Tagesmail vom 24.11.2025
Terra Madre – die Erde muss uns bleiben XXVII,
Es gibt unterschiedlichste Bewertungen der Belem-Konferenz. Doch wenn sie sich in den Fakten nicht widersprechen, sind sie alle möglich.
Gesamturteile hängen von der gesammelten Erfahrung eines Menschen ab, durchdacht und geordnet von dessen Vernunft.
Streitigkeiten der verschiedenen „Vernünfte“ müssen rational vorgehen. Zuerst muss das Gesamturteil in seine verschiedenen Bestandteile zerlegt werden, am besten umrahmt von einer historisch genauen Erzählung, wie sie entstanden sind, damit der Streitgegner sich besser hineinversetzen kann.
Der erste Akt des Streitens ist Verstehen. Verstehen ist Nachvollziehen einer fremden Erfahrung. Fremd ist nicht allein die Erfahrung eines Fremden, sondern auch die eigene Erfahrung, die man nicht verstanden hat, obwohl man es nicht zugibt.
Solche Erfahrungen verstehbar zu machen, ist das Anliegen der psychoanalytischen Erinnerung, die mir meine Fremdheit näher bringt, um aus mir als einem Fremden ein vertrautes Wesen zu machen.
Das Gesamturteil meiner „obersten Ratio“ mag mir vertraut und richtig vorkommen, doch Vorsicht: Vertrautheit kann täuschen. Erst wenn ich mich dem Urteil eines Anderen und Fremden gestellt habe, kann mir meine eigene Fremdheit bewusst werden.
Bewusst werden ist „Urteilen mit Gründen“, deren Entstehung mir erst deutlich geworden ist, wenn ich verstanden habe, wie sie unbemerkt in meiner Biografie heranwuchs.
Ein Gesamturteil ist wie ein biographischer Pizzateig, dessen Zusammenbacken ich nachträglich durchschaut habe und anderen erklären kann.
In jedem Dialog müssten gegenseitig Fragen gestellt werden: wie bist du auf deine „merkwürdigen, absonderlichen, kriminellen“ Ideen gekommen? Erzähl den Zusammenhang, damit ich verstehen kann.
In deutschen Talkshows herrscht nichts als rigoroses, verständnisloses Aufeinander-Schwatzen. Nie wird die Frage gestellt: hast du mich verstanden? Okay, wenn du mich verstanden hast, bin ich dran, um dich zu verstehen: erst am Ende des Begreifens des Anderen kann ein Gesamturteil abgegeben werden.
Okay, ich habe deine Meinung erfasst, habe sie geprüft, nun bin ich fähig, sie in ihrer Gesamtheit zu bewerten.
Köche machen es nicht anders, wenn sie eine Mahlzeit bewerten. Welche Bestandteile hat die Kostprobe, wie sind sie zusammengefügt, wie ist mein finales Geschmacks-Urteil?
Legt man solche Maßstäbe an, sind TV-Dispute fast wertlos. Höchstens erkennt man Temperamente und rhetorische Künste. Nie wird nachgefragt, nie erlebt man den AHA-Effekt: ah! Eben jetzt habe ich dich verstanden, jetzt erst bin ich fähig, deinen Standpunkt rational zu bewerten.
Die TAZ hat ein differenziertes Urteil gewagt:
„Der Klimagipfel hat ernsthafte Erfolge errungen. Aber sie werden überschattet vom Scheitern, Ausstiegspläne aus den Fossilen auf den Weg zu bringen. Außerdem wollte die Konferenzleitung die vielen internationalen freiwilligen Klimaschutzinitiativen organisieren und hat tatsächlich 117 Pläne in den verschiedensten Bereichen vergleich- und messbar gemacht: wie Landwirtschaft mit weniger Methan-Ausstoß gelingen oder die Betonproduktion klimafreundlicher werden kann zum Beispiel, jeweils mit konkreten Maßnahmen und Zielen, an denen Erfolg und Scheitern abgelesen werden kann. Sie erhalten Zugang zu Erfahrung und Wissen anderer Initiativen und Länder und Hilfe dabei, Gelder aus vorhandenen Fonds abzurufen. „Alle anderen Beschlüsse dieses Jahr bringen Beschlüsse oder Dialoge. Das hier ist etwas Echtes“, sagte Rosemberg.“ (TAZ.de)
Weltkonferenzen zur Findung einer globalen Politik gegen die Verwüstung der Natur sind abnorm schwer. Sie bedeuten die Findung von gemeinsamen Kriterien der Bewertung und von Maßnahmen gegen die kranke Weltkultur.
Zuerst muss man herausfinden, welche Faktoren die Ursachen der Naturverwüstungen sind. Aus welchem Land stammen sie, in besonders gefährlichem Maße? Welche objektiven Strategien gibt es, um sie einzuschränken oder zu eliminieren?
Hängt von diesen Faktoren das wirtschaftliche Niveau eines Landes ab: welche von ihnen kann man durch bessere Alternativen ersetzen – ohne dass es zum Gesamtschaden der Nation ausartet?
Als die Ökokatastrophe zum ersten Mal global ausgerufen wurde, waren das riesige Fragen ohne entsprechende Antworten. Die Menschheit stand vor eminenten Rätseln – die sie erst mal Schritt für Schritt entziffern musste.
Das erforderte viel Zeit und ist selbst bei Gutmeinenden bis zum heutigen Tag noch nicht in allen Details geklärt – weil die Naturwissenschaften in vielen Antworten noch keine präzise Klarheit gefunden haben.
Die deutschen Grünen erkannten ziemlich schnell das globale Problem, waren aber nicht imstande, ihr marxistisches Denken umzuschalten in ein neues naturwissenschaftliches Denken, das die Beschädigungen der Mutter Erde technisch und wirtschaftlich durchschaut.
Mit anderen Worten: die Grünen waren überfordert, aber unfähig, ihre Überforderungen einzusehen. Zudem kam der parlamentarische Alltag, der sie rücksichtslos zu Meinungen aufforderte, ihnen aber nicht im Geringsten die Gelegenheit gab, um ihre theoretischen und praktischen Probleme zu lösen.
Also taten sie, als seien sie demokratisch Erfahrene, und stürzten sich bewusstseinslos ins Tagesgeschäft. Das führte, wie nicht anders zu erwarten, in riesige Problemkollisionen, die man mit überforderten Abstimmungen nicht lösen konnte.
Die Grünen als Experten der Ökoprobleme waren rettungslos überfordert. Weder kannten sie die ökologischen Schäden der Weltnationen im Einzelnen, noch die wirtschaftlichen Verflechtungen, die sich der Ökologie widersetzten.
Die schlimmste Verursacherin der Ökoschäden war die kapitalistische Wirtschaft, die nicht daran dachte, vor der eigenen Haustüre zu kehren und ihre Selbsteinschätzung als objektive Wissenschaft zu korrigieren.
Noch heute gibt es verstockte Wirtschaftler, die alles unternehmen, um etwaige Fortschritte einer ökofreundlichen Weltpolitik zu torpedieren.
Noch heute gibt es Feinde der Wissenschaft, die alle Erkenntnisse der Ökologie für Unsinn halten.
Zu echten Streitgesprächen zwischen „Experten“ kommt es so gut wie nie. Die Menschheit ist unfähig, ihre Gegenwart durch Kenntnis der Vergangenheit besser zu verstehen.
Der Streit zwischen Ökogegnern und Ökobefürwortern wurde, je weniger sachhaltig er war, je emotionaler und feindseliger.
Die Demokraten bemerkten allmählich ihre Disput-Unfähigkeiten, wussten aber nicht, woher sie kamen. Die öffentliche Stimmung wurde immer feindseliger – oder „rechter“, wie Meinungsführer posaunten – und toleranzunfähiger.
In Deutschland verfiel die öffentliche Meinung derart, dass die Justiz nur noch auf die Idee kam, das gegenseitige Verfluchen und Beschimpfen als kriminelle Taten zu bewerten.
Elisa Hoven vom SPIEGEL hat es erkannt:
„Der Staat hat das Gefühl dafür verloren, dass auch polemische und überspitzte Kritik zulässig sein muss. Das ist Gift für die Demokratie. Für eine freiheitlich-demokratische Staatsordnung ist das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung »schlechthin konstituierend« – so schreibt es das Bundesverfassungsgericht in seinem wegweisenden »Lüth-Urteil« aus dem Jahr 1958. Heute, fast 70 Jahre später, stellt sich die Frage, ob die Worte der Karlsruher Richter tatsächlich noch Leitlinie für Gesetzgeber und Strafjustiz sind. Wie frei ist die Meinung in Deutschland?“ (SPIEGEL.de)
Es wäre höchste Zeit, dass unsere Rechtsgelehrten ihre Prinzipien neu durchforsten und das Prinzip der offenen Meinungsäußerung – auch bei Zornausbrüchen – nicht einkassieren würden.
In einem solchen gefühls-feindlichen Staat wäre jede Demokratie verloren. Zu echten Disputen aber gehören Emotionen so notwendig wie das Einatmen von CO-2 freier Luft.
Das Unbewusste der Menschen ist die Summe aller bisherigen Kultur, die von den Kulturträgern nicht mehr verstanden und ergo in den Tiefen des Bewusstseins weggesperrt wird. Es besteht aus kollektiven und individuellen Bestandteilen.
Eine echte Erinnerungsarbeit wäre die einzige Möglichkeit der Menschen, ihre verdunkelte Vergangenheit ans Licht zu holen. Das geschieht im Fach „Geschichte“, solange die Dozenten nicht der Meinung sind, die Erkenntnis des Vergangenen sei auf keinen Fall eine Möglichkeit, die Gegenwart durch Verstehen der Vergangenheit zu verstehen.
Verstehen der Vergangenheit ist heute verpönt. Auch Medien wollen nur schreiben, was ist. Das Vergangene aber ist nicht mehr – und doch noch präsent. Nur in seltenen Fällen machen sich die Schreiber die Mühe, das Vergangene aufzuarbeiten, um es zu bewältigen.
Einen besonderen Fall der Gegenwart schildert im SPIEGEL der weltberühmte Psychoanalytiker Otto Kernberg:
„Es schockiert mich nicht, dass Trump solche Methoden benutzt. Ich erwarte nichts anderes von ihm. Mich schockiert das Fehlen einer angemessenen Reaktion darauf. Warum diese Ängstlichkeit der demokratischen Politiker? Trump sagt offen, dass er nicht Präsident der Amerikaner, sondern der Republikaner ist, einzig und allein einer Partei verpflichtet. Genau das charakterisiert Diktaturen.“ (SPIEGEL.de)
Kernberg hat die Hauptursache der heutigen Begriffsverwirrung offen gelegt: die Unkenntnis der Vergangenheit.
Man spricht nicht mehr klar und deutlich die Gründe der politischen Misere an. Sondern schleicht sich um die Kalamitäten herum, will seine Gegner nicht persönlich brüskieren, sondern nur mit neuesten Schlagwörtern demütigen: wie wär’s mit „Verschwörungstheorie, Populismus“ oder sonstigem Schrott?
Die Feigheit des Westens ist zu groß geworden, um die verpönten Wahrheiten herauszufinden. Wer wird denn so unverschämt sein, die blanke Wahrheit erkannt zu haben? Gegenfrage: Wer wird denn so hybrid sein, eine Wahrheit als Lüge durchschaut zu haben?
Warum ist Belem nur teilweise zum Erfolg geworden? Weil Trump so anmaßend war, die Ergebnisse der Wissenschaft für null und nichtig zu erklären. Weil Wissenschaftler unfähig sind, sich zu einem geschlossenen Widerstand zu vereinigen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse, sofern überprüft, sind im Prinzip in Ordnung. Anmaßungen aber der Wissenschaftler, mit ihren Erkenntnissen – außerhalb ihrer Fachgebiete – politisch oder psychologisch aufzutrumpfen, ist eine vermaledeite Arroganz.
Wissenschaftler wollen Genies sein, wie der Papst ex cathedra: unfehlbar.
Fortsetzung folgt.