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Natur brüllt! XXIX

Tagesmail vom 03.11.2023

Natur brüllt! XXIX,

War Habecks Rede rhetorisch – oder echt und sachlich? Wissen wir nach seiner Rede mehr über das jüdisch-deutsche Problem – oder wissen wir nur etwas über die Gefühle des Ministers?

Rhetorik war die „Fähigkeit des schönen Scheins“.

„Sokrates hingegen war ein Gegner des schönen Scheins. Er stellte die schlichte Frage: Wie ist es nun aber eigentlich? Nicht das interessiert mich, ob du mirs kunstvoll oder ungeschickt sagst, ob in langer oder kurzer Rede, sondern ich möchte wissen, wie es ist, und wie du mir beweisen kannst, dass es so ist. Wir werden uns nicht darüber täuschen, dass hier zwei Lebensanschauungen, zwei Bildungsideale, zwei Kulturen, zwei Welten aufeinander prallen: das Prinzip der Form und das Prinzip der Sachlichkeit, die Welt der Kunst und die Welt der Wissenschaft. Auf der einen Seite der Form standen Kunstfertigkeit und Oberflächlichkeit, auf der Seite der Sachlichkeit alle Geistesschärfe. Der Gegensatz zwischen dem Was und dem Wie, zwischen der Forderung des Wissens – und der Forderung des Könnens, zwischen der Sachlichkeit und der Formvollendung reichte in die Tiefe der hellenischen Kultur hinab. In der Sokratik lehnten sich die sachlichen Triebe der menschlichen Natur gegen die sophistische Kultur des schönen Scheines auf. Sokratik war eine Äußerung des gegen alle künstlerische Form ganz indifferenten Verlangens nach sachlichem Wissen, die Sophistik aber eine Verkörperung des gegen den sachlichen Gehalt ganz gleichgültigen Triebes zu gedanklicher Virtuosität und sprachlicher Vollendung.“ (Gomperz, Sophistik und Rhetorik)

„Habecks persönliche Betroffenheit ist nicht von der Hand zu weisen. Aber das Video ist auch ein wohl kalkulierter Vorstoß in ein rhetorisches Vakuum, das die Spitzen des deutschen Staates in der Israelfrage hinterlassen haben: der Kanzler, der Präsident, auch die Außenministerin. Habeck zeigt sein altes rhetorisches Talent. Er spricht in verständlichen Worten, er zeigt Gefühle. Und er scheut sich nicht, Gegensätze und Zweifel zu benennen. Ob diese Wirkung kalkuliert war? Habeck und seine PR-Fachleute kennen die Spielregeln in den sozialen Medien gut genug, um zu wissen, dass sich so ein Klick-Hit nicht planen lässt. Habeck läuft sich gerade warm für den Grünen-Parteitag im November.

Bis dahin muss er es schaffen, sein Ego zu verstecken.“ (SPIEGEL.de)

Was denn nun? Persönliche Betroffenheit oder eine rhetorische Leistung, um gezielt ein Amt zu ergattern? Rhetorik ist ein Als-Ob, eine Vortäuschung falscher Tatsachen. Rhetorische Gefühlsäußerungen sind ein Widerspruch in sich, wenn man lautere Gefühle haben will.

Habeck soll es gelungen sein, durch Propagieren seiner Gefühle das Volk aufzurütteln und die Verwirrungen des jüdisch-deutschen Problems zu klären?

Dann wäre er ein göttlicher Redner und das Volk ein dummer Pöbel!

Um eine wahre Rede zu halten, muss sie nicht formvollendet oder stilvoll sein. Auch nicht einschmeichelnd oder fesselnd. Denn dann wäre sie perfekte Werbung oder Propaganda, die mit Wahrheit nichts zu tun haben muss.

Der Kampf zwischen rhetorischem Schein und wahrheitssuchender Sachlichkeit, begonnen im alten Athen, geht quer durch die europäische Geschichte und prägt noch heute den Kampf der Propaganda gegen die ungekünstelte Darstellung der Sache, um die Menschen zur Besinnung oder zur Erkenntnis zu bringen.

