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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXII

Tagesmail vom 12.12.2025

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXII,

Eisige Kälte des Weltraums.

Vor den Treppen seines wohlbehaglichen Hauses sitzt ein Untergangssüchtiger. Ein zufällig Vorbeikommender gesellt sich zu ihm:

He, was machst denn du hier – in diesem scheußlichen Wetter, direkt vor deiner behaglichen Bude??

Keine Antwort.

Nochmal, was machst du in diesem Weltuntergangsinferno direkt vor deinem Haus und lässt dich zugrunde richten?

Keine Antwort.

Ich frag dich jetzt ein letztes Mal – dann schiess ich.

Keine Antwort

Schuss.

Was für ein Unfug! Sind die Amerikaner denn nicht unsere Erretter und Wohltäter?

Ja, das waren sie. Jetzt sind sie es nicht mehr. Inzwischen sind sie das Gegenteil. Sie haben es satt, gute Menschen zu sein, sie wollen ihrer uramerikanischen Berufung gerecht werden – und ihrem unbedingten Egoismus folgen.

Die verzärtelten Deutschen verstehen nicht, dass die negative Seite der Weltgeschichte in ihre Spielräume eingedrungen ist. Längst hätten sie es ahnen und beobachten können.

Amerika aber hat sich anstelle der Deutschen das apokalyptische Volk als Lieblingsvolk ausgesucht. Schwierig genug, aber mit einem hohen Lohn ausgestattet.

Das amerikanische Urprinzip „verlangt Unterwerfung unter das Moralgesetz des Stärkeren wie in einem früheren Amerika, denn die Vereinigten Staaten waren aus objektivistischer Sicht „die erste moralische Gesellschaft in der Geschichte.“ Der Staat hat nur noch polizeiliche und militärische Aufgaben, keine sozialen. Der Solipsismus (der gottgleiche Individualismus) ist ein Wert an sich.“

In Ayn Rands superamerikanischen Romanen streicht Robin Hood durch die Lande, beraubt die Armen und beschenkt die Reichen. Der Ausdruck „making money“ ist die stolzeste Errungenschaft der Amerikaner, weil sie anders als andere Völker nie einem statischen Wohlstandsbegriff verfallen sind. Leider hätten Bettler, Schmarotzer und Erbschleicher die alten amerikanischen Tugenden ausgehöhlt.

Das Grunddogma in der Millionärskommune lautet: kein Mitleid zeigen. Unter Studenten war Ayn Rand besonders beliebt.“ (Raeithel, Bd 3)

Haben die verwöhnten Deutschen nicht bemerkt, dass ihre transatlantischen Erzieher von Demokratie sprachen, aber unter ihr etwas anderes verstanden als ihre griechisch und lateinisch sprechenden Völkerverbrecher?

Tocqueville hatte die liberale Legende der amerikanischen Geschichte geschaffen, dieser angebliche Apostel der Gewissensfreiheit und Demokratie, während es sich in Wahrheit bei den ersten puritanischen Siedlern um eine Oligarchie gehandelt hatte – mit grausamer Härte gegen alle Enterbten und mit rücksichtsloser Knebelung aller freien Meinung.

Calvin, der geistige Urvater der ersten Kolonisten, war alles andere als ein Urdemokrat. Er war das Gegenteil. Gott, der allesbestimmende Despot, regierte unbarmherzig allein über die Menschen.

Der junge Ralph Waldo Emerson stellte die „Unendlichkeit des Privatmannes ins Zentrum seiner Lehre.“ „Die amerikanische Kultur sollte aus bewusster Ablehnung europäischer, insbesondere englischer Vorbilder erwachsen. „We must go alone“.“

„Nur, wenn der Mensch alle fremde Hilfe ablegt und alleine dasteht, erst dann wird er in meinen Augen stark sein und obsiegen.“ „Vergesst Europa ganz.“ „Nachahmung ist Selbstmord.“

Wer war es, der der Welt verkündete: Es tut mir leid, die Vereinigten Staaten sind die Führer der freien Welt, und in dieser Administration beginnen wir, auch wieder entsprechend zu handeln? George Dabbelju Bush.

„Verbündete wurden nur noch verständigt, aber nicht mehr konsultiert. Die Reagan-Doktrin zielte auf globale Machtentfaltung und war gegen das „Reich des Bösen“ gerichtet, wie Reagan die Sowjetunion 1983 bezeichnete.“

Alles unbekannt im deutschen Bildungsland? Amerika wurde in Deutschland als neues Paradies bejubelt. Hollywood, die tolle Musik, die ungeheuren Hochhäuser, die Welt der wahnsinnig Reichen, das war ein Eldorado, das den deutschen Überlebenden in einen Rausch versetzte.

Erst heute erwachen sie aus dem amerikanischen Traum und verstehen die Welt nicht mehr.

