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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXI

Tagesmail vom 08.12.2025

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXXI,

die Erde ist im Zerfall. Mit Gewalt zusammengeflickt muss sie ihre maroden Teile neu zerbrechen, um eine naturgemäße Einheit zu versuchen.

Eine gesunde Erde wäre die Einheit der Natur mit dem Menschen.

Seit der Mensch existiert, versucht er mit der Natur ins Reine zu kommen. Oft mit Gewalt, weil er seine erpresste Einheit für besser hielt als die vorgefundene.

Die Natur erträgt vieles, auf Dauer aber nicht das Folterkostüm des homo brutalis. Irgendwann regt sie sich an allen Ecken und Enden und zeigt seinem Beherrscher die Fratze seiner lächerlichen Bevormundung.

Auf den Trümmern seiner Niederlage – oder der Leiche seiner Kultur – beginnt der stolze Mensch, eine neue natürlichere Einheit zu erproben.

Die Nachkriegsepoche war der Idee nach eine der besten: die Freiheit des Menschen sollte mit der Freiheit der Natur übereinstimmen.

Und tatsächlich, vieles stimmte überein und erfreute den Menschen mit dem Überfluss ihrer naturgemäßen Pracht.

Doch die Menschheit vermehrte sich unermesslich und begann der Natur die Haare vom Kopf zu fressen.

Der Mensch glaubte, mit Hilfe seiner Wissenschaft die Natur besser zu verstehen als sie sich selber. Manchmal gelang dies, und der Mensch lebte wie in einem Paradies.

Doch immer öfter verwandelte sich die Antwort in eine Drohgebärde, die den Menschen hätte veranlassen müssen, sich selbst zu ändern.

Die Antworten des Menschen waren seine Religionen, Geschichtsentwürfe und Staatserfindungen – die in allen Punkten miteinander konkurrierten, um finale Sieger des globalen Wettbewerbs zu werden.

Die langmütige Natur erträgt vieles, aber irgendwann begann sie die Bremsen zu ziehen. Seitdem ist der Mensch gewarnt; entweder ein neuer Kurs der Einheit – oder mit dem alten in den Abgrund.

Der verheerendste Konflikt war der zwischen den Religionen, die ihre Weisheit von Oben empfingen, und der Vernunft des Menschen, die ihn demütigte.

Welcher Stimme sollte der Mensch gehorchen: der strengen Stimme von Oben oder der Stimme seiner natürlichen Vernunft?

Die naturgemäße Stimme war die Weisheit der Athener, die auch die Demokratie und die Philosophie erfanden.

Da für die Griechen die Weisheit des Menschen und der Natur die gleiche Quelle hatten, wurden sie – trotz vieler Reibereien – voller Hoffnung, zu einer finalen Einheit zu gelangen. Ihr Geschichtsbild wurde verheißungsvoll und konnte jeder Generation gelehrt werden.

Die Religion mit übernatürlicher Offenbarung hatte keine ursprüngliche Einheit aus Mensch und Natur. Schon ihre Schöpfungsgeschichte war gespalten in eine rebellisch-menschliche und eine gehorsam-übermenschliche, die den Imperativen des Himmels widerstandslos gehorchen sollte.

Diese zwei sich widersprechenden Kulturen kämpften im Abendland um die Vorherrschaft: Gott – oder Mensch?

Im Mittelalter tobte der Kampf am heftigsten und veranlasste die Religion, sich ständig neu zu reformieren und die Menschen an sich zu binden.

Erst als in der Zeit der aufkommenden Renaissance die Weisheit der Griechen in höherem Maß nach Italien eindrang, erlahmte die transzendente Irrtumslosigkeit des Himmels, verkörpert durch den Papst in Rom.

Die bislang unterdrückten Lehren der autonomen Philosophie eroberten zunehmend die Gehirne der Selberdenkenden.

Im Westen Europas begann das autonome Denken der Menschen zu dominieren, im tiefen Osten verschmolzen Weisheit Gottes mit der Weisheit des Zaren.

Bald merkten die Intellektuellen des Ostens, dass der Vorsprung des Westens immer größer wurde. Peter der Große ging deshalb nach Holland, um persönlich den kulturellen Vorsprung des Westens kennenzulernen und dem Osten zu vermitteln.

Im 19. Jahrhundert kamen viele östliche Intellektuelle nach Westeuropa, um den Grund des Vorsprungs kennenzulernen und ihrer zurückgebliebenen Heimat zu überbringen. Zudem lockten die Zaren die bedeutendsten Denker und Gelehrte in die östlichen Metropole, um ihr riesiges Reich dem Westen gleich zu machen.