Tiefliegende Probleme werden heute nicht mehr erforscht durch Erhellung der Vergangenheit – die mindestens bis zur hellenischen Epoche reicht.

Wie falsch ein Historiker daneben liegen kann, zeigt das SPIEGEL-Interview mit dem Historiker Trentmann:

„Herr Trentmann, was ist Ihren britischen Freunden und Kollegen besonders fremd an Deutschland und den Deutschen?

Der Anspruch des Tugendhaften. Die Deutschen wollen immer gut sein und sich in ihrem Gutsein auch bestätigt fühlen. Dazu passt das Pflichtethos: diese Angewohnheit, sich selbst wie in einem Spiegel kritisch beim Leben zu beobachten. Und dann natürlich die Erinnerungspolitik, die Briten leicht als moralisierend empfinden. Als gäbe es nur eine Art, sich der eigenen Verbrechen und Verantwortung zu erinnern.“ (SPIEGEL.de)

Alles falsch. Die Deutschen wollen gerade nicht moralisch sein, was Pflicht ist, haben sie längst vergessen, erinnern wollen sie sich überhaupt nicht. Wie man sich – wie angeblich die Briten – erinnern kann ohne sich zu erinnern, bleibt das Geheimnis des Historikers.

Wir aber, bitte festhalten, gehen in die Geschichte, um die Anfänge der jüdischen Beziehungen zu den Griechen aufzudecken.

Was man hierzulande nicht weiß, ja systematisch verdrängt, beschreibt Leo Trepp in seinem Buch „Das Judentum“:

„Das griechische Denken übte einen außerordentlich starken und nachhaltigen Einfluss aus. Die Propheten waren keine systematischen Denker gewesen. Getrieben von Gottes Geist redeten sie voll leidenschaftlicher Inbrunst. Unter griechischem Einfluss eigneten sich die Juden systematisches Denken so sehr an, dass es zu einem bleibenden Instrument ihres Studiums wurde.“

Was nicht bedeutet, dass sie sich der griechischen Philosophie anschlossen. Im Gegenteil, das Heidentum bekämpften sie mit neu erworbener Logik.

Als Alexander das Land überrollte, entstanden drei Stände: die Sadduzäer, die Essener und die Pharisäer. Die Sadduzäer waren die hellenisch am meisten angepassten Reichen und Mächtigen, die Essener waren Eschatologen, die glaubten, dass das Ende aller Tage bevorstehe – und schließlich die Pharisäer, die gewissenhaft und streng die Gesetze der Torah einhielten. Nur das tägliche Befolgen der göttlichen Gesetze könnte das Weiterbestehen der Judenheit verbürgen.

Die Pharisäer waren das, was heute die Ultraorthodoxen sind. Das gesamte Leben war durchsetzt mit Gesetzen, die allesamt befolgt werden mussten.

Später nannte Jesus, der Begründer des Christentums, die Gesetzestreuen: ihr Heuchler und Pharisäer.

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 24 Ihr blinden Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt! 25 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier.“

Jesus also nannte die Pharisäer Heuchler. Waren sie denn Heuchler? Streng genommen nicht. Sie taten, was sie predigten und von sich und anderen forderten. Nicht die geringste Kleinigkeit durfte vernachlässigt werden. Was konnte der Sohn Gottes dagegen haben?

Den Konflikt zwischen gesetzestreuen Juden und Jesus kann man nur verstehen, wenn man den Schock der Freiheit verstanden hat, den das Volk in der Begegnung mit den Griechen erlebte.

