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Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXVIII

Tagesmail vom 28.11.2025

Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXVIII,

Advent: nicht der Herr komme – sondern der MENSCH.
Der Mensch der Ruhe und Besinnlichkeit.

„Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold,
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt!“

Wer Freund der Menschheit sein will, muss auch Freund der Russen sein. Denn Russen sind Menschen. Es gibt, wie unter allen Völkern, gute und böse unter ihnen. Böse muss man bremsen – wenn’s sein muss, einkerkern –, aber nicht zu teuflischen Widersachern des Menschen dämonisieren.

Putin ist ein böser Russe, gleichwohl ein Mensch. Seine Waffen muss man ihm aus der Hand schlagen, ihn selbst aber nicht herabwürdigen. Ein teuflisch unrettbarer Böser ist die Erfindung von Überguten, die mit ihrer religiösen Einbildung das teuflisch Böse ausrotten wollen.

Putin ist ein Böser, wenn man an den kriegerischen Gebrauch seiner Waffen denkt. Dennoch gilt: böse Menschen werden nicht geboren, sie werden dazu verurteilt. Für Trump gilt nichts anderes.

Wie kann man in Deutschland vergessen, dass die Russen als Mitsieger des Zweiten Weltkriegs die deutschen Verlierer in hohem Maße friedlich behandelt haben?

Wie können die Deutschen – unter ihnen viele Verehrer der russischen Literatur – vergessen, dass ihre Herzen eher in Richtung Osten schlugen als in Richtung Westen?

Unter Gorbatschow wurde das Erbe Stalins weggeräumt. „Die Perestroika hat das Monopol der Partei und Ideologie abgeschafft. Sie hat mit der Stalin-Ära, den politischen und ideologischen Repressionen, Schluss gemacht.“ (Gorbi, Alles zu seiner Zeit)

Der neue Perestroika-Kurs war ein Abschied von der marxistischen Spaltung der Menschheit in gute und böse Klassen. „Der Perestroika-Kurs brachte einen Verzicht auf den früheren Konfrontationskurs mit sich, auf die Aufteilung der Welt in „wir“ und „die anderen“ und auf den Versuch, anderen die eigene Lebensweise aufzudrängen. … Damit endete eine lange, potentiell lebensgefährliche Phase der Weltgeschichte, da die gesamte Menschheit unter der ständigen Drohung einer atomaren Katastrophe lebte. Es ist gelungen, einen Bürgerkrieg zu vermeiden.“

All dies hat der Westen vergessen. Selbst wenn Putin nicht Gorbatschow heißt, hat er dessen Friedenskurs anfänglich unterstützt. Nur so kann man seine Freundschaft mit Schröder etc. nachvollziehen.

Im Westen haben wir diese hoffnungsvolle Wendung des Ostens zum Frieden mit dem Westen verdrängt. Inzwischen ist es fast wie im Kalten Krieg: entweder Moskau oder Washington.

Der Westen lernte nichts. Deutschland, als Mitglied der EU, nahm weiterhin blind Partei für Nordamerika. Jede emotionale Wendung zugunsten des neuen Kontinents war ein Verrat an der Idee einer Neuen Weltordnung unter der Flagge der allgemeinen Menschenwürde.

Amerika blieb eisenhart auf dem Kurs seiner göttlichen Unbesiegbarkeit.

„George Bush bekannte sich zum amerikanischen Unilateralismus und sagte an die Adresse der Europäer: „Es tut mir leid. Die Vereinigten Staaten sind die Führer der freien Welt und in dieser Administration beginnen wir, auch wieder entsprechend zu handeln.“

„Verbündete wurden nur verständigt, nicht mehr konsultiert. Der Amerikanismus wurde gegenüber dem Kommunismus als überlegen hingestellt. Die Reagan-Doktrin zielte auf globale Machtentfaltung und war gegen das „Reich des Bösen“ gerichtet, wie Reagan die Sowjetunion im März 1983 nannte.“

Wenn die AfD heute versucht, die schrillen Fanfaren des Dritten Reiches anzustimmen, so mögen sie es probieren, doch sie werden es nicht schaffen. Die AfD ist nur eine Kopie vergangener Kopien ohne jegliche Substanz.

Gewiss, man muss sie sorgfältig beobachten, aber sie spielen nur Hinterhof-Theater. Eines Tages werden sie von der Bühne verschwunden sein, wenn es ihnen nicht mehr gelingt, den Unmut der Bevölkerung affektiv aufzurühren.

Schon unter Chruschtschow begann die Aufarbeitung des Stalinismus. Unter Gorbi begann das große Reinemachen.

Da die Amerikaner nicht fähig waren, die Lektion Gorbis zu verstehen, wagten es auch ihre deutschen Imitationen nicht, vom Kurs ihrer Retter abzuweichen.

„Mochten die Herzen der Amerikaner dem sympathischen Michail Gorbatschow zufliegen, Reagans Leute sorgten dafür, dass die Perestroika scheiterte. In einer Art zweiten kalten Krieg verschärfte Reagan die Attacken auf Moskau und suchte den wirtschaftlich angeschlagenen Gegner durch eine weitere Runde des Wettrüstens in Bedrängnis zu bringen.“

Noch einen weiteren Grund gab es für die USA, gegenüber Russland hart zu bleiben: die Wiedervereinigung Deutschlands:

„Jeder dritte Amerikaner sah in der Wiedervereinigung eine Gefahr für den Weltfrieden. Die Furcht vor einem zu starken Deutschland hatte mit der Furcht vor einem Wiedererstarken des Faschismus zu tun. Der Dramatiker Arthur Miller vermisste in Deutschland nach wie vor eine stabile demokratische Grundlage und monierte, dass Deutsche für die Demokratie nie einen Tropfen Soldatenblut vergossen hätten. Selbst die konservative FAZ empfahl, die betonte Westorientierung aufzugeben.“

Wen wundert es, dass Boris Pistorius, der heute beliebteste Politiker Berlins, die deutsche Jugend bewaffnen will, um die Russen im Ernstfall nach Sibirien zurückzujagen?

Deutschland reagiert nur auf den weltpolitischen Kurs des Westens. Es agiert nicht, denn es weiß nicht, was es will. Aus dieser Ignoranzlücke will sich die AfD ihre politische Zukunft präsentieren lassen.

Was heute in Europa nicht gesehen werden will, ist die urreligiöse Fundamentierung der amerikanischen MAGA-Politik.

„Der Lieblingsspruch des Columbus war Jesaja: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.“ Man hat bislang die spirituellen und apokalyptischen Elemente in der amerikanischen Politik zu wenig beachtet. Nachdem er Christus in die Neue Welt getragen hatte, wollte Columbus das Heilige Land befreien, Jerusalem und die Neue Welt wiedererrichten. Sein millenaristischer Glaube gab der Menschheit noch 150 Jahre bis zum Weltuntergang.“ (Raeithel, Geschichte der amerikanischen Kultur)

Seitdem ist das Leben in den USA eine endlose Bewegung, die nur der Unendlichkeit Gottes entspricht.

Hier sehen wir Parallelen mit der russischen Entwicklung seit Dostojewski und Tolstoi. Wo soll die Zukunft Russlands liegen? Im unendlichen Asien.

Im Westen liegt die Zukunft in der Technik, in Russland in der Besiedlung des asiatischen Innenraums. Und Deutschland? Fühlt sich zerrissen und verloren zwischen den Projektionen der östlichen und westlichen Rivalen.

Zwar ist die EU ein gewisser unabhängiger Anker der europäischen Staaten, doch einen wirklichen Kurs haben Berlin, Paris, London und Rom noch nicht zu bieten.

Während Russland von den Weiten Asiens träumt und das Bündnis mit China immer mehr verstärkt, gehen die Träume Amerikas in die Weiten des Weltalls.

Auch Deutschland will nicht zurückbleiben und plant eine Reise auf den Mond. Man hat ja sonst nichts zu tun. Die Natur-Wissenschaft will immer mehr die Prophetie der Alten ersetzen.

„Die Sehnsucht nach dem Transzendenten führt zu der Sehnsucht, sich vom Erdboden zu lösen. Castaneda machte ein Gedicht aus diesem Verlangen, indem er den Amerikaner mit einem Vogel vergleicht.

„Erstens fliegt er so hoch wie er kann;
Zweitens kann er keine Gesellschaft ertragen,
nicht einmal seiner eigenen Art;
drittens stellt er seinen Schnabel in die Luft.“

Flugphantasien lassen sich leicht mit dem Amerikanischen Traum assoziieren. Das war die vorweggenommene Geburt von Musk.

Zuerst aber gab es noch Warnungen:

„Hier greift man entweder nach den Sternen oder man dreht durch und läuft mit einer Kettensäge Amok.“

Amerika hat keine sesshafte Tradition. Ständig will es unterwegs sein und einen anderen Ort erobern. Gerade deshalb halten sich die Yankees für „das beste Volk auf Erden“. Weil die Konkurrenz der Völker immer erfolgreicher wird und die Zufluchtsidyllen der Reichen immer seltener werden, muss Amerika sich auf den Weg ins Uferlose machen.

Zudem fühlen sich Amerikaner immer beengter, wenn sie keinen Platz zur Flucht in die Zukunft haben.

Ein Psychoanalytiker dokumentierte sein Unbehagen an sozialer Nähe mit dem Satz: „Ich fürchte, wir lernen uns kennen. In keinem anderen Land verbringen Kinder so viel Zeit in vollständiger Isolation wie in Amerika. Immer mehr kommt der Wunsch hoch, sich vom Erdboden zu lösen.“ „Sie wollen den Ballast der Vergangenheit von sich werfen und der Sehnsucht nach dem großen Beyond nachgeben.“

Dieser Trend greift auch international immer mehr um sich. Auch Korea droht, auszusterben, weil immer weniger Kinder geboren werden:

„Wer denkt, dass es in Deutschland ein Generationenproblem gibt, sollte nach Südkorea schauen. Nirgends kommen so wenig Kinder zur Welt, in den Dörfern sind nur noch Alte, Seoul saugt die Jugend ab. Und: Die große Sterbewelle kommt erst noch. Die Einsamkeit in den anonymen Betonwüsten kann groß werden. Immer mehr Menschen sterben dort allein und werden oft erst Tage später gefunden. Godoksa heißt das Phänomen auf Koreanisch. Südkoreas Gesundheitsministerium meldete im vergangenen Jahr, dass es 2023 so viele Godoksa gegeben habe wie noch nie: 3661. Die meisten im Großraum Seoul. In Goryeong sagt Lee Hyang-mi: „Hier klopfen die Leute regelmäßig bei den Nachbarn und achten darauf, dass sie noch unterwegs sind im Ort.“ Man kennt sich im Dorf, man ist sich nicht egal.“ (Sueddeutsche.de)

Menschen fliehen. Das Bekannte wird zum Bedrohlichen und Befremdlichen. Die Rettung der Erde wird abschreckend, weil jeder Schlupfwinkel ausgehöhlt und ausgebeutet wird.

Dieser Text ist keine Unheilsprognose, sondern eine Warnung an eine Menschheit, die keine friedliche Gemeinschaft sein will.

Fortsetzung folgt.