Der Wettkampf zwischen östlicher Religion und westlicher Vernunft wurde zum Wettkampf zwischen Ost und West.

Das wurde erst zum Problem, als der zweite Weltkrieg durch die vereinigten Armeen von Ost und West besiegt wurde. Wer hatte Hitler besiegt? Die Stimme des asiatischen Ostens oder die aufgeklärt-christliche Stimme des Westens?

Kein Problem für die Besiegten: Amerika war schon immer die Stimme des Neuen Reiches, die sich niemandem beugen musste. Amerika wurde die gütige Stimme des Siegers, die das verruchte Deutschland auf den Weg in die westliche Demokratie führte.

Das war auf den ersten Blick kein Wunder, denn viele Deutsche waren Amerikaner geworden und hatten Mitleid mit ihren verruchten Ahnen.

Auch in Russland gab es nicht wenige deutsche Auswanderer; aber das war kein Vergleich mit dem Westen. Für die Deutschen gab es keine Frage, wer den Krieg wirklich gewonnen hatte und sie an die Hand nehmen durfte.

Bei den Siegesverhandlungen gab es keine größeren Konflikte, welche Mächte über das Schicksal der Deutschen bestimmen durften: natürlich der Westen. Der Osten erkannte seine Zurückgebliebenheit und machte sich klar, den kulturellen Vorsprung des Westens erst einholen zu müssen, bevor er genau so dominant auftreten konnte wie Washington.

Diese Epoche ging von Chruschtschow über Gorbatschow bis zum jungen Putin, der anfänglich ein Bewunderer des westlichen Systems war, aber bald bemerkte, dass der Westen nie die Aufholjagd des Ostens akzeptieren würde. Selbst die Lauterkeit des großen Reformators Gorbi wurde im Westen nicht anerkannt. Sollten sie zusehen, wie ein zurückgebliebener Rivale ihren Vorsprung mit denselben Methoden überholen sollte?

Im Gegenteil: je vorbildlicher die östlichen Schüler, umso feindseliger und zurückweisender wurden die führenden Stimmen Amerikas. Selbst Obama lehnte Russland hochmütig als gleichberechtigten Partner ab.

An dieser Stelle begann Putin, sich auf die original asiatischen Wurzeln ihrer östlichen Kultur zu besinnen. Hier zerbrach die bisherige Einheit der ost-westlichen Siegermächte.

Für Dmitri Trenin, einen russischer Historiker, ist der jetzige Krieg Putins eine Reaktion auf die wieder zurückgekehrte Kluft zwischen West und Ost.

„Faktisch existiert die angebliche Bedrohung durch Russland, wie sie in Europa wahrgenommen wird, nicht. Es ist aber politisch notwendig, diese Bedrohung zu propagieren. Russland wird als Barbar vor den Toren Europas dargestellt: gleichzeitig sehr schwach, sehr abscheulich und schlecht, aber aus irgendeinem Grund stark genug. Das ist logisch inkonsistent, aber egal. Die Vorstellung, Russland wäre bereit, Europa anzugreifen, zu erobern und zu unterwerfen, wird als Tatsache verkauft. Da Russland aus Sicht der europäischen Führungsetage die zentrale Bedrohung ist, treten alle anderen Probleme in den Hintergrund. Die Eliten sind mit den gegenwärtigen Herausforderungen überfordert. Nehmen wir Frankreich: Was vereint das französische Volk? Nicht die Politik von Macron. Es ist das Feindbild Russland. Es vereint die Mehrheit der Franzosen tatsächlich, unabhängig davon, ob sie für oder gegen Macron sind. Ich denke, so ähnlich ist es in den meisten anderen Ländern auch.“ (Berliner-Zeitung.de)

Jetzt passiert es: für das westliche Europa – oder die EU – beginnt Russland zum Feind zu werden. Denn es will sich nicht mehr nach dem Muster des Westens entwickeln – wie noch Gorbatschow –, sondern nach bislang unterdrückten, eher unbekannten östlichen Wurzeln.

Nehmen wir Berdjajew. Seine futurische Sicht ist nicht konform mit der westlichen.

„Dem christlichen Bewusstsein war die schöpferische Offenbarung noch unbekannt, dass die Aufgabe des Menschen und der Welt darin besteht, noch nicht Dagewesenes zu erschaffen, die Schöpfung Gottes zu vervollständigen und zu bereichern. Der Weltenprozess ist der achte Schöpfungstag, ist fortgesetzte Schöpfung. Der schaffende Mensch ist der göttlichen Natur teilhaft. In ihm setzt sich die gottmenschliche Schöpfung fort. Der Mensch werde aber nur insofern frei, als er aus der Naturordnung heraustrete. Der schöpferische Akt bedeute die freie Überwindung der natürlichen Notwendigkeit der alten Welt. Für die kommende Weltepoche prognostizierte Berdjajew daher die Erschließung der verborgenen okkulten Kräfte des Menschen, die positive Überwindung und Läuterung von Wissenschaft und Technik zu einer „weißen Magie“ und die daraus resultierende schöpferische Aufhebung der Logik und der Naturgesetze.“ (Tetzner, Der kollektive Gott)

„Wissenschaft und Technik werden zur Magie werden, sie werden die lebendige Natur erkennen und in praktischen Verkehr mit den Naturgeistern treten. Die Magie wird licht werden … Die Träume der Magier, Alchimisten und Astrologen werden sich real verwirklichen. Es wird auch der Stein der Weisen und das Lebenselixier gefunden werden, jedoch … durch die Macht der Liebe, nicht aber durch zauberische Vergewaltigung („schwarze Magie“) …“ (ebenda)

„Damit das Reich Gottes in der Welt zur Herrschaft gelangt, muss das ganze alte Gesellschaftsleben, jeder Staat, jedes Recht, jede Wirtschaft in Asche zerfallen. Das ganze alte Gesellschaftsleben und die ganze alte Zivilisation (sie ist erst im 20. Jahrhundert vollkommen zu ihrem Ausdruck gelangt) muss bis auf den Grund niederbrennen, damit das neue Jerusalem vom Himmel auf die Erde hierniederkommen kann. Die Genialität offenbare die schöpferische Bestimmung des Menschen und weise so den Weg zur Überwindung der Welt. Man müsse sie daher als ein religiöses Handeln begreifen und weiterentwickeln.“ (ebenda)

Gewiss, jetzt müssten wir die beiden Zukunftsvisionen Amerikas und Russlands präzis analysieren und miteinander vergleichen, es gibt Parallelen, aber viele Differenzen. Das ersparen wir uns an dieser Stelle.

„Bei den Russen erreicht die Qual und die Krankheit des Schaffens die äußerste Grenze, und das Schaffen des russischen Genius strömt immer über alle Grenzen. Die neue Weltepoche bedeute also keine neue Kulturstufe, sondern die theurgische Überwindung der Welt-Kultur zum kosmischen Sein. Der „kosmische oder große Mensch habe die Macht, Leben zu schaffen, die Kultur in Sein umzugestalten“.“

Kurzer Vergleich mit Trump-Amerika, das längst von Silicon Valley dominiert wird.

„Thiels Gedanken sind der Ausgangspunkt einer antidemokratischen politischen Philosophie, die schon 2007 und 2008 – das waren die Jahre der letzten Weltwirtschafts- und Weltfinanzkrise – von Curtis Yarvin, einem Blogger und Software-Entwickler, zur später von dem Philosophen Nick Land so genannten „dunklen Aufklärung“ ausgearbeitet wurde.“ (derFreitag.de)

Hier müssten Bücher geschrieben werden, die den Unterschied und die Gleichheit zwischen Russland und Amerika sorgfältig herausarbeiten.

Die Erde zerbricht – zwischen dem heuchlerischen Westen und den aufkommenden Staaten der früheren Kolonialwelt, zwischen Moskau und der EU, zwischen Amerika und dem altmodisch demokratischen Europa usw.

Vom Himmel kam der infernalische Antichrist Trump, der hemmungslos mit Gewalt-Gesten die Weltpolitik spaltete. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten: entweder wird die Erde zerbrechen oder sie wird ihre naturfeindlichen Kräfte überwinden und eine neue Einheit zustande bringen.

Aber wer steckt hinter Trump, dem Spalter der Welt?

„Viele Leute übersehen das eigentliche Problem: Nicht Trump hat das durchgesetzt, sondern die Medienunternehmen. In den USA erleben wir eher eine Tyrannei der Konzerne als eine Tyrannei der Politik.“ (SPIEGEL.de)

Fazit: ohne Überwindung des Kapitalismus werden wir keine neue Einheit der Natur schaffen und erleben.

Fortsetzung folgt.