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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXIII

Tagesmail vom 05.01.2026

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXIII,

Beim Großen Rat des Universums bewarb sich das zukunftsfrohe Volk der Deutschen um einen ständigen Platz.

Zum Beweis ihrer Tüchtigkeit und Fröhlichkeit beriefen sie sich auf ihre TV-Lieblingssendung:

Good bye, Deutschland, die Auswanderer.

Das Universum bog sich vor Lachen.

Zum Beweis der Regierungsfähigkeit ihrer Gewählten zeigten sie den Bürgermeister von Berlin, als er sich beim Besuch von Kälteopfern mitleidend über eine alte Dame beugte, um ihr Mut zuzusprechen. Kein Tagesbeobachter war da, um ihm die kritische Frage zu stellen, warum er sich am Tage der Katastrophe in seinem Büro eingeschlossen hatte. Seine spätere Antwort lautete: um sich rund um die Uhr präsent zu halten. Wahrlich, das ist deutsche Geistesgegenwart.

Nach alten Mythen muss der Mensch das Werk der Götter wiederholen, um seine gefährdete Welt zu retten. Das kann ganz schön gefährlich werden. Denn auch das Böse muss wiederholt werden.

„Das ist nicht immer leicht, denn es gibt auch tragische, blutige Kosmogonien, und auch diese müssen wiederholt werden. Die Götter mussten ein Meeresungeheuer, ein Urwesen erschlagen und zerstückeln, um daraus die Welt zu erschaffen – also muss der Mensch das gleiche tun, wenn er seine Welt, seine Stadt oder sein Haus baut, Daraus erklären sich die blutigen oder symbolischen Opfer beim Bauen … (Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane)

Die gefährlichen Ungeheuer sind Sinnbild des Bösen. Um die Welt zu retten, muss also auch das Böse gerettet werden? Ein wahnsinniger Gedanke.

Hat der Mensch nicht die Moral und das Gute erfunden, um das Böse ad absurdum zu führen?

Stopp, diese Frage gehört zu den schwersten der Welt. Es gibt niemanden, der sie aus dem Handgelenk beantworten könnte.

Da gibt’s die eine Antwort:

„Er ist der Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alle seine Wege sind recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er.“

Und hier die andere:

„Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der alles vollbringt.“

„Bläst in der Stadt jemand ins Horn, ohne dass das Volk erschrickt? Geschieht ein Unglück in einer Stadt, ohne dass der Herr es bewirkt hat?“

Hu, da stehen wir und glotzen in die Luft. Hat Gott irgendetwas mit dem Bösen zu tun – oder vertilgt er es wie die Pest?

Tomáš Sedláček schrieb in seinem wuchtigen Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ :

„Es ist nicht Sache der göttlichen Vorsehung, das Schlechte (= das Böse) ganz von den Dingen auszuschließen. Wenn man alles Böse verhinderte, fehlte viel Gutes in der Welt.“

Das war die Hauptthese von Bernhard Mandeville, die er in seinem berühmten Buch „Die Bienenfabel“ lyrisch darstellte.

Selbst H. A. Hayek, Hauptdenker des Neoliberalismus, gilt als Befürworter dieser These: „Hatte nicht schon Thomas von Aquin einräumen müssen, dass vieles Nützliche verhindert würde, wenn alle Sünden streng verboten würden?“

Jetzt sind wir platt und müssten den deutschen Moralgegnern und Trump-Sympathisanten Recht geben, wenn sie die Befürworter der politischen Gerechtigkeit als pure Heuchler verspotten.

Kein Gutes ohne Böses? Kein Heiland ohne Teufel? Kein Mephisto ohne seinen berühmten Satz: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Die Befürworter des Bösen als Kraft des Guten verweisen auf Amos:

„Geschieht ein Unglück in einer Stadt, und der Herr hätte es nicht bewirkt?“

Ein englischer Theologe kommentiert diesen Satz:

„Das Böse der Sünde kommt von uns selbst, wir begehen es selbst. Das Böse aber an sich kommt von Gott und ist sein Werk, wer auch immer sein Werk sein mag!“

Aus all diesen Gründen kann das Böse in der Welt nicht ausgelöscht werden, es wäre auch gar nicht wünschenswert. Die göttliche Vorsehung schließt das Böse nicht aus: „Gott ist mächtig genug, dass Er das Übel auf das Gute hinordnen kann. Gott gebraucht alle Sünden zum Guten, denn aus jedem Bösen lockt er ein Gutes hervor.

Manchmal ist es besser, den Teufel vor den Pflug zu spannen, als gegen ihn zu kämpfen. Statt viel Energie in den Kampf gegen das Böse zu stecken, sollten wir lieber dessen Energie für das Erreichen der gewünschten Ziele nutzen, eine Mühle an einem tobenden Fluss bauen oder den Teufel vor einen Pflug spannen. Können wir ihn nicht besiegen, müssen wir ihn überlisten. Es ist klüger und vorteilhafter, die chaotischen Naturkräfte angemessen zu nutzen, als zu versuchen, sie nach Sisyphus-Art zu bändigen.“

Das Böse ist Geburtshelfer des Guten. Ohne Böses kann sich das Gute nicht durchsetzen. Ist das für naive Sozialisten nicht der blanke Wahnsinn?

Michael Novak behandelt dieses Problem in seinem Buch „Der Geist des demokratischen Kapitalismus“. Seiner Ansicht nach ist nur der demokratische Kapitalismus fähig, die tief verwurzelte Sünde im Herzen der Menschen auszumerzen. Nur der Kapitalismus sei fähig, die „gefallene Welt“ als Grundlage der Realität anzunehmen und ihre „Energie wieder in kreative Kraft umzuwandeln“. Letztlich „pflügt auch Gott mit dem Teufel. Er benutzt den Bösen als seinen Diener.“

Sedláčeks Fazit:

„Das christliche Denken betont ein Konzept, das wir „positive Ungerechtigkeit“ nennen könnten. Es spielt kein Rolle, wie sehr sich der Einzelne anstrengt – alle bekommen den gleichen Lohn. Das Christentum schafft die Anrechnung von Gut und Böse weitgehend ab. Gott vergibt, was positiv ungerecht ist. Das Christentum führt das Konzept des Gottesreichs, des Himmels in die große Geschichte ein und lässt so das hebräische Problem der göttlichen Gerechtigkeit und ihrer (fehlenden) Manifestation auf der Erde.“

Wenn Sedláček Recht hätte, wäre das eine erdumfassende Donnererkenntnis. Die bekannte Kritik am Kapitalismus von links wäre absurd. Nicht die permanente Gier wäre das Problem, sondern der Mangel an Gier.

„Mandeville war Hauptvertreter der Philosophie, laut der wir Gier brauchen. Gier ist die notwendige Bedingung für den Fortschritt einer Gesellschaft, ohne sie würde es keinen oder kaum einen Fortschritt geben. Unsere Nachfrage muss immer weiter wachsen, denn das wäre der einzige Weg zum Fortschritt. Aus diesem Denken ist die moderne Ökonomie erwachsen. Sie setzt voraus, dass die menschlichen Bedürfnisse unbegrenzt sind (wachsende Nachfrage), die Ressourcen hingegen knapp. Nach Meinung von Mandeville sind die Märkte nicht nur die Koordinatoren der menschlichen Aktionen, sondern können auch persönliche Laster in Tugenden und damit in Vorteile umwandeln.“

Das wäre die totale Revolution der Theologie. Zu mindestens der lutherischen. Die Katholiken hätten weniger Probleme, denn ihre Seligkeit ist das Produkt ihrer Werke, die von den Priestern abgesegnet werden müssen. Auch Calvin hätte weniger Probleme.

Luther hingegen, dessen explosive Kraft dem Römerbrief entstammt, bleibt unüberwindbar: der Mensch wird nicht durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt, sondern durch – Gnade. Er muss darum bitten und kann sich auf nichts berufen.

Bei Sedláček aber, dem Bewunderer Mandevilles, sind Werke notwendig. Keine guten allein, sondern gute und böse. Mensch, du kannst machen, was du willst, dein gemischtes Tun ist immer notwendig. Das Gute ist genauso notwendig wie das Böse, das Naturgemäße wie das Naturzerstörende, das Menschenfreundliche wie das Menschenbeschädigende, das Milliardärsfreundliche wie das Milliardärsfeindliche. Es kommt wohl auf die Mischung an.

Möglicherweise ist das Kompromiss-Gerangel der Berliner die wahre Formel für eine metaphysische Mischung aus Bösem und Gutem. Allerdings ist der Kompromiss kein rationales Entgegenkommen, sondern eine mystische Formel aus Gutem und Bösen, das die angeblich Guten und angeblich Schlechten sich mühsam aus den Rippen schneiden müssen, um sich irgendwie zu einigen. Und die neugierige Presse hat nichts Besseres zu tun, als die Bestandteile der Kompromisse auf ihre gerechten Anteile zu prüfen. Dass es auf logische Gerechtigkeit gar nicht ankommt, ist ihrer theologischen Blindheit entgangen.

Was wissen wir jetzt mehr? Angeblich wissen wir jetzt, dass eine christliche Moral nicht darin besteht, das Böse mit dem Guten zu dezimieren. Sondern beides miteinander so zu verrühren, bis es unmöglich ist, den guten Anteil vom bösen zu unterscheiden.

Die modernen Vertreter des christlichen Amoralismus hätten Recht, ohne zu wissen, warum – denn wer kennt schon Mandeville? Dennoch müssen wir vermuten, dass die genialen Silicon-Valley-Milliardäre instinktiv das Wahre vermuten: das Böse, das sie tun, ist absolut notwendig, um den Fortschritt der Wirtschaft in Bewegung zu halten. Kein Fortschritt ohne das Böse, das alles in Bewegung hält.

Die wahren Vorwärtstreiber unserer Kultur wären die Vertreter des Bösen, die für den Fortschritt verantwortlich sind. Ohne Böses kein Gutes in der Welt des Kapitalismus.

Damit hätten wir das Rätsel der Moral gelöst. Es gibt zwei Moralen in der Welt des christlichen Kapitalismus: die Moral der Griechen und die der Christen – vor allem der Lutheraner.

Griechische Ethik ist das Lernen einer Ethik, die aus zwei Teilen besteht, dem Guten und dem Bösen. Das Gute hat den Zweck, durch sinnvolles Handeln, vor allem in der Polis, das Böse und Menschenschädliche zu erkennen und zu vertilgen.

Sokrates war Mäeut einer Gesinnung, die den Unterschied von Gut und Böse im Hebammengespräch zu erforschen sucht.

Wer wirklich das Gute erkannt hat, wird unfähig, das Böse zu tun. Zu jedem Fortschritt aus bösen Motiven ist er unfähig geworden. Er hat erkannt, was dem Menschen wirklich gut tut und benötigt keine widersprüchlichen Motive, um welt- und menschenschädliche Effekte zu erzielen.

Das Böse aber der christlichen Moral ist nicht böse im unverträglichen Stil des absoluten Gegenteils, sondern böse im raffinierten Stil des Teufels als Diener Gottes. Sokrates hingegen braucht keine Teufel, um die Welt menschlicher zu gestalten.

Nicht Machiavelli war demnach die absolute Katastrophe der logisch griechischen Moral, sondern die Neuzeit mit Bernard Mandeville und dessen Verdrehung des Bösen zum anti-guten Guten.

Bei Gott gibt es nur Gutes, obgleich die meisten Menschen in die Hölle fahren müssen.

Bei Sokrates gibt es nur das menschlich durchdachte Gute, das sich in der Bekämpfung des Bösen erweist und den Weg der autonom denkenden Menschheit in eine humane Zukunft zeigt.

Griechische und theologische Logik, griechisches Gut und Böse und christliches Gut und Böse sind für immer unvereinbar.

Fortsetzung folgt.

Die Tagesmail vom Sokratischen Marktplatz kommt ab dem neuen Jahr 2026 nur noch einmal pro Woche.