedigendes Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt mit ihrer Lust mag vergehen, wer aber den Willen eines ominösen Vaters tut, der wird mit Sicherheit untergehen.

Wisset ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt unverträglich ist mit allen Erlösern? Wer der Welt Freund sein will, muss alle Götter ignorieren.

Freuet euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet weiterhin lachen. Freuet euch, wenn jedermann gut über euch redet.

Glücklich seid ihr, wenn ihr Menschen liebt und sie euch wiederlieben und euch akzeptieren als Geschwister. Freuet euch über die Liebe des Menschengeschlechts und tanzt dazu, denn eure Heiterkeit wird groß sein auf Erden.

Wenn das Weizenkorn erstirbt, bringt es keine Frucht. Wenn es aber nicht vergiftet wird oder verfault, wird es vielfältige Frucht bringen. Wer sein Leben lieb hat, hat es bereits gewonnen, und wer sein Leben hasst, der hat‘s für immer verloren.

Du Narr, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es verdirbt. Freut euch eures Lebens jeden Tag – auch wenn es graue Tage gibt. Etwas Besseres als Glück – zu dem alle echten und großen Gefühle gehören wie Trauer und Mit-leid – werdet ihr auf Erden nicht erfahren. Seligkeit ist illusorisches Glück eines illusorischen Jenseits.

Christen wollen den Tod überwinden, um ein ominöses neues Leben zu erringen. Da zum Leben der Tod so notwendig gehört wie die Geburt, vernichtet man das Leben, wenn man den Tod ausrotten will. Christen sind Feinde des natürlichen Lebens, in der alles vergänglich und endlich ist – außer der Natur selbst.

Bei den Urchristen war die Abscheu vor dem Leben und die Sehnsucht nach Drüben noch so ekstatisch, wie es im Geheimen Buch des Jakobus (das nicht zum Neuen Testament gehört) beschrieben wurde:

„Jesus sagte, das Königreich des Todes könne nur denen gehören, die sich selbst töten, niemand, der dieser Pflicht ausweiche, könne errettet werden.“

Kommentar eines Religionswissenschaftlers:

„Von allen großen Religionen ist das Christentum die ängstlichste und diejenige, die den Schrecken des Todes am stärksten betont.“

Mutter-Natur-Religionen hingegen wussten, dass „der Tod etwas Natürliches sei und dass die Wurzeln jeder Blume im organisch Verwesenden stecken.“ Der französische Schriftsteller Alfred de Vigny dichtete auf die mütterliche Göttin:

„O Tod, Göttliche, auf deinen Ruf kehren wir alle zu dir zurück und vergehen in deiner Umarmung. Nimm deine Kinder zu dir zurück in deinen gestirnten Schoß. Befreie uns von Zeit, Zahl und Raum. Und gebe uns wieder, woran es unserem Leben mangelt.“

Die Sucht der Moderne nach Leid und Tod, um ewige Seligkeit zu gewinnen, ist das Gesetz der abendländischen Heilsgeschichte, die das Elend der Welt in Triumph umwandeln soll. Weshalb sie regelmäßig wiederkehrende Schreckensphasen produzieren muss, um sie in strahlendes Heil zu transformieren.

Dieser Zweiertakt aus Antichrist und Christ prägt den gesamten Fortschritt seit 2000 Jahren. Antichrist stand für „Chaos, Raub, Plünderung, Folter, Massenmord, Naturkatastrophen“ (wie die gegenwärtige Zeit), die Wiederkehr des Christ für „beispiellose Fülle und wunderbaren Wohlstand“. (alles in Norman Cohn, Die Sehnsucht nach dem Millenium)
Weshalb der üppige Wohlstand der reichen Nationen den eschatologischen Charakter des Kapitalismus beweist.

Wenn ein erfolgreicher Börsenhai seinen Lohnabhängigen Bibeltexte vorlesen lässt, widerspricht das nicht dem Geist des Neoliberalismus, es bestätigt ihn:

„Dabei ist es nicht Gier, die Hwang zu seinen riskanten Transaktionen trieb. Der Pastorensohn ist tiefgläubig. Regelmäßig ließ er in den Manhattaner Büros des Fonds, den er Archegos genannt hat, aus dem Alten und Neuen Testament vorlesen. Er spendete Hunderte Millionen an christliche Organisationen wie das New Yorker Bibelmuseum und Stiftungen wie die Grace & Mercy Foundation, die er selbst gegründet hatte. Der Name Archegos stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Kapitän oder Anführer, Jesus wird manchmal so bezeichnet. Anders als die meisten seiner Hedgefondskollegen lebte Hwang bescheiden, nahm den Bus, statt sich in einer Limousine chauffieren zu lassen, und flog mit regulären Liniengesellschaften statt eines Privatjets, wie in New Yorker Finanzkreisen sonst üblich.“ (ZEIT.de)

