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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXVII

Tages,mail vom 02.02.2026

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXVII,

Ist Eiseskälte die Temperatur der auf uns zukommenden Weltkrisen?

„Es ist denkbar, dass gerade eine katastrophale Gestalt der kommenden Krise durch eine furchtbare seelische Erschütterung das Tor zu dieser höchsten Liebeserfahrung bei mehr Menschen öffnen wird als je zuvor.“ (C. F. von Weizsäcker)

Moral ist jene Form der Politik, mit deren Hilfe der Mensch glaubt, seine Schwierigkeiten und Krisen zu lösen.

Was aber ist der Unterschied zwischen „selbstgerecht-legaler“ und „tiefgründiger“ Moral?

Weizsäcker warnt eindringlich vor der „selbstgerechten“ Moral.

„Legalität darf ich vom Mitbürger fordern, Moralität habe ich von mir selbst zu fordern. In der Nächstenliebe darf ich dem Mitmenschen zumuten, dass auch er von sich die Moralität zu fordern hat.“

„Das Handlungsprinzip der Nächstenliebe aber hat Augustinus formuliert: Ama et fac quod vis, liebe und tue, was du willst.“
(Alle Zitate in Weizsäcker, Wahrnehmung der Neuzeit)

Plötzlich stehen wir in Eiseskälte.

Kann ich tun, was ich will, auch das Böse, wenn ich es nur „aus Liebe“ tue?

Wird so das heidnische Böse überwunden, also das, was das junge Christentum im Kampf mit dem Römischen Recht verheißen hatte?

Ist Moral einer Demokratie nur legal, also etwas, was man fordern kann, weil sie nicht aus „Nächstenliebe“ kommen muss – sondern nur dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen hat?

Demokratische Volksbeschlüsse müssen nicht aus der Tiefe der Nächstenliebe kommen – die im klassischen Athen noch unbekannt waren –, sondern aus der bloßen Vernunft, die man nur unter bestimmten Bedingungen für richtig halten muss – am nächsten Tag aber für veraltet halten durfte.

Für Weizsäcker ist Moral etwas Äußerliches, das beim Aufkommen der Nächstenliebe für etwas Überflüssiges gehalten werden darf.

Erst eine grundsätzliche Erschütterung – eine welterschütternde Krise – ist in der Lage, so ausreichend in die Tiefe des Herzens einzudringen, dass die „lieblos-heidnische“ Legalität überwunden und sich in tief empfundene Liebe verwandeln kann.

Nur diese christliche Nächstenliebe sei erschütterungsfähig genug, „das notwendige Handeln möglich, ja denkbar zu machen.“

Weizsäcker, ein gläubiger Lutheraner und ebenso „gläubiger Physiker“, muss erst dozieren, bevor er sein Fazit zieht:

„A: Der Grundwert der Wissenschaft ist die reine Erkenntnis.
B: Eben die Folgen der reinen Erkenntnis verändern unaufhaltsam die Welt.
C: Es gehört zur Verantwortung der Wissenschaft, diesen Zusammenhang von Erkenntnis und Weltveränderung zu erkennen.
D: Diese Erkenntnis würde den Begriff der Erkenntnis selbst verändern.“

Nicht die oberflächliche heidnische Vernunft wäre demnach fähig, die Erkenntnis der modernen Physik in adäquate Tat umzusetzen, sondern allein die tief empfundene christliche Ethik.

Es gibt vieles, was Weizsäcker nicht ausspricht. Wäre demnach eine heidnische Demokratie per se unfähig, ihre Probleme zu überleben, die auf sie zukommenden Krisen zu überstehen. Ist Wissenschaft etwas, das tiefere Schichten der Überzeugung benötigt, um die sündige Welt per Kontroverse zu erhalten?

Heidnische Vernunft ist legal – nur tief empfundene Nächstenliebe ist in der Lage, die höllischen Abgründe der Welt zu bewältigen? Dann wäre die bloß aufgeklärte Vernunft des Logos völlig außerstande, die Konflikte der Welt – einschließlich der Erkenntnisse der modernen Wissenschaft – an die Leine zu legen.

Was aber ist reine Erkenntnis?

Nur jene, die mehr bräuchte, um die aus ihr folgenden Konflikte der Welt zu überwältigen, als die gewöhnlichen Probleme einer heidnischen Vernunft?

Liebe – und tu, was du willst: ist das nicht schon die Urform von Mandeville: auch das Böse sei fähig, das Gute zu tun?

Hui, hör auf, mir wird schwindlig.

Nein, schlappmachen gilt nicht, sonst haben wir schon im Vorfeld kapituliert.

Es geht nämlich um nichts Geringeres als um die Bewältigung des Titanismus. Titanismus ist der Kern der modernen Einheit aus Wissenschaft und Religion oder aus reiner Naturerkenntnis und tiefer Moral.

„Titanismus ist ein Machtanspruch, ein Allmachtstraum.“

Ohne Titanismus gibt es keinen Fortschritt der christlichen Kultur.

„Wer die Geschichte des neuzeitlichen Titanismus verfolgt hat, der muss wissen, dass seine Krise notwendig und wünschenswert ist. Es gibt keine Reifung ohne Krisen, weder im Leben eines Individuums, noch im Leben einer Kultur. Jede tief begründete Krise führt freilich, im psychischen Erleben und oft auch in der äußeren Realität, an den Rand des Todes. Es gibt Krisen, die nicht mit Reifung, sondern mit dem Tod enden.

Unsere Frage „Wohin führt der Weg?“ nimmt unter diesem Aspekt eine konkrete Gestalt an. Sie kann dann lauten: Welche Ziele muss eine Krise unserer Kultur erreichbar machen, wenn sie eine Reifungskrise und nicht eine Krise zum Tode sein soll?“

Langsam wird’s klarer. Weizsäcker scheint zu glauben, dass wir uns in einer globalen Krise befinden. Und diese scheint so schwierig – vielleicht sogar apokalyptisch? – zu sein, dass sie ohne christliche Tiefenmoral nicht lösbar sein kann.

Deshalb die Endfrage von Weizsäcker:

„Welche Ziele muss eine Krise unserer Kultur erreichbar machen, wenn sie eine Reifungskrise und nicht eine Krise zum Tode sein soll?“

Mit normalen moralischen Fähigkeiten kann demnach die Krise der Welt nicht kuriert werden. Wir müssen fromm werden und uns die Nächstenliebe der Bergpredigt aneignen. Erst wenn wir die tiefe Erschütterung der Botschaft Christi verstanden haben, können wir Christi Erlösung annehmen:

„Die christliche Eschatologie erwartet das Ende dieses Äons. Sie erwartet es nicht als Leistung von Menschen, sondern als göttliche Gnade. Dieser Gnade ist freilich, wie dem göttlichen Wirken so oft, das Entsetzen vorgeschaltet. Dieses zu denken, sollten wir lernen. Aber politisches Unheil, selbst eine politisch erzeugte Weltkatastrophe ist nicht der Sinn der Apokalypse, sondern allenfalls ihre entsetzliche Begleitmusik. Der Sinn der Apokalypse ist die Hoffnung, die neue Schöpfung, die Luther zugeschriebene Äußerung aber ist genau: „Wüsste ich, dass morgen der Jüngste Tag kommt, so würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen.“ Der Apfelbaum des Paradieses war das Symbol der ersten Schöpfung, also ist er das Symbol der Hoffnung.“

Also ist klar: Legalität ist heidnische Vernunft, die auf keinen Fall genügen wird. Wir brauchen eine tiefe gottgegebene Glaubensvernunft, die uns zeigen wird, was notwendig ist, um die absolute Endkatastrophe zu verhindern.

Womöglich ist das der tiefe Riss, der sich in der Gegenwart zwischen Neuamerika und Alteuropa aufgetan hat. Die USA haben sich dem Urglauben ihrer christlichen Begründer auf der ganzen Breite wieder geöffnet. Nur auf dieser eschatologischen Ebene könnte es erst zu einer Trump-Katastrophe kommen, die nur vom wahren Glauben überwältigt werden könnte.

Äußerliche Abstimmungen sind unfähig, die Macht des Bösen zu beherrschen. Das könnte nur jene legale Moral, die nicht die Tiefe der Heilsgeschichte erreicht.

Gewiss, anfänglich schien es, als ob sich die Logik der heidnischen Vernunft mit der Vernunft der jüdischen zehn Gebote vereinbaren ließe. Doch ab der Zeit der Renaissance trat dann der „Konflikt zwischen Moral und Religion“ auf.

Dieses Problem haben die „selbstgerechten Linken“ nicht verstanden. Denn „selbstgerechte“ Moral wird schnell unwahr. „Selbstgerechte Moral – revolutionäre wie konservative – wird böse und abgründig. Moral trennt, Liebe verbindet.“

Welch seltsame Ähnlichkeit zwischen dem amerikanisch-deutschen Peter Thiel aus Silicon-Valley und dem deutschen Quantenphysiker Weizsäcker eröffnet sich hier.

Die Amerikaner verachten die oberflächliche Wettbewerbsgesellschaft der Deutschen ebenso wenig wie die religiös erblindeten Deutschen, welche glauben, brav der kapitalistischen Ideologie der Amerikaner zu folgen. Und dennoch driften beide Länder auseinander.

Weizsäckers Botschaft: „Der welthistorisch sprengende Text der Bergpredigt ist ohne asketische Erfahrung kaum verständlich, zumal die Seligkeit der Seligpreisungen.“

Die lutherische Kanzlerin hatte den christlichen Titanismus der westdeutschen Wettbewerbsgesellschaft nicht verstanden. Sie hatte die Absicht, den säkularen Geist der Physik und den antichristlichen des Stalinismus noch in ihrer Jugendzeit zu überwinden. Im Übergang zum Westen hätte sie dann noch genug Zeit, den unchristlichen Geist des Kapitalismus per freundlicher Praxis zu überwinden.

Raffiniert gedacht, doch die Dummheit des Westens hat sie unterschätzt.

Noch immer gibt es keine rationale Lösung im Streit zwischen ökologischer Vernichtung der Welt und den Forderungen einer zu beendenden Konkurrenzpolitik.

„Klimaschutz schadet dem Wohlstand und hilft der Umwelt nicht, sagt der Chemiemanager Christian Kullmann. Die Grünenpolitikerin Katharina Dröge hält dagegen. Klare Regeln nutzen auch der Wirtschaft.“ (SPIEGEL.de)

Ökologen sind der festen Meinung: „Erst fünf vor zwölf? Schön wär’s. Die „Doomsday Clock“, die visualisiert, wie knapp diese Welt vor dem Untergang steht, zeigt seit Dienstag nur noch 85 Sekunden bis zum großen Knall.“ (Sueddeutsche.de)

Unfasslich, wie ein wissenschaftlicher Streit, der mit logischen Mitteln zu lösen wäre, mit hohlen Parolen abgetan wird.

Das zeigt die Blindheit der gesamten Fortschrittskultur, die sich mit bloßen Formeln begnügt.

Die einen sagen Ja, die anderen Nein, das war’s.

Dies hat weder mit sokratischer Weisheit, noch mit Galileis wissenschaftlicher Brillanz zu tun. Der Titanismus wird uns ins globale Grab ziehen.

Fortsetzung folgt.