Sirach beispielsweise warnte vor dem persönlichen Verkehr oder gar der Freundschaft mit den gottlosen Hellenen, er befürchtete einen ansteckenden Effekt durch den hellenistischen Libertinismus. „So entwickelte sich die Tendenz zur Absonderung der Pharisäer von den Heiden, ein typisches Merkmal jüdischer Religiosität.“ Der enge Verkehr mit Nichtjuden wurde gefährlich:

„Lass den Fremden bei dir wohnen und er wird dich deiner Lebensart entfremden und deinem Hause wird er dich fremd machen.“

Der Fromme bittet um das baldige Hereinbrechen des göttlichen Strafgerichts über die Feinde des Volkes und um die Verherrlichung Israels:

„Rette uns Gott des Alles und lege deinen Schrecken auf alle Heiden.
Schwinge deine Hand gegen das fremde Volk, damit sie deine Krafttaten erkennen.“

„Hier zeigt sich die tiefe Abneigung Ben-Siras gegen die hellenischen Unterdrücker und ihre jüdischen Parteigänger. Die endzeitliche Hoffnung Ben-Siras … ist noch ganz diesseitig und politisch-national gefärbt.“

Erst später verwandelt sich die irdische Eschatologie in eine jenseitige: der Messias wird kommen.

Was ist geschehen? Die Hellenen hatten sich von den Göttern gelöst und ihre autonome Ethik erfunden. Sich von ihrem jähzornigen Jahwe trennen, das schien den Juden unmöglich. Aber ein wenig Freiheit erhofften sie sich durch ein Verhältnis mit dem Schöpfer auf Augenhöhe: Gott, machen wir einen Deal. Ich halte deine Gesetze, dafür gibst du uns das Goldene Jerusalem.

Gewannen sie aber den Eindruck, Gott zeige sich unzuverlässig, konnten sie ziemlich grantig werden und ihn energisch an sein Versprechen erinnern.

Ihr selbstbewusster Gehorsam gegen das Gesetz konnte nur belohnt werden mit der Verheißung: ihr werdet sein wie Gott.

Zwei Freiheiten standen sich gegenüber: die autonome Freiheit der Heiden, die sich von allen Göttern gelöst und ihre autonome Ethik gefunden hatten und –
die relative Freiheit der Juden, die sich an Gottes Gesetz hielten, dafür aber ihren ewigen Lohn erwarteten.

Das alles war Jesus zu wenig. Er wollte eine absolute Freiheit, aber verquickt mit einem absoluten Glaubensgehorsam:

„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt[1], offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. 22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: 23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,[2] 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben[4]. 29 Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden.“

Damit brachte Jesus eine Freiheit, die auf dem Glauben an den Erlöser beruhte. Nicht Werke des Gesetzes brachten das Heil, sondern der Glaube an die Gnade Gottes. Eine verwickelte Konstruktion.

Paulus begnügte sich nicht mit äußerlichen Taten. Er legte Wert auf angemessene Gesinnungen. Diese Gesinnungen aber konnte nur Gott aus freier Gnade schenken. Freiheit vom Gesetz wurde zur absoluten Unterwürfigkeit unter einen gnädigen Gott. Hier sehen wir das Endergebnis des Jesus-Satzes: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“ Bis heute predigt das Christentum die Freiheit vom Gesetz, aber die absolute Determinierung des menschlichen Lebens bleibt im Hintergrund.

Juden und Christen kennen nur eine einzige Form des Zusammenlebens: unter der Knute ihres absoluten Glaubens.

Die Juden ärgerten sich erbost über den Erlöser und „verrieten“ ihn an die Römer. Hier liegt der Ursprung des antisemitischen Hasses auf die Verräter des Herrn.

Die Juden haben das Gesetz, um es perfekt zu erfüllen, die Christen haben das Gesetz, das nur durch die Gnade des Herrn erfüllt werden kann. Welche Religion ist freier und autonomer? Welche ist schriftgemäßer?

Wie Menschen ihr Leben verbringen, ist ihr Problem. Die Pharisäer aber maßten sich an, das Leben ihres ganzen Volkes diktatorisch zu bestimmen. Was daraus wird, zeigt sich im heutigen Israel: die Ultraorthodoxen überziehen das Land mit einem theokratischen Regime. Dieses religiöse Diktieren bestimmt auch immer mehr das Verhalten deutscher Antisemitismus-Bekämpfer.