„Hayek erwähnt lobend spanische Gelehrte aus dem 16. Jahrhundert, die den Glauben des Neoliberalismus vorweg genommen hätten. Gott kennt die Marktordnung, denn es ist seine geschaffene Ordnung. Der Mensch kennt sie nicht, Gott richtet, der Mensch nicht. Gott ruft den Menschen zur Verantwortung, aber der Mensch nicht Gott.“ (Michael Dellwing, Globalisierung und religiöse Rhetorik)

Was kann Agape für eine Nächstenliebe sein, wenn sie alles irdische Leben hasst, allen Menschen den Tod wünscht und nur Erwählte selig werden lässt?

Hayeks Fundierung seines Neoliberalismus im katholischen Credo zeigt den gegenaufklärerischen Charakter der „modernsten und mächtigsten“ Ökonomie der Geschichte.

In der selbstmörderischen Sucht der Deutschen nach dem Tod: was geschieht konkret in der Politik, um die ökologische Gefahr zu bannen? Täglich erscheinen Katastrophenmeldungen – und was geschieht in Berlin? Nichts.

Aktuelles Beispiel:  Ein niederländischer General warnt vor steigendem Wassermangel in der Welt:

„Die Gletscher um Bhutan schmelzen wie alle anderen immer schneller. Kurzfristig führt das zu Überflutungen, langfristig zu einem massiven Wassermangel. Wenn Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren, führt das immer zu Konflikten. Migration, Extremismus, Naturkatastrophen – all diese Faktoren gibt es schon. Aber sie werden durch den Klimawandel multipliziert, werden häufiger, intensiver.“ (SPIEGEL.de)

Was geschieht in der Gesellschaft? SPIEGEL-Chef Klusmann will endlich Gas geben und fordert seine LeserInnen zur Mitarbeit auf:

„Hinter jeder Wahlentscheidung steht eine grundsätzliche Frage: In was für einem Land wollen wir eigentlich leben? Auf diese Frage will der SPIEGEL im Superwahljahr 2021 Antworten suchen – gemeinsam mit Ihnen! Die Ära Merkel geht zu Ende, das Vertrauen in die Politik und einen funktionierenden Staat hat stark gelitten. Diese Wahlen werden deshalb maßgeblich darüber entscheiden, wie wir Deutschland zukunftsfähig machen.“ (SPIEGEL.de)

Wie gedenkt er das zu tun?

„»Sagen, was ist«, lautete das Credo unseres Gründers Rudolf Augstein. Mehr als 70 Jahre später, im Wahljahr 2021 möchten wir es weiterentwickeln zu »Fragen, was ist«.“

Wie gewonnen, so zerronnen. Eine notwendige Initiative – und ein dogmatisches Beharren auf dem Status-quo der Beobachter, die sich mit nichts gemein machen. Wie kann man Deutschland zukunftsfähig machen, wenn man nur schreibt und fragt, was ist?

Es ginge nur mit einem utopischen Sollen, mit dem das desaströse Ist überwunden werden könnte. Die Beobachter sitzen bewegungslos in ihrem Glashaus und lassen über Mikrofon Vorschläge aufs Spielfeld durchsagen. Dann schauen sie, was die gemeine Masse aus den Trainervorschlägen macht: Material für die nächste Ausgabe. Ende der Durchsage.

Rationale Utopien sind bei den Managern des Fortschritts verboten. Überwindung des Todes und messianische Verheißungen hingegen gehören zum Repertoire der kühnsten Futurologen.

Auch Ullrich Fichtner verbreitet Aufbruchsstimmung im SPIEGEL. Schluss mit der Merkel‘schen Apathie (die er nicht bei Namen nennt). Die Zeit der Schwarzmaler sei vorbei, es gebe neue wissenschaftlich fundierte Hoffnungen, dass die Abwärtsbewegung nicht in der Apokalypse enden müsse. Wahrlich: warum erst jetzt so? Wachen die Medien auf? Verlassen sie ihre privilegierten Logen? Haben sie bemerkt, dass auch sie im sinkenden Boot sitzen?

