Tagesmail vom 05.12.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXX,
Da saßen sie, die erfahrensten Journalisten der Nation, und bewunderten ihre jungen KollegInnen, die es gewagt hatten, in fremden völkerrechtsverstoßenden Regimes, nach humanistischen Rechtsregeln zu berichten.
War das so schwer, dass ein hoher Festakt gefeiert werden musste, um das Unmögliche möglich zu machen?
In Deutschland ist es doch schlicht und einfach, sich auf das Recht als Norm des Zusammenlebens zu berufen?
Die Würde des Menschen ist unverletzbar – also muss jede Verletzung der Würde vor den Kadi – oder nicht?
Unverletzbar? In der Praxis – oder in der Theorie?
Nun, jedes Kind weiß: in der politischen Praxis bestimmt nicht. Hier werden die Menschen nach Belieben entwürdigt, gefoltert und getötet. Verletzbarkeit eines grundlegenden Rechts ist gang und gäbe.
Also in der Theorie? Die Würde des Menschen ist ein unangreifbares Recht – auf dem Papier?
Als die Athener allmählich zur Demokratie übergingen, brauchten sie ein demokratisches Recht. In der alten Adelsherrschaft galten adlige Vorrechte der oberen Klassen.
Solon gilt als Urheber des demokratischen Rechts:
„Solon war es beschieden, durch seine mittlere Linie einhaltende Verfassung sein Volk aus schwerem sozialem Streit zum Frieden zu führen, was nicht ohne ein Heraustreten aus den Vorurteilen und einen Verzicht auf die Privilegien seines adligen Standes möglich war.“
Solon berief sich nicht auf ein unverletzbares Grundrecht, das in heiligen Büchern stand. Das gab es noch nicht. Wie schaffte er es?
Er berief sich auf – das Volk, das bislang kein schriftliches Grundrecht kannte, nur ein ungeschriebenes Gefühl für richtiges Verhalten. Das genügte? Das genügte, denn Solon war ein anerkannter Mann, dem viele vertrauten. Also lieber einem bekannten Menschen vertrauen, der ein Recht des Ausgleichs zwischen Reichen und Armen formulierte, als die Streitigkeiten zwischen den Bevorzugten und Benachteiligten ins Uferlose zu ertragen.
In der bislang geltenden Adelsethik galt: „Edle Moral und edle Gesinnung fallen zusammen.“
Da musste etwas geschehen sein, dass diese Adelsethik ihr Ansehen verloren hatte.
Die Griechen hatten gegen die persische Weltmacht einen gloriosen Krieg geführt – und jene besiegt.
Dieser Sieg führte zur Emanzipation der bislang verachteten unteren Schichten.
So entwickelte sich fast über Nacht ein neues emotionales Recht:
„Das Kennzeichen der Schlechten ist die Gemeinheit, vor allem die Gewinnsucht. Und das ist der Schmerz des Lebens, dass es mitansehen muss, wie die soziale Schichtung des Volkes sich umkehrt, wie die bisher Schlechten „jetzt Edle sind, und die früher Edlen jetzt Elende, d.h. wie der Adel verarmt und der Pöbel reich wird, womit der Wechsel des politischen Einflusses Hand in Hand geht. Daran trägt aber der Adel selbst mit die Schuld, weil er nicht auf Reinhaltung des Blutes sieht, sondern durch Geldheiraten mit dem Pöbel sich verschwägert und dadurch die Rasse verdirbt.“
Ist das moderne Grundgesetz ein göttliches Gesetz – also unfehlbar? Wäre es kein göttliches Gesetz: wer hätte das Recht, es unfehlbar zu nennen?
Solon hatte einen guten Riecher und sagte sich: ich will sowohl den Reichen wie den Armen jeweils in gleichem Maße soweit entgegenkommen, dass sie beide zufrieden sein können – wenn es ihnen wirklich um Gerechtigkeit geht.
Das war der Fall: das Volk, das sich in Athen sammelte, hatte ähnliche Gerechtigkeitsvorstellungen wie der Adel.
Zwar gab es verschiedene Urrechte, die in Stein gemeißelt waren. Aber die reichten hinten und vorne nicht, um das entstehende Wirtschaftsleben in der schnell erblühenden Stadt Athen regulativ zu ordnen.
Göttliche Gesetze gab es nicht. denn es gab keine Götter, die per Offenbarung den Menschen ihren Willen diktiert hätten – möglicherweise mit einer schriftlichen Offenbarung.
Von einem allmächtigen Jenseits ist damals nicht die Rede. Von einer unfehlbaren Schrift mit dem Willen eines himmlischen Herrschers erst recht.
Griechen waren keine Hebräer. Sie verehrten keinen allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, der seinen unfehlbaren Willen seinen Geschöpfen offenbart hätte. Dann wäre alles klar gewesen – vorausgesetzt, die wörtliche Offenbarung würde sich nicht ständig widersprechen – was leider Fall war.
Das unfehlbare Wort Gottes war alles andere als eindeutig. In allen wichtigen Aussagen gibt es elementare Widersprüche in der biblia sacra.
Hier tut sich die Kalamität auf, einen allmächtigen Gott zu haben, der sich aber zugleich in allen Aussagen fundamental widerspricht. So gibt es kritische Aussagen über die Armen, gleichzeitig auch über die Reichen.
Ist Gott also sozialistisch – oder neoliberal? Keine Ahnung. Der Hauptgrund, warum das christliche Abendland bis heute sich nicht entscheiden konnte, ob es zu Rosa Luxemburg – oder zu Silicon Valley halten soll. Es kennt zwar einen omnipotenten Schöpfer, aber keinen eindeutigen Diktator. Diese Uneindeutigkeit wird zur Spielwiese der Priesterkasten, die sich seit Existenz des Abendlandes über jeden Buchstaben der Offenbarung streiten.
Das sind zwei grundlegend verschiedene Kulturen, die sich hier seit Jahrtausenden gegenüberstehen und sich nicht einigen können. Der Hauptgrund, warum die heutige Weltlage ein ständiger Konflikt ist und keine einhellige Herrschaft zustande bringt.
Im Religiösen gilt das urbiblische Wort;
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“
Doch schnell endete die Urharmonie:
„Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“
Diese Fehler eines Allmächtigen wäre bei den Griechen unmöglich gewesen.
„Bei dem Griechen: für ihn ist die Natur, das Weltall, der Kosmos, so wie er ist, etwas Göttliches, und die Bewunderung, mit der er die Welt betrachtete, war für ihn zwar nicht die einzige, aber doch eine Hauptquelle seiner Religion. Hier war der Ursprung seiner „Ahnung der Gottheit“. Er braucht dafür keine Wunder. Die Naturordnung selbst ist ihm etwas Göttliches. Ein Gegensatz von Gott und Welt ist für ihn nicht vorhanden und eine Schöpfung aus dem Nichts ist für ihn nicht nachvollziehbar. Die Götter stehen nicht jenseits der Welt, Himmel, Erde und Hades sind drei Stockwerke der Welt.
Der Grieche empfindet die Natur und das Göttliche in ihr als etwas Verwandtes. Deshalb gibt es auch keine unüberbrückbare Kluft zwischen Gott und Mensch. Götter und Göttinnen steigen zu den Menschen nieder und vermählen sich mit ihnen. Dogmatische Formulierungen fehlen.
Eine umso festere Bindung lag freilich in der Verknüpfung von Staat und Religion, das war eine selbstverständliche Pflicht des Bürgers.
„Niemals ist dem Griechen das Denken und die dadurch gewonnene Erkenntnis als etwas Widergöttliches erschienen, so wenig wie die Natur. Das lutherische Wort von der blinden Hure Vernunft, wäre bei den Griechen unmöglich gewesen. Es konnte nur bei jenen Frommen erscheinen, für die das menschliche Erkenntnisvermögen eine Auflehnung gegen Gott sei und im Gegensatz zu göttlicher Offenbarung stehe. Der Grieche hingegen sieht die Offenbarung des Göttlichen gerade in der Natur und im Menschengeist. Der Zweifel ist für ihn, nicht wie für den Christen, eine seelische Schwäche, sondern gilt ihm als Merkmal geistiger Kraft.
„Nüchtern sei und lerne zweifeln, denn das ist des Geistes Mark!“
Der Logos ist nämlich Göttern und Menschen eigentümlich und unterscheidet sie vom Tier.
Der Logos reguliert auch das Handeln. Denn Denken und Handeln stehen für den Griechen in unlösbarem Zusammenhang und zwar so, dass Handeln durch das Denken bestimmt wird.
Wer diesen Zusammenhang berücksichtigt, ist bei den Griechen weise. Weisheit wird bei den Griechen immer als Betätigung der Einsicht gedacht.
In der Moderne ist Naturwissenschaft niemals weise. Im Gegenteil. Sie schreckt vor keinen schrecklichen Experimenten zurück und hat keine Hemmungen vor den schlimmsten Bedrängnissen der Atomphysik.
Auch die unbekannte Zukunft der Forschung kennt keine Hemmungen, die Menschheit als Ganzes zu überwachen und eine Tyrannis der KI zu errichten. Logos und Mythos sind keine scharfen Widersprüche, sie trennen sich und können sich wiederfinden.
Moderne Naturwissenschaftler hingegen sind nicht weise. Sie wollen Macht über die Menschen.
Die Durchdringung von Logos uns Mythos stellt sich in doppelter Weise dar: einmal steht der Verstand im Dienst der mythischen Phantasie, ein andermal die Phantasie im Dienst der Vernunft.
Journalisten wollen objektiv-neutral berichten.
„Ein Großteil der Bevölkerung lebt in einer gedanklichen Welt, „in der auf die herkömmlichen Kriterien von Beweisführung, innerer Widerspruchsfreiheit und Faktensuche verzichtet wird […]. Ein unübersehbares Merkmal der Welt der Postwahrheit besteht darin, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, seine eigene Realität zu wählen, in der Tatsachen und objektive Beweise von bestehenden Überzeugungen und Vorurteilen in den Hintergrund gedrängt werden.“ Was ich meine, denke und möchte, wird zur Realität. Lauter könnten die Todesglocken für den faktenbasierten Journalismus kaum läuten.“ (Sueddeutsche.de)
Postwahrheit ist Nach der Wahrheit. Glauben objektive Journalisten, es kann keine Wahrheit in der Wirklichkeit geben?
Das wäre ein Verrat am griechischen Denken – oder an Sokrates. Wahrheit muss gesucht und über Wahrheit muss gestritten werden.
Man könnte auch sagen: Wahrheit muss in strittiger Symbiose gesucht werden. Schreiben, was ist: das ist keine Objektivität. Denn die Realität besteht aus endlos vielen „Ists“. Welches Ist soll ich aussuchen?
Beobachter der demokratischen Realität können auf keinen Fall am Rande des Geschehens stehen und nur zugucken. Dann hätten sie nicht verstanden, was eine lebendige politeia nötig hat.
Demokratien sind Schicksalsgemeinschaften, die sowohl zusammenhalten als auch intelligent streiten müssen.
Voßkuhle bestätigt das unbemerkt, womit er seine These von der unbeteiligten Objektivität widerlegt:
„Was mir persönlich bei den etablierten Medien mitunter fehlt, ist mehr Mut. Mut zu starken Thesen, Mut auch einmal etwas zu loben, Mut zu priorisieren, Mut zu neuen Formaten, Mut zu niedrigen Einschaltquoten, Mut zu unpopulären Entscheidungen! Sicher: Für Mut gibt es nicht immer sofort Applaus. Es ist im Medienbereich aber wie in der Politik: Am Ende des Tages wird man nicht respektiert und gewählt, weil man auf der Welle des Zeitgeistes surft, sondern weil man eine Haltung und einen klaren Fahrplan hat.“
Die Würde des Menschen ist unantastbar, nicht weil das Recht göttlich und unfehlbar wäre, sondern weil es in langem Streit von lebendigen Menschen erdacht wurde.
Voßkuhle hat zu viel Respekt vor weltklugen Schreibern, die „unfehlbar“ sein wollen. So klug sie die Begebenheiten in der ganzen Welt sammeln und berichten, so unklug bleiben sie beim wortlosen Beobachten, das keine Meinung haben darf.
Kein Wunder, dass ihre LeserInnen nicht den Mut aufbringen, den Trumps und Putins der Welt die Meinung zu geigen.
Fortsetzung folgt.