Darüber geht der Streit der Religionen bis heute. Nicht mehr per Disputationen, sondern durch Erfolg in der Welt. Beide wollen die religiösen Konkurrenten auf allen Gebieten irdischer Tüchtigkeit übertrumpfen.

Dass es dabei ohne gelegentliche Gewalt nicht geht, versteht sich: deshalb die Pogrome, mit denen die Juden überzogen wurden.

Doch der Erfolg der Christen über die Juden blieb aus: nicht sie waren Sieger über die jüdischen Opfer, sondern Gott selbst war der unsichtbare Täter aller Dinge, auch der schrecklichsten.

Juden aber waren bereit, die Schuld auf sich zu nehmen. Bis auf den heutigen Tag betonen sie in ihren Gebeten: „Unserer Sünden wegen wurden wir aus ihrem Land vertrieben.“ (in Zvi Yavetz, Judenfeindschaft in der Antike)

Nicht Hitler und die Deutschen waren die wirklichen Täter am Völkermord. Sie waren nur Handlanger eines göttlichen Willens. Zwar fühlen sich die Deutschen dauerschuldig und skandieren ununterbrochen ihr weltliches Gebet: nie wieder. Doch streng genommen sind diese Selbstanklagen sinnlos. Denn nur Gott ist Wohl- und Übeltäter in einer Person.

All dies wird von den Antisemitismus-Jägern der Gegenwart ignoriert. Natürlich müssen kriminelle Taten wie üblich mit des Gesetzes Kraft bestraft werden. Doch dies gilt nur für überzeugte Demokraten, die auf einen göttlichen Regisseur im Himmel verzichten können.

Die Antisemitismus-Jäger von heute sind die Pharisäer von gestern, die nur eine Winzigkeit benötigen, um zu tönen: Antisemitismus! Haltet den Dieb!

Doch ihre Erkenntnismethoden sind aberwitzig. Ihre Diagnose beruht allein auf der Analogie ähnlicher Taten. Der da hinten hat ein Wort gesagt, das an ein NS-Wort erinnert etc. Geht’s noch oberflächlicher?

Der Mensch ist, was er äußerlich tut – nichts sonst. Freud mit seinem Es-Ich-Über-Ich-System würde sich bei solchen Sätzen im Grab umdrehen. Der Mensch besteht aus wesentlich mehr als aus der Summe seiner äußerlichen Taten.

Selbst ein törichter Narr, der ständig einen Mord ankündigt, muss kein Mörder sein. Sein ES könnte ihn zum Möchtegern-Mörder nötigen, sein Über-Ich aber könnte ihm alles vermasseln.

Eine wirkliche Diagnose bedarf eingehender Gespräche und der Erforschung seines Unbewussten. Davon sind pharisäerhafte Antisemitismus-Diagnostiker von heute himmelweit entfernt. Ermittlungsmethoden aufgrund affektiver Unklarheiten führen regelmäßig in die Irre.

Es hilft nichts: die Ermittlung potentieller Antisemitismus-Täter ist so notwendig wie schwierig – nicht anders als bei andern kriminellen Tätern: erst die Tat selbst ist der Beweis für die böse Gesinnung.

Um all diesen Widrigkeiten zu entgehen, hülfe nur eine eingehende politische Prophylaxe. In freiwilligen Gruppen, in Schulen und Unis müsste gründlich über die Gefahr des Antisemitismus gesprochen werden. Wie er entsteht, wie er gefährlich wird etc.

Dazu gehört vor allem eins: gründliche Kenntnisse der beiden Religionen, ihre gemeinsame Feindschaft gegen die Menschheit.

Erst wenn beide Religionen ihre misanthropischen Elemente aufgedeckt und bearbeitet hätten, könnten wir aufatmen. Alles andere bliebe Lärm um politische Machtakte – die eine moralische Reputation für ihr Tun benötigen. Doch vergebens.

Fortsetzung folgt.