„Eine englische Lebensweisheit lautet: Expect the unexpected, erwarte das Unerwartete. Der Mensch, zumal der deutsche, ist darin nicht besonders gut. Wir hätten die Zukunft am liebsten ganz ohne Zufälle und Ungewissheiten, planbar, alternativlos. Um nicht allzu böse überrascht zu werden, rechnen wir gleich mit dem Schlimmsten, auf Vorrat gewissermaßen, und um nicht unnötig enttäuscht zu werden. Dass am Ende alles böse enden werde, davon sind viele Menschen überzeugt.“

Seltsame Sätze. Wer nicht an übermenschliche Schicksalsmächte glaubt, weil der Mensch sein Geschick autonom zu verantworten hat, kann nur erwarten, was er selber tut und gestaltet. Das Unerwartete wäre eine makabre Fehlplanung oder eine mangelhafte Ausführung des Geplanten. Hier dürfte es keine Zufälle und Ungewissheiten geben. Sonst nähme man das eigene Tun nicht ernst.

Natürlich geht es um Lernen aus Versuch und Irrtum. Doch der Versuchende könnte sein Lernen nur beweisen, wenn er das Maß seines Irrens allmählich reduzieren würde. Wär‘s anders, würden wir beim BER landen. Dort überließ man sich in wohligen Schauern den unerwarteten Interventionen der Unsichtbaren Hand Gottes.

Nicht alle Schwarzmaler sind verhärtete Pessimisten. Um die passive Gesellschaft aufzurütteln, schrecken sie vor Dramatisierungen nicht zurück. Nicht alle glauben an eiserne Geschichtsgesetze. Optimisten wie Ernst Bloch waren keine autonomen Ethiker. Getreu der eschatologischen Zuversicht ihres Propheten Marx glaubten sie an die unfehlbare Vision ihres säkularen Paradieses.

Bei Fichtner zeigt sich ein vulgärer Glaube an den technischen Fortschritt: geniale Entdeckungen und maschinelle Golems würden die Mängel der Politik mit links beheben. Moralische Fähigkeiten hingegen sind nicht gefragt. Dass just die Wunder der Technik und Wissenschaft der Menschheit die verhängnisvollsten Selbstzerstörungsmöglichkeiten bescherten, ist bei Fichtner nicht angekommen.

Seine Hoffnung beruft sich auf die des Marxisten Ernst Bloch.

„Hoffnung wird nicht verstanden als Herumsitzen und Abwarten, bis das Richtige sich irgendwie einstellt, sondern sie »verlangt Menschen, die sich ins Werdende tätig hineinwerfen«. Die Hoffnung, schreibt Bloch, »sucht in der Welt selber, was der Welt hilft, es ist findbar«. Und: »Durch das Doppelte von Mut und Wissen kommt die Zukunft nicht als Geschick über den Menschen, sondern der Mensch kommt über die Zukunft.«“

Wäre das nicht der passende Augenblick, gerade die Medien aufzuwecken und Abschied zu nehmen vom sklerotisierten Motto des „Schreibens, was ist“. Blochs docta spes kennt ein Sollen: sich ins Werdende tätig hineinwerfen. Gelegentlich klingt es bei Bloch, als habe er den (von Popper) verworfenen Historizismus (den „Glauben an einen automatischen Fortschritt“) überwunden.

Näher besehen, täuscht der Eindruck. Der Mensch soll die unverbrüchlichen Geschichtsgesetze in einer über-menschlichen Welt finden. Diese Gesetze existierten bereits, sie müssten den materiellen Verhältnissen nicht implantiert werden. Blochs Marxismus ist wie Merkels Kapitalismus: aufspringen und die Kräfte des Werdens machen lassen. Mit Habermas‘schen Worten: die Geschichte muss dem Menschen entgegenkommen, damit der Mensch als Lakai der Geschichte vollbringen kann, was sich ohnehin ereignet hätte.

Hier ist der entscheidende Punkt: es gibt keine materiellen oder göttlichen Geschichtsgesetze. Es gibt nur antagonistische Elemente, die der Mensch in vielen Jahrtausenden seiner Geschichte eingeprägt hat. Das sind keine „ehernen“ Natur- oder Geschichtsgesetze, auf deren Konstanz man sich verlassen könnte.

Diesen schwankenden und rivalisierenden Impulsen kommt man nur auf die Schliche, wenn man deren Werden erforscht und den Imperativen seiner autonomen Vernunft zur Verfügung stellt. Wie das Individuum sich nur anamnestisch auf die Spur kommt, um die Frage zu beantworten: wer bin ich, was kann ich, was soll ich: so muss die Menschheit ihre verschiedenen Charakterprofile durch Erkunden der Vergangenheit erforschen und sich bewusst machen, von welch unbewussten Kräften sie bisher geleitet wurden. Es gibt keine außermenschlich-„objektiven“ Gesetze der Geschichte. Es gibt nur streitende Kollektiv-Erfahrungen. Die autonomen Elemente sind förderlich, die theonomen schädlich.

Im globalen Streitgespräch muss sich die Menschheit verständigen, welchen Impulsen sie folgen will. Hans Küngs These lautete: ohne Verständigung der Religionen keine Verständigung der Kulturen. Eine richtige Aussage. Ob Küng allerdings gelungen ist, die „unfehlbare“ Religion seines einstigen Freundes Ratzinger als irrtumsfähige zu dekonstruieren, darf bezweifelt werden. (Von Benedikt wurde er zu einem privaten Treffen eingeladen, an seinem Rausschmiss als offizieller Theologe aber änderte sich nichts.)

Fichtner tendiert zu einem technisch begründeten Optimismus, an den die Menschen freilich glauben müssten. Wer diesen Glauben verweigert, wird von Fichtner exkommuniziert:

„Es finden ständig Fortschritte statt, bahnbrechende womöglich, die sich der Beurteilung durch die Gesellschaft entziehen. Somit wird von jedem Einzelnen ständig ein immenser Vertrauensvorschuss erwartet für das, was Wissenschaft tut. Eine beunruhigend große Minderheit ist aber nicht mehr dazu bereit, ihn einzuräumen.“

Wie alle Futurologen verwechselt Fichtner theoretische Erfindungen mit praktischen Veränderungen. Wissenschaftliche Erkenntnisse führen nicht automatisch zum Fortschritt, schon gar nicht zu einem menschenfreundlichen. Erst der Wille sekundärer Techniker und machtgieriger Politiker, die atomaren Erfindungen in eine schreckliche Bombe zu verwandeln, veränderte die Welt. Nicht Virologen verändern die Welt, sondern Politiker, die die Erkenntnisse der Virologen nutzen, um ihren Einfluss zu vergrößern. Dass ein törichtes Publikum den überkomplexen Erkenntnissen der Genies Vertrauen schenken soll, ist die Fortsetzung des blinden Vertrauens in die lutherische Obrigkeit.

So erstaunt es nicht, dass Fichtner – in der Pose des Einpeitschers – in einem aktivistischen Fatalismus endet, in dem Nachdenklichkeit, Zweifel, Selbstkritik und Korrekturen nicht mehr zugelassen sind:

„Auf dem Weg gilt es, sich von den Gefahren des Scheiterns so wenig beeindrucken zu lassen wie von den Wahrscheinlichkeiten des Gelingens. Wer einen Berg besteigt – und was wäre das menschliche Leben anderes als eine Bergtour? –, hat keine Zeit, sich ständig mit Hoffen und Bangen zu beschäftigen. Oder, in den Worten Friedrich Nietzsches: »Wie komm‘ ich am besten den Berg hinan? Steig nur hinauf und denk nicht dran!«“

Das klingt weniger nach Nietzsches Willen zur Macht, als nach dem Mythos des Sisyphos von Albert Camus. Unentwegt muss sich Sisyphos den Berg rauf und runter bewegen. Nirgendwo sieht er Zeichen sinnvoller Veränderungen.

„Es gibt zwar keinen „Ausweg“ aus der absurden Situation des Menschen, dennoch kann das Absurde überwunden werden: durch die Annahme der absurden Situation seitens des Menschen. Der Mensch gesteht sich die Absurdität seiner Lage ein und akzeptiert sie, anstatt dem Irrglauben zu erliegen, er müsse sich durch Selbsttötung aus der Absurdität befreien. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Das war der tapfere Versuch von Camus, vor den Schrecknissen des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen nicht zu resignieren. Die gefährdete Menschheit von heute aber wird sich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben können.

Fichtners Versuch, sich zwischen leichtsinnigem Optimismus und fahrlässigem Pessimismus elegant durchzuschlängeln, muss als gescheitert betrachtet werden.

Trotzköpfe aller Länder, vereinigt euch.

Fortsetzung folgt.