Tagesmail vom 26.01.2026
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXVI,
Terra preta (portugiesisch) ist schwarze Erde.
„Die Äcker der Welt sind ausgelaugt, erodiert, belastet, vielerorts sinken bereits die Erträge. Doch eine alte Kulturtechnik aus Südamerika zeigt, wie Erde dauerhaft fruchtbar bleiben kann. Ist Terra Preta die Lösung?“ (Sueddeutsche.de)
„Die schwarze Erde im Dschungel Brasiliens entstand vermutlich, als indigene Gemeinschaften vor 500 bis 2500 Jahren Pflanzenteile, Knochen, Fischgräten, Ton und menschliche Fäkalien zusammen mit verkohlten Pflanzenresten kompostierten. Die Nährstoffe aus den Abfällen sammeln sich in den Poren der Kohle und bleiben dort gespeichert, sodass Pflanzen sie wieder aufnehmen können, Wasser sie aber kaum aus dem Boden waschen kann. Es ist vor allem diese Eigenschaft der Schwarzerde, die Fachleute wie Glaser fasziniert.“
Was sagte Kanzler Merz zur „Schwarzen Erde“? Richtig geraten: nichts.
Merz und seine Wirtschaftskumpane setzen auf endlosen Fortschritt, aber nicht auf uralte Indianertechnik.
„Für Bruno Glaser ist Terra Preta natürlich mehr als ein Weg, um Kohlenstoff-Emissionen zu vergraben. Bioabfälle, Klärschlämme, Reststoffe verkohlen, die bisher teuer entsorgt werden müssen – und damit die Böden verbessern.
Wenn man wollte, so Glaser, könne man mit dem Boden noch viel mehr erreichen. „Aber dafür braucht es politischen Willen.“
Endloses Wachstum ist das düstere Geheimnis des Fortschritts. Wenn aber alles endlos wächst, um die immer größer werdende Menschheit zu ernähren, wenn es eines Tagees mehr Menschen geben wird, als die Erde ernähren kann, werden wir bald die Grenzen der Natur erreicht oder überschritten haben.
Was dann, Herr Merz, Frau Merkel? Nicht Selbstbeschränkung war das Zentrum der christlichen Wirtschaftspolitik, sondern ewiges Durchwurschteln.
Voraussetzung zum Durchwurschteln aber sind endlose Würste, die man durchdringen muss. Das wäre eine Überlebenstechnik mitten im – fast – undurchdringlichen Überfluss der verfetteten Kultur.
Schlichte Frage: welchem politischen Ziel müssten wir uns zubewegen, um uns dem Zustand der terra preta zu nähern?
Einwand: es gibt kein Ziel, dem sich die Menschheit nähern will. Jedes Ziel ist begrenzt, der heilige Fortschritt aber lässt sich nicht begrenzen.
Die Menschheit hatte schon viele scharfe Denker! Warum werden sie nicht befragt? Die heutige Menschheit ist längst dabei, das Denken intelligenten Maschinen zu übergeben. Sie selbst will nicht mehr denken.
Hätte terra peta das sinnvolle und notwendige Ziel der überlebenswilligen Menschheit ausfindig gemacht, müsste die Weltpolitik längst das Gegenteil dessen tun, was heute in den Fabriken inszeniert wird.
Sie müsste tun, was vor vielen Jahren Sokrates und Diogenes längst für notwendig erklärt haben:
„Schon Sokrates hatte, um der inneren Freiheit willen, ein auffallend einfaches Leben geführt. Sein Schüler Antisthenes ahmte ihn darin nach, vermutlich ohne weitergehende Radikalisierung. Er hatte ein Bett, übernachtete nicht in Tempeln und behielt sein bescheidenes Eigentum.
Die Ideal-Kyniker wohnen weder in Städten, noch haben sie ein Dach über dem Kopf. Sie kleiden sich mit dem Bast von Bäumen und ernähren sich von Eicheln, sie trinken Wasser aus der Hand. Kennen keine Ehe und keine Kinderzeugung. Ohne Krankheit, ohne falschen Ehrgeiz und ohne Habgier – also ohne Krieg – werden sie uralt.
Poseidonios idealisierte die alten Römer in ähnlicher Weise: „Sie trinken nur Wasser und essen, was es gerade gibt. Vater und Mutter fragen das Kind, ob es Birnen oder Nüsse haben will, es isst davon, lässt es dabei bewenden und legt sich zum Schlafen.“ (Franz Lämmli, Homo Faber)
Ach herrje, verschone uns mit diesem Schlichtheitsgewäsch. Das ist ja kaum zu ertragen. Das sind keine lebensfrohen Utopien, das sind unerträgliche Überlebensphantasien kurz vor dem Ende der Welt.
Merkwürdig, aus jener Zeit stammen bereits die Phantasien über jene Maschinen, die uns heute gehorchen müssen.
„Bei Krates ist die Automation sogar auf die Geräte ausgedehnt, denen man, wie ein Gott, nur zu befehlen braucht, und schon kommen sie unverzüglich zur Bedienung herbeigeeilt.“ (ebenda)
Deutschland hatte weltberühmte Physiker wie Otto Hahn und Werner Heisenberg. Warum liest man bei ihnen kein Wörtchen über die notwendigen Überlebenschancen des Menschen?
Zuerst Otto Hahn: „Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, die Welt, die Wirklichkeit und Wahrheit ohne Rücksicht darauf zu erforschen, ob die Menschheit dadurch Gutes oder Schlechtes erfährt“ – eine Meinung, der auch Werner Heisenberg in seinen „Grundlagen der Naturwissenschaft“ beigepflichtet hat: „Ob eine Umkehr auf dem von der modernen Wissenschaft beschrittenen Weg für die Menschheit ein Glück oder Unglück wäre, vermag niemand zu sagen. Sicher aber ist sie unmöglich und wir müssen uns damit abfinden, dass es unserer Zeit bestimmt ist, den einmal beschrittenen Weg zu Ende zu gehen.“
Heisenberg lehnte jede Schuld seiner Quantenphysik ab. Bekanntlich widersprach seine neue Entdeckung dem Denken Einsteins, der kategorisch dabei blieb: Gott würfelt nicht. Bei den neuen Quantenphysikern aber konnten das Eine und sein Gegenteil zugleich entstehen.
„Ich glaube nicht, versuchte ich zu antworten, dass es Sinn hat, hier das Wort „Schuld“ zu verwenden, selbst wenn wir in irgendeiner Weise in diesen ganzen Kausalzusammenhang verwoben sind. Otto Hahn und wir alle haben an der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft teilgenommen. Diese Entwicklung ist ein Lebensprozess, zu dem sich die Menschheit oder wenigstens die europäische Menschheit, schon vor Jahrhunderten entschlossen hat – oder wenn man vorsichtiger formulieren will, auf den sie sich eingelassen hat. Wir wissen aus Erfahrung, dass dieser Prozess zum Guten und Schlechten führen kann. Aber wir waren überzeugt, – und das war insbesondere der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts – dass mit wachsender Kenntnis das Gute überwiegen werde und dass man die möglichen schlechten Folgen in der Gewalt behalten könne. An die Möglichkeit von Atombomben hat vor der Hahn’schen Entdeckung weder Hahn noch irgendein anderer von uns ernstlich denken können, da die damalige Physik keinen Weg dahin sichtbar machte. An diesem Lebensprozess der Entwicklung der Wissenschaft teilzunehmen, kann nicht als Schuld angesehen werden.“ (Heisenberg, Das Teil und das Ganze)
„Denn wer so denkt, verdenkt dabei, dass in der heutigen Welt das Leben der Menschen weitgehend auf dieser Entwicklung beruht. Dazu kommt, dass bekanntlich Wissen auch Macht ist. Solange auf der Erde um Macht gerungen wird – und einstweilen ist kein Ende zu sehen – muss also auch um Wissen gerungen werden. … Einstweilen gehört die Entwicklung der Wissenschaft zum Lebensprozess der Menschheit, also kann der Einzelne, der in ihm wirkt, dafür auch nicht schuldig gesprochen werden. Die Aufgabe muss daher darin bestehen, diesen Entwicklungsprozess zum Guten zu lenken, die Erweiterung des Wissens nur zum Wohl der Menschen auszunutzen, nicht aber diese Entwicklung selbst zu verhindern. … Der Einzelne ist von der geschichtlichen Entwicklung an die entscheidende Stelle gesetzt worden und er hat den Auftrag, der ihm hier gegeben war, auch ausführen können: mehr nicht.“
Eine merkwürdige fast neoliberale Logik ist hier zu erkennen. Die physikalischen Ereignisse dieser Welt sind nicht dem Menschen in die Schuhe zu schieben. Er kann nur entscheiden, wie er mit ihnen schalten und walten will. Ablehnen kann er sie nicht.
Merkwürdig: wenn er nicht Ja sagt, sagt er dann nicht Nein? Wenn Hayek die Unterdrückung der Armen nicht für richtig hielte, müsste er sie dann nicht kategorisch stoppen?
Heisenberg muss auch die Verantwortung der Physiker gegenüber dem Verhängnis Hitlers begründen.
„Denn wir haben ja auch die schrecklichen Dinge, die von unserer Regierung getan worden sind, nicht verhindern können. Die Tatsache, dass wir ihr Ausmaß nicht kannten, ist keine Entschuldigung, denn wir hätten uns ja noch mehr anstrengen können, sie in Erfahrung zu bringen.“
Eben, genau dies hätten sie tun müssen. Und wenn die Mehrheiten des Volkes das getan hätten, hätten sie Hitlers Völkerverbrechen tatsächlich verhindern können. Sind Menschen oder Naturwissenschaftler ferngelenkte Marionetten, die keinen freien Willen haben?
Hat die Physik endlich den freien Willen der Menschen vom Tisch gewischt? Muss er jetzt tun, was die Quanten ihm vorschreiben – obgleich sie selbst nach Willkür herumschwanken?
Fazit: „Ich spürte deutlich, dass wohl nie der gute Wille Einzelner, sondern immer nur der harte Zwang der äußeren Verhältnisse die notwendigen Änderungen in der Struktur des Denkens vieler Menschen bewirken könnte.“ (ebenda)
Heisenberg ist nicht nur Erfinder der ambivalenten Quantenphysik, sondern der absoluten Schuldlosigkeit seiner Weltpolitik. Für ihn gib es keine Schuld der Quantenphysik. Was immer geschieht, es geschieht aus übermenschlichen Gründen. Hayek hätte vollmundig zugestimmt.
Es gibt keine Moral, die fähig wäre, den Menschen zur Freiheit zu bewegen.
Die Dinge der Natur laufen, wie sie laufen – und niemand kann sie in seinem Interesse verändern.
Somit ist die Revolution der Naturwissenschaft vollzogen. Zwar sind bestimmte Kausalitäten durchschaut, doch der Freie Wille des Einzelnen ist perdu.
Der Mensch hat die grundlegenden Gesetze der Natur erkannt – um zu erkennen, dass er ein Gefangener dieser Gesetze ist.
Einstein dachte diametral anders. Er war von der Kausalität der Naturgesetze überzeugt und ebenso davon, dass der Mensch lernen müsste, sie zu beherrschen. Er glaubte an die Schuldfähigkeit des Menschen, der alles unternehmen muss, um ein möglichst schuldfreies Leben zu führen.
Heisenberg und Hahn waren typisch deutsche Wissenschaftler, die es nicht für möglich hielten, dass sie als Land der Genies Schuld auf sich laden könnten.
Im Gegensatz zu den amerikanischen Atomphysikern unter der Leitung von Oppenheimer, der mit seinen internationalen Mitarbeitern endlos herumstritt, ob sie nun Hiroshima vernichten sollten – oder nicht.
Das war auch der Grund, warum kurz nach dem Ende des Krieges, die inhaftierten deutschen Genies es nicht für möglich hielten, dass ihre amerikanischen Konkurrenten eine Atombombe zünden könnten.
Gottlob, sie waren wieder einmal davongekommen. Es waren die USA, die endlose Schuld auf sich geladen hatten.
Das ist die „schuldlose“ Seite der Deutschen bis heute. Gleichgültig, was sie tun: schuldiges Tun können sie an sich nicht erkennen.
Und nun explodieren die Trumpisten, die diese moralischen, deutschen Jüngelchen nicht länger ertragen und sie zur Rechenschaft ziehen wollen.
Deutschland, jetzt bist du dran.
Fortsetzung folgt.