Amerika – die vorbildlichste Demokratie der Welt?

„Die USA waren nie eine Weltmacht wider Willen, sondern ein Staat, der seine Interessen zielstrebig, finessenreich und notfalls mit Gewalt durchsetzte. Der amerikanische Kongress hat fünfmal den Krieg erklärt, aber insgesamt 130 mal setzten die jeweiligen Präsidenten Kampftruppen ohne Kriegserklärung ein, um das „informelle Imperium“ zu verteidigen. In der Regel intervenierten die USA zugunsten von Regierungen, die nicht repräsentativ waren für ihr Volk. Die bis zum Golfkrieg bevorzugte Form der militärischen Intervention wurde mit dem Begriff „schwach-intensive Kriegsführung“ schöngeredet. Eigentlich handelte es sich um staatlich geförderten Terrorismus.“

Obwohl die Kluft zwischen der neuen Welt und der alten Verbrechernation offen zutage lag, wurde es als politisch unfair betrachtet, Amerika zu kritisieren – und Russland zu „verstehen“.

Und was war mit Gorbatschow?

Hätten nicht unsere „Idealisten“ den Kurs Gorbatschows innig begrüßen müssen? Die Selbstbiographie der Exkanzlerin enthält zwar den Namen Gorbatschow, aber ohne die geringste Würdigung.

Jetzt meldet sie sich wieder zu Wort, vermutlich in der Meinung, in schwierigen Situationen geht’s nicht ohne ein lutherisches Statement.

„Merkel äußerte sich außerdem kritisch über die neue US-Sicherheitsstrategie. »Ich glaube, wir als Europäer sollten nie von uns aus das Band mit den Vereinigten Staaten von Amerika zerschneiden«, sagte sie. »Aber wir können das, wie wir jetzt angesehen werden, auch nicht akzeptieren.« Merkel beklagte, dass Organisationen wie die Europäische Union als »Störenfriede« gesehen würden und dass man versuche, einzelne Mitgliedsländer auf seine Seite zu ziehen.“ (SPIEGEL.de)

„Angela Merkel (CDU) erwartet einen harten Kampf mit den USA über notwendige Regeln für Anwendungen mit künstlicher Intelligenz. »Ich finde das einerseits faszinierend, aber andererseits schreit es danach, dass wir Leitplanken einsetzen, dass wir regulieren«, sagte die ehemalige Kanzlerin.“

Übergriffe der KI müssen reguliert werden, aber die schrecklichen Menschenrechtsverletzungen werden nur nebenbei erwähnt? Merkel spricht malerisch von Leitplanken, die eingesetzt werden müssten, sagt aber kein Wörtchen, wie sie sich die Auseinandersetzung unter gleichberechtigten Demokratien vorstellt.

Demokratien regeln ihre Konflikte nach strengen Debatten-Spielregeln und Abstimmungen, heute nicht zuletzt in der UN-Vollversammlung. Die schlimme Entwicklung Amerikas war schon seit Jahrzehnten ersichtlich. Warum hat Merkel, als sie noch regierte, diese Entwicklung nicht längst scharf unter die Lupe genommen?

Nein, ihr Motto ist, wie sie selbst bekannte: never explain. Alle unangenehmen Dinge mit blumigen Vergleichen und hinter verschlossenen Türen abwiegeln.

Merkel ist keine vorbildliche Demokratin, sondern eine hervorragende Demokratie-Darstellerin. Sie ist das Vorbild unserer Boulevard-Narzissen, die es fertig bringen, ihre lächerlichen Almosensammlungen als Spitze der Nächstenliebe zu preisen, aber keinen Augenblick daran denken, den ungeheuer reichen Musks und Bezos nur ein Prozent ihrer Vermögen abzuziehen.

Kapitalismus ist eine Nebenerfindung der Demokratie. Die beginnende Wirtschafts-Freiheit im griechischen Land war eine Erfindung derer, die mit wachsenden Wirtschaftsverhältnissen ihr Ansehen erhöhen und verbreiten wollten.

Doch die Nebenerfindung wurde – mit Hilfe der freien Demokratien – zur Hauptgegnerin, die sich anheischig macht, die Freiheit und Gleichheit jeder lebendigen Demokratie zu gefährden. Die wahren Herren der Demokratie wurden die Wirtschaftskönige, der Rest wurde zum Pöbel, der von den Mächtigen beherrscht werden musste.

„Bereits in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts beginnt die ökonomische Literatur, die entweder vom philosophischen Standpunkt her nach idealen oder von der Praxis her nach den ökonomisch jeweils günstigsten Verhaltensmustern sucht. Xenophon begegnet uns hier als der erste an Wirtschaft interessierte Schriftsteller.“ (Bleicken, die athenische Demokratie)

Heute ist Wirtschaft faktisch zur Despotin der Ökonomie geworden. Sie entstand zwischen zwei Polen. Ihr Anfang war die ehrwürdige Autarkie, ihr heutiger Zustand ist die grenzenlose Übertreibung von Leuten, die kein Maß mehr kennen und die Interessen anderer mit Verachtung beiseiteschieben.

Prodikos entstammte der sokratischen Schule und lehrte der Jugend die Ethik der Entsagung:

„Prodikos stellte der Jugend, die er erziehen wollte, den jungen Herakles als Vorbild für die Wahl des rechten Lebenswegs hin, des Wegs der entsagungsvollen Arbeit, auf dem allein das Leben Gehalt bekommt und der schließlich zu einem ehrenvollen Ziel führt. Der Wert der Lebensgüter aber liegt nicht in ihnen selbst, sondern bestimmt sich nach dem Gebrauch, den der Mensch von ihnen macht. Die Anfechtung des Reichtums als eines unbedingten Gutes und die Behauptung, dass er auch ein Übel sein könne, erregte unter den Zuhörern ungeheures Aufsehen.

Im Lob der Armut wohnt die Mutter allen Handwerks, da nur Not die Leute treibt, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Bei ihr wohnt die Selbstzucht und der Anstand und sie ist die Feindin der Üppigkeit und der Schwelgerei. Die armen Staatsmänner in den Städten sind redlicher, uneigennütziger und volksfreundlicher als die reichen.“ (Nestle)

Heute sind moralische Abwertungen des außer Rand und Band dahin stürmenden Kapitalismus ein Affront.

Die Einführung der Moral im Ökonomischen begann in der Schule des Gorgias, der mit rhetorischen Fähigkeiten sein Publikum zu bezaubern und zu beherrschen wusste.

„Gorgias hat seinen Schülern den Willen zur Macht eingepflanzt. Denn das liegt in der Bestimmung des Ziels der Rhetorik: über andere zu herrschen.“

Hier beginnt die bislang anständige Moral der jungen Demokratie sich in Gegensätze zu spalten. Oder – man könnte sagen – die Menschen erlebten die Verführungskraft des jungen Kapitalismus. Die Ehrgeizigen lernten, mit gewissen Tricks immer mehr zu verdienen.

Nestle spricht vom Naturrecht der Starken. Daneben stellte er gleichberechtigt das Naturrecht der Schwachen. Er betrachtete die Gesetzgebung als einen Vertrag, durch den sich die Teilhaber gegenseitig ihr Recht verbürgten, sprach aber dem Gesetz ausdrücklich die Fähigkeit zur sittlichen Erziehung der Bürger ab.

Ein platonischer Faschismus ist hier nicht möglich. Gesetze sind dazu da, die gesellschaftlichen Spielregeln zu bestimmen. Das war’s. Die Begründung der Ethik war der Philosophie vorbehalten.

Heute kennt kein Deutscher die Lehren der „Weisheit“. Im Gegenteil, sie werden verachtet. Erfolgsmenschen brauchen keine pädagogischen Verhaltensregeln. Das wäre eine unzumutbare Einschränkung ihrer Autonomie.

Die Philosophen selbst beschäftigen sich ungern mit aktueller Politik. Sie reden am liebsten über allerschwerste Fragen wie: gibt es ein Sein, ein Nichtsein?

Die zweigeteilte Moral der Athener – genauer, ihr nichtethischer Teil – wird bei Machiavelli zur „Staatsraison“ jener adligen Häuser, die es satt hatten, ihre Regierungsgeschäfte mit simpler Moral einzuschränken zu lassen.

Heute ist Staatsraison etwas, was niemand genau kennt, aber einen untergründig hohen Wert besitzt.

Der Neoliberalismus hat jede Moral aus der Ökonomie rausgeworfen. Wirtschaftliche Vorgänge dürfen von Menschen nicht beeinflusst werden. Sie unterliegen allein den Gesetzen historischer Mächte, die schlicht und einfach akzeptiert werden müssen.

Diese Propaganda ist identisch mit der antiken Lehre des moralfreien Thukydides, die für die Reichen gilt:

„In der Politik haben moralische Urteile oder Rücksichten keine Stelle. Hier ist einzig und allein der Vorteil des Staates für das Handeln maßgebend. Für einen Herrscher oder einen Staat der ein Reich umfasst, ist nichts unvernünftig, was ihm zuträglich ist.“

„Dieser Grundsatz lässt sich nur durch ruhige Berechnung des eigenen Vorteils bestimmen. Nicht durch irgendwelche moralische Leidenschaften.“

Inzwischen wissen wir: auch Berechnungen lassen sich durch Tricks nach Belieben verfälschen.

Fortsetzung folgt.

Die nächste Tagesmail kommt vermutlich erst im nächsten